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Konstanze Petersmann - Arbeitsproben

KOMM IN DIE WÄLDER

im Gezweig der Nacht
zerfließt mein Atem
im aschblauen Äther;
mein Ich ist versunken:
aufgereihte Schatten gleiten
über Adonishügel und lichte Auen
ins Ungewisse

im Tanz der Gestirne
stöbern unbezähmbare Winde
durch nebelverhüllte Wasser;
mein Ich ist versunken:
... alles fließt
– und nichts hat Bestand
: das Schweigen ist in mir

Aus: Am Rande der ungestillten Brunnen. ATHENA Verlag, 2008.

IM LICHTWIND VERSTREUT

wenn die bebende
Stimme im Lichtwind
herabsteigt:
den Namen zu bergen
aus verschollenen Tiefen
und dem Feuer entrissen,
... schwebend
zwischen Erinnertem und
Unbestimmtem,
– betrauert
von zögernden Zufälligkeiten,
bleibt
nur ein wartendes Leuchten:
aufgelöst im Echo von Tränen ...

Aus: Am Rande der ungestillten Brunnen. ATHENA Verlag, 2008.

DAS ERDBEBEN

Wir warteten stumm ab, und das Schweigen gehörte zu unserer unausweichlichen , realen Haltung. Es forderte eine Art Aufmerksamkeit, und gegenwärtig trug es ein Symbol, das außerhalb der unerträglichen Leere anhielt. Trotz des Schweigens waren die Gedanken nie abwesend, und die außerordentliche Spannung wuchs mit uns und wich uns nicht von der Seite.
Alle spürten die Buchstaben, die das Wort „Erdbeben" schuf, wie es so irdisch auf uns zu kam, wo eine bedrückende Stille genau wie die Angst angriff, und eine erdverbundene Ratlosigkeit schnürte die Gedankenkreise immer enger.
Mehr und mehr deuteten wir das Schweigen und den Sinn für unsere Angst in einer Industrielandschaft, die an uns vorbei schwebte und keinen Raum bot, unser angsterfülltes Leben augenblicklich abzuwenden.
Magische Gewalten in Urgrundtiefe waren Begriffe, die als unheimlich glutrot verabredete Zeichen über uns herfielen und alle Zeit der Welt, die als grollende und tosende Geräuschlandschaft an der Stadt rüttelte.
Wir fühlten mit einer Gewissheit so stark, dass wir langsam wieder hören mussten, das Gefühl zu erlernen, um bei ihm zu sein.
Die Angst irrte besonders zum Jetzt und plötzlich auch zu Vergangenem, ratlos stand die Zukunft vor uns, die letzten Gedanken zu verlöschen.
Die Silhouette eines Hochhauses verschmolz dann mit dem dämmernden Morgen, der in die frühe Zeit schlug und das flache Land am Rhein überbrückte.

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