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Evelyn Barenbrügge - Arbeitsproben

ABSPRUNG

Gut gelaunt verlasse ich am Freitagmorgen das Haus, hole den Wagen aus der Tiefgarage und biege in die Bundesstraße ein. Voller Vorfreude auf das bevorstehende Wochenende pfeife ich leise zu meiner Lieblingsmusik aus dem Radio, trommele den Rhythmus auf das Lenkrad.
Unvermittelt rammt ein entgegenkommendes Auto meinen Wagen, der mehrmals um die eigene Achse schleudert. Erschrocken umklammert meine linke Hand das Lenkrad, versucht die rechte herunterzuschalten, treten meine Füße auf Bremse und Kupplung. Nach einem markerschütternden Knall fliegen Glassplitter ins Innere, Stahl kreischt und verdreht sich. Schrauben reißen ab und Schweißnähte bersten, Streben brechen, Metall verformt sich. Meine Knochen verbiegen, zersplittern, bohren ihre Spitzen in die Muskeln, bringen die Adern zum Platzen. Blut pulst ungehindert ins Gewebe. In unnatürlicher Lage stehen die Oberschenkel zwischen Hüfte und Kniegelenken, die Füße sind eingeklemmt, die Haut zum Zerfetzen gespannt.
Ich bin bewegunslos. Blut tropft aus meiner Nase, kalte Angst kriecht in meinen Kopf, erobert meinen Geist, lähmt mein Denken. Es ist still, unüberhörbar still. Ich gleite in diese Stille. Eiseskälte greift mit gierigen Fingern nach meinem Herz, lässt mich am ganzen Leib zittern.

Aus: ATEMLOS

Nach der Landung in Kapstadt empfängt mich warme Luft, als ich das Flughafengebäude verlasse. Der lange Flug steckt mir in den Knochen, doch mein Gehirn denkt noch europäisch. Meine Freunde begrüßen mich stürmisch, Labradormischling Alex legt seine Pfoten auf meine Schultern, umarmt mich hündisch, leckt mir durchs Gesicht. Ich freue mich, endlich im Land meiner Träume zu sein, sehne mich nach guten Gesprächen, giere nach einer Nacht erholsamen Schlafes.
In den nächsten Tagen stürmt eine Menge Neues auf mich ein: vom Buchungsprogramm für die Lodge, den Verbindungen zu den einzelnen Vermittlungsstellen der Touristinformation, dem Stromzähler, der über so viel Guthaben verfügt, dass es für Monate reicht, über das Kennenlernen der Nachbarn, von deren Alarmanlage, den Telefonnummern des Sicherheitsdienstes, der Polizeistation, der Ambulanz und dem Maulwurfjäger bis zum Servicemanager für den Swimmingpool. Mir raucht der Kopf.
"Professorin erlebt Schreckensnacht hinter Gittern", springt mir eine Schlagzeile der Cape Times ins Auge.

HÄSSLICHE BEGEGNUNG

"Still, keinen Mucks", zischte Ben, mein Tourguide. Niemand zuckte mit der Wimper. Mit ängstlicher Zurückhaltung und voller Respekt betrachteten wir das Tier, das mitten auf der Motorhaube Platz genommen hatte und uns mit steil aufgerichteten Nackenhaaren aus blitzenden Augen belauerte.
So eine Gelegenheit bekommst du kein zweites Mal. Automatisch griff meine Hand zur Kamera.
Bist du von allen guten Geistern verlassen?, schrie mein Verstand, du kannst doch jetzt kein Foto machen. Eine Bewegung, und du hast die Bestie am Hals, dann machst du gar nichts mehr. Nicht einmal ein Foto.
Mein Augenlid zuckte nervös.

STREIFZUG

Stocksteif liege ich in meinem Bett, wage nicht, mich zu rühren. Angst benebelt meine Sinne, nistet sich in meinem Kopf ein. Verzweifelt will ich die möglichen Folgen meines nächtlichen Streifzugs aus meinem Denken verbannen, meine Fantasie zügeln, meine wilden Spekulationen unterdrücken: alles gebrochen!, schreit mein Verstand, alles in Ordnung, hofft mein Gefühl. Feiner Schweiß steht mir auf der Stirn, meine feuchten Hände streichen nervös über die Decke, ich werfe einen verstohlenen Blick auf die Uhr: 9.25 Uhr.
Noch fünf Minuten. Ich habe eine Scheißangst. Fieberhaft versuche ich, mein rechtes Bein zu bewegen, höllische Schmerzen fahren mir durch das Rückenmark ins Hirn, von der Hüfte bis zum Zeh rührt sich kein Millimeter. Zumindest ist es nicht tot.
Ich hebe die Bettdecke, blicke auf mein linkes Bein, das leblos daliegt, fremd, gespickt mit dem edelsten Metall, hängt es an mir, spüre ich es nicht, nicht mehr. Gestern bestand noch ein Funken Hoffnung, gestern glaubte ich an eine glückliche Zukunft.

