NRW Literatur im Netz

Ursula Schröder - Arbeitsproben

Aus: UMZUG INS GLÜCK

1
Ich heiße Mia und ich bin ein Morgenmuffel. Telefonanrufe vor acht Uhr machen mich aggressiv und hektisch, weil sie mich aus meiner knapp geplanten Routine reißen. Und erst recht, wenn sie von Frau Grützbauer kommen, Tante Paulas neugieriger Nachbarin.
"Irgendwas stimmt da drüben nicht", behauptete sie mit einer weinerlichen, leicht hysterischen Stimme, die meine Laune völlig in den Keller sacken ließ. "Ihre Tante hat weder die Rollläden hochgezogen noch die Zeitung reingeholt."
"Aber Frau Grützbauer, es ist noch früh", sagte ich mit mühsam erzwungener Höflichkeit. Warum sollte ein Mensch, der nicht gezwungen war, zur Arbeit zu gehen, freiwillig um sieben Uhr dreiundzwanzig schon auf den Beinen sein? "Vielleicht hatte sie eine schlechte Nacht und schläft einfach etwas länger."
"Aber Frau Behrendt muss bis sieben Uhr die Mülltonne rausgestellt haben", fuhr die Grützbauer aufgeregt fort. "Und das hat sie noch nie vergessen."
Seufzend betrachtete ich mich im Flurspiegel. Jetzt fehlten mir kostbare Minuten für Haare und Make-up. "Gut, Frau Grützbauer, ich rufe sie an."
"Das hab ich schon versucht. Ich hab auch geklingelt. Sie rührt sich aber nicht."
Das hätte ich auch nicht getan, wenn ich gewusst hätte, dass Sie das sind, dachte ich giftig. "Na schön, ich fahre eben bei ihr vorbei."
"Da bin ich aber beruhigt", sagte sie. Es klang allerdings eher wie: Das wollte ich aber auch meinen. Missmutig legte ich den Hörer auf, schaltete die Kaffeemaschine wieder ab und nahm eine ungeschmierte Weißbrotscheibe mit ins Bad. Man muss im Leben Prioritäten setzen, und in diesem Fall hatte Schminken den Vorrang vor Frühstücken. Ich wusste schließlich, dass zumindest Heidi Klum mir da bestimmt zustimmen würde.

Auf dem Weg quer durch Bredenscheid fluchte ich innerlich auf Frau Grützbauer, weil sie mir mit ihrer Jammerstimme den Morgen versaut hatte, und auf Tante Paula, die lieber mir ihren Ersatz-Hausschlüssel anvertraute als ihrer Nachbarin. Was verständlich war, aber nicht praktisch.

Ich hatte fest damit gerechnet, dass Tante Paula in der Zwischenzeit die Rollläden hochgezogen, die Zeitung reingeholt und den Mülleimer rausgestellt hätte, sodass ich nach einem beruhigten Blick direkt ins Büro fahren konnte. Aber das war nicht der Fall, und plötzlich beschlich auch mich eine gewisse Sorge. Die Haustür war zweimal abgeschlossen. So wie man das für die Nacht tut. Die Zeitung steckte im Briefschlitz. Ich zog sie heraus und sah bereits, dass im Flur Licht brannte. Obwohl es draußen ja schon hell war.
Nicht gut. Nachdem ich die untere Etage erfolglos abgesucht hatte, lief ich mit beklommenem Gefühl nach oben. Sie ahnen es sicher schon: Ich fand Tante Paula auf dem Vorleger in ihrem Badezimmer unter einem Haufen von Handtüchern.
"Gut, dass du kommst, Mia", sagte sie mit ungewohnt leiser Stimme.
"Was machst du denn hier?"
Sie verzog das Gesicht. "Ich bin gefallen", erklärte sie mir. "Und jetzt kann ich nicht mehr aufstehen. Das ist bestimmt ein Oberschenkelhalsbruch."
Ich registrierte im Badezimmer neben dem üblichen Mobiliar einen umgekippten dreibeinigen Hocker, einen abgebrochenen Handtuchhalter und einen Handfeger, der etwas unmotiviert in der Gegend herumlag, aber es erschien mir jetzt nicht so wichtig zu rekonstruieren, wie das passiert war. Vorrang hatte die Frage, was mit Tante Paula los war. Ich hockte mich neben sie und berührte ihren Arm. Er fühlte sich relativ kühl an. "Wie lange liegst du denn schon hier?"
"Seit gestern Abend. Ich wollte eigentlich ins Bett gehen." Sie klang sehr jämmerlich, noch schlimmer als Frau Grützbauer, aber sie hatte wenigstens einen Grund.
"Glaubst du, dass du aufstehen kannst, wenn ich dir helfe?"
"Nein!" Jetzt hörte sie sich schon wieder recht energisch an. "Denkst du, ich bin freiwillig hier liegen geblieben? Das tut viel zu weh!"
"Dann rufe ich den Notarzt an."
Bis ich einen Krankenwagen bestellt hatte und ins Badezimmer zurückkam, hatte sie sich schon diverse Dinge überlegt, die ich bis zum Eintreffen der Sanitäter erledigen sollte. "Erst mal nimm diese Handtücher weg", befahl sie, "und steck sie sofort unten in die Waschmaschine."
Das war eine ziemliche Menge, und einige waren noch original gefaltet. Sie hatte sie offensichtlich direkt aus dem Regal neben sich ziehen können. "Alle in die Wäsche?"
"Jawohl!" Tante Paula sah mich ungehalten an. "Ein paar davon sind...etwas nass. Schließlich konnte ich das Klo nicht erreichen. Und du musst mir eine neue Unterhose aus dem Schlafzimmer bringen und diese schwarze Jerseyhose. So lasse ich mich jedenfalls nicht abholen."
"Du willst dich wirklich umziehen?" Mir war klar, dass sie das nur mit meiner Hilfe konnte. Und ehrlich gesagt, war der Gedanke an das Pipi nicht so schlimm wie die Vorstellung, was für eine Verletzung dabei zum Vorschein kommen könnte. Ich weiß, warum ich nicht Krankenschwester geworden bin. "Das macht den Sanis bestimmt gar nichts aus, dass du ..."
"Aber mir macht es was aus!", fauchte sie. "Nun mach schon, bevor die hier sind!"
Es war mühsam, aber machbar. Ich merkte, dass sie große Schmerzen hatte, aber der Ehrgeiz, sich den Sanitätern auf keinen Fall so zu präsentieren, war stärker. Ich ließ sie auf ihren Wunsch auf der Badematte liegen und trug den gesamten Handtuchbestand in den Keller, wobei ich kopfschüttelnd feststellte, dass vermutlich kaum jemand über so viele Badetücher verfügte wie Tante Paula. Aber sie stammte schließlich aus einer Zeit, die auch die "schlechte" genannt wurde, und wie viele ihrer Generation tendierte sie dazu, diese Erfahrung durch das Horten von umso mehr Sachen zu kompensieren. (In diesem Fall ihr Glück, denn so hatte sie wenigstens nicht zu arg frieren müssen.) Es war typisch, dass ich, nachdem ich mühsam die erste, feuchtere Hälfte der Wäsche in die Trommel gestopft hatte, die Wahl zwischen mindestens fünf verschiedenen Waschmitteln hatte.
So lief die Waschmaschine schon, bevor das Klinomobil vor der Tür stand. Tante Paula war angekleidet und verfügte wie gewünscht über ihre Handtasche, das Tagebuch aus ihrer Nachttischschublade und eine mittelgroße Reisetasche mit den notwendigen Utensilien für einen mehrtägigen Krankenhausaufenthalt. Zwei freundliche Männer hievten sie auf eine Trage und rüsteten sich zum Abstieg.
