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Renate Habets - Arbeitsproben

DAS BABY

Eigentlich sollte es im Krankenhaus der Kreisstadt geboren werden. Frühzeitig hatte sich die Mutter, als sie die Wehen spürte, auf den Weg gemacht. Da es Krieg war, musste sie ihn zu Fuß bewältigen und so war sie rechtzeitig aufgebrochen, nur begleitet von einem alten Onkel, der ihren  Koffer hielt und dafür Sorge tragen sollte, dass sie das Krankenhaus erreichte.
Hier, in diesem entlegenen Winkel, war der Krieg weit entfernt und man fand genügend zu essen und fühlte sich sicher. Das war der Grund, warum die Mutter mit ihrer Mutter in deren elterliches Haus gegangen war, die geliebte Großstadt verlassen hatte, um hier in vermeintlicher Ruhe die Geburt ihres ersten Kindes und den Krieg abzuwarten.
Hier kannten sie alle, hier wussten alle, was ihr widerfahren war, dass sie dieses Kind trug ohne einen Ehemann, ohne den Ring am Finger, der ihr die Sünde genommen hätte.

Aus: Ich will Erzbischof werden (1. Kapitel)

(OHNE TITEL)

Der gute Ort:
beschattet von Buchen, weitab, Grabsteine im Gras,
bemoost, verwittert,
zwischen raschelnden Blättern, Anemonen und Schnee,
unlesbar die Schrift, kaum erahnbar –
und doch: Kiesel zum Gedenken
An wen?

JAKOB, DEIN SOHN

Die Kerzen waren schon weit heruntergebrannt, als endlich aus dem Nachbarzimmer der erlösende Schrei ertönte. Dünn zwar, quäkend, aber es war deutlich eine Kinderstimme, die dort ihren Protest erhob, dass man sie ins Leben befördert hatte. Judith saß mit einem aufgeschlagenen Buch am Küchentisch, hatte aber nur so getan, als würde sie lesen, während sie ängstlich nach nebenan lauschte. Nun blickte sie erleichtert auf und zu ihrem Vater hinüber, der auf der Bank am Ofen saß und sich immer wieder mit einem großen Tuch den Schweiß von der Stirn wischte, obwohl der Herd es kaum schaffte, gegen die eisige Winterkälte, die durch die Fensterritzen hereindrang, anzukommen.
Der Vater erwiderte ihren Blick mit einem leichten, unsicheren Lächeln, als glaube er noch nicht an das, was ihm der Kinderschrei zu verheißen schien. Gerade noch rechtzeitig hatte er es zu der Geburt seines Kindes geschafft, trotz der verschneiten
Wege, die es ihm und seinem Gefährt schwer gemacht hatten. Aber nun war er zu Hause. In Kettwig vor der Brücke stand das kleine Fachwerkhaus, in der Gasse, die zu der Ruhr hinunterführte, unweit der Landsberger Straße. Wie üblich war er die ganze Woche als Händler unterwegs gewesen mit seinen Messern, Scheren und Nägeln, mitunter bis ins Unterfränkische, aber am Freitagabend kehrte er stets regelmäßig zu den Sabbatvorbereitungen nach Hause zurück. Noch keinen Sabbat hatten sie ohne ihn feiern müssen, erinnerte sich Judith. Nur mit ihm war es schön, pflegten sie einander zu sagen, die Mutter und sie. Heute jedoch war er mitten in der Woche zurückgekehrt. Er hatte seinen Handelsweg abgekürzt, weil er bei der Mutter hatte sein wollen, deren Stunde nahte.