Aus: LAUTLOS

"Wissen Sie, mein Mann war ein Schwein. Sie glauben mir nicht? Sehen Sie sich meinen blau verfärbten Arm an. Und hier", die Frau schiebt ihren Pullover ein Stück nach oben, deutet auf die Striemen, "auch das war mein Mann. Mit einem Besenstiel!" Sie zieht den Pulli herunter. "Aus Liebe würde er mich schlagen, hat er gesagt. Dabei war er lieb und nett, höflich und rücksichtsvoll, humorvoll und charmant, zuvorkommend und gefühlvoll. Bis zu unserer Hochzeit vor sieben Jahren. Als hätte er mit dem Ehering das Recht auf Brutalität erworben, brachte er mir seitdem zahlreiche blaue Flecke und Knochenbrüche bei." Die Frau zieht den Rollkragen herunter. "Gestern ist er definitiv zu weit gegangen. Sehen Sie die Würgemale an meinem Hals? Ich bekam keine Luft, sah schwarze Punkte vor meinen Augen flimmern. Aber ich wollte nicht sterben, jetzt noch nicht. Also habe ich zum Messer gegriffen, das hier auf dem Küchentresen lag. Ein chinesisches Tranchiermesser aus Keramik, extrascharf. Ich stieß es ihm seitlich ...

Aus: LEERES VERSPRECHEN

Vieles wird nicht gewagt,
weil es schwer erscheint;
vieles erscheint nur dann schwer,
weil es nicht gewagt wird.
Wenzel Anton Kaunitz

Prolog

Die Vögel schwiegen. Die Schwalben flogen dicht über dem Erdboden und suchten Nahrung. Schatten huschten am Haus vorbei. Lichtkringel tanzten unter den Büschen.
"Ich fürchte mich!" Marie drängte sich neben ihren Bruder und starrte mit ihrer Familie aus dem Fenster des Kötterhauses.
"Hab keine Angst." Kasper legte einen Arm um die Schulter seiner Schwester. "Die Dunkelheit ist unheimlich, aber nichts Schlimmes."
Markus, der Jüngste, klammerte sich mit seinen schmutzigen Fingern an die Schürze der Mutter, Achim stand reglos beim Vater.
"Abt Engelbert hat vor einiger Zeit eine Sonnenfinsternis angekündigt."
Bleifarbenes Licht verschärfte die Schatten. Die Blumen schlossen ihre Blüten, ihre Farben verblassten.
"Welches Unglück kommt über uns?" Agnes Baumann umschloss den runden Stein an der Lederschnur um ihren Hals und drückte ihre Hand mit dem Amulett an die Brust. "Das Sonnenlicht verschwindet mitten am Tag. Das bringt Unheil."
"Es ist ein Naturschauspiel, weiter nichts", wandte Kasper ein. "Der Mond verdeckt auf seinem Weg um die Erde für ein paar Minuten die Sonne, darum ist es bei uns düster. Das geschieht zu allen Zeiten an den unterschiedlichsten Orten der Welt."
Die Dunkelheit senkte sich mit jeder Sekunde tiefer herab.
"Sieh dir dieses Licht an! Die Dämmerung schluckt die Schatten. Warum schweigen die Vögel? Wieso höre ich das Vieh nicht schnauben? Die Tiere gelten als Boten für bevorstehende Katastrophen."
"Nein, Vater, den Mönchen liegen Aufzeichnungen aus vielen Jahrhunderten vor. Ängstliche, unwissende Menschen reden dieses Unheil herbei." Kasper atmete hörbar ein, blickte seine Eltern und jüngeren Geschwister beschwörend an. "Abt Engelbert sagt die Wahrheit!"
"In dieser Hinsicht traue ich ihm nicht." Der Vater schüttelte energisch den Kopf. "Mein Großvater erzählte mir, dass eine Sonnenfinsternis Unglück bringt. Einen Krieg, eine Missernte, eine Hungersnot oder Schlimmeres. Seinen Erfahrungen vertraue ich."
Es war Mittag. Finsternis lag über dem Land.
Großvater fehlte das Wissen, dachte Kasper, aber er hütete sich, seinem Vater zu widersprechen.
"Krieg und Hungersnot liegen hinter uns. Was beschert uns die Sonnenfinsternis? Dürre? Sturm? Seuchen?"
Schweigend wich der Junge dem ängstlichen Blick seiner Mutter aus.
"Seht, dort!" Marie zeigte auf den orangegelb und rot leuchtenden Himmel am Horizont, der im Zenit tiefblau erschien. Um die Sonne strahlte ein gleißender Kranz, der zu einem schmalen Lichtfaden dahinschmolz. Schwärze überzog das Firmament, sog alle Farben auf.
Marie ließ ihren Arm sinken. Achim starrte mit aufgerissenen Augen aus dem Fenster, Markus verbarg sein Gesicht in der Schürze der Mutter, diese streckte ihr Amulett gegen die Dunkelheit und murmelte unverständliche Worte, der Vater stützte sich auf eine Stuhllehne während Kasper fasziniert das Schauspiel bewunderte, das die Natur ihnen bot.
Der Zeitenwurm wand sich zäh durch das Universum. Stunden schienen vergangen zu sein, als der Himmelskörper zögernd aus der Schwärze hervortrat, gleißende Helligkeit zur Erde sandte. Lichtblitze löschten die Finsternis, wärmende Sonnenstrahlen leckten die Kälte auf. Die Schatten verschwanden. Die Vögel zwitscherten. Die Blütenkelche öffneten sich.
Marie lachte befreit.

