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Ulla Klomp - Arbeitsproben

Aus: EIN SCHABERNACK NUR

"Da ertönte der Doppelpfiff. Das hieß: Beginn der Aktion. Ein Motor wurde gestartet. Das war der Saab. Kalle sprang auf. Jetzt lief alles automatisch ab. Schnell das Seil greifen, hin zu den Gemüseständern. Das Seil doppelt fassen, einen Teil davon quer durch die fünf Gestelle hindurch ziehen, dann einmal festzurren. Jörn, der von der gegenüberliegenden Straßenseite angerannt gekommen war, tat dasselbe an den rückwärtigen Rollen, fast synchron.
Beinahe fiel Kalle über die junge Fahrradfahrerin, die jetzt gerade wieder aus dem Laden trat, die Tragetasche voller Äpfel, auch der Rucksack war gefüllt. Dann warfen Jörn und Kalle wie auf ein Kommando Nils die Seilenden durch das offene Autofenster zu, und schon fuhr Sören los, er hatte die ganze Zeit auf diesen Augenblick gewartet.
Es gab einen Ruck, die Gestelle lösten sich von der Hauswand, sie rutschten gegeneinander, die ersten Kisten fielen herunter, Salatköpfe darin, dann rollten die Gestelle, in einander verkeilt, über den Fahrradweg auf die Straße.
Sören gab Gas, Nils hielt die beiden Seilenden fest in den Händen, da fielen die Rollgestelle um, wurden hinter dem nun schneller fahrenden Saab hergeschleift, man hörte ein Gelächter, eine breite Spur von kullernden Tomaten, Zucchinis, Auberginen, Granatäpfeln, Kartoffeln und Zwiebeln verteilte sich vom Bürgersteig bis zur Fahrbahn und kegelte durcheinander, einiges zerplatzte, dazwischen lagen jetzt die Seile, die Nils vor dem Abbiegen in die Seitenstraße losgelassen hatte.
Da stürzte auch schon der türkische Ladenbesitzer aus dem Geschäft, schrie, rannte hinter seinen Gemüse- und Obstgestellen her, fast in einen Toyota hinein, der gerade vorbeifahren wollte. Der machte eine Vollbremsung, der Türke fiel hin, schrie etwas von "svin, dummesvin", das andere verstand Kalle nicht, es war Türkisch natürlich. Nun kam auch noch eine Frau aus dem Laden gelaufen, vielleicht die Frau des Türken, sie kreischte, rang die Hände, lief erst zu dem Obst und Gemüse hin, als ob sie es aufsammeln wollte, aber vieles war zerquetscht, dann rannte sie zu dem Mann, der gerade wieder aufstand, humpelnd zu den umgestürzten Gestellen lief, über die Seile stolperte, immer noch laut schimpfend und klagend.

In: Rechtsherum - wehrt euch.

Aus: TAUSENDUNDEIN NIKOLAUS

"Wenn der Dezember doch schon endlich vorbei wäre!" Mit diesem merkwürdigen Wunsch und einem lauten Seufzer war Niklas aufgewacht. Er riskierte mit dem linken Auge einen Blick. Er galt dem Adventskalender, der am Fußende über seinem Bett hing. Seit vorgestern Abend hing er dort. Er besagte: Der Schreckensmonat Dezember hat angefangen!
Elf Monate lang war Niklas ein ganz normaler Junge, der immer zu Späßen aufgelegt war. Von Januar bis November. Nur im Dezember war alles anders. Da war mit ihm nichts anzufangen. Der Dezember war für ihn ein Albtraummonat. Das lag an Niklas' Namen. Dem, der auf der Geburtsurkunde stand. Seinem "amtlichen" Namen.
NIKOLAUS SCHNEE.
Oft fing es schon Mitte November an. Da gab es tausendundeinen Nikolaus in der Stadt. Nikoläuse, vom Hosentaschenformat bis zur Lebensgröße, ausgestopfte, gemalte, gebackene, illuminierte, elektrische; Nikoläuse aus Holz, aus Plastik, aus Papier, aus Lebkuchen, sogar Nikolaus-Tattoos gab es. Niklas hatte alle Nikoläuse satt! Manchmal versuchte er einfach wegzuschauen. Dann besserte sich seine Stimmung kurzfristig. Doch die schlechte Laune kam schnell wieder. Spätestens dann, wenn er Weihnachtsmusik in den Geschäften hörte. "Niklas, komm in unser Haus" oder "Morgen kommt der Weihnachtsmann", erscholl es da.
Niklas Schnee fand, dass er höchst bedauernswert war. In der Weihnachtszeit musste er sich laufend dumme Sprüche anhören. "He, Schnee, sorg doch mal für ein bisschen Schnee draußen. Aber dalli!" "Vorsicht, geh nicht so nah an die Heizung, sonst taust du auf!" "Wann hast du endlich einen langen weißen Bart, wie es sich für einen Nikolaus gehört?"
Niklas Schnee hatte sich schon mehrere Male einen anderen Namen zu Weihnachten gewünscht. Von den Eltern. Einmal war es der Name Florian Lützenkirchen gewesen. Er hatte ihn zufällig im Telefonbuch gefunden. Ein anderes Mal wollte er Adriano Sommerfeld heißen. Das klang nach Italien und Sommerferien zugleich, das hatte nicht im Entferntesten mit Weihnachten zu tun. Papa hatte gesagt: "Ein neuer Name? So'n Quatsch. Kommt nicht in die Tüte. Schon dein Großvater hat Nikolaus Schnee geheißen. Das ist Tradition!"

In: Weihnachten ganz wunderbar

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