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Michael Römling - Arbeitsproben

Aus: SEITENWECHSEL

Der Übergang kam in Sicht. Immer mehr Grenztruppen rechts und links. Lichtkegel. Stacheldraht. Ein Schützenpanzer. Zwanzig Meter vor der Betonsperre traten ihnen zwei Grenzer in den Weg, einer war in Jacks Alter, der andere hätte sein Vater sein können. Jack ließ den Wagen ausrollen.
"Die kommen mir gerade recht", sagte Aragon durch die Zähne.
"Ihren Ausweis", sagte der Ältere mit sächsischem Akzent. Er blickte an Jack vorbei auf den Beifahrersitz.
"Das Auto ist mein Ausweis", sagte Aragon.
"Laut Vorschrift dürfen nur uniformierte Angehörige Ihrer Streitkräfte die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik betreten oder verlassen, ohne sich auszuweisen."
"Hören Sie mir auf mit Ihrer Hauptstadt!", blaffte Aragon. "Wir befinden uns im sowjetischen Sektor von Berlin und ich werde den Teufel tun, Sie in Ihrer angemaßten Zuständigkeit zu bestätigen. Insassen von Diplomatenfahrzeugen haben grundsätzlich keine Ausweise vorzuzeigen, ob in Uniform oder nicht. Erzählen Sie mir nichts über Vorschriften."
Jack wurde heiß und kalt. Es durfte einfach nicht wahr sein. Im Kofferraum lag ein Republikflüchtiger und Aragon legte sich ein paar Meter vor dem Ziel mit den Grenzern an. Zwei weitere Grenzsoldaten waren herangekommen und nahmen vor dem Wagen Aufstellung, die Gewehre in der Hand.
"Holen Sie sofort die sowjetische Militärpolizei", setzte Aragon nach.
"Das werde ich nicht tun."
Aragon nickte sehr langsam und unheilvoll. Dann legte er Jack die Hand auf den Arm, den Blick immer noch starr nach vorn gerichtet, wo die amerikanische Kontrollbaracke sich hinter einer Reihe von milchigen Lichtkegeln abzeichnete. Sie standen mitten auf dem Präsentierteller.
"Aufblenden", sagte Aragon.
Jack brauchte einen Moment, bis er begriff, dass er gemeint war. Mechanisch betätigte er den Hebel. Die Beine der Uniformierten leuchteten grell im aufflammenden Fernlicht. Weiter hinten glühten ein paar Hinweisschilder auf. Aragon steckte sich die nächste Zigarette an.
In der Kontrollbaracke regte sich etwas. Ein Soldat erschien und durchquerte im Laufschritt das von Stacheldraht gesäumte Niemandsland. Die Grenzer standen regungslos wie Zinnsoldaten. Was für eine groteske Situation, dachte Jack. Sie saßen in ihrem Auto wie in einer Tauchkapsel inmitten von Haifischen. Und sein Chef neben ihm blieb ruhig, als spielte er eine Partie Schach mit einem Gegner, der ihm nicht das Wasser reichen konnte.
Der Amerikaner war jetzt herangekommen. Er bremste seinen Lauf, legte die letzten Meter in lockerem Schritttempo zurück und zeigte auch sonst keinerlei Respekt für die Grenzer. Er schob sich an ihnen vorbei, als wäre der gar nicht da. Ein bulliges Boxergesicht unter einem Helm mit dem weißen Kürzel MP erschien im Wagenfenster.
"Sir?"
"Wir brauchen eine Eskorte."
"Das müsste ich ...."
"... mit General Clay absprechen, ich weiß", sagte Aragon. "Tun Sie das. Wir warten."
Der Militärpolizist rannte zurück. Eine Weile tat sich drüben nichts. Einer der Grenzer bekam einen Hustenanfall, der von den anderen mit missbilligenden Blicken quittiert wurde.
Die Wartezeit kam Jack vor wie eine Ewigkeit. Er dachte immerzu an Julius, der zusammengerollt dort hinten lag und sich wahrscheinlich fragte, was hier gerade passierte. Einmal glaubte er eine ganz leichte Bewegung im Kofferraum zu spüren. Jack hielt den Atem an und sah auf die Uhr. Der Sekundenzeiger kroch voran. Aragon paffte in aller Seelenruhe.
Schließlich leuchteten auf der anderen Seite zwei Scheinwerferpaare auf und krochen langsam auf sie zu. Zwei Jeeps, auf denen hinten jeweils vier Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten hockten. Sie passierten unbehelligt die Betonsperre, während am Straßenrand weitere Grenzwachen zusammenliefen, aber nicht eingriffen. Als der erste Jeep genau neben ihnen war, stoppte der Fahrer und rief durch das offene Fenster: "Wir nehmen Sie in die Mitte!"