"Ich schließe noch ab und komme dann nach", sagte ich.
"Brauchst du nicht", sagte sie. "Ich war so lange Grüne Dame da, ich kenne doch alle. Die können sich jetzt ruhig mal um mich kümmern."
Ich muss zugeben, so unangenehm war mir das nicht. Stundenlanges Herumsitzen in Krankenhäusern ist nicht mein Hobby. "Hast du denn alles? Was zu lesen? Deine Brille?"
"Alles in der Handtasche", versicherte sie mir, während sie die Treppe hinuntergeschaukelt wurde. "Aber du könntest mir noch einen Gefallen tun."
"Was denn?" Ich war zu allem bereit, weil sie mir das Mitkommen ersparte.
"Im Bad schräg über dem Waschbecken ist oben an der Decke eine dicke Spinnwebe", sagte Tante Paula. "Die mach doch bitte noch weg. Ich musste mir sie die ganze Nacht ansehen. Das hat mich total verrückt gemacht."
Nur ansehen? Ich vermutete spontan, dass der Versuch, das Spinnennetz mit Hilfe eines dreibeinigen Hockers und eines Handfegers zu entfernen, der Grund für ihren Unfall gewesen war. Weil sie zu bequem gewesen war, eine Trittleiter oder einen Besen mit langem Stiel zu holen, hätte ich fast eine meiner letzten lebenden Verwandten verloren.

In meiner Familie (mütterlicherseits) wird seit Generationen das Ein-Kind-Prinzip praktiziert, schon viel länger als bei den Chinesen, die aber bekanntlich wenig von der Berücksichtigung des Urheberrechts halten und deswegen so tun, als sei es ihre Idee gewesen. Aber wir waren eher da. Es lässt sich nur schwerer nachverfolgen, weil es sich bei den Einzelkindern meistens um Mädchen handelte und deswegen eine einheitliche Namenskennung nicht vorhanden ist.
Familientreffen sind bei uns eine wirklich überschaubare Angelegenheit. Das (im wahrsten Sinne seit Menschengedenken) letzte Mal, dass einem Elternpaar mehr als ein Kind geboren wurde, war im Jahr 1915, als meine Oma das Licht der Welt erblickte. Wir führen das auf die Wirren des Ersten Weltkriegs zurück, weil meine Urgroßeltern schon 1914 ein überlebensfähiges Mädchen in die Welt gesetzt hatten, Auguste, die Mutter von Tante Paula.
Die beiden Schwestern machten das Beste aus der Situation und standen sich sehr nahe. Sie heirateten beide früh und bekamen 1936 beide innerhalb von einem halben Jahr ein Kind, eben Tante Paula und meine Mutter Annemarie, die ihrerseits wiederum ein Leben lang eine enge Freundschaft pflegten. Auch die markige Blut-und-Boden-Rhetorik des Führers konnte die beiden Schwestern nicht davon überzeugen, weitere Kinder zu kriegen. Bei Tante Guste hing es wohl auch damit zusammen, dass ihr Mann direkt im Jahr 1939 fiel, sozusagen noch bevor der Krieg richtig in Schwung gekommen war. Mein Großvater hielt länger durch. Er starb erst irgendwann in den Fünfzigerjahren. Bei uns hieß es immer: Er war ein Opfer seines Glaubens, und zwar deshalb, weil er im Garten einen Blindgänger entdeckte und glaubte, er könnte ihn selbst entschärfen und das Metall dann weiterverwenden. Er hinterließ ein großes Loch und eine kleine Rente, und meine Oma und meine Mutter lebten fortan allein und in fußläufiger Entfernung von Tante Paula und Tante Guste.
Das ist das zweite Prinzip unserer Familie: relativ frühe und häufig unnatürliche Todesarten, vornehmlich bei den angeheirateten Männern. Besonderen Ruhm erntete in dieser Beziehung mein Urgroßvater, der von einer Kirchenglocke erschlagen wurde. Dabei war er noch nicht mal besonders fromm. Aber immerhin weiß ich durch die in der Familie tradierte Geschichte, dass die Glocke runde 1000 Kilo wog und die Inschrift trug "Die Lebenden ruf ich, die Toten bewein ich", was ich als Kind sehr schicksalhaft fand, bis ich später erfuhr, dass dieser Text nicht selten auf Glocken zu finden ist.
Meinen Vater – und meine Mutter dazu – erwischte das Schicksal auf der A5 irgendwo hinter Karlsruhe, weil jemand eine Leiter auf der Autobahn verloren hatte. Es bringt meiner Überzeugung nach nicht zwingenderweise Unglück, wenn man unter einer Leiter hergeht, aber wenn man mit hundertsechzig im Dunkeln auf eine drauffährt, dann schon. Ich war zu der Zeit bereits mit Stephan verheiratet, sonst hätte ich vielleicht gar nicht mehr gewagt, das Leben eines mir nahestehenden Mannes durch eine Eheschließung zu gefährden. Auf jeden Fall passte ich eine ganze Zeit lang nach diesem Unfall wie eine Glucke auf ihn und meinen Sohn Magnus auf, bis meine überbehütende Art eine handfeste Ehekrise heraufbeschwor. Mühsam gewöhnte ich mir diese Einstellung wieder ab, was vermutlich unsere Ehe rettete.
Stephan dankte es mir, indem er sich in den Kopf setzte, er könnte die SAT-Schüssel auf unserem Dach selber installieren. Das Installieren war nicht das Problem. Das Problem waren eher die extrem glatten Dachziegel und die Tatsache, dass Stephan nicht angeseilt war. So wurde Magnus mit dreizehn zum Halbwaisen und ich beinahe zur Alkoholikerin.
Wenn nicht Tante Paula gewesen wäre, die sich in dieser Zeit rührend um uns kümmerte. Sie hatte zwar geheiratet, auf das persönliche Kinderkriegen jedoch verzichtet. Immerhin hatte Onkel Rudolf bereits einen Sohn aus erster Ehe, der aber (zum Glück, fand ich zumindest) meistens bei seiner Mutter lebte, bis er erwachsen war.
In der Zeit nach Stephans Tod schickte Tante Paula Onkel Rudolf zur Arbeit oder auf die Jagd und machte es sich zur Aufgabe, Magnus und mich zu betreuen. Ich mochte sie immer schon gern, auch wenn ich es nicht richtig fand, dass sie auf Familienfeiern keine etwa gleichaltrige Kusine vorweisen konnte, mit der ich kichernd die neueste 'Bravo' hätte studieren können. Stattdessen hatte sie oft ihren widerlichen Stiefsohn im Schlepp, der zwei Jahre jünger war als ich und mich ärgerte, wo er nur konnte. Aber das war inzwischen verjährt, der schreckliche Nick hatte sich längst irgendwo in Bredenscheid als Architekt niedergelassen und aufgehört, mir Juckpulver in den Pullover zu schütten, und Tante Paula verwendete ihre gesamte Energie darauf, mich behutsam wieder ins Leben zurückzuholen.
Deshalb konnte ich ihr nichts übel nehmen. Nicht die gelegentlichen Versuche, mich mit irgendeinem Sohn von Onkel Rudolfs Jagdgefährten zu verkuppeln, oder ihre extravaganten Vorschläge zur Verschönerung meines Hauses. Ein wenig konnte ich mich revanchieren, als Onkel Rudolf einige Jahre später einem Jagdunfall zum Opfer fiel (nein, er wurde nicht erschossen, sondern stürzte von einem morschen Hochsitz in eine Brombeerhecke, die ihm viele kleine, blutige Kratzer verpasste, und weil er es nicht für nötig hielt, sich danach eine Tetanusspritze geben zu lassen, verstarb er an einer völlig überflüssigen Sepsis).Wir hatten in erster Linie uns beide, und das war deutlich mehr als eine Zweckgemeinschaft, sondern trotz des Altersunterschieds eine echte Freundschaft.