TEIL 1

Wird beschwerlich auch die Reise,
schau ich trotzdem nicht zurück.
Hinter mir entschwindet leise
alte Heimat, ohne Glück.


Neues soll das Blatt nun wenden,
hinter mir, was ich geliebt.
Will die Reise dort beenden,
wo das Leben Zukunft gibt.

Hendrik Martin Eißler

 

Georg Baumann lief im Morgengrauen des 24. April 1764 den gewundenen Weg zur Wassermühle hinunter. Kasper, sein ältester Sohn folgte ihm unbemerkt. Nebelschwaden tanzten über den Feldern und Tau benetzte nach kurzer Zeit ihr Haar. Der Vierzehnjährige blickte wiederholt hinter sich, durchdrang mit seinen Augen das unheimliche Dämmerlicht, misstraute jedem harmlosen Schatten, verscheuchte Gedanken an lichtscheue Gestalten. Seine Neugierde behielt, trotz des Unbehagens, wie gewöhnlich die Oberhand. Er krempelte mit vor Kälte zitternden Fingern den Kragen auf und zerrte an der Jacke, wollte sie fester vor der Brust schließen, doch die kühle Luft drang durch die vielen Löcher.
Der Vater trug einen knorrigen, starken Ast, mit dem er heute an die Bäume schlagen und Tiere aufscheuchen würde, sonst benutzte er ihn als Wanderstab, der Griff glänzte vom Schweiß seiner Hände. Männer kamen aus allen Himmelsrichtungen aus dem Zwielicht und eilten zur alten Mühle. Dort erwarteten sie die gräflichen Jagdaufseher mit ihren Hunden.
Kasper prüfte die Umgebung. Sie durften ihn nicht entdecken. Das sicherste Versteck bot der bis zu seiner Brust reichende undurchdringliche Nebel, der über die Bigge hinauswaberte, die früher die Wassermühle angetrieben hatte und heute nur noch die Landschaft teilte. Dichte Wälder säumten die vor ihm liegenden Ackerflächen, aus denen die ersten zarten Spitzen des Winterweizens sprossen. Kasper verschwand im Nebel, suchte sich einen geschützten Platz am brüchigen Gemäuer, von dem aus er das Treiben auf dem Feld sehen konnte und einen uneingeschränkten Blick auf den Waldrand hatte.
"Bildet zwei Gruppen! Auf mein Signal geht ihr in den Wald, schwärmt zwischen den Bäumen aus und scheucht die Tiere auf die Mühle zu!", hörte Kasper die dunkle, befehlsgewohnte Stimme des Verwalters der von Fürstenbergs. "Macht ordentlich Lärm!"
Die Männer liefen mit gesenkten Köpfen davon. Die Sonne blinzelte über den Horizont, als ein hoher Pfeifton ertönte. Kasper wusste, dass die Treiber jetzt von beiden Seiten in das Waldstück eindrangen.
Gedämpftes Krachen klang aus dem Forst, wenn sie mit ihren Stöcken an die Baumstämme schlugen, Rufe hallten in der kühlen Morgenluft, trockene Zweige knackten, Laub raschelte, verschreckte Tiere suchten das Weite, das Rätschen des Eichelhähers ging im Lärm am Boden unter. Der erste Schuss peitschte durch die Luft.
Kasper zuckte zusammen. Er horchte mit klopfendem Herzen auf das Schlagen der Stöcke, sah die Rösser mit ihren Hufen Erdklumpen in die Luft schleudern, hörte die Jäger johlen. Schüsse knallten, ließen den Jungen erzittern. Diener trugen das erlegte Wildbret aufs Feld. Kräftige Wildschweine lagerten dicht an schlanken Rehen, bunte Fasane ruhten bei tristen Rebhühnern und Feldhasen lagen ausgestreckt neben ihrem ärgsten Feind, dem Rotfuchs. Jeder Treffer verlängerte die Strecke.
Unsere Familie hätte mit diesem Fleisch den letzten Winter ohne nagenden Hunger überstanden, dachte Kasper und sein Magen knurrte zustimmend.
Unvermittelt ertönte das Halali. Die Jagd war beendet.
