NRW Literatur im Netz

Inge Meyer-Dietrich - Arbeitsproben

Aus: EISENGARN

Ob er doch noch wahr werden kann, der alte Traum vom Modesalon? Endlich wahr?!
Mimi ist fest entschlossen, mit dem raffgierigen Zährer fertigzuwerden. Also sitzen sie und Meta ein paar Tage später erneut bei ihm. Diesmal lernen sie einen freundlichen Vermieter kennen. Er bietet ihnen sogar Kaffee an. "Oh." Mimi setzt ihre Tasse ab. "Der ist aber stark." "Hä?" Zährer guckt misstrauisch. "Das hat Ihnen sicher noch keiner gesagt." Meta grinst schon fast unverschämt. "Jetzt aber schnell zum Geschäftlichen. Wir haben genauso wenig Zeit wie Sie." Mimi kann sich ein Grinsen gerade noch verkneifen. Wie sie schon vorausgesehen hat, versucht Zährer es wieder mit einer höheren Miete, wenn auch nicht ganz so dreist wie vergangene Woche. Mimi schüttelt den Kopf. "Nein", sagt sie entschieden und schiebt sich langsam mit dem Stuhl zurück, als wollte sie aufstehen und gehen. Dabei lässt sie Zährer nicht aus den Augen. "Ein drittes Mal", setzt Meta mit fester Stimme nach, "kommen wir bestimmt nicht hierher." "Schon gut", gibt Zährer klein bei. "Aber vielleicht ..."
"Unser allerletzter Vorschlag", unterbricht ihn Mimi. "Wir renovieren den Raum und streichen zusätzlich Flur und Treppe. Mehr ist nicht drin. Die Miete bleibt wie sie ist." Zährer verzieht das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. "Also dann, von mir aus", knurrt er schließlich. Als Mimi und Meta sich verabschieden, haben sie den Mietvertrag in der Tasche. Genauso, wie sie ihn haben wollten. Kaum sind sie draußen, sagt Meta im Tonfall von Mimi: "Oh. Der ist aber stark." "Hä?", grunzt Mimi. Und dann lachen die beiden wie neulich im Café. Lachen, erst noch verhalten, dann immer lauter. Lachen, bis ihnen die Tränen kommen und wildfremde Passanten stehen bleiben und mitlachen, obwohl sie keine Ahnung haben, worum es überhaupt geht.

Aus: Eisengarn. Henselowsky Boschmann: Bottrop 2017.