Natürlich war ich nicht nur mit Tante Paula befreundet. Ich hatte nette Nachbarn und einige Kolleginnen, mit denen ich auch außerhalb der Arbeitszeit gern zusammen war. Aber in manchen Fällen ist Blut einfach dicker als Wasser, und deshalb war ich ganz schön besorgt, als ich dem Krankenwagen mit Tante Paula drin hinterherschaute. Sie war erst dreiundsiebzig. Das ist doch noch nicht alt.

2
Nachmittags nach Feierabend sind die Parkplätze am Kreiskrankenhaus in Bredenscheid immer knapp, vor allem wenn man keinen Kleinwagen fährt. Ich hatte schon unter Seufzen in mehreren Parkreihen erfolglos Ausschau gehalten, als ich endlich in der letzten Reihe eine Lücke entdeckte, die auch für einen Opel Omega breit genug war. Eilig setzte ich den Wagen zwischen die Begrenzungslinien undwollte mich gerade eine Sekunde meinem Glücksgefühl darüber hingeben, dass das so problemlos geklappt hatte, als mein Fahrzeug durch einen heftigen Stoß erschüttert wurde. Völlig unerwartet. Was war passiert?
Ich sah mich um und erkannte einen großen silberfarbenen Mercedes ziemlich dicht an meiner rechten Fahrzeugseite. Während ich in meine Parklücke hineingefahren war, hatte der Fahrer offensichtlich zeitgleich versucht auszuparken, den Platz neben sich als leer gespeichert und dementsprechend weit eingeschlagen. Und war so mit dem vorderen Kotflügel in meine Beifahrerseite gekracht.
Das war nicht meine Schuld. In diesem immerhin beruhigenden Bewusstsein stieg ich aus, um den Schaden zu begutachten und mich mit dem Verursacher zu einigen. Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, was das für eine schillernde Erscheinung war.
Der Mann, der dem riesigen, jetzt ziemlich schräg im Weg stehenden Auto entstieg, trug einen cremefarbenen Anzug und Cowboystiefel, hatte langes, graues, wild um den Kopf wallendes Haar und eine dicke Hornbrille mit getönten Gläsern. Vielleicht hatten Letztere seine Sehfähigkeit eingeschränkt? Es war in der Tat kein sonniger Tag.
Statt sich zu entschuldigen, wie ich erwartet hatte, begann er ohne vorhergehende Grußformel damit, mich zu beschimpfen. "Was haben Sie sich denn dabei gedacht? Sehen Sie nicht, dass ich da stehe? Haben Sie Ihre Brille beim Seniorentanztee vergessen?"
Kurzfristig war ich erst mal sprachlos ob dieser Unverschämtheit, aber ich fing mich schnell wieder. "Na hören Sie mal, wenn hier eine Brille das Problem ist, dann ja wohl Ihre! Sie haben mich gerammt, als ich schon in der Parklücke stand!"
"Ja, das glauben Sie!", behauptete der Kerl. "Sie konnten doch sehen, dass ich den Rückwärtsgang eingelegt hatte, da hätten Sie warten müssen, bis ich rausgefahren bin! Ich werde jedenfalls mein Auto keinen Millimeter bewegen, bis die Polizei hier war und den Schaden aufgenommen hat. Dann lässt sich ja feststellen, wer die Schuld hat."
Für mich war ziemlich eindeutig, wer hier der Unfallverursacher war. Mein Omega stand so gerade wie selten in der Parklücke, während der Angeberbenz dieses Kerls fast die gesamte Breite der Fahrspur zwischen den beiden Parkreihen versperrte, die vordere Fahrerseite noch verräterisch eindeutig gegen die Seite meines Wagens gedrückt. "Klar, tun Sie das", sagte ich siegessicher und umrundete sein Schlachtschiff, um mir den Schaden an meinem Auto anzusehen. Eine tiefe Schramme mit silbrigen Spuren begann an der Beifahrertür und endete dort, wo sich die Autos berührten. "Sehen Sie sich das an! Sie haben mir die ganze Seite verschrammt! Das wird teuer!"
Der Mann schüttelte abfällig sein silbergraues Haupt. "Vermutlich würde die Reparatur den Zeitwert dieser Gurke übersteigen", sagte er. "Das nennt man dann Totalschaden."
Gurke! Totalschaden! Und das über mein Auto, mit dem Stephan und ich damals in Avignon waren. Mit dem wir eigentlich in die Toskana..."Und Ihr Auto? Glauben Sie, das ist jünger?"
"Das ist Wientotsch," behauptete der Mann im Brustton der Überzeugung. Sein Akzent hörte sich norddeutsch an, aber Wientotsch? Gab es das Wort?
"Was soll denn das sein?"
"Das ist ein Oldtimer", erklärte er herablassend. "Sehen Sie nicht das Kennzeichen? Das H am Ende? Das bekommen nur Fahrzeuge im Originalzustand, die dreißig Jahre und älter sind. Deshalb wird das eine aufwändige Reparatur, das kann ich Ihnen versprechen."
Ich wäre beeindruckt oder zumindest immer noch verwirrt gewesen, wäre da nicht dieser provokante letzte Satz gewesen, der wiedermeine berechtigte Wut über den Seniorentanztee aufleben ließ. "Das ist nicht mein Problem. Ich hoffe, Sie haben eine Vollkaskoversicherung. Melden Sie es der. Und überhaupt, ich möchte gern Ihren Führerschein sehen."
"Wozu denn das?" Jetzt sah er ziemlich skeptisch aus.
"Damit ich weiß, wer Sie sind", fauchte ich.
"Sie wissen nicht, wer ich bin?"
"Bin ich Hellseherin? Nun machen Sie schon!", schimpfte ich. "Oder haben Sie etwa keinen Führerschein mehr?"
"Natürlich habe ich einen Führerschein", belehrte mich der Kerl mit einer Hochnäsigkeit, die mich immer aggressiver machte. Er zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche und fischte einen grauen Lappen heraus, der ihn – deutlich jünger, aber trotz Elvis-Tolle eindeutig erkennbar – als Günter Mäderle identifizierte. Ich schrieb mir den Namen zusammen mit dem Kennzeichen seines Oldtimers (das wichtige H eingeschlossen) auf die Rückseite eines Kassenzettels, der mir als erstes Stück
Papier in meiner Handtasche in die Hände fiel.
"So, jetzt brauche ich noch Ihre Adresse, damit meine Versicherung sich mit Ihrer in Verbindung setzen kann."
"Erst mal rufen wir die Polizei", plusterte er sich auf. Er hatte immer noch nicht kapiert, dass er im Unrecht war. "Na los, rufen Sie an."
"Ich?", schrie ich empört. "Wieso denn ich?"
"Von mir aus tu ich es", sagte er. "Geben Sie mir Ihr Handy."
"Warum nehmen Sie nicht Ihres?"
"Ich habe keins bei mir."
Dagegen war schwer etwas zu sagen. Und wenn ich endlich die Sache vom Tisch haben wollte, sah es so aus, als müsste ich wirklich die Polizei dazuholen. Seufzend grub ich mein altes Nokia aus. Es war leicht zu finden, doppelt so groß und dreimal so schwer wie zum Beispiel das von Magnus.
