NRW Literatur im Netz

Helga Streffing - Arbeitsproben

Aus: TÖDLICHE FAMILIEN

wenige Tage vor Weihnachten

Sie sah von dem Artikel auf der Seite "Aus aller Welt" auf. Den letzten Abschnitt über den royalen Nachwuchs, der erwartet wurde, hatte sie nur überflogen. Die Wettquoten auf den Namen des kleinen Prinzen interessierten sie nun wirklich nicht.
Acht Uhr! Das wusste sie, ohne auf die Armbanduhr zu schauen, gleichgültig, ob draußen blanker Sonnenschein oder beinahe totale Finsternis herrschte wie heute Morgen. Sie horchte einen Augenblick lang. Das Gurgeln der Kaffeemaschine hatte aufgehört.
Mühsam erhob sie sich vom Frühstückstisch. Bei diesem feucht-kalten Wetter machte ihr die Hüfte zu schaffen und neuerdings auch das rechte Knie. Von den Fingergelenken ganz zu schweigen. Rheuma hatte ihr Hausarzt diagnostiziert. Überlastung durch harte, körperliche Arbeit, hatte sie ihn im Geiste korrigiert. Dabei war sie erst 62. Ihre Mutter hatte noch mit über siebzig im Stall geholfen.
Seufzend füllte sie den Kaffee in die Warmhaltekanne um und lauschte auf Helmuts Schritte im Flur. Es tat sich nichts. Er war spät dran.
Sie vertiefte sich wieder in die Zeitung. Adventsfeier des örtlichen Seniorentreffs, Weihnachtsmarkt, After Work Party – die Überschriften drifteten an ihr vorbei, und der Lokalteil glitt ihr aus den Händen. Die Stille war durchdringend.
Früher hatte sie um diese Zeit den ersten Sturm des Tages bereits hinter sich, denn die Kinder mussten pünktlich zur Schule fertig gemacht werden. Aber das war Jahre her. Ihre Tochter pflegte sich mittlerweile morgens mit einem Schluck Kaffee aus der laufenden Maschine zu begnügen. Auch heute war sie wieder in allerletzter Sekunde aufgebrochen. Gudrun hatte das Anspringen ihres Kleinwagens gehört, während sie sich im Verbindungsgang ihrer Arbeitskleidung entledigte.
Viertel nach acht!
Als sie die letzten zehn gemolkenen Kühe in den Stall wieder gelassen hatte, war Helmut im Begriff gewesen, die Kälber in ihren Boxen zu tränken. Dann blieb nur noch das Abspritzen des Melkstands. Ob er wieder einmal in seiner Kammer hängengeblieben war? Was immer ihn dort festhielt - heute wäre der ideale Tag: keine dringenden Tätigkeiten auf dem Hof, das angekündigte Wetter trüb, einen Vertreter erwartete er nicht.  
Ächzend erhob Gudrun sich und schaute über den Hof. Im gleichen Augenblick rissen die tiefschwarzen Wolken auf, und der erste Lichtschimmer des Tages ließ die Umrisse des Stallgebäudes auftauchen. Aus dem fast blinden Fenster der Futterkammer drang kein Licht. Er musste auf dem Weg zum Wohnhaus sein. Gleich würde sie ihn hören.
Aber es blieb still. Beängstigend still. Der Klumpen in ihrem Magen war urplötzlich da, wurde größer und drückte auf die Eingeweide. Wie in Trance stand sie auf, schloss pflichtbewusst die Küchentür hinter sich, damit keine Wärme verloren ging, schaltete das Licht im Verbindungsgang zwischen dem Wohnhaus und den Stallungen an, stieg in die Gummistiefel und zog sich rasch die abgetragene blaue Strickjacke über.  
Die Neonröhre an der Decke der Futterkammer flackerte auf. Die feuchte Kälte kroch ihr augenblicklich in die Glieder. Knapp über Null Grad. Die unangenehmste Temperatur überhaupt. Der Milchtank glänzte, dahinter lag der Melkstand im Dunkeln. Dort war er also nicht.   
Eilig durchschritt sie den langen Gang zur Halle mit den Boxen der Kälber, die genüsslich an ihrer Milch schleckten, und fasste an die Tür seiner Kammer: abgeschlossen. Mit hämmerndem Puls rannte sie zurück, wählte die Abkürzung durch den Stall, nahm die Bewegungen der riesigen Leiber, die dumpfen Geräusche, das auf den Boden klatschende Urin kaum wahr.   
"Helmut!" Sie stand an der offenen Tür zum Melkstand. Ihre Augen mussten sich erst an das Zwielicht gewöhnen. Der Geruch der Kühe lag noch in der Luft. Warum hatte sie vorhin bloß das Licht im Vorraum nicht angeschaltet?
"Helmut? Gib Antwort!"
Zurückgehen zum Schalter? Blödsinn! Draußen wurde es von Sekunde zu Sekunde heller, sie konnte genug sehen.
Zaghaft stieg eine Stufe hinunter, dann die zweite. Ein unförmiger Schatten am Fuß der Treppe. "Schwabbelig?", schoss ihr durch den Kopf, als sie auf die Masse trat. Ihre Knie gaben nach, und sie rutschte auf die graue Gestalt.