Aus: Kiesel zum Gedenken

2007

Gedankenverloren saß die alte Dame in ihrem Ledersessel, in dem sie nahezu den ganzen Tag verbracht und ihre Gäste empfangen hatte. Schön war dieser Tag gewesen, richtig  schön, aber auch anstrengend. Das musste wohl so sein, wenn man immer älter wurde, jede und jeden überlebt und mehr Erinnerungen hatte als alle diejenigen zusammen, die sie besuchen kamen.
Achtundachtzig Jahre war sie heute geworden, kaum glauben konnte sie es. Achtundachtzig, das war eine lange Zeit, in der vieles geschehen war, sich verändert hatte, Menschen vorübergezogen waren. Und gegangen waren sie, die Menschen, die ihren Weg begleitet hatten, gegangen für immer. Nur sie, sie lebte noch, nahm Anteil an den Geschichten der Jüngeren, lachte mit ihnen und lebte doch in einer ganz anderen Welt, einer Welt, die diese nicht kannten und nie kennen würden. Manchmal sagten sie: „Erzähl mal, Tante Thea!“, aber dann sah sie doch, wenn sie erzählte, dass die Gedanken der anderen abschweiften, dass die Gegenwart sie gefangen nahm und ihre Kräfte absorbierte. Dann schwieg sie, nie vorwurfsvoll, wusste sie doch, dass die Erinnerungen nur ihr gehörten, ihr wichtig waren, ihr Kraft gaben für die Zeit, die noch vor ihr lag.

Aus: Thea

aus: Die Drei

Es war wie immer, ihr ganzes Leben lang. Nach einer längeren Zeit hatten sie sich wieder einmal bei der Mittleren getroffen, miteinander Kaffee getrunken, ein wenig geplaudert und waren dann in die Werkstatt gegangen. Das taten sie gewöhnlich, wenn sie einander sahen. Und dabei taten sie alles, die gefährlichen Themen auszuklammern. Vorsichtig, abwartend, fast ein wenig lauernd waren sie miteinander umgegangen, mögliche Untiefen mieden sie. Sie kannten sie ja, sie kannten sie ja so gut nach all den Jahren, die sie nun  schon Schwestern waren!
Und doch, dort in der Werkstatt war es wieder geschehen, heute, trotz der Mühe, die sie sich  gegeben hatten! Sie standen vor einer der kleinen Kommoden aus Rosenholz, braunrot, auf schlanken Beinen, auf die die Mittlere sich spezialisiert hatte. Nachdem sie sie aufmerksam gemusterte hatte, zog die Ältere eine der kleinen Schubladen auf und schloss sie wieder, mehrere Male, kämpfte scheinbar gegen einen Widerstand an. Die Jüngste stand mit geschlossenen Augen da, lächelte verträumt und strich mit der Hand leicht über die Glätte des Holzes.
Und da war es geschehen, genau in diesem Moment, ohne dass eine von ihnen hinterher hätte sagen können, wer das erste falsche Wort gesagt oder wie es angefangen hatte. Es war wie immer. Nun gab ein Wort das andere, schonungslos, man kannte die Wunden der anderen, man wusste, wo man zustoßen konnte. Und es ging um die Mutter, immer ging es um die Mutter, um die Schwächen, die Versäumnisse, die Lieblosigkeiten.