"Ich bitte darum", sagte Aragon.
Die Jeeps wendeten hinter ihnen, dann fuhr der erste an ihnen vorbei, scherte direkt vor dem Kühler des Cadillac wieder ein und zwang die Grenzer, ein paar Schritte zurückzuweichen. Der andere Jeep blieb hinter ihnen. Im Rückspiegel sah Jack die Bajonette aufragen.
Aragon wandte sich jetzt zum ersten Mal direkt an den Uniformierten, der sie angehalten hatte. "Sie werden uns jetzt durchlassen. Andernfalls werten wir das als absichtliche Verletzung unserer vertraglich abgesicherten Rechte in Berlin."
Der andere sagte nichts. Der Jeep vor ihnen ruckte an. Die Grenzer traten widerwillig zur Seite und der Cadillac durchfuhr die Sperre, wobei Jack wegen der engen Kurven schwer am Lenkrad kurbeln musste. Wenige Augenblicke später überquerten sie die weiße Linie auf der Zimmerstraße.
Sie hielten neben der Baracke. Jack fühlte sein Herz hämmern. Es ist vorbei, beruhigte er sich. Es kann nichts mehr passieren. Jetzt nur noch nach Hause.
Aragon blickte ihn an, als könnte er seine Gedanken lesen. "Freuen Sie sich nicht zu früh", sagte er. "Das Ganze nochmal."
"Wie bitte?"
"Sie haben schon verstanden. Sie wenden jetzt den Wagen und wir fahren auf die andere Seite zurück. Wenn er uns wieder mit seinem Ausweis kommt, rufen wir die Eskorte und erzwingen den Zugang. Dann fahren wir ein Stück in den Ostsektor, aber nur so weit, dass sie uns noch sehen können. Anschließend kehren wir wieder um."
Jack traute seinen Ohren nicht. Mit einem Seufzer wendete er den Wagen. Vor der Sperre folgte das gleiche Spiel wie beim ersten Mal. Im trüben Scheinwerferlicht verlangte der Posten ungerührt den Ausweis und Aragon wies seine Forderung genauso ungerührt zurück. Anschließend winkte er mit einer lässigen Handbewegung durch das offene Wagenfenster die Eskorte heran. Als die Jeeps sie in die Mitte genommen hatten, ruckte der Cadillac an. Wieder traten die Grenzer ohne ein Wort zur Seite.
Sie rollten im Standgas durch die Sperranlagen, vorbei an Warnschildern, Schlagbäumen und einer Baracke, vor der ein Dutzend Grenzsoldaten standen und sie mit wütenden Blicken verfolgten. Ein paar Gestalten in Zivil huschten am Straßenrand herum und machten Fotos.
An der Kreuzung zur ersten Querstraße wendeten sie und fuhren zurück. Wieder blockierte eine Wand von Uniformierten den Weg.
"Ihren Ausweis."
"Lassen Sie endlich diese Mätzchen. Wenn Sie es darauf anlegen, können wir gern die ganze Nacht so weitermachen."
Eine Gasse öffnete sich. Grimmige Gesichter. Rechtskurve, Linkskurve, Rechtskurve.
Auf den zweiten Durchgang folgte ein dritter. Diesmal traten die Grenzer zur Seite, als die Kolonne heranfuhr.
Das schien Aragon zu genügen. Als sie ein letztes Mal am Checkpoint Charlie vorbeifuhren, sah Jack einen erhobenen Daumen im Fenster des Häuschens.
"Feierabend", sagte Aragon.
Jack jagte den Wagen in Richtung Dahlem. Auf der Fahrt war Aragon ungewöhnlich nachdenklich. "Das werden die sich nicht gefallen lassen", sagte er zwischen zwei Zügen an seiner Zigarette.
Jack war die plötzliche Schweigsamkeit seines Chefs unheimlich. Doch anstelle einer Erklärung sagte Aragon nur: "Wenn Sie immer noch nicht verstanden haben, wozu das gut war, dann kann ich Ihnen auch nicht helfen."
Vor dem Eingang der Mission stieg Aragon aus. "Machen Sie sich morgen auf einiges gefasst", sagte er zum Abschied. Nach ein paar Schritten drehte er sich noch einmal um.
"Und räumen Sie Ihren Kram aus dem Kofferraum. Da rollt die ganze Zeit irgendwas hin und her."