Aus: PILGERFAHRT IN DEN TOD

Dienstag, 15. März – gegen acht Uhr morgens

"Den Gürtel auch bitte."
Der ältere Mann mit dem weißen Haarkranz sah sich unsicher um.
"Hans-Dieter, du sollst den Gürtel ablegen", mahnte die zierliche Frau hinter ihm sanft.
Umständlich löste er die Schnalle, zog den Gürtel aus den Schlaufen und legte ihn in die graue Plastikkiste zu Geldbörse, Jacke und Pillendose.
Die Kontrolleurin wirkte ungerührt. Nur ein leichtes Zucken um den Mund verriet ihre Ungeduld. Mit einer knappen Handbewegung wies sie auf den metallenen Durchgang, wo ihre Kollegen in Warteposition standen.
"Mein Mann hat einen Herzschrittmacher," warf die Frau mit erhobener Stimme ein.
"Dann kommen´s hier herüber!" Ein Beamter mit Detektor in der Hand winkte den Mann zu sich. Der bayrische Akzent milderte den barschen Tonfall nur wenig.
Hannah meinte ein Aufatmen hinter sich zu spüren. Endlich ging es voran. Zügig ließ Hans-Dieters Ehefrau ihre Windjacke und eine größere Handtasche zur Durchleuchtung in der Röhre verschwinden.
Hannah war als Nächste an der Reihe. Konzentriert verstaute sie ihre Sachen in eine der Kisten.
Ein piependes Signal ertönte. Der Beamte wies mit seinem Suchgerät auf Hans-Dieters Füße. "Ausziehen."
"Was denn?"
"Ja mei, die Schuhe." Ächzend bückte sich der alte Mann.
"Immer das gleiche Theater mit den Metall-Nieten an den Wanderschuhen", murmelte eine Reisende ergeben und ging unbehelligt unter dem Tor hindurch.
Mittlerweile barfuß und mit rutschender Hose schaute Hans-Dieter zu, wie die Beamtin am Ende des Fließbands die Handtasche seiner Ehefrau einer intensiven Kontrolle unterzog und eine Sprühdose herausfischte.
"Mein Haarspray! Das brauche ich doch."
Unwillkürlich ging Hannahs Blick zur silbernen Haarpracht der Frau.
"Nicht erlaubt an Bord. Haben Sie die Bestimmungen nicht gelesen?"
Mit hochrotem Kopf griff die ältere Dame zu ihrer Tasche und murmelte Entschuldigungen. Mit Schweißperlen auf der Stirn nahm ihr Ehemann sie in Empfang. Seufzend hob er seine Schuhe vom Band und bückte sich, um die Schuhbänder zu schnüren. Beim Aufrichten wankte er leicht. Jan war augenblicklich zur Stelle und stützte ihn.
"Danke, junger Mann", seufzte Hans-Dieter und hakte sich bei seiner Frau unter.
"Muss man die alten Leute so vorführen?", empörte sich jemand im Hintergrund.
"Seien Sie froh. Die El-Al ist die sicherste Fluglinie der Welt. Das geschieht alles nur zu unserem Schutz." Die Stimme des Mannes hinter Hannah klang belehrend. "In den Schuhsohlen kann eine Bombe versteckt sein und in der Haarspraydose Flüssigsprengstoff. Ist doch allseits bekannt."
Hannah schlüpfte ohne jegliche Verzögerungen durch die Kontrolle. Sie war erleichtert. Das hatte sie schon mal hinter sich.