Drüben

I.    Zuhause

Hier war es. Jeden Sonntag hat er hier gestanden. Lange. Unbeweglich. Ganz dicht an dem eisernen Deckel, der nahe der Hauswand in den Boden eingelassen ist. Unauffällig. Achtlos geht man an ihm vorüber, nur er, er ist hier immer stehen geblieben, hat sich, als brauche er eine Stütze, an die Hauswand gelehnt und aufgeschaut zu dem Himmel über ihm. Dem Himmel, blau und klar, wolkenverhangen, voller Schnee oder Regen. Achtundzwanzig Jahre lang hat er so gestanden und gewartet, jeden Sonntag. Fast 1500 Sonntage müssen zusammen gekommen sein. Sonntage, an denen er sich scheinbar entspannt an der Hauswand mit der abblätternden Farbe abgestützt hat, bis er das Rumpeln hörte, tief unter ihm. Dann hat er sich angespannt, innerlich. Äußerlich hat man ihm nichts ansehen können, das wäre zu gefährlich gewesen. Aber diesem Rumpeln in der Tiefe hat er gelauscht und genau verfolgt, wie der Zug dort unten langsam über die Schienen von Nord nach Süd durch das Dunkel gefahren ist, ohne anzuhalten. Der Luftzug, der im Vorüberfahren durch die Schlitze des eisernen Deckels zu ihm hoch wehte, war der Gruß, auf den er wartete. Der Gruß von ihr, seiner Tochter, der er nur so noch nahe sein konnte. Ausgekostet hat er ihn, bis nichts mehr vorhanden war, verweht in den Himmel dort oben, blau, wolkenverhangen, voller Schnee oder Regen. Eine Weile später ist der Gegenzug gekommen, von Süd nach Nord. Wieder ein Rumpeln und dann der ersehnte Luftzug, der zweite Gruß, der ihn mit ihr verband, jeden Sonntag.
Ja, hier ist es gewesen. Mit geschlossenen Augen saß sie an ihrem Tisch, und ihr war, als sehe sie ihn, diesen Deckel, und als spüre sie ihn nun, diesen Luftzug, den die vorüberfahrende Bahn erzeugte. Und sie sah die hagere Gestalt des Vaters, die an dieser Hauswand auf der Chausseestraße lehnte, schräg gegenüber dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Den eisernen Deckel gab es immer noch, und immer noch fuhren die U-Bahnen von Nord nach Süd und von Süd nach Nord unter ihm her. Und wenn man genau hinhörte, am besten am Sonntag - da war es stiller auf der Straße - vernahm man auch das Rumpeln von unten und spürte das Wehen. Aber heute hielten die Bahnen wieder am Naturkundemuseum und auch dem Oranienburger Tor, und der Putz an der Hauswand blätterte nicht mehr ab, sondern strahlte in hellem Beige, frisch gestrichen und einladend.
So lebendig konnte sie diese Stelle in sich erwecken. Der Vater hatte sie ihr gezeigt, als dies wieder möglich war. Sie meinte, den Schriftzug im äußeren Kreis vor sich zu sehen: Budde &Goehde Berlin S, und den fünfzackigen Stern mit dem Firmenzeichen in der Mitte, umgeben von zwei geschlossenen Kreisen und drei durchbrochenen. Wunderschön hatten sie gearbeitet, früher. Sie allerdings hatte  in den achtundzwanzig Jahren, in denen sie nicht in der Stadt gelebt hatte, nichts von diesem Ort gewusst. Dass der Vater häufig von ihrer Wohnung quer durch die Stadt zu dem Friedhof ging, den er liebte, das hatte sie gewusst, denn schon als kleines Mädchen war sie an seiner Hand neben ihm her gehüpft, wenn sie zu einem ihrer Sonntagsspaziergänge aufbrachen, nur der Vater und sie, nie mit der Mutter. Diesen Weg kannte sie gut, und sie hatte sich auf dem Friedhof zwischen den alten schiefen Grabsteinen und den steinernen  Familienbegräbnissen oft gegruselt, war aber auch fasziniert gewesen von den stillen Marmorgestalten, die dort wachten. Nie wäre sie jedoch auf den Gedanken gekommen, dass der Vater an einem der Luftschächte der U-Bahn stand, um ihr nahe zu sein, nein, das hätte sie sich bei diesem so beherrschten Mann nicht vorstellen können. An einem Tag, als sie, die zurückgekehrte Tochter, und er, der alt gewordene, langsam und gebückt gehende Mann, einen ihrer Kindheitswege