Dass mein Unfallgegner kein eigenes Handy hatte, hielt ihn nicht davon ab, über meins zu spotten. "So eine Antiquität! Warum haben Sie nicht direkt eine Telefonzelle dabei? Oder eine Trommel?"
Ehrlich gesagt hatte ich schon selbst über den Austausch des Geräts nachgedacht, zumal Magnus es mir immer wieder nahelegte. Mit meinem Handy konnte man weder fotografieren noch im Internet surfen, aber eigentlich will ich mit einem Mobiltelefon auch nur telefonieren. Und ich trenne mich ungern von Dingen, an die ich mich gewöhnt habe. Aber als ich jetzt feststellte, dass der Akku mal wieder schlappgemacht hatte, tendierte ich doch zu der Neuanschaffung. Nur im Augenblick nützte mir das nichts. Ich musste diesem unsäglichen Herrn Mäderle eingestehen, dass man mit meinem Telefon zurzeit nichts anfangen konnte.
"Zünden Sie es einfach an, dann können Sie wenigstens Rauchzeichen damit geben", maulte er.
"Sie sind doch derjenige, der die Polizei rufen will", sagte ich bockig. "Ich muss jetzt ins Krankenhaus, einen Besuch machen. Fahren Sie einfach nach Hause und rufen Sie Ihre Agentur an, dann werden die das schon regeln."
Er sah etwas überrascht aus. "Was hat denn meine Agentur damit zu tun?", fragte er. "Außerdem fahre ich nirgendwohin, bevor die Polizei hier war. Und Sie bleiben auch da, sonst ist das Unfallflucht."
"So ein Blödsinn", knurrte ich. Ich fand einen weiteren Kassenbon und schrieb meine Adresse auf. "Hier, das muss jetzt reichen. Ich muss ins Krankenhaus zu meiner Tante."
"Dann komme ich mit", beschloss er und ging neben mir her. "Ein Telefon finden." Das war offensichtlich seine fixe Idee.
Ich warf ihm einen zweifelnden Blick zu. "Wollen Sie nicht wenigstens Ihr Auto aus dem Weg setzen?"
"Das bleibt genau so stehen, bis die Polizei kommt", beharrte er und wich nicht von meiner Seite, obwohl ich jetzt sehr schnell ging.
Nicht mein Problem. Ich musste jetzt zu Tante Paula, und dieser Typ würde ja wohl nicht so dreist sein, bis ins Krankenzimmer hinter mir herzulaufen.
Dachte ich. "Hast du noch einen Arzt mitgebracht?", fragte Paula überrascht, als der cremeweiße Cowboy hinter mir in ihr Zimmer kam.
"Das ist Herr Mäderle", versuchte ich zu erklären. "Er hat gerade ..."
"Das ist Jan Hörnum", unterbrach mich Paula mit kugelrunden Augen. "Wo kommt der denn her?"
"Guten Abend, gnädige Frau", sagte der Mensch mit der multiplen Persönlichkeit und küsste ihr formvollendet die Hand. "Wie geht es Ihnen?"
Paulas Blick wurde immer hingebungsvoller. "Den Umständen entsprechend", erwiderte sie sanft. "Ich hatte einen Unfall, wissen Sie. Oberschenkelfraktur."
"Wir hatten auch einen Unfall", versuchte ich zu erklären, aber mir hörte keiner zu. Noch nicht mal die andere Frau, die in dem Bett am Fenster lag. Sie starrte ebenso hingerissen auf den Mann wie Tante Paula.
"Wie unangenehm", sagte der mit einem Tonfall, der zu seinem cremefarbenen Anzug passte. Genauso butterweich und schmierig. "Aber hier sind Sie in besten Händen. Das kann ich Ihnen versichern."
"Sind Sie denn auch Patient hier?", wollte die Frau am Fenster wissen, worauf sich der Kerl auch ihr widmete.
"Ich nicht", erklärte er. "Aber ich kenne einen der Professoren."
Paula seufzte andächtig. "Ich fasse es nicht", sagte sie. "Jan Hörnum! An meinem Bett! Warum konnte das nicht zwanzig Jahre früher passieren?"
Weil da Onkel Rudolf an deinem Bett gestanden hätte, dachte ich.
Herr Mäderle alias Jan Hörnum (verflixt, warum kam mir der Name bekannt vor?) hatte eine andere Erklärung bereit. "Gnädige Frau, da wäre ich doch wegen Verführung Minderjähriger verhaftet worden!"
Während sich in mir bei diesem Geschleime alles wand, kicherte sie verschämt. "Sie sind so ein Charmeur, Herr Hörnum!"
"Nennen Sie mich Jan", bat er und zog den einzigen Stuhl im Zimmer zu sich heran. Mit elegantem Schwung nahm er in der Mitte zwischen beiden Betten Platz. Zähneknirschend holte ich mir den Hocker aus dem Bad und setzte mich auf Tante Paulas andere Bettseite, natürlich völlig ignoriert von ihr und allen anderen. Ich kam mir vor wie ein Kindergartenkind.
"Ich habe alle Ihre Filme gesehen", versicherte Tante Paula nun. Und mir dämmerte langsam, was das für eine Erscheinung war. Auch meine Mutter hatte früher keine Fernsehsendung verpasst, in der ein Schwank aus dem Nordlicht-Theater vorgeführt wurde. Und besagter Jan Hörnum hatte damals den jugendlichen Liebhaber gegeben. Damals waren seine Haare noch nicht so grau gewesen und er hatte keine Brille gehabt, aber der norddeutsche Tonfall ... dieser seelenvolle Blick ... diese künstliche Bräune ...
"'Sturmflut vor Helgoland' hat mir am besten gefallen", sagte die Bettnachbarin, ebenfalls eine Dame in den Siebzigern, mit leicht violetter Tönung in der zurzeit etwas zerdrückten Frisur. "Oder 'Heimweh nach Husum', das war auch wunderbar."
"Und dann diese Serie 'Asthmaklinik Norderney'", ergänzte Paula. "Sie waren einfach großartig als Chefarzt Doktor Knudsen."
"Tja, das waren noch Zeiten ...", sagte Jan Hörnum mit einer gewissen Melancholie.
"Sagen Sie", fragte die Bettnachbarin, "was ist denn eigentlich aus Svantje van Wiek geworden?" Das war, wie ich mich erinnern konnte, damals seine regelmäßige Partnerin gewesen, so ähnlich wie Rock Hudson und Doris Day, nur irgendwie maritimer, wenn Sie wissen, was ich meine.
[...]

Aus: SCHÖNER WOHNEN MIT MANN

1
"Kannst du dir vorstellen, dass deine Eltern noch Sex haben?", fragte Gesa mit ihrer üblichen lauten Stimme, mit der sie problemlos sämtliche Haartrockner und Föhngeräusche in Roccos Friseursalon übertönen konnte. Nur dass sie sich gerade nicht im Salon befanden, sondern in dem kleinen Bistro nebenan. Dessen textilarme Möblierung sorgte in Verbindung mit der geringen Zahl der Gäste für eine hervorragende Akustik, und die ahnungslose ältere Dame, die sich am Nebentisch gerade mit einem Kännchen Kaffee und einem Puddingteilchen von ihren Markteinkäufen erholen wollte, zuckte merklich zusammen.
Auch Dani hätte sich beinahe an ihrem Cappuccino verschluckt, und dafür wäre er nun wirklich zu schade gewesen. Sie setzte die verhältnismäßig kleine Tasse vorsichtig wieder ab. "Warum nicht?", fragte sie zurück. "Mein Papa wird schließlich sechzig und nicht hundert."
