NRW Literatur im Netz

Eva von der Dunk - Arbeitsproben

RUNDGANG DURCH PLUNGE - Litauen 2004

Perkunas der Donnergott
eine Eiche für ihn
Krähenkolonien
als Nachbarschaft
zerfressene Bänke

Babrunga der Fluss hier harmlos und schmal
Saint George light
in blauer Verpackung der Dunst
Steg und Bach
Füße zum Baumeln
gebranntes Gras
Briefkästen verrottetes Blech
pigus rubai
Versorgungslücken
mit billiger Kleidung stopfen
Vorratsgaragen
Hinterhofgarten
entronnen der Supermacht

von langer Hand nicht eingehalten
die Sonne langsam
alter Mann und Störche

jede Blume von Hand gegossen
noch kein Wort
mir schlägt das Herz bis ins Hirn

LEINENFABRIK

Flachs aus der Region
Sonne oder Regen einen anderen Farbton
Mapka
Feuchtigkeit und Lärm
Haare auf Nägeln
jede Halle ihren eigenen Ton

mich betäubt Wärme und Dröhnen
in Tonnen gleitet Flachshaar über Laufkatzen
hier arbeiten die Frauen Tag für Tag
wann ertauben sie
wohin gehen sie nach Hause
wovon träumen sie im Lärm der Maschinen
Flachshaar
Frauenhaar
dreschen kämmen waschen pressen
20 Kilo Fässer durch die Hallen

Leben in der Lärmhölle
ein Bienenhaus
bedrohlich und Zischen
die Spindel die Spule
penisfarben
und wächst
versinkt
unmerklich
heißer und feuchter in den Gängen
wandern die Frauen
in Kitteln
und Kopftüchern ungeschützt

mir verborgen die Regeln
lautloser Tanz im Getöse
gemessenes Tempo

die Klangfarbe wechselt
mit Essiggeruch
gebleicht erblichen
jetzt trocken die Hitze
schon Stoff
kesselweise Weißes
Dosing the weight
Russisch und Englisch
und Schwarz
hart das Leinen
sperriger Mentalistätsgeber

Staub dann
Webstühle tosen
mir ins Hirn
Hacken ohne Pause


Spulen
Knoten
Schneiden

warm der Duft
und klappert in blassen Gesichtern
kein Lächeln
neugierig vielleicht die Augen
Blicke
vielleicht ausdruckslos
Gesichter auch Misstrauen
fängt mich der Staub
der Rhythmus der Webstühle
gewaltig das Tempo

AM FLUSS

im Schweigen
unmerklich
der Riss
zarte Kluft ein Luftspalt
kann mich nicht beruhigen
verirrt auf fremder Tastatur
mir ein z für ein y
machtlos

im Schweigen
geh ich unter
Flussgemurmel
im Müll am Ufer rote Tulpen
gleichmäßig fallen mir die Augen
in das Kabelgewirr
ein Fuß den Takt in Ungeduld
Redekonzert
kriecht mir Müdigkeit
für Kröte und Cassettendeck
um die Ohren

im Schweigen
streng die Frauen mit Macht
bewachen das Erbe
in Uniform
steif das Kostüm
die Haltung

FRIEDHOF

nicht ertragen
Sonnengrotte Wind
und Gräber
Maiglöckchen neben Giersch
verwitterter Stein zum Stamm geschlagen
Kreuz Eisenrohr
verwittert verwildert
und Grabspargel

fremd schön
sogar Kunstrasen
manchmal eine Laterne
keine Wege zwischen Gräbern
dicht an dicht
kaum einen Fuss breit

Ana Ona
mit Blick auf den See
offene Arme
das Herz leuchtend rot
leichtsinnig Tod alter Freund

WORTFELDER

streiche mit meinen Worten
über dein Gedicht
mir die Haut blutig
kalt deine Hände
aus Worten deine Schönheit
deine Bilder aus Nacht
dein Frühling ist Herbst

stolpere in deiner Sprache
Wortfelder
in Dunkelheit
greife nach deiner Nähe
den Schmerz schmelzen
deine Einsamkeit erschöpfen
Schatten deines Schattens
will dir nah sein

ein Fluch
in dir war Herbst
was hat dich verzehrt
kann mich nicht verschließen
wie komme ich dir unter die Haut

