NRW Literatur im Netz

Christiane Höhmann - Arbeitsproben

Aus: ZEIT WIE WASSER

Mutter war tot. Weiß lag sie im Krankenhausbett, als er den Raum betrat, sie röchelte nicht mehr, lag nur da, die Hände auf der Decke.
"She passed away", der englische Ausdruck traf es am besten. Die Worte stammten von einer Ansichtskarte, die er einmal aus England bekommen hatte. Die Karte war nicht für ihn bestimmt gewesen, sie sollte an einen Oliver Stein in der Nachbarschaft gehen, aber Henry konnte sie nicht wieder hergeben. Sie zeigte einen Kirchturm mit einer alten Uhr, über deren Zifferblatt stand: "For our time is a very shadow that passeth away."
Man konnte es Mutter nicht übel nehmen, dass sie gegangen war, das sowieso nicht, dachte Henry. Und heimlich war er froh, dass es nicht zu Hause in der Badewanne passiert war.

Aus: PUPPENVATER

Als sie oben auf dem Berg in den Waldweg einbiegen, der zu Annes Haus führt, bleibt Horst stehen, wittert und knurrt dann. Plötzlich stürzt er los, reißt Anne die Leine aus der Hand und rennt zwischen den Bäumen durch. Oh Gott, bestimmt ein Reh, sie muss den Hund einfangen, bevor er sich auf das fremde Tier stürzt, und ein Jäger oder der Förster ihn erwischt. Sie wirft ihr Fahrrad auf den Weg und spurtet hinter dem Hund her in den dämmrigen Wald hinein.
Horsts Bellen entfernt sich eine Weile und bricht dann plötzlich ab. Um Anne herum ist der Wald schon fast dunkel. Sie geht langsam weiter und hält sich die Körperseite...
"Puh ...", Seitenstechen. Wo soll sie jetzt nach diesem Hundevieh suchen? Sie kann kaum noch etwas sehen.
Ein letzter, fahler Lichtstrahl geht durch die Bäume. Im Laub raschelt es, und der Weg unter ihren Füßen knackt. Was ist das? Ein merkwürdiges Geräusch, ein Schleifen, dann wieder das Rascheln von Blättern. Anne bleibt stehen und schaut angestrengt in den kleinen Abschnitt Kiefernwald hinein, der jetzt merkwürdige Schatten wirft.
"Horst, Horst", ruft sie, aber der Hund scheint zu weit weg zu sein, um sie zu hören. Als sie langsam, Schritt für Schritt weitergeht, knackt es laut unter ihren Füßen: Zweige und Blätter, beruhigt sie sich selbst. Aber was ist das für ein Geräusch hinter ihr? Läuft da jemand?
"Hallo, Hallo, ist da jemand?", ruft Anne. In diesem Moment springt vor ihr etwas aus dem Gebüsch auf den Weg, und sie wird von einem Lichtstrahl voll ins Gesicht getroffen. Anne zuckt zusammen, ihr Kopf geht zur Seite, die Augen weichen dem grellen Schein aus. Ein Schreckenslaut entfährt ihr. Als sie ihren Blick wieder auf den Weg richtet, sieht sie schemenhaft Schultern und Hosen, die kurz über dem Knie enden. Der Mann kommt auf sie zu...

PAUL

Es war genau genommen nur ein kräftiger Schlag mit der Hacke, mit der ich immer die Erde um die Pflanzen in unserem kleinen Beet an der Terrasse auflockere. Ich hatte wohl vergessen, dass ihre Rückseite aus einem abgeplatteten Eisenteil besteht, das sich dabei in seinen Hinterkopf gebohrt haben muss. Zum Glück spritzte mir nicht die ganze Terrasse voll, sonst wäre ich heute noch am Putzen.
Mein Mann, der Paul, war eigentlich kein schlechter Kerl. Er hat vor seiner Frühpensionierung immerhin zwanzig Jahre als Postbote durchgehalten, ist täglich mit dem Fahrrad seine Tour gefahren, abends kurz in die Kneipe, bevor er nach Hause kam und hat auch sonst nicht viel Ärger gemacht.
Haben Sie schon mal einen Mann gesehen, der sofort den Tisch abdeckt, kaum dass man aufgegessen hat, (manchmal zog er einem natürlich schon die Kaffeetassen unter den Händen weg und die Stuhlkissen unterm Hintern), der immer genau weiß, wo die einzelnen Sachen im Kühlschrank stehen müssen und der täglich bis zu drei Mal die Terrasse fegt oder das Wohnzimmer staubsaugt?

Aus: Stille halten

WARUM LEBEN?