Aus: BELLAPIANTA

Irgendwann in den letzten Julitagen näherte sich ein Fischerboot auf spiegelglatter See dem Hafen von Ancona. Die ersten Sonnenstrahlen stachen durch den auf dem Meer liegenden Nebel und überzogen die Kuppel des Doms auf seinem steilen Felssporn hoch über der Stadt mit einem glühenden Schleier aus Altrosa, hangelten sich am Bogenfries der Fassade hinunter, tasteten in das Halbdunkel der Portalvorhalle und flossen schließlich an den Säulen hinab bis zu den beiden roten Marmorlöwen, auf denen das Vordach ruhte. So majestätisch der Anblick der Kirche für den Mann gewesen sein musste, der regungslos wie eine Statue am Bug des Bootes stand, so winzig dürfte dieses Boot seinerseits für den Küster des Doms ausgesehen haben, der etwa zur gleichen Zeit die Stufen erklomm, um wie jeden Morgen das Portal aufzuschließen und ruhelosen Sündern Gelegenheit zu geben, die Verfehlungen der verfliegenden Nacht zu bereuen. Auf der glatten Wasserfläche zeichnete sich die Bugwelle ab wie ein schwimmender Keil, dessen Spitze auf die Hafeneinfahrt wies und dessen Schenkel in der Ferne vom Morgennebel behutsam glattgestrichen wurden. Weiter draußen waren die Boote der anderen Fischer zu erahnen. Wie Insekten hockten sie da und versenkten lautlos ihre Stacheln in der jungfräulichen Haut des Meeres.
Während der Nebel sich lichtete und die Sonnenglut am Hang des Domfelsens hinabfloss, passierte das Fischerboot die Hafenmauer, die sich weit ins Meer hineinwölbte. Der Mann am Bug rührte sich immer noch nicht. Dafür wurde nun eine zweite Gestalt sichtbar, die mit routinierten Handgriffen das Segel reffte und dann die Ruderpinne einschlug, so dass das Boot seine Fahrt verlangsamte, einen Bogen beschrieb und direkt neben der Mauer zum Stillstand kam. Ein paar Möwen begannen es flügelschlagend zu umkreisen. Ihre Schreie schnitten durch die Morgenluft. Während das Boot vertäut wurde, rollten die ersten Glockenschläge vom Dom her über den Anleger wie große Kugeln aus Bronze.
Der Mann am Bug zog einen Beutel hervor, schüttelte ein paar Münzen heraus und zählte sie dem Bootsführer in die Hand. Sie nickten sich zu, dann stieg der Passagier mit einem großen Schritt auf die Mauer. Ohne sich umzublicken umrundete er das Hafenbecken bis zum Turm der Eckbastion unterhalb des Domfelsens.
Am Anleger erwachte gerade der übliche Betrieb: Hier und da kletterten Seeleute in den Masten herum und zogen Taue fest, Träger schleppten ihre Bündel an Bord der Lastschiffe, deren Planken leise knarrten. Das Geläut erstarb.
Der Mann hieß Mustafa Efendi. Er hatte einen dichten schwarzen Bart und seine Nase war groß und gebogen wie ein Papageienschnabel. Er zitterte leicht, denn die kalte Seeluft war ihm auf der nächtlichen Fahrt in die Knochen gekrochen. Eigentlich hätte er an Kälte gewöhnt sein müssen: Angeblich stammte er aus einem Dorf in den Bergen Albaniens, wo ihn die Janitscharen seiner Familie entrissen und nach Konstantinopel gebracht hatten, als er zehn Jahre alt gewesen war. In der Schule des Serails hatten sie ihm die türkische Sprache beigebracht und ihn gründlich in die Lehren ihres Propheten eingeführt. Sein Kinderherz wurde versiegelt. Nach einigen Jahren hatte er die Sprache seiner Heimat verlernt und die Religion, in der ihn seine Eltern unterwiesen hatten, erschien ihm wie ein fremdartiger Aberglaube aus einer anderen Welt. Der albanische Bauernjunge gewöhnte sich daran, auf weichen Kissen zu schlafen. Er gewöhnte sich an die Schärfe der Speisen, an den Duft der Gewürze, an die gekachelten Bäder, an den Ruf des Muezzins und an den Turban, den er vom Morgen bis zum Abend trug. Mit Dankbarkeit und Stolz nahm er es hin, dass sein Leben dem Sultan gehörte, für den er nun den ehrenvollsten Auftrag seines Lebens auszuführen im Begriff stand.
Durch steile Gassen erreichte er das Haus, das man ihm genannt hatte, ein unscheinbares Gebäude mit einem Türklopfer in Form einer Löwentatze.