Kasper verließ sein Versteck, duckte sich in den Nebel, lief zum Wegesrand, suchte hinter einem Baum Deckung und blickte fassungslos über die Felder. Aufgeworfene Erdbrocken bedeckten die in den Boden gestampften Triebe des Winterweizens. Die Reiter hatten die Äcker umgepflügt, die Ernte vernichtet.
Das triumphierende Lachen der Jagdgesellschaft knallte wie ein Peitschenhieb auf Kaspers Trommelfell, schien es zu zerfetzten und er presste vor dem unerträglichen Schmerz die Hände auf die Ohren. Diese Menschen hatten kein Gespür für die Not der Bauern.
Die Treiber traten aus dem Gehölz und Kasper sah das zerfurchte Gesicht seines Vaters vor Zorn rot anlaufen, starrte auf die geballten Fäuste.
"Das war eine erfolgreiche Jagd. Schafft die Beute zur Burg!"
Der Aufseher wies auf ein paar Männer, der Burgherr preschte mit der Jagdgesellschaft im Galopp davon.
Kasper kam zögernd aus seinem Versteck.
"Was willst du hier?" Sein Vater blickte ihn überrascht an.
"Siehst du, was die Jäger auf den Feldern angerichtet haben? Ohne Rücksicht!", entgegnete Kasper.
"Eine verirrte Kugel hätte dich treffen können. Warum bringst du dich ständig in Gefahr?" Sein Vater legte ihm eine Hand auf die Schulter.
"Ich", stotterte er, schluckte und murmelte: "Daran habe ich nicht gedacht."
"Du hast bei einer Treibjagd nichts zu suchen. Merk dir das!"
"Ja, Vater", sagte Kasper kleinlaut. "Was passiert jetzt mit den abgeschlachteten Tieren?"
"Die Fürsten feiern heute Abend ein rauschendes Fest, schlagen sich die Bäuche voll, schmeißen die Reste ihren Hunden zum Fraß vor, während wir unsere dünne Suppe mit einer Brotkruste aufsaugen."
"Können wir nichts dagegen unternehmen?"
"Nein, Junge, lass uns nach Hause gehen."
Sie erreichten mittags den Kötterhof, der Vater grollend, Kasper angefüllt mit seinen Erlebnissen, die er beim Essen zum Besten gab.
"Hast du keine Angst gehabt, dass dich eine Kugel erwischt?", lispelte Markus durch seine Zahnlücke, schaute den Bruder mit großen braunen Augen an und löffelte mechanisch seine Suppe.
"Na ja, ich habe nicht darüber nachgedacht", murmelte Kasper, "ich lag an der alten Mühle im Nebel und die Jäger schossen in den Wald."
"Warst du in Gefahr?" Marie blickte ihren Vater beunruhigt an.
Er reagierte nicht.
"Vater?" Enttäuscht sah sie zu ihrer Mutter.
"Lass deinen Vater zufrieden! Er ist müde", unwirsch schaute die Mutter sie an. Marie duckte sich, schob eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht und aß weiter.
"Wieso zertrampeln sie unsere Äcker? Warum erschießen sie so viele Tiere? Es ist so sinnlos", schimpfte Achim.
"Sie tun es zum Vergnügen", sagte sein Vater in das Schweigen.
Komm du nach Hause, Freundchen, dann kannst du was erleben!" Agnes Baumann stand am späten Nachmittag in der Tür des Kötterhauses am Stadtrand von Attendorn, stemmte ihre Hände in die Hüften, blickte den Weg hinunter und schob ärgerlich eine blonde Haarsträhne hinters Ohr. Kasper war nicht zu sehen. Aus dem angrenzenden Stall drangen hungriges Quieken und Grunzen. Ihr Ältester hatte sich wieder einmal vor der Arbeit gedrückt. Sie stapfte hinein.
Die Frühlingssonne malte durch die geöffnete Tür Schatten auf die dunklen Wände, feine Staubkörnchen tanzten ausgelassen in ihrer Wärme, ließen ihre Strahlen glitzern. Agnes Baumann achtete nicht darauf, wischte ihre Hände an der schmutzigen Schürze ab und herrschte ihre Tochter an: "Los, geh in den Stall und füttere die Schweine!"