Sie bemerkte, wie sich die ältere Dame konzentrierte und vorsichtig festzustellen versuchte, wer eigentlich hinter ihr saß und solche unziemlichen Gespräche führte. Dani fiel ein Ehering zwischen zwei nicht zusammenpassenden anderen Ringen an ihrer Hand auf – wie konnte man einen in Rotgold gefassten Topas mit einem solchen Granatring kombinieren? –, und sie fragte sich, ob die Tischnachbarin wohl ihren Vater kannte. Vermutlich ja, denn schließlich kannte fast jeder in Möllenbeck ihren Vater. Die Frau war also verheiratet. Ob man sie zu ihren eigenen Erfahrungen mit Sex im fortgeschrittenen Alter befragen sollte? Dani kam sich bei dem Gedanken etwas gemein vor.
Sie hatte gerade Gesa ihr Leid geklagt. Und die hatte, statt sie zu bedauern, mit diesen bescheuerten Fragen angefangen. "Niemand kann sich seine eigenen Eltern dabei vorstellen", behauptete sie jetzt. "Vielleicht ist das angeboren."
"Quatsch", sagte Dani aus reinem Widerspruchsgeist und beobachtete, wie die Frau jetzt etwas nervös das zierliche Gäbelchen ergriff, um ihr Teilchen damit zu attackieren. "Nur – wer will sich das schon vorstellen? Wie mein Papa meiner Mama beim Fernsehen die Hand unter den Rock schiebt?" Sie fragte sich, womit sie es wohl schaffen könnte, dass der Frau ein Stück Kuchen vom Teller flog.
Gesa lachte. "Ja! Erzähl weiter! Trägt deine Mama auch ein Miederhöschen über der Strumpfhose?"
Bingo! Ein Stück Puddingfüllung löste sich zitternd von dem aufgespießten Teigrand und landete noch gerade eben auf dem Rand des Kuchentellers.
Dani rollte mit den Augen. "Vermutlich. Keine Ahnung. " Sie seufzte leicht. "Vielleicht tun wir das in dreißig Jahren auch, Gesa."
"Vielleicht auch nicht. Wenn wir es rechtzeitig schaffen, unsere Bauchdecke mit Gymnastik straff zu halten." Gesa rührte noch etwas mehr Zucker in ihren Cappuccino, vielleicht, um diese Aufgabe auch wirklich der Mühe wert zu machen.
"Nee, mach dir mal keine übertriebenen Hoffnungen ", sagte Dani. "Ich werde nicht mein sauer verdientes Geld in den Jahresbeitrag für 'Move in Style' investieren, wo ich genau weiß, dass ich höchstens zwei Mal hingehe und dann keine Lust mehr habe. Oder keine Zeit."
"Na schön", sagte Gesa resigniert und schlürfte ein bisschen Milchschaum von ihrem Cappuccino, was ebenfalls jeder Bistrobesucher in ihrer Nähe mitbekommen musste. Aber der Kaffee selbst war einfach noch zu heiß. "Dann hast du Schuld, wenn wir irgendwann mal Größe 48 haben und Polyesterpullover bei Quelle bestellen und den ganzen Vormittag in einer Kittelschürze rumlaufen. "
"Vergiss nicht die beigefarbenen Popelinemäntel", fügte Dani erfreut hinzu. Sie liebte es, mit ihrer Freundin derart hemmungslos rumzulästern.
"Mit Schirmen im Schottenkaro!", ergänzte Gesa und warf direkt danach einen vorsichtigen Blick auf Danis Kleidung, weil es nicht völlig ausgeschlossen war, dass ihre beste Freundin vielleicht einen karierten Rock anhatte, das Maximum an modischem Wagemut für Dani. Aber sie konnte unbesorgt sein, Dani trug mal wieder ihre übliche musterfreie Tracht. Bei aller Liebe konnte Gesa nicht nachvollziehen, warum sie sich immer wieder Hosen und Pullover in dunklen Unifarben kaufte, wo es doch so wundervolle Muster in knallbunten Kombinationen gab. Was sie auf eine neue Idee brachte.
"Was wirst du denn zu dem Fest anziehen?", fragte sie hoffnungsvoll. Vielleicht konnte sie die Hohepriesterin des Marineblau-und-Anthrazit wenigstens anlässlich des sechzigsten Geburtstags ihres Vaters zu einem farbenfroheren Outfit überreden.
"Keine Ahnung", knurrte Dani. "Es sind noch drei Monate bis dahin, da mache ich mir doch jetzt noch keine Gedanken dazu. Es reicht schon, dass ich mir Gedanken über ein Festprogramm machen muss."
Gesa verkniff sich den Hinweis auf das sagenhafte Kleid, das sie vor kurzem bei H&M gesehen hatte. Es war noch Zeit genug, Dani zum Shoppen zu überreden. (Das Überreden war auch nicht das Problem, eher die Stilrichtung dessen, was gekauft werden sollte.) Stattdessen sagte sie: "Das kannst du doch mit Rosi und Moni zusammen machen."
"Ich muss es mit Rosi und Moni machen", berichtigte Dani grollend. "Das wird der Höhepunkt des Jahres, wenn ich mit Frau Allwissend und Fräulein Beleidigt eine abendfüllende Belustigung aufführe."
Gesa nickte mitfühlend. Sie hätte selber auch keine Lust, sich das anzutun, und schon gar nicht mit Danis Schwestern. Die eine tat ihr leid, und die andere flößte ihr immer etwas Furcht ein, vermutlich weil sie in ihrem Leben nie besonders gut mit Lehrerinnen klargekommen war. "Ich kann ja mal meine Tante fragen", schlug sie vor. "Die hat einen ganzen Ordner voll mit Sketchen und Spielen."
"Lieb von dir", sagte Dani ohne wirkliche Überzeugung. "Aber was da drinsteht, kennt ganz Möllenbeck vermutlich in- und auswendig. Nee, wir werden uns schon was Eigenes überlegen müssen."
Gesa hasste es, wenn ihre Vorschläge so einfach abgeschmettert wurden. Außerdem war es spät, und ihr 11-Uhr-Termin saß vermutlich schon drüben bei Rocco im Wartebereich und blätterte gelangweilt in einer Zeitschrift. "Zum Glück bist du ja sehr kreativ", sagte sie tröstend und leerte ihre Tasse. "Ich muss los, die Feilen schwingen. Sehen wir uns morgen bei Fraukes Videoabend? "
"Ich denke schon", murmelte Dani etwas unkonzentriert, weil die Dame am Nebentisch gerade eine unglaublich hässliche Handtasche unter einem karamelfarbenen Popelinemantel hervorzog, den sie ordentlich neben sich auf die Bank gelegt hatte.
"Okay", sagte sie und riss sich von dem Anblick los, um selbst ihr Portemonnaie zu zücken. Die Pause war zu Ende, jetzt ging es wieder an die Arbeit. Sie seufzte und ging zu Gabi an die Theke, um ihren Kaffee zu bezahlen. "Na, ist nix los bei Entweder-Oder?", fragte Gabi mit fragend hochgezogenen Augenbrauen, als sie Danis Münzen entgegennahm.
"Schön wär's", seufzte Dani. "Aber ich muss heute Mittag durcharbeiten, da habe ich mal vorher etwas Pause gemacht."
"Warum soll es dir bessergehen als mir?", meinte Gabi ohne Mitleid.