Aus: PLASCHA oder VON KLEINEN LEUTEN UND GROSSEN TRÄUMEN

Plascha rennt. Vom Turm der Herz-Jesu-Kirche schlägt es sechs. Um sechs Uhr sollte sie spätestens zu Hause sein, hat Mama gesagt. Plascha kriegt Seitenstechen vom Rennen; sie ist mal wieder zu lange mit Lisbeth beim alten Kulla geblieben.
Plascha befühlt im Laufen ihre Schürzentasche. Der alte Kulla hat ihr was mitgegeben für Mama, eine Handvoll Kaffeebohnen, echten Kaffee, da wird Mama sich freuen!
Plascha rennt über den Kirchplatz und biegt in die Boltestraße ein. Mist! Hier sind am Nachmittag Kohlen geliefert worden, und etliche Zentner liegen noch auf dem Bürgersteig. Die Leute sind dabei, die Kohlen in Eimer und Kellerfenster zu schippen. Plascha muss viele kleine Umwege machen, das hält auf.
Und am Ende der Straße, gerade da, wo sie links abbiegen muss, sieht sie den Kalla Bonnenkamp um die Ecke kommen. Auch das noch!
Der Kalla ist gutmütig, der tut keiner Fliege was zuleide, sagt Mama.
Kann schon sein, aber Plascha ist sich da nicht so sicher. Die Mama weiß ja nicht, wie oft der Kalla von den Schulkindern gehänselt wird. "Kalla, Kalla, tropp, tropp, tropp, macht's in deinem Wasserkopp", schreien sie, oder sie kreisen den Kalla ein und rufen: "Kalla, Kalla, zähl bis zehn, und dann lassen wir dich gehn!"
Als ob der Kalla bis zehn zählen könnte! Nicht mal bis drei kann der zählen. Er hat einen zu großen Kopf, da ist mehr Wasser drin als Hirn, sagen die Leute, und dass er wirklich nicht viel Hirn hat, das sieht man dem Kalla schon an, so wie der immer grinst.
Plascha hat nicht mitgerufen. Aber sie ist manchmal dabei gewesen und hat zugeguckt. Ob der Kalla sie erkennt?
Sie sieht, wie er von einer Bordsteinkante zur gegenüberliegenden geht. Mit beiden Armen rudert er durch die Luft, um sein Gleichgewicht zu halten, während er die Füße vorsichtig aufsetzt, immer genau einen Fuß vor den anderen, als wollte er ausmessen, wie breit die Straße ist.
Plascha kommt jetzt in seine Nähe, sie muss an ihm vorbei.
Der Kalla geht langsam in die Hocke und malt mit einem Stück Kohle einen dicken Strich auf die Bordsteinkante.
Seine Hände sind groß und breit und sehen zum Angstkriegen aus, genau wie sein Kopf. Den hebt der Kalla jetzt hoch, und er guckt Plascha an. "Da! Da!" schreit er und wedelt wild mit seinen Händen durch die Luft, wobei er versucht sich aufzurichten.
Plascha erschrickt und rennt in weitem Bogen um ihn herum, sie rennt, so schnell sie kann, trotz Seitenstechen, und sie wirft keinen Blick mehr zurück.
Erst als sie zu Hause ankommt und hinten in den Hof einbiegt, läuft sie langsamer.
Und sie atmet auf, als sie Mama mit Lene Wawciniak im Garten hinter dem Stall reden hört.
Glück gehabt! Mama wird nicht merken, dass Plascha wieder einmal zu spät nach Hause kommt, und das ist gut so, denn Plascha mag nicht, wenn Mama traurig guckt.
In der Küche nimmt Plascha eine der Blechtassen vom Bord und holt die Kaffeebohnen aus ihrer Schürzentasche. Der alte Kulla hat sie fest in Zeitungspapier gewickelt. Plascha schüttet sie vorsichtig in die Tasse. Riechen die gut!
Und dann kommt Mama rein und riecht die Kaffeebohnen auch und guckt und staunt und freut sich genauso, wie Plascha es sich auf dem Heimweg vorgestellt hat.
"Richtiger Kaffee", sagt Mama mit einem Kopfschütteln, "der alte Kulla ist ein lieber Kerl, ich muss ihn unbedingt mal wieder besuchen."

Abends liegt Plascha im Bett und versucht, nicht einzuschlafen.
Sie hat sich fest vorgenommen, so lange zu beten, bis Mama kommt, und rollt sich immer wieder auf Mamas Seite, damit das Bett schön angewärmt bleibt.
Die Geschwister schlafen schon alle.
Sogar Franja, die Große. Aber die muss auch den ganzen Tag hart arbeiten, seit sie bei Kolpes in Stellung ist. Böden schrubben und Wäsche waschen und Berge von Kartoffeln schälen.
Plascha ist froh, dass sie noch nicht arbeiten gehen muss, obwohl es bei Kolpes alle Tage gutes Essen gibt. Und reichlich, sagt Franja.
Jetzt wälzt sich die große Schwester im Schlaf unruhig auf die andere Bettseite, wo Lischa schläft. Weck sie nicht auf, denkt Plascha, sie muss doch morgen früh als erste raus und Zeitungen austragen.
Der kleine Felix murmelt im Traum undeutlich etwas vor sich hin. Er schläft bei Lodja am Fußende.
Von Lodja hört man nichts, nicht einmal ihre Atemzüge. Sie ist auch nachts die Ruhigste von allen.
Und Plascha ist die Unruhigste aus der Familie. Die mit den wilden Locken. Plascha fällt immer so viel ein, was sie tun oder jemandem erzählen muss; und sie kann nie lange damit warten.
Ein Wunder, meint Mama, dass Plascha in der Schule stillsitzen kann, denn nicht einmal im Schlaf liegt sie ruhig. Deshalb schläft sie mit Mama im großen Bett, seit der Papa im Krieg gegen die Franzosen kämpft. Die letzte Karte aus Frankreich hat er vor über drei Monaten geschrieben. Jeden Tag staubt Plascha die Karte ab, die oben auf der Kommode steht, und gibt dem Papa einen Kuss. Fünf Soldaten sieht man auf der Karte, Papa ist der zweite von links.
"Für Kaiser und Vaterland" steht in Druckschrift unter dem Foto, und was Papa hinten drauf geschrieben hat, weiß Plascha auswendig.
"Ist Deutschland denn unser Vaterland?" hat Plascha verwundert gefragt, als Mama die Karte und den Spruch vorgelesen hat. "Wir sind doch Pollacken, oder?"
Dass die Mama so böse gucken kann! "Sei still", hat sie wütend gesagt, "weißt du denn nicht, was das für ein Schimpfwort ist?"

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