NRW Literatur im Netz

Jürgen Nendza - Arbeitsproben

Aus: HAUT UND SERPENTINE

SINGENDE KIRSCHEN
oder Tumulte der Stare in deiner Kopfvoliere,
durch die sich die Vogelschar fortrollt.

Ein in sich kreisendes schwarzes Loch,
saugend am Himmel, das plötzlich zerfliegt
über dem metallischen Fließband

Straße, deren Maße du trägst:
Kilometerstein, Konjunktion und Kreuzung. Dein Kopf eingeschirrt
ins folgerichtige Denken: ja

oder nein. Dein Brutkasten,
die glühende Spirale der Heizsonne.
Das Einschalten, Ausschalten so einfach

und sterbenskalt jedesmal
die Klinke beim Öffnen der Tür.
Dahinter Tumulte, Schnee. Die Landschaft Wort

für Wort unterbrochen.

Aus: HAUT UND SERPENTINE

DEN TAG IM RITZENLICHT der Jalousie gefiltert
und jedes Hin und Her zeugt Schlangenlinien, Reiserouten:

im Schatteneinfall die Membran aus Wasser. Du

hockst in einem Bild, archaisch, mit Eukalyptuszusatz
auf dem Wannenrand, denkst in die Regenzeit
hinein: Die Rinde wird geschnitten

jetzt, darauf gedreht die Reise konzentrisch zu den Orten,
die immer wen zu welchem Anfang hinerzählt,
zu welcher Ahnung, Ordnung:

Grenzflächenspannung

hat dich aufgeteilt in Vogelperspektive
und Körpermalerei
auf eingetauchten Fingerbeeren.

Das Wasser läuft dann ab. Vorm Fenster
unbewegt die Parallelogramme. Du bleibst
im Raum, bist ein Archiv,

das erkaltet.

Aus: HAUT UND SERPENTINE

WIE EIN LUFTSCHIFF zieht plötzlich Küstengeruch
über das Haus: Eine kleine Verschiebung

in Faltungsvorgänge. Unter uns
Fluten, Sedimente. Darüber verrutscht dein Kleid,

die Stoffbahn gegen die Laufrichtung gespannt,
getrennt unser Raum: jedes Wort

versetzt uns, verallgemeinert,
was du nicht sagen kannst. Aber es bleibt

dieser Geruch: Die Küste gibt nicht auf,
erscheint im Oberlicht über der Tür: erzählt,

daß die Liebe Wanderdüne sei,
vom Wind gezäumt

ins parzellierte
Aber.

Aus: HAUT UND SERPENTINE

DER SPIEGEL ist beschlagen. Zwei Finger, damit
ziehst du eine Parallele bis zum Rand.
Im Ausschnitt Wangenknochen, Stirn,
dein Handtuch um die Hüfte. Den Treffpunkt,
einen fernen Raum, mußt du dir denken, ebenso
das Ausmaß dieses Nachmittags: Kamilleduft,
der Trampelpfad, das Zittern dieser Schwebefliegen.
Erinner dich: Die Luft stand beinah still, die Landschaft
gab nicht nach. Die Parallele ist verschwunden.
Dein Handtuch fange ich noch auf.

Aus: HAUT UND SERPENTINE

DAS IST SIE WIEDER, diese maritime Neigung,
die das Blau heraustrennen will aus der Geschichte
von Ornament und Staub zu einer unvermischten

Antwort. Über uns Schwalben, aufgeregt
ihr spitzes Geklimper. Eine gefiederte Takelage,
ein Hafen aus Luft: Der Himmel lädt ein

zu schöner Irrfahrt. Wir gehen landeinwärts,
im Nacken das Meer. Seine Rauschen ein Band,
das uns zurückzieht zu Quaste und Flosse,

Generationen unserer Haut. Wir sehen
Windmühlen, ein Kornfeld mit Krähen, und
meine Hand zuckt auf in deiner. Später am Kiosk

vermischen sich die Nachrichten. Die Rede
ist von einer neuen Raumstation, hinter dem Blau,
wo die Jahre uns verwechseln.

Aus: UND AM SATZENDE DAS WEISS

AM MORGEN dein Dach unter dem Ortsnetz
der Amsel. So könnte anfangen ein Satz

über das Glück oder die Entfernung der Worte,
die das Gelingen des Einfachen erproben:

Wasserkessel, Kinderschuh. Ein Gruß im Abdrehen
hinterläßt eine leere Stelle, verschluckt dich

einsilbig wie Tag oder See, dessen Ufer du
herannahen siehst: einen Schilfhalm zum Greifen

im Blick und diesen sich erwärmenden Körper,
der dort abstreift seinen Ursprung aus Wasser,

sein Flügelpaar spreizt und trocknet im Wind,
rotbraun, wie deine Lippen, die sich wellen

als atemgleiches Gewächs: Adonislibelle
entlockt dir ein feinnerviges ach, einfach so.

Da ruft sie dir nach, diese Stimme in dir,
die kaukasische unter dem Ortsnetz der Amsel:

Sie töten alles einfach so.

Aus: UND AM SATZENDE DAS WEISS

ABENDS verlauten die Frösche ihr Grün. Wer leugnet,
daß das Grüne grün ist? Im Wohnwagen wir, nahe

dem Ufer. Nachfalter auf den Lippen, ein Sirren
ums Licht, bis der Wohnwagen schwankt beim Versuch

übertragbarer Farbe. Wir kennen das, schweifen ab
zu Wimper und Flaum, so nah die Entfernung,

so schnaufend. Aus dem Schlaflaub knirschender Zähne
weckt uns das Schweigen der Frösche. Der Wohnwagen

mitten im See, wimpernlos der Gefrierpunkt das Auge.

DIES LAND AN DEN VERSEN

Gefrorene Ackerscholle, am Waldrand knackt
das Eis in den Gliedern. Das Rotwild ist auf

und die Münder. Einer beschwört den Mistelzweig
über der Tür, ein anderer lenkt Richtung Königsberg.

Ein falsches Wort, und der Hund wird zur Meute.
Die Überlandleitung zuckt, den Himmel

im rötlichen Fell erlegt ein Befehl. Niemand
drückt ab, bis sich der Abend ins Lot säuft.

Schwüre eisen sich los, orgeln zwischen Kimme
und Korn. Bewegungsmelder flackern.

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