Aus: TOD IM GOLDDORF

Mittwoch, 5. Juni

Um Punkt halb zehn schaltete sie vorschriftsmäßig die Nachtbeleuchtung über den Zapfsäulen ein und trat hinter dem Verkaufstresen hervor. Sie hätte schon früher schließen können, denn nach neun hatte sich kein Kunde mehr blicken lassen. Aber sie war pflichtbewusst.
Jeden Abend, wenn es auf den Dienstschluss zuging, verwandelte sie sich in ein nervliches Wrack, zittrig in den Knien, flau im Magen. Jedes noch so winzige Geräusch schickte sie in die Hölle. Mit dem Schlüsselbund in der Hand bewegte sie sich an den Ständern mit Zeitschriften und Süßigkeiten entlang auf die gläserne Tür zu.
Er war da! Die grauenhafte Zeit des Wartens war vorbei. Nun würde alles ganz schnell gehen.
Die Tür öffnete sich, und er betrat den Shop. Genauso hatte Hajo, ihr Chef, ihn beschrieben: mittelgroß, kräftige, gedrungene Figur, dunkle verwaschene Jeans, unförmiges schwarzes Sweatshirt mit Kapuze, Turnschuhe, eine schwarze Skimütze mit Schlitzen für Augen und Mund, Handschuhe und die Pistole. Dunkel-glänzend in seiner rechten Hand!
Nach einer Minute Herzrasen beruhigte sich ihr Puls. Ihr würde nichts passieren! Hajo war bei den beiden vorangegangenen Überfällen ungeschoren davon gekommen. Der Typ brauchte lediglich wieder Geld.
Eine unmissverständliche Bewegung mit der Pistole trieb sie zur Kasse. Das Geschäft war gut gewesen, weil das lange Wochenende mit dem Feiertag bevorstand. Die Leute wollten Ausflüge machen. Der Wetterbericht verhieß endlich wärmere Temperaturen, und so hatten sie nach Feierabend ausreichend getankt. Zeitweilig hatten sich sogar Fahrzeugschlangen gebildet.
Kein Ton von ihm. Sein Atem ging hörbar. Er war nervös. Dabei hatte er doch Routine! Mehrfach blickte er nach draußen, aber im fahlen Licht an den Tanksäulen tat sich nichts. Keine Falle – er hatte nichts zu befürchten. Dabei hatte sie Hajo angefleht, endlich etwas zu unternehmen.
Sie stapelte die Geldscheine zu einem ansehnlichen Bündel. Die Mündung der Pistole zeigte die ganze Zeit über auf sie. Ob die überhaupt echt war? Sie sah makellos aus, ohne jeglichen Kratzer oder Delle, eher wie ein Spielzeug oder eine Attrappe.
Die Bewegung war unzweideutig. Sie reichte ihm das Geld. Was nun kommen würde, wusste sie. Zuerst verschwanden die Scheine in seiner Hosentasche, dann er selbst aus dem Laden. Die Tür fiel mit einem Klick ins Schloss. Der Spuk war vorbei.
Sie musste sich setzen. Es dauerte, bis sie die Polizei alarmieren konnte.