Die Agentur "PR und Werbung Gantz oder gar nicht" war die einzige ihrer Art in Möllenbeck und residierte im zweiten Stock des Geschäftshauses, in dem sich auch Roccos Friseursalon und das kleine Bistro befanden. Während Dani die vierundvierzig Stufen zu ihrem Arbeitsplatz hinaufstieg, dachte sie über die geniale Aufteilung des Gebäudes nach, denn im ersten Stock befand sich die kieferorthopädische Praxis von Doktor Kleinhaus, in der die Wartebereiche fast so groß waren wie die Behandlungszimmer. Ein unaufhörlicher Strom von Jugendlichen mit zum Teil unwirklich aussehenden metallischen Gerätschaften im Mund trug dazu bei, dass Doktor Kleinhaus gut zu tun und seine Frau viel Zeit zum Golfspielen hatte. Die Mütter, die ihre Sprösslinge zum monatlichen Gebiss- Check begleiteten, konnten die unvermeidliche Wartezeit entweder mit einem Bistrobesuch überbrücken oder mit einem Aufenthalt bei Rocco verbinden, wo ihnen auch Gesa mit ihrem Maniküretisch zur Verfügung stand. Eine Symbiose, wie sie im Buche stand.
Schon vor der Etagentür zur Agentur hörte Dani Stimmengemurmel. Das waren vermutlich die Herren von Godet Elektro, um deren Auftrag sich Heiko Gantz heute zusammen mit Oda Riepegerste-Klimt (Head Office Manager) bemühen wollte, während Dani gleichzeitig das Telefon bewachen und endlich eine geniale Idee für die neue Herbstkampagne des Möbelhauses Augustin entwickeln sollte.
Dani stieß die Tür auf und nahm vier Personen wahr, die sich offenbar noch im ersten Stadium des Smalltalks befanden. Die Collagen, die Heiko Gantz in seiner Studentenzeit selbst gefertigt und im Eingangsbereich aufgehängt hatte (beide waren dick mit pastösen Farben grundiert und dann mit Metallteilen garniert, einmal grüngrundig, einmal gelb-orange), bildeten wie üblich einen ersten Gesprächsaufhänger in einem ansonsten kühl gehaltenen Raum in Weiß und Grau mit unbequemen Chromstühlen. "Meine ersten Versuche", kommentierte Heiko Gantz gewöhnlich mit einem Hauch von Bescheidenheit, aber trotzdem selbstsicher, ganz wie es ihm sein Personal Coach beigebracht hatte.
"Guten Morgen", sagte Dani, und die vier Personen wandten sich ihr mäßig interessiert zu. Es handelte sich um Heiko Gantz, Oda Riepegerste-Klimt (wie immer im schwarzen Hosenanzug und Sonnenbrille im Haar), einen untersetzten Mann in braunem Anzug.
Und Michael Schilling.
Nein, das konnte nicht sein. Reines Wunschdenken. Dani hatte Michael seit fast drei Jahren nicht gesehen, und es kam öfter vor, dass sie große, schlanke, dunkelhaarige Männer mit gut sitzenden Anzügen für Michael hielt. Und doch...
War es möglich, dass sie seit Jahren verzweifelt hinter jedem Michael-Schilling-Double herstarrte, um jedesmal enttäuscht zu werden, und jetzt stand er auf einmal persönlich vor ihr?
Dani war wie gelähmt. Was Heiko Gantz überraschte und Oda Riepegerste-Klimt verärgerte, denn eigentlich hätte sie sich mit einem freundlichen Kopfnicken in ihr Büro begeben sollen. So entstand die Notwendigkeit, sie den Gästen vorzustellen, und war das ihrer zweitrangigen Stellung überhaupt angemessen?
Heiko Gantz, wie immer Herr der Lage, lächelte sein bestes Verkäuferlächeln. "Dann kann ich Ihnen ja gleich unsere Texterin vorstellen", strahlte er. "Das ist Frau Rietberg, Herr Artschwager von der Firma Godet, und Herr..."
"Wir kennen uns", sagte Michael und reichte ihr mit einem Lächeln die Hand. "Hallo, Daniela."
"Hallo", flüsterte Dani und drückte seine Hand. Loslassen, befahl sie sich, damit Herr Artschwager, freundlich- distanziert bis gelangweilt, es seinem Kollegen gleichtun konnte.
"Sieh mal an", säuselte Oda. "Die Welt ist doch klein, was? Wo haben Sie denn unsere Dani getroffen?"
Wir waren mal miteinander verwandt, wollte Dani sagen, aber Michael warf ihr einen warnenden Blick mit einem fast nicht wahrnehmbaren Kopfschütteln zu.
"Wir hatten früher schon miteinander zu tun", erklärte er diplomatisch. "Also. Wird Frau Rietberg auch an unserem Gespräch teilnehmen?"
Oda schnappte kaum merklich nach Luft. "In dieser frühen Phase noch nicht", bemühte sie sich rasch zu bemerken. "Außerdem hat sie ein dringendes Projekt zu betreuen."
Dani erholte sich langsam wieder und warf ein entschuldigendes Lächeln in die Runde. "Ein dringendes Projekt", wiederholte sie und bewegte sich in Richtung ihres Büros, während Heiko souverän seine Gäste in den Besprechungsraum lotste.
"Dürfen wir Ihnen einen Kaffee anbieten?", fragte er, und als die Besucher nickten, rief Oda bestätigend in Danis Richtung: "Dani! Bitte viermal Kaffee!"
Dann schloss sich die Tür hinter ihnen, und Dani ließ sich erschöpft auf ihren Stuhl fallen. Um sofort pflichtbewusst wieder hochzuschießen und den verlangten Kaffee zu servieren. Ihre Hände zitterten ein ganz kleines bisschen, als sie die vier Tassen auf einem Tablett anordnete und den Kaffee einschenkte.
Ihren Einmarsch in das Besprechungszimmer schaffte sie problemlos. Michael hatte sich den strategisch günstigen Platz gegenüber der Eingangstür ausgesucht, und sie fing seinen Blick auf, freundlich, aber ausdruckslos. Mechanisch verteilte sie die Tassen.
"Es ist keine Milch mehr da", bemerkte Oda.
"Kommt sofort", murmelte Dani und floh, bevor sie ihrem Impuls nachgeben und Oda gegen das Schienbein treten konnte.
Also musste sie noch mal da rein. Wütend auf sich selber füllte sie das Milchkännchen, griff für alle Fälle auch noch nach dem Süßstoffspender und machte sich wieder auf den Weg. Dieses Mal sah niemand sie an, alle hatten sich inzwischen auf die Präsentation konzentriert, die Heiko von seinem Laptop mit einem Beamer an die Wand warf. Die "Gantz-oder-gar-nicht-Show" hatte begonnen. "Unser Name ist Programm... Die Agentur bietet Ihnen kompromisslos ihr Bestes, damit Sie... blablabla..." Dani kannte die Sprüche gut. Schließlich hatte sie sie getextet. Natürlich nach den Vorgaben ihres Chefs.
Bei ihrem Rückzug wäre sie fast gestolpert, aber sie schaffte es, unfallfrei auf den Flur zu kommen. Draußen traf sie Jan.
"Dani, hast du die Memos von der letzten Brückmann- Besprechung?", fragte er, doch sie zeigte keinerlei Reaktion. "Dani? Hallo?"
Verwirrt nahm sie ihn erst jetzt wahr, obwohl er – spindeldürr, ein Meter neunzig groß und mit einem beachtlichen Fundus an dunkelblonden Rastalocken – nur schwer zu übersehen war. Außerdem trug er ein grüngelb gemustertes T-Shirt, das sich farblich gerade eben nicht mit den Collagen von Heiko Gantz vertrug.
"Brückmann", murmelte sie, "ja, das habe ich hier. Komm mit, ich such es dir raus."
"Dani?", fragte Jan misstrauisch. "Stimmt was nicht? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen."