Marie ließ erschrocken die Steckrübe in die Schüssel fallen und das Messer sinken. "Das ist Kaspers Aufgabe!", protestierte sie.
"Keine Widerrede! Die Tiere müssen versorgt sein, bevor euer Vater vom Feld kommt!" Sie wandte sich Markus zu. "Dein Bruder treibt sich bestimmt bei den Mönchen herum. Hol ihn auf der Stelle!"
Der Junge gab Fersengeld.
Marie stellte die Schüssel mit den geschälten Steckrüben auf den Boden, steckte das Messer hinein und raffte die Schürze mit den Schalen zusammen. Sie verließ murrend die Küche durch die hintere Tür, gelangte in einen schmalen Raum vor dem Stall und griff energisch nach dem Eimer.
"Ich bin gespannt, was du heute für eine Ausrede hast, Kasper", schimpfte sie und schüttelte den Abfall auf den Futterberg. Der Saft der Rüben hatte feuchte Flecken in ihrem schmutzigen Kittel hinterlassen. Wütend tauchte sie den Kübel in das Schweinefutter, schüttete die Rübenschnipsel in den Trog und goss Wasser darüber. Die Schweine drängten grunzend heran. Eingehüllt in eine stinkende Wolke stießen sie ihre Rüssel ins Futter. Marie schaute dem Treiben zu, stellte den Eimer neben den Schweinetrog und warf noch einen Blick auf die wiederkäuenden Kühe. Sie verließ den Stall durch den Hinterausgang.
Der sechsjährige Markus kletterte über das Gatter hinter dem Haus und flitzte über die Weide. Er achtete nicht auf die blühenden Blumen, sah im Geiste lauter Schnecken und Käfer. Der drohende Ton der Mutter hatte ihn veranlasst, die Abkürzung über die Kuhweide zu nehmen.
Ich hoffe, du bekommst eine fette Abreibung, Kasper, dachte Markus. Er prüfte, ob ihm die Kühe von Bauer Jakob in die Quere kommen konnten. Sie grasten am Ende der Wiese. Erleichtert stieg er über den Zaun. Die Klostermauern ragten vor ihm in den wolkenlosen Himmel, der gelbe Sandstein leuchtete in der Sonne und die dunkle Pforte stach aus der Mauer wie das Maul eines Ungeheuers.
Markus stand kurz darauf außer Atem vor dem Tor und starrte zu dem schweren für ihn unerreichbaren Türklopfer hinauf. Er überlegte verzweifelt, wie er sich bemerkbar machen konnte. Seine Rufe hörte niemand, das wusste er. Neben dem Pfeiler entdeckte er einen Stab mit einer kurzen Astgabel. Er packte das Holz mit beiden Händen, schob das obere Ende unter den Eisenring, drückte den Stab mit aller Kraft nach oben, der Ring tanzte für einen Moment auf der Gabel, dann entglitt ihm der Stock. Das Eisen schlug gegen die Pforte. An der Seite der Tür öffnete sich eine kleine Luke.
"Was willst du?", fragte Bruder Matthias.
"Ist Kasper hier?" Markus schnaufte atemlos, stützte seine Hände auf die Knie. Das braune Haar klebte an seiner Stirn, ein feiner Schweißtropfen lief an seiner Schläfe herab, tropfte in den Straßenstaub und hinterließ einen dunklen Fleck.
"Er ist bei Bruder Lukas im Garten. Komm herein."
Markus nickte. Er stellte den Stab zurück an den Torpfosten.
"Du kennst dich aus, nicht wahr? Ich muss das Abendessen zubereiten", sagte der Mönch und watschelte in die Küche.
Markus flößten die hohen Mauern und die wuchtigen Gebäude erneut gehörigen Respekt ein. Ihm war dieser Ort unheimlich. Er verstand nicht, was seinen Bruder hierher zog.

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