"Warum leben?", ist der Titel des Buches, dessen Leihfrist abgelaufen ist. Heute will ich es verlängern lassen. Ich schaue auf die Uhr: zwanzig vor elf.
Warum lesen?, hatte ich zuerst gedacht, als ich den schmalen Band aus dem Regal zog – obwohl ich mir diese Frage noch nie gestellt habe, die andere schon. Immer wenn ich schnaufend im zweiten Stock angekommen bin, sehe ich als erstes das Schild mit der Aufschrift "Auskunft" und darunter die Bibliothekarin. Den Kopf mit der Eulenbrille schräg gestellt, versucht sie, meine Fragen zu verstehen und die Bücher aufzutreiben, die ich lesen will. Solange sie hier mit mir altert, wird keiner was von meinem Asthma erfahren, außer dem Mabuse natürlich, meinem Doc. Ich will hier nicht weg.
Nach dem Gespräch mit ihr hole ich mir eine Tasse Kaffee bei der Studentin auf der Galerie, eine Treppe tiefer, auf dem Rand der Untertasse ein gelbes Plätzchen, das nach wenigen Schritten in der überschwappenden Brühe eingeweicht ist. Der Keks ist der Grund dafür, dass ich hier meinen Kaffee trinke.
Ich blättere in den neuen Ausgaben von „Stern“ und „Emma“ und schaue nach unten, auf die große Eingangstür. Die Besucher halten sie mit dem Gesäß offen, während sie – so wie ich – stapelweise Bücher herein- und hinausbalancieren.
Einen Tag in der Woche verbringe ich in der wichtigsten Einrichtung der Stadt, und vorher sitze ich – wie jetzt auch – eine Weile auf einer Bank im Geißelschen Garten und warte darauf, dass sich die Tür öffnet – meistens scheint es Januar zu sein, der Wind pfeift durch den Mantel, mein Hintern friert am Holz fest.
Im Sommer spielen ein paar Männer auf dem Platz Boule. Ich kenne sie flüchtig, so wie man die Leute in dieser Stadt schon mal gesehen oder mit ihnen zu tun gehabt hat, vielleicht sind sie die Ehemänner von früheren Freundinnen, oder Kunden, die damals in der Apotheke eingekauft haben.
Einmal war einer dabei, den ich lange nicht gesehen hatte. Er sah aus, als habe er die ganzen Jahre woanders verbracht und sei dann so zurückgekehrt, wie er gegangen war. Lange betrachtete ich die krausen, schwarzen Haare und den jungenhaften Gesichtsausdruck, während seine Hand genau auf die kleine Kugel zielte. Er würde
mich nicht erkennen, selbst wenn er jetzt aufsähe.
Früher hatte ich lange Haare, ich trug Jeans und einen kurzen Blazer auf dem Weg zur Arbeit, an der Kaiserpfalz und am Dom vorbei, über den Marktplatz in die Gasse, die "Grube" genannt wird.
Noch zehn Minuten. Ich ziehe das zweite Buch aus dem Stapel neben mir. "Leise singende Frauen", von Wilhelm Genazino. Dreimal habe ich es gelesen.
Genazinos Erzähler erlebt nichts. Kein bahnbrechendes Ereignis verändert sein Leben, er ist weder in Unfälle oder kriminelle Taten verwickelt, noch fällt ihm ein Schwan auf den Kopf, wenn er die Straße überquert. Über seinen Tagesablauf erfährt man nichts, wenn man den Roman liest, niemand kann sagen, ob er einem Beruf nachgeht, arbeitslos oder schon in Rente ist. Und doch weiß man alles über ihn.
Genazinos Erzähler beobachtet. Tauben picken in weggeworfenen Kartons, eine Frau liest einen Brief, Penner trinken ihr erstes Bier im Park, ein Liebespaar küsst sich hinter einem Busch. Auf einer Brücke steht ein verlassenes Paar Stöckelschuhe. Der Höhepunkt des Tages, der Woche sogar, sind die Möwen, die über dem Häusermeer auffliegen, und die Brieftaube, die dem Erzähler den beringten Fuß hinstreckt, damit sie nicht mehr der vorgegebenen Bahn folgen muss.
Im Kaufhaus fällt dem Erzähler eine Geschichte ein, die von einem Jungen handelt. Paul hat seine Eltern vor der Deportation gewarnt. Er war ein Beobachter. Er fand heraus, dass die Nazis immer nachts zu den jüdischen Familien kamen, immer am Samstag, selten am Sonntag. Die Eltern und er mussten sich also nur am Wochenende in das von einem Freund angebotene, leerstehende Firmenbüro begeben, um der Deportation zu entgehen. Pauls Mutter glaubte ihm nicht. Sie und der Vater wurden in einer Samstagnacht, die Paul im Büro verbrachte, abgeholt.
Der Junge hat sie nie wiedergesehen.
An dieser Stelle des Genazino-Romans öffnet sich die Tür zur Stadtbibliothek, aber ich senke den Blick wieder in mein Buch, in dem jetzt ein Stadtstreicher einen Mülleimer inspiziert. Jeden Tag tut er das, immer denselben Mülleimer, ohne etwas zu finden.
Schließlich füllt der Erzähler, bevor der Obdachlose kommt, den Mülleimer mit Broten, die er aus den Containern vor der Schule gefischt hat. Der Penner legt die schön verpackten Brote in seine Plastiktüte, ohne eine Miene zu
verziehen. Er geht zu einer Bushaltestelle, greift in die Tüte, wickelt ein Brot aus und fängt an zu essen. Ein einziges Mal, nur an diesem Tag, gehört er zu den Leuten, die an dieser Bushaltestelle stehen und etwas verzehren – eine Bratwurst, eine Brezel oder einen Apfel.
Ich klappe den Roman zu, nehme meinen Bücherstapel auf und gehe auf die Tür zu.
Warum lesen? Das ist keine Frage, wenn man Genazino durch die Stadt folgt.
Warum leben? Das ist keine Frage, so lange ich lese.

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