AN DANUTÉ PAULAUSKAITÉ

vergiss nicht
den Abend den Vogel
nicht fragen flüsterst du
fällt eine Hand voller
Sterne vom Himmel
wessen bittere Wurzeln Danuté

still oder leer
endlose Stoppeln
wie reimst du Straße
Raum und Gedanken
wie nennst du tote Bäume
hinter einer Unzahl verborgen
Kleinigkeiten voll Regen und Alltag
schon mild
und schmilzt vielleicht
fast unsichtbar Spuren
von Geistern
nicht deine Freunde
andere Dichter

Finger blau vor Wirklichkeit
verwandelst dich
in der Silbernacht
fremde Frau im fremden Land
wieder Mondlicht
was findet mich
in deinem Land
Hunde und Katzen
die Höfe deiner Stadt herzlos

das Aroma von Tod irgendwo
eine Fremde klopft an deiner Tür
und doch

funkelnde Tage
tanzen darüber

GEISTERFÜSSE

deine Wahl schon lange getroffen
auf deiner Milchstraße Einsamkeit

hast dich ausradiert
ich nehme übel
das endgültige Schließen der Tür
deine Stimme im Wind in den Wolken
die Fenster deines Hauses blind
wenige Wochen wenige Kilometer
mein Leben von deinem getrennt
in welchem Dunkel gefangen
taste mich entlang deiner Worte
unter deinen Geisterfüßen
legt sich kein Gras
stiller als ein Hauch deine Schritte
die mich umkreisen
berührt mich dein Wispern

hinter jeder Ecke vermute ich dich
bin es müde
dein Sprach-Land aus Dunkelheit
deiner Abwesenheit überdrüssig
dein grundlos gelebtes Leben in Angst
unter schwarzem Himmel
in brieflosen Nächten
nur Schnee und Wind

AN NIJOLÉ MILIAUSKAITÉ

An Nijolé Miliauskaité

meinen Gedanken funkelnde Tage
erinnerungsfrei neuen Raum
ein altes Dorf vielleicht
ein Friedhof vergessen
von Unkraut das Grab
einer Dichterin
jung gestorben oder verschleppt
Geruch nach Kälte

ohne Warnung
sah ich die Puppenmacherin
etwas in mir folgt der Flöte
der Leere
kleines Licht
im Fenster ein Huschen
verschieden
alle Tage deine Spur
nur ein Umriss wandert
meiner Seele oder Herz
wie geträumt vergessener Ort
seine Stimme verloren
midranga was
leblose Augen mit bloßen Füßen
im Schnee
schon Sehnsucht
steigt Spätwinter Nachmittag Frost

bist du das
Silberfäden im Haar
dieses Gesicht wird nicht altern
ich erinnere dich
Nijolé
deine Schattenspur
auf dem Wasser
dem Eis

AN JUDITA VAICIUNAITÉ

Dämmerhimmel erwarte ich
am Rand womöglich
einen Regenbogen
mein Land weit fort
zerbrechlich mein Herz

wer sind deine Königinnen
Herrscherinnen über wessen Schicksal
aus dem schwarzen Herbst schon
tanzen im Dunkeln
deiner Stadt Judita
Flecken von Frühling in Hinterhöfen
ich neide sie dir
Maisonne erwarte ich
auf den Gesichtern von Teenagern
Mondlicht vielleicht grün
Straßenlicht in einem Zimmer
trübselig sagst du

mich schreckt keine Dunkelheit
von Nacht oder Stadt
litauisch noch schneebedeckt
ein paar Backsteingebäude
ein alter Bettler mit grauen Locken
die Stimme wie das Leben vorüber
in kleinen alltäglichen Schritten
im Nebel schmelzen Minuten und Stunden

schweres Silber auf dem Boden
deiner Gedichte
ich verfalle Wort für Wort
dem Strom deiner Geheimnisse

NACHHALL

ohne Erinnerung an eine menschliche Hand
ich stürze aus den Wolken
streune dicht an den Mauern
bleiern mir die Glieder
deiner Worte beraubt

bin ausgeschlossen
nur Nachhall
Windblüten und Holzfeuer
der Frühling zu spät
hast du sie gekannt Babrunga
am Ende Fremdheit
von Innen von Außen
entwurzelt mein Herz
wie lebt es sich auf dem Schachbrett
in den Ritzen zwischen Schwarz und Weiß
wohin bist du versunken

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