Aus: TOD IM KLOSTER-INTERNAT

Montag, 29. März

"Willst du eigentlich den ganzen Tag im Bett verbringen?"
Sie klang unbeherrscht. Das wusste sie, und sie hasste sich dafür. Aber die Wut brodelte schon den ganzen Tag über in ihr. Zur Mittagszeit hatte sie sich noch mit Mühe zusammenreißen können. Sie hatte sogar versucht, rücksichtsvoll zu sein, um Nina nicht zu wecken, war direkt von der Lernstunde zum Badminton gefahren und hatte den angesammelten Zorn ihrer Spielpartnerin um die Ohren gedroschen.
Es kochte schon wieder über in ihr! Sie schleuderte Sporttasche und Badminton-Schläger auf ihr Bett.
"In einer halben Stunde gibt es Abendessen. Was glaubst du, was die Meulenbach für einen Zauber macht, wenn sie herausfindet, dass du heute überhaupt noch nicht aufgestanden bist. Du hast genau gewusst, dass sie heute diesen Termin in Münster hat. Das hast du gnadenlos ausgenutzt für einen faulen Tag. Gib es zu!"
Nichts! Keine Reaktion von Nina. Das konnte sie meisterhaft: Andere einfach auflaufen lassen.
Sie riss den Reißverschluss der Tasche auf, nahm das zusammengeknüllte Sportzeug heraus und warf es auf den Boden zu dem Haufen mit Schmutzwäsche. Sie musste unbedingt daran denken, noch heute zur Waschküche zu gehen. Sonst würden die verschwitzten Teile wieder einmal tagelang vor sich hin müffeln und die Luft verpesten. Sie kannte sich nur zu gut.
Nina rührte sich immer noch nicht. Sie hatte sich zur Wand gedreht und die Bettdecke halb über den Kopf gezogen. Mal wieder typisch! Sie sperrte die Welt aus. Dabei hatte sie gestern Abend noch so zufrieden gewirkt, geradezu heiter. Sie hatten noch endlos lange zusammen gealbert und gelacht.
"Hast du mal darüber nachgedacht, dass sämtliche Lehrer im Moment nichts Besseres zu tun haben als Stoff für die Prüfungen zu wiederholen? Du wirst in Teufels Küche kommen, wenn du das alles verpasst. Verlass dich bloß nicht auf mich. Mogelei in den Abschlussprüfungen ist nicht drin. Das ist mir einfach zu riskant."
Einen Moment lang grummelte es in ihrem Magen. Sie war zwar ein Prüfungstyp, aber sicher konnte man sich ja nie sein. Es gab durchaus Lehrer, die nicht gerade einen Faible für sie hatten.
Allmählich verrauchte ihre Wut. Es war sinnlos. Sie hatte noch nie etwas bewirkt, wenn Nina in diesem Stadium war. An Ninas Bett stehend sah sie nichts als die langen Haare, die über ihr Gesicht ausgebreitet waren.
"Nina, steh endlich auf! Bitte."
Sanft schob sie den dunklen Haarfächer zur Seite. Ihr Schrei wollte nicht enden.

Aus: TOD IM KOLLEGIUM

Samstag, 24.10.

