NRW Literatur im Netz

Cornelia Ertmer - Arbeitsproben

(ohne Titel)

So von Nahem betrachtet, fürchtet sich das Kind beinahe noch mehr vor dem fremden Mädchen. Der Blick aus Ritas Augen ist ihm unheimlich.
Die Mutter gibt Rita trockene Kleider, abgelegte. Rita ist, wie sich herausstellt, so alt wie das Kind, aber viel kleiner. Sie sieht hungrig aus und zittert vor Kälte.
Rita ist  neu in der Stadt. Die Mutter fragt. Nein, in der Schule ist sie noch nicht gewesen. Aber nächste Woche soll sie gehen. In die erste Klasse. Und die Blätter? Rita zuckt die Schultern. Die Mutter fragt nicht weiter.
Rita bekommt die Reste vom Mittagessen. Die Mutter sagt nichts, obwohl Rita frisst wie ein Schwein. Die Gabel übervoll, stopft sie mit den Händen nach, was nicht schnell genug in den Mund passen will.
Mund auf, kauen, schmatzen, schlucken, Mund auf, kauen, schmatzen, schlucken.
Dabei wird in der Familie sehr viel Wert auf Tischmanieren gelegt. Man führt die Gabel und den Löffel zum Mund, nicht umgekehrt. Mit den Fingern essen ist streng verboten. Den Mund darf man nicht zu voll machen. Das ist unfein und sieht gierig aus. Beim Kauen bleibt der Mund zu. Schmatzen ist unanständig.
Aber Rita isst den Teller leer. Braves Kind. Wer seinen Teller leer isst, bekommt auch Nachtisch. Wer seinen Teller nicht leer isst, muss so lange am Tisch sitzen bleiben, bis der Teller leer ist. Leer gegessene Teller sind wichtig. Aufessen ist wichtig. Nicht aufessen heißt, Gottesgabe verschwenden. Das ist Sünde.
Rita sündigt nicht. Sie isst alles und alles auf.
Rita sei ein armes Kind, sagt die Mutter später. Sie wohne in Klein Korea, der Siedlung, wo erst die Flüchtlinge und andere heimatlose Menschen nach dem Krieg untergekommen sind. In Baracken. Und statt der Flüchtlinge leben nun diese Asozialen da. Armen Kindern muss man helfen. Sie können ja nichts dafür, hat die Mutter erklärt.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.