Dani wühlte fieberhaft in dem Stapel auf ihrem Schreibtisch. "Nee, kein Gespenst. Nur. . . einen alten Bekannten. "
"Wow, du hast eine Vergangenheit?", fragte Jan amüsiert. "Und ich dachte, ich wüsste vollkommen über dich Bescheid."
"Niemand weiß vollkommen über mich Bescheid", sagte sie würdevoll und reichte ihm das Memo. "Das brauchst du dir gar nicht erst einzubilden."
"Gut", sagte er gleichmütig. "Dann muss ich mich ja nicht wundern, wenn ich dich demnächst mit einer toten Katze unter dem Arm um Mitternacht auf dem Weg zum Friedhof treffe."
"Wundern nicht", gab Dani zurück. "Nur in Acht nehmen."
Sie wusste, dass Jan ziemlich immun gegen indirekte Anspielungen oder Andeutungen war, deswegen fügte sie noch hinzu: "Und lass mich jetzt in Ruhe arbeiten. Diese Möbelkampagne raubt mir den letzten Nerv."
Diese Sprache verstand er, ohne sie übel zu nehmen. "Frag mich mal", grinste er. "Also, frohes Schaffen dann. Ach so. Hast du Lust, heute nach Feierabend noch eben mit mir nach Bredenscheid zu fahren? Ich brauche unbedingt eine neue Jeans, und da dachte ich..."
... ich könnte mit dir im Auto fahren statt mit dem Bus und bei deiner Schwester einen Rabatt kriegen, ergänzte Dani in Gedanken. Aber das war eben Jan, und sie mochte ihn. Er war sozusagen ihr Lieblingskollege. Das war zwar keine Kunst, wenn die anderen Mitarbeiter Oda Riepegerste-Klimt und Heiko Gantz hießen, aber Jan war einfach ein liebenswerter Chaot. "Klar, ich hab Zeit. So gegen fünf?"
"Das wär super", sagte er mit einem erleichterten Lächeln und zog sich wieder hinter seinen Mac zurück.
Dani wandte sich seufzend ihrem Computer zu und versuchte, sich auf die Möbelkampagne zu konzentrieren. Um sich zu motivieren, tippte sie zunächst das Wort "Möbel" in den Rechner und hoffte auf weitere Inspiration.
Möbel – vermöbeln – verhauen... das führte nicht wirklich weiter.
Schrank – Bank – Dank – krank – rank – schlank... o Mann, wie viele Kreativtechniken hatte sie sich schon angeeignet, aber irgendwie war nie das Richtige dabei. Ihre Gedanken schweiften ab in den Besprechungsraum, zu dem dunkelhaarigen Mann mit dem unsichtbaren Schild "Erfolgsmensch" auf der Stirn, der mal mit ihrer Schwester verheiratet gewesen war.
Und nicht nur das. Okay, mit zwölf Jahren hatte sie kurz für David Hasselhoff geschwärmt. Aber dann war Michael in ihre Familie gekommen. Und seitdem war Dani im Prinzip verdorben für den Rest der Männerwelt.
Dunkle Augen, Grübchen und ein Lächeln zum Dahinschmelzen, das in ein unwiderstehliches Lachen ausufern konnte. Eine Figur, als würde er den ganzen Tag nichts anderes machen als schwimmen, laufen und Rad fahren. Dabei wusste Dani genau, dass Michael ungeheuer ehrgeizig war und den größten Teil seines Tages mit Arbeit verbrachte. Im Manager-Triathlon – telefonieren, konferieren, projektieren – hatte er vermutlich schon Ironman-Status.
Er war der Grund dafür gewesen, dass sie jederzeit bereit gewesen war, auf Chris aufzupassen, ob nun Klassenfeten anstanden oder nicht, denn dann wurde sie von Michael abgeholt, durfte dabei sein, wenn er Chris ins Bett brachte, während Rosi das Bad mit stundenlangen Verschönerungsprozeduren blockierte oder über Seminararbeiten brütete, und entweder brachte Michael sie hinterher wieder nach Hause oder – was noch besser war – sie übernachtete auf der Couch im Kinderzimmer und konnte am nächsten Morgen noch mit ihm frühstücken.
Er hatte nie etwas von ihrer Verehrung geahnt, das war ihr immer wichtig gewesen, denn sonst hätte sie nie mehr seine Nachhilfe in Mathe annehmen können, seine seltenen Versuche, mit ihr Federball zu spielen, sein großmütiges Angebot, seinen BMW zu fahren, nachdem sie im zweiten Anlauf die Führerscheinprüfung geschafft hatte...
Schluss damit, mahnte sie sich. Zurück zu Möbel Augustin und der geforderten ungewöhnlichen Werbekampagne. Was konnte man über ein Möbelhaus sagen, das nicht schon längst auf schreiend bunten, optisch überfrachteten Zeitungsbeilagen gestanden hatte? Wie brachte man zurückhaltende Sauerländer dazu, endlich wieder Geld für eine neue Küche oder eine kolonialfarbene Wohnzimmergarnitur auszugeben?
Dani runzelte die Stirn. Woher, zum Kuckuck, kam die Bezeichnung "kolonialfarben"? Spontan fiel ihr der Ausdruck "schwarz wie ein Hottentotte" ein, den ihre Oma mit Vorliebe benutzt hatte, bevor sie und ihre Schwestern nach einem ereignisreichen Tag im Garten der großmütterlichen Grundreinigung unterzogen wurden.
Aber das war auch kein konstruktiver Beitrag zu ihrem einsamen Brainstorming. In anderen Agenturen saßen vermutlich kreative Köpfe stundenlang zusammen, heckten miteinander die verrücktesten Ideen aus und gingen schließlich noch gemeinsam in eine Szenebar, um ihre Erfolge zu feiern. Dani hingegen war bei "Gantz oder gar nicht" ziemlich auf sich allein gestellt, wenn nicht Oda gerade Lust auf ein Kreativmeeting hatte, was vor allem dann der Fall war, wenn sich mal wieder ein neuer Praktikant eingefunden hatte. Leider beherrschte Oda die oberste Regel des Brainstorming nicht, nämlich Ideen erst einmal unkritisiert zu sammeln, sondern zerriss grundsätzlich jeden noch so vorsichtig geäußerten Vorschlag mit einem solchen Sarkasmus, dass Dani es vorzog, ihre Kreativmeetings mit sich selbst oder maximal unter Beteiligung von Jan abzuhalten.
Verzweifelt konsultierte Dani ihren Notizblock, auf dem sie Stichworte während der Telefonkonferenz mit Herrn Wollweber, dem Werbeleiter von Augustin, notiert hatte. Aber ihre Hoffnung, von dort könnte die Erleuchtung kommen, erfüllte sich leider nicht. Unten am Rand hatte sie zwar notiert: "Der pure Wohnsinn!" Aber das kam ihr momentan nicht besonders originell vor.
Die Tür zum Besprechungsraum öffnete sich, und sie warf einen vorsichtigen Blick hinüber. Es war Herr Artschwager auf der Suche nach der Toilette. Sie schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln und deutete nach links, wo er das WC entdeckte.
Ob Godet der Agentur einen Auftrag erteilen würde? Nach dem, was sie gehört hatte, ging es um Pressearbeit und vielleicht eine neue Imagebroschüre. Die Texte würden natürlich in ihr Ressort fallen, denn Oda konnte keinen geraden Satz formulieren und Heiko Gantz hatte nie Zeit dafür. Das hieß, sie würde vielleicht manchmal mit Michael zu tun haben... vermutlich meistens am Telefon, aber immerhin. Doch vielleicht würde man ihr auch irgendeinen aufstrebenden Jungingenieur zuweisen, so wie es bei Brückmann geschehen war. Der erste Satz des guten Herrn Geisinger hatte gelautet: "Es ist von größter Bedeutung, dass Sie die wichtigsten Features unseres G 731 einschließlich des multifunktionalen Crossover deutlich herausstellen." Da hatte sie bereits gewusst, dass es ein mühsames Arbeiten werden würde, noch bevor ihr überhaupt klar war, um was es sich bei einem G 731 handelte – eine Geschirrspülmaschine? Ein Gewehr? Eine Gleichlauffräsmaschine, hatte Herr Geisinger daraufhin mitleidig erläutert, und sie hatte einen langen Abend im Internet verbracht, um herauszufinden, was das nun wieder war.