Als das Telefon klingelte, hatte die hereinbrechende Dunkelheit alle Einrichtungsgegenstände mit einem grau-schwarzen Schimmer umhüllt. Sämtliche anderen Farben waren verblasst. Wie lange sie schon regungslos in ihrem Sessel gesessen hatte, konnte sie nicht mehr rekapitulieren. Wahrscheinlich Stunden.
Am Morgen hatte sie die notwendigsten Handgriffe im Haushalt erledigt, eingekauft, etwas gegessen. Irgendwann waren die Gedanken an die vergangene Woche aufgebraucht gewesen und dahinter hatte nur noch das Nichts gelauert. Die Umstellung auf die Winterzeit würde diesem Wochenende eine weitere unwillkommene Stunde hinzufügen.
Das Klingeln war so laut, dass es den ganzen Raum erfüllte und sie zur Bewegung zwang, ohne dass sie eine willentliche Entscheidung treffen musste. Ein kurzer Blick auf ihre Armbanduhr brachte sie in die zeitliche Wirklichkeit zurück: 17.50 Uhr.
"Hannah Schmielink."
"Guten Abend, Frau Schmielink – Kripo Münster, Kommissar Heidmeier am Apparat. Entschuldigen Sie die Störung, aber Sie haben Notfalldienst heute?"
"Ja, das stimmt. Was gibt es?" Sie hörte, dass ihre Stimme die Trägheit noch nicht vollständig abgelegt hatte.
Sein Gesicht war ihr sofort präsent. Der Name Heidmeier kam bei der Kripo Münster sicherlich nicht zwei Mal vor. Zwar erkannte sie seine Stimme am Telefon nicht, aber sie musste ihm schon begegnet sein. Vor zwei Jahren in Havixbeck.
Es dauerte nur einen Moment und sie hatte das Grauen der Situation wieder vor Augen: zwei Schülerinnen einer dortigen Realschule waren beim Rollerskaten von einem Geländewagen erfasst worden. Die beiden Freundinnen waren sofort tot gewesen. Die Fahrerin hatte Unfallflucht begangen. Hannah hatte Heidmeier im Zuge seiner Ermittlungen getroffen. Er war irgendwie düster und wenig gesprächig gewesen – aber sehr professionell. Der Fall hatte sich dann polizeilich schnell erledigt, weil die Unfallfahrerin sich doch noch der Polizei gestellt hatte, aber Hannah hatte an der Schule noch eine ganze Weile zu tun gehabt.
Vor knapp einem Jahr hatte sie sein Foto in der Zeitung gesehen: er gehörte zu den ermittelnden Beamten nach einem Amoklauf in Emsdetten. Sämtliche Kollegen von der Schulberatungsstelle in Münster waren dort im Einsatz gewesen. Lediglich Hannah hatte sich nur durch die Medien mit der albtraumhaften Szenerie vertraut gemacht, weil sie damals wegen Steffen noch nicht wieder im Dienst gewesen war.
Hannah realisierte, dass seit ein paar Sekunden Stille am anderen Ende der Leitung herrschte. Heidmeier hatte weiter geredet, während sie gedanklich völlig abgedriftet war.
"Entschuldigen Sie, aber könnten Sie noch mal wiederholen, was Sie gesagt haben? Ich habe nicht alles mitbekommen."
"Alles in Ordnung bei Ihnen?" Er wunderte sich zu Recht. Sie musste jetzt augenblicklich eine plausible Erklärung anbieten und sich konzentrieren.
"Ja, aber Sie haben mich eben aus dem Tiefschlaf geholt. Ich war noch nicht ganz wach. Tut mir leid."
Es folgte ein weiterer Moment irritierter Stille, bis er sich anscheinend entschloss, sein Anliegen noch einmal vorzutragen.
"Heute Nachmittag wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden, hier in Münster, in der Querstraße. Diese junge Frau, Daniela Heckert, ist Lehrerin – an einem Berufskolleg. Wir sind der Meinung, das könnte ein Fall für Sie sein – wahrscheinlich ist übermorgen die ganze Schule hysterisch und Ihre Hilfe könnte vonnöten sein. Ich habe mit dem Schulleiter schon kurz gesprochen. Er würde gern mit Ihnen morgen durchgehen, wie man am Montag das Schlimmste verhindern kann."
Jetzt war Hannah voll da. Sie war schon mehrmals als Notfallseelsorgerin in Situationen von plötzlichen Todesfällen an Schulen eingesetzt gewesen: bei Unfällen, tödlichen Erkrankungen von Lehrern oder Schülern, aber noch nie bei einem Mordfall.
Sie erfragte nähere Einzelheiten. Das Gespräch mit dem Schulleiter sollte morgen um zehn Uhr stattfinden. Sonntags würde die Fahrt sicher nicht länger als eine Dreiviertelstunde dauern.
"Ich hoffe, Ihre Sonntagsplanung gerät nicht zu sehr durcheinander." Sie hatte schon wieder ein Schweigen überhört.
"Äh, nein … kein Problem. Dafür ist der Notfalldienst ja da." Er musste sie für eine Trantüte halten. Vermutlich ging es ihm nur um ein Mindestmaß an Verbindlichkeit. "Danke für den Anruf. Dann auf Wiederhören." Mein Gott, wie floskelhaft sie sich anhörte.

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