Er wurde in einen Raum geleitet, in dem nichts als ein Tisch stand. Auf diesen Tisch legte er das Schreiben, das er bei sich führte, seit er vier Wochen zuvor in Konstantinopel aufgebrochen war. Es trug das Siegel von Sultan Bajazid und konnte Türen öffnen, Wirten Beine machen und Schwätzer zum Schweigen bringen. Der Brief wurde wortlos überflogen. Man überreichte Mustafa Efendi eine winzige Landkarte und eine Glasampulle mit einer farblosen Flüssigkeit. Danach wurde er in den Innenhof geführt, wo man ihm die Zügel eines Pferdes übergab, auf dessen Rücken ein Reisesattel geschnallt war.
Als das Tor hinter ihm zugefallen war, zog er die Karte hervor, auf der Ortsnamen und Entfernungen in so winziger Schrift verzeichnet waren, dass er sie kaum entziffern konnte. Die Buchstaben sahen aus, als ob sie aus Fliegenbeinen zusammengesetzt wären. Mustafa Efendi hatte ein scharfes Auge, wenn er seinen Blick in die Ferne richtete, doch das Lesen bereitete ihm in den letzten Jahren mehr und mehr Schwierigkeiten. Er verfluchte die Gedankenlosigkeit seines Mittelsmannes und machte sich auf den Weg. Als er das Stadttor von Ancona passierte, lief ihm der Schweiß schon den Rücken hinab. Er vermisste die weiten Gewänder, die er dreißig Jahre lang getragen hatte.
Am Abend des ersten Tages erreichte er Senigallia. Er fand eine Herberge und schlug sich den Bauch voll, weil er nicht einsah, warum er ausgerechnet auf dieser schweigsamen Reise auch noch zum Asketen werden sollte. In einem komfortablen Zimmer mit Blick auf das Meer schlief er ein, während draußen die Möwen kreischten. Seine Hand ruhte die ganze Nacht lang auf seiner Brust, wo die Ampulle im Innenfutter seiner Jacke schlummerte.
Am zweiten Tag kam er bis Pesaro, am dritten bis Rimini, wo er sich von der Küste abwandte und den Weg einschlug, der am Nordrand des Appenin entlangführte. Die Straße war so belebt und das Land so dicht besiedelt, dass er kein Versteck fand, an dem er in Ruhe seine Gebete hätte verrichten können. Am Abend des vierten Tages erreichte er Faenza, wo er sich durch einen Bohneneintopf eine derart schlimme Magenverstimmung zuzog, dass er sich die ganze Nacht in Krämpfen wand und am fünften Tag erst gegen Mittag die Kraft zum Aufbruch fand. Es war stockfinster, als die gewaltigen Mauern von Bologna im Mondlicht vor ihm aufwuchsen. Die Tore waren verschlossen und er übernachtete in einer verlassenen Mühle. Am sechsten Tag suchte er sich in Bologna eine Unterkunft, um auszuruhen. Er streifte durch die riesige Stadt, rang sich aus Neugier zum Besuch einer Kirche durch und entdeckte in einer Seitenkapelle ein Wandgemälde, das den Propheten Mohammed zeigte, wie er von einem gehörnten Dämonen an den Haaren in den Höllenschlund geschleift wurde. Die Arroganz der Ungläubigen erregte ihn so sehr, dass sein Magen erneut aufbegehrte und er am siebten Tag nur bis Modena gelangte. Am achten Tag kam er nach Parma und aß in einer Taverne eine ganze Platte mit dem feinsten Fleisch, das er jemals zu sich genommen hatte, nur um hinterher zufällig zu erfahren, dass es sich um Schweinefleisch handelte, so dass er sich die halbe Nacht übergab. Am neunten Tag überquerte er bei Piacenza den Po auf einer Fähre und betrat das Land des Herzogs von Mailand. Am zehnten Tag stürzte sein Pferd kurz vor Lodi in den Straßengraben, nachdem es in vollem Galopp in ein Schlagloch getreten war, wobei Mustafa Efendi sich um ein Haar das Genick gebrochen hätte. Bei dem Sturz rutschte die Ampulle aus dem Innenfutter und es kostete ihn den halben Nachmittag, sie im schlammigen Wasser des Grabens wiederzufinden. Am elften Tag betrat er Mailand durch die Porta Romana. Die Straßen waren voller Menschen. Einem Impuls der Barmherzigkeit folgend, warf er vom Pferd aus einem Bettler eine Münze zu. Dann fragte er sich nach dem Palast eines gewissen Bernardino Bellapianta durch.

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