Michael hätte es vermutlich gewusst.
Vielleicht hätte sogar Rosi es gewusst. Früher führten die beiden immer kleine Wettbewerbe aus nach dem Motto "Alles, was du weißt, das weiß ich noch besser". Am Anfang war es spielerisch gewesen, sie hatten sich dabei liebevoll geknufft und viel gelacht, und Dani hatte sie beobachtet und sich gewünscht, irgendwann einmal so glücklich zu sein. Leider hätte das vermutlich bedeutet, dass Rosi eines tragischen Todes gestorben wäre und Michael sie gebeten hätte, seinem Sohn eine Ersatzmutter zu sein, bis er nach und nach erkannt hätte, welche großartige, attraktive, unvergleichliche Person sie war. Schon damals hatte Dani sich für solche Fantasien geschämt, und als sie ihr jetzt unvermittelt wieder einfielen, war es mehr als peinlich.
Sie starrte auf ihren Bildschirm, auf dem jetzt nur noch "Möbel – Schmöbel" und "O du lieber Augustin" zu lesen war. In 48 Punkt Times New Roman, wegen des plakativen Effekts. Denk dir was aus, befahl sie sich, lass dir endlich was einfallen. Doch auf einmal hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden.
Sie drehte den Kopf und sah Michael mit amüsiertem Gesichtsausdruck im Türrahmen stehen. "Ich wollte mal sehen, wie kreative Tätigkeiten ablaufen", sagte er.
Dani hoffte, nicht allzu rot zu werden. "Konntest du nicht kommen, während ich in Hochgeschwindigkeit meine beliebten Texte über die neue Generation von Feuerlöschgeräten verfasse?"
Er zuckte bedauernd mit den Schultern. "Sag mir, wann das sein wird, und ich trage mir den Termin ein." Sein Lächeln war immer noch schwägerlich-freundlich. "Geht es dir gut, Dani?"
Sie nickte heftig, um sich und ihn gleichermaßen zu überzeugen. "Klar. Super. Und dir?"
Bevor er antworten konnte, war er von Oda, Heiko und Herrn Artschwager umringt, die sich jetzt in den üblichen Abschiedsfloskeln ergingen. "Sehr interessant und aufschlussreich. " – "Wir melden uns bei Ihnen." – "Kommen Sie gut zurück." – "Viel Erfolg mit dem neuen Projekt." – "Wir sehen uns." – "Ich lasse Ihnen was zukommen."
Wir sehen uns. Dani rollte mit den Augen, während sie ihre dämlichen Stichworte löschte. Seit sie zu Hause ausgezogen war, hatte sie mit vier verschiedenen, unglaublich netten Männern zusammengelebt (zumindest anfangs waren sie unglaublich nett gewesen, später dann nicht mehr so richtig), die alle völlig anders gewesen waren als Michael. Und kaum kreuzte er hier auf, hatte sie wieder Herzklopfen wie damals als Teenager.
Sie bezweifelte, ob sie je erwachsen werden würde.

Um Viertel nach fünf räumte sie zwei Hände voll Plunder vom Beifahrersitz ihres Seat Ibiza auf die Rückbank, damit Jan seine lange Gestalt neben ihr unterbringen konnte. "Echt nett, dass wir zusammen einkaufen gehen", sagte er. "Ich glaube, das brauch ich heute."
Dani hörte einen seltsamen Unterton in seiner Stimme und sah ihn genauer an. "Was ist los? Totaler Durchhänger?"
Jan seufzte. "Kann man so sagen, ja." Er wartete, bis sie losgefahren war, um direkt wieder vor einer Ampel zum Halten zu kommen. "Weißt du, ich bin völlig verunsichert. Ich hatte doch gestern ein Date mit Kristin."
"Diese große Dünne aus dem Steuerberaterbüro", sagte Dani, um sich zu orientieren.
"Nein, das ist Maren", korrigierte Jan. "Kristin ist Sprechstundenhilfe bei Dr. Kleinhaus unten. Schwarz gefärbte Haare und Nasenstecker."
"Ach, die. Und? Nicht so gut gelaufen?"
"Tja, wie soll ich sagen? Eigentlich ist es toll gelaufen. Wir waren erst im Kino und dann im 'Karacho', und dann ist sie mit zu mir gekommen. Und geblieben."
Dani warf ihm einen schnellen Blick zu. "So weit, so gut. Und dann? War sie zickig?"
"Nein, nein", sagte Jan schnell. "Das ist es nicht. Sie war echt nett. Aber ich... ich meine, wir haben schon... aber irgendwie war ich gar nicht richtig scharf auf sie."
Der hat Probleme, dachte Dani. Aber dann ermahnte sie sich selbst: Es war für jeden anders. "Vielleicht stehst du im Inneren deines Herzens nicht so auf Nasenringe?"
"Kann sein", sagte Jan zögernd. "Aber weißt du, ich hab schon mal gedacht... vielleicht stehe ich im Inneren meines Herzens überhaupt nicht auf Frauen?"
Dani hätte sich fast verschaltet. "Willst du damit sagen... ich meine... du denkst..."
"Tja", sagte Jan sachlich. "Vielleicht bin ich schwul."
Dani atmete scharf aus. "Puh. Nun ja. Was soll ich dazu sagen? Ich dachte immer, das merkt man ganz deutlich, in welche Richtung man gepolt ist."
Jan zuckte unglücklich mit den Schultern. "Wer weiß? Vielleicht, wenn man es nicht wahrhaben will..."
"Hast du denn Anhaltspunkte, ich meine", jetzt wurde Dani ziemlich nervös, "gibt es denn Männer oder einen bestimmten Mann..."
Jan dachte eine Weile nach. "Ich bin ja gerade erst darauf gestoßen, dass es so sein könnte", befand er schließlich. "Aber ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, da war heute ein ausgesprochen attraktiver Mann in der Agentur."
"Doch, das ist mir aufgefallen", seufzte Dani. "Ich bin ja nicht blind. Groß, schlank, dunkelhaarig?"
"Genau der", sagte Jan. "Jetzt weiß ich nicht, ich meine, ich bin nicht verknallt in ihn oder so..." – gut für dich, dachte Dani – ". . . aber ist das normal, dass es einem anderen Mann auffällt, wenn ein Kerl gut aussieht? Und der sah gut aus", sagte er noch einmal mit Nachdruck. "Ein bisschen wie dieser Geheimagent in 'Alias'. Oder was meinst du?"
"Na ja", sagte Dani zögernd. Dass Michael gut aussah, war keine Frage. Aber was bedeutete das für Jan? "Ich denke, Frauen fällt auch immer auf, wenn eine andere Frau attraktiv ist."
"Aha", sagte Jan mäßig erleichtert. "Vielleicht muss ich mir da noch etwas Zeit geben."
"Du musst jedenfalls nicht sofort dein Coming-Out planen", stimmte Dani zu.
"Ach ja", sagte er. "Das gehört ja dann auch dazu. Meine Güte, da wird sich vielleicht vieles ändern in meinem Leben, oder?"
[...]

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.