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Verena Liebers - Arbeitsproben

DIE SCHÜLERIN

"Du bist zu groß" sagte die neue Nachhilfeschülerin als Erstes, da war sie noch nicht durch die Tür. "Ich mag es nicht wenn ich zu einem Mann aufsehen muss." Sie stand noch im Hausflur, unter dem blassblauen Treppenhauslicht, das ihr Gesicht in zwei Teile zerschnitt. Ein helles und ein dunkles. Gerade an der Nase verlief die Linie, Sanddüne in der Wüste, die unbarmherzig die gleißende Sonne fängt und in ihrem selbstgebauten Schatten, fast als Rache vor der ewigen Helligkeit, ein Stück Niemandsland bildet. Undurchdringlich in seiner Dunkelheit, aber nicht tot.

"Sicher nicht zu groß für Dich, kleine Königin“ antwortete ich, da stand sie schon neben mir, legte ihre lederne Tasche auf meinen Wohnzimmertisch und ihre Augen über alles was da war.
"Wieviele Bücher hast Du?" fragte sie als nächstes. Ich zählte ihre Wimpern und sagte "Vielleicht zweihundert", da holte sie schon ein Buch aus der Tasche, ein Heft, einen Stift und setzte sich unaufgefordert an den Tisch. Sie sagte Du zu mir, also duzten wir uns, duzten uns ehe wir uns vorgestellt hatten. Vom ersten Moment an gab es keinen Zweifel über dieses Du, kein höfliches Abstand wahren, kein steifes Bekanntmachen, obwohl ich leicht 15 Jahre älter war als sie, obwohl sie schon erwachsen war oder zumindest beinahe, obwohl wir also fremde, erwachsene Menschen waren, ließ sie die Idee einander zu siezen gar nicht aufkommen, benutzte sie das Du so selbstverständlich, so ohne Zögern, dass ich dieses Du erst Tage später wirklich bemerkte. Jetzt war es einfach da, war zwischen uns, verknüpfte uns, verband uns zu einem Team, noch ehe wir mit den Nachhilfestunden, mit der Arbeit, ehe wir überhaupt irgendetwas begonnen hatten.
"Wir müssen anfangen, es ist nicht so viel Zeit" erklärte sie dann und schlug das Buch auf, da kannte ich noch nicht ihren Namen. Aber ich fragte auch nicht, es schien so überflüssig zu sein, nach Namen zu fragen. Es gab so viel Wichtigeres.

Später habe ich mir oft überlegt, ob es anders gewesen wäre, wenn sie als Erstes ihren Namen gesagt hätte. Irgend etwas, woran ich mich hätte festhalten können, irgendeine Ordnung, die mir vertraut war. Aber es gab das alles nicht.
Der Raum war von ihrem Wissensdurst überflutet, der mich augenblicklich in einen Wasserfall verwandelte, der in die Dürre floss. Floss und versickerte, ohne nach dem Woher und Wohin zu fragen. Es war wie das Betrachten einer unscharfen Fotografie, die unseren Blick fesselt, weil wir nichts sehen und die all unsere Hoffnungen und Ängste weckt, während wir die Augen zu schmalen Spalten zusammenpressen, um das Wenige zu fokussieren wie einen Diamant. Sie war genau wie dieser diamantene Nebel auf den Fotografien, der unsere Erinnerungen weckt, ohne dass wir wissen an was.

"Als erstes die Kommaregeln" verlangte sie und zückte ihren Stift. Ich wusste nicht, was sie erwartete, unser Telefongespräch war nur kurz gewesen und meine ursprünglichen Pläne hatte ich vergessen sobald ich sie sah. Ich wusste, dass das Bisherige, das Gewohnte und Gewöhnliche in den Stunden mit ihr keine Gültigkeit mehr hatte, ich wusste das von dem Moment an, wo sie vor mir stand und mit jeder Faser ihres Körpers eine Forderung ausdrückte. Nur wusste ich noch nicht nach was.

Aus: Kleine Welt

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