spazierten – vom „Berg“ hinunter in die Mitte – hatte er ihr zögerlich davon erzählt. Nachdem sie die seit ihrer Kindheit vertrauten Grabsteine, zu denen so viele neue gekommen waren, besucht und sich eine Weile auf der Marmorumrandung einer hugenottischen Gruft ausgeruht hatten, begann er plötzlich über die Zeit zu sprechen, die der Mauerbau sie getrennt hatte. Die Augen immer noch geschlossen glaubte sie, die Wärme dieses sonnigen Frühlingstages zu spüren und die leicht zittrige Stimme ihres Vaters zu hören. Und damals hatte sie verstanden, wie einsam er sich ohne sie gefühlt, wie sehr er sie vermisst und herbei gesehnt hatte, ohne dass er dies aussprechen musste. Aber dass er jeden Sonntag zu diesem „Deckel“, wie er ihn nannte, gewallfahrt war – ja, wie eine Wallfahrt musste das gewesen sein! -, das hatte ihr doch sehr zugesetzt.  Sechsundachtzigjährig war er an jenem Frühlingstag, zugegebenermaßen immer noch gut zu Fuß, wenn auch langsam geworden, aber dennoch ein alter Mann! Und er hatte diesen Weg, von dem er ihr erzählt hatte, all die Jahre allsonntäglich gemacht, seit er so alt gewesen, wie sie es nun war, als sie dort nebeneinander auf der Grabumrandung in der Frühlingssonne saßen. Diese war ihr damals plötzlich sehr hart vorgekommen, daran erinnerte sie sich noch. Seltsam eigentlich… .
Die alte Dame öffnete fast widerwillig die Augen, als wolle sie eigentlich nicht in die Welt zurückkehren, die außerhalb ihrer selbst existierte. Die Achtzig hatte sie nun auch überschritten, und alle die Gänge und Fahrten, die sie früher durch Berlin gemacht hatte, konnte sie heute nur mehr in ihrem Kopf machen. Wenn niemand sie begleitete, war sie unsicher und fühlte sich hilflos, beinahe blind, wie sie mittlerweile war. Aber sie waren ja in ihr, alle diese Wege, sie konnte sie sich vorstellen, wozu musste sie sie noch einmal machen? Wozu? Ein tröstlicher Gedanke, der ihr die Einschränkungen durch das Alter leichter machte und ihre Zeit, die sie nicht mehr mit Lesen und kaum noch mit Klavierspielen verbringen konnte, füllte.
Heute war ihr, warum, wusste sie nicht, wieder einmal diese Stelle auf der Chausseestraße sehr nahe, an der der jahrelang Vater gehofft hatte, ihr in dem Luftstrom der U-Bahn zu begegnen. Es sei ihm immer so gewesen, als fahre sie gerade in diesem Augenblick unter ihm her und halte für einen Moment seine Hand, hatte er ihr, leicht verschämt, gestanden und sie eindringlich angeschaut, ängstlich, ob sie dies auch verstehe oder gar über ihn lache. Nur zu gut hatte sie begriffen, was in ihm vorgegangen war, und den Kopf abgewendet, damit er die Tränen, die ihr in die Augen gestiegen waren, nicht sehen konnte. Erst dann hatte sie ihn anblicken, seine Hand nehmen und sagen können: „Ja, Vater, das verstehe ich.“ „Wölkchen“, hatte er sie bei ihrem Kindernamen gerufen und mit den Fingern leicht ihre Handinnenfläche liebkost, wie er es immer getan hatte, wenn sie als kleines Mädchen einen Kummer hatte.
Hatte er ihren Schmerz gespürt, den Schmerz um den einsam älter Werdenden, dem eine Illusion so wichtig war, dass er ihr jeden Sonntag nachging? Denn das war es ja, eine Illusion, wenn er glaubte, einen Hauch von ihr in dem plötzlichen Luftstoß von unten zu spüren. Zu dieser Zeit war sie bereits lange nicht mehr in Berlin, das wusste er, also konnte sie gar nicht in einer dieser Bahnen tief unten sitzen, die er dort oben vorbeifahren spürte. Und dennoch, er fühlte sich ihr dort nahe! Das hatte sie verstanden an jenem Tag auf dem Friedhof. Und seinen Schmerz hatte sie verstanden, so gut hatte sie ihn verstanden, war es doch auch der ihrige, drüben, alle diese vielen Jahre lang, aber ohne die Illusion, ihm irgendwo oder irgendwie nahe sein zu können.

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