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Peter Klusen - Arbeitsproben

SCHWARZ UND WEISS

Eines Tages brachte mein Großvater aus dem Keller ein verstaubtes quadratisches Brett mit nach oben.
"Guck mal, das Schachbrett!", schnaufte er. "Irgendwo, glaube ich, sind auch noch die Figuren!"
Nach dem Abendessen, es wurde jetzt nicht mehr ganz so früh dunkel, räumte die Großmutter den Küchentisch ab, und plötzlich stand mitten darauf eine kleine Zigarrenkiste.
"Ich glaube, ich habe sie gefunden", sagte Großvater, hob die buschigen Augenbrauen, paffte uns mit blauen Wolken aus seiner Tabakspfeife zu und drehte blitzschnell das Kistchen auf den Kopf. Unendlich viele schwarze und weiße Figuren kollerten auf die Tischdecke.
"Guck, es gibt weiße und schwarze Figuren! Die kleinen sind Bauern, das hier ist ein Pferd, das ein Turm und hier ist der schwarze König!"
"Warum sind die Figuren schwarz und weiß, Opa?"
Mein Großvater sog nachdenklich an der Pfeife.
"Die schwarzen, glaube mir, Junge, waren früher auch alle weiß!"
"Warum sind die schwarzen jetzt nicht mehr weiß?"
"Nach dem Krieg haben die Neger damit gespielt. Mit ihren schwarzen Fingern. Glaub‘ mir, das ist abgefärbt."
"Neger?"
"Die Amerikaner. Das sind Neger, kannst du mir glauben. Wir hatten sie hier im Haus auf allen Etagen. Jede Familie musste ein oder zwei Zimmer an die amerikanischen Soldaten abtreten. Unsere Neger waren nebenan, wo ihr jetzt wohnt. Zu tun hatten die nichts. Ob du es glaubst oder nicht, die haben den ganzen Tag nur Schach gespielt. Mit diesen Figuren. Bis die alle ganz schwarz waren."
"Wieso alle?"
"Na, alle eben!"
"Es sind aber viele weiß geblieben. Bestimmt die Hälfte, Opa."
Mein Großvater kräuselte die mächtige Stirn, pickte mit der gewaltigen Rechten mehrere weiße Figürchen auf und hielt sie mir unter die Nase.
"Hier, guck! Die haben sie alle in ihren Fingern gehabt. Siehst du, wie schmuddelig die sind? Junge, die sind so gut wie schwarz, glaube es mir!"
Und ich glaubte ihm auch das.
"Wenn du mal einen Neger triffst, Junge", setzte er nach, als er mich nachdenklich die Stirn kräuseln sah, "dann schau dir seine Hände an! Von innen sind sie ganz weiß. Vom Abfärben. Was die anfassen, wird mit der Zeit dunkel und immer dunkler und schließlich schwarz. Und ihre Fingerspitzen und Handflächen werden immer heller. Musst du mal drauf achten!"
Mein Großvater hat an diesem Abend die Figuren zu Schlachtreihen auf das Brett gestellt und sie gegeneinander "kämpfen" lassen. So nannte er das Geschiebe der Holzpüppchen quer über die schwarzweißen Karos. Mal setzte er sich hinter die weißen, mal hinter die schwarzen Kämpfer.

Der Neger, dem ich am darauf folgenden Sonntag begegnete, war einen Kopf kleiner als ich, stand im Eingangsportal der Kirche St. Josef und war aus Holz. Er sah fast so appetitlich aus wie der Sarotti-Mohr, der im Schaufenster des Kaffeegeschäfts auf einem Stapel Schokoladentafeln saß und mich, sooft ich dort vorbeiging, verführerisch anlächelte.
Der Kirchenmohr stand tapfer mit offenem Mund im Eingang und bestaunte die Menschen, die an den Sonntagen rechts und links an ihm vorbei defilierten. Vor lauter Staunen hing ihm die Zunge aus dem Mund. Wenn jemand aber ein Geldstück darauf legte, verschwand die Zunge mitsamt der Münze, die klimpernd in seinem Bauch landete, und der Kopf verfiel für einige Zeit in heftiges Nicken.
Er beruhigte sich allerdings immer wieder sehr schnell, das heftige Nicken ging in einen braven Diener über und endete im abrupten Stillstand des Kopfes bei gleichzeitigem Herausschnellen der Zunge, die nun wie zuvor fordernd aus seinem Mund ragte.
Ich kann mich nicht daran erinnern, ihm jemals etwas auf diese Zunge gelegt zu haben, aber ich habe mir ganz genau seine Hände angeschaut, die ein silbernes Tablett hielten, auf dem ein mit großen Buchstaben eng beschriebenes Kärtchen lag. Die Hände waren innen genauso schwarz wie außen.
Von diesem Tag an glaubte ich meinem Großvater nicht mehr alles.

Aus: Literatur am Niederrhein. Zeitschrift für Literatur niederrheinischer Autoren. 20. Jahrgang. Nr. 54. Juni 2003.

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