NRW Literatur im Netz

Hidir Celik - Arbeitsproben

LITERATUR - MIGRATION UND ICH ALS SCHRIFTSTELLER

Die Menschen wandern, um neue Heimat zu suchen. Die Gründe sind so unterschiedlich wie die Menschen und die Erfahrungen, die sie in ihrer neuen Heimat sammeln.

Viele von ihnen können sich nur schwer von dem lösen, was sie hinter sich gelassen haben. Aber auch das Neue, das ihnen überall begegnet, muss verarbeitet werden. In beiden Fällen kann Literatur helfen –als Ventil ebenso wie als Brücke zwischen den Menschen und Kulturen.

Ein neues Zuhause, das man sucht, ist nicht vergleichbar mit der alten Heimat, in der man geboren und gross geworden ist. Mit der Wanderung lässt man eine Stück von sich in den alten Heimat. Ein Stück Geschichte voller Erinnerungen: Traurige, bittere und freudige Erlebnisse, schöne und hässliche... hat man hinter sich.

Im neuen Zuhause ist man gleichzeitig in der Fremde. Dies ist aber vorübergehend. Man sitzt zwischen den Stühlen. In Gedanken ist man überall – bei den unterdrückten Völkern, bei den Menschen, die im Krieg leiden, hungern und im Elend leben. In Gedanken kennen wir als Schriftsteller keine Grenzen, keine Nationalitäten, keine Hautfarbe. Wir sind frei wie ein Vogel über die Grenzen hinaus.

Ein neues Zuhause ist dort, wo man sein Leben nach eigene freie Wahl selber gestalten kann und nicht dabei verhindert wird, wie man gestaltet und ein Leben ohne Angst, ohne Verfolgung und in Würde führt. Dies gilt für alle Menschen, unabhängig von deren Nationalität und Vergangenheit. Die Schriftsteller sind dabei nur noch ein Sprachrohr derer, die selber auf der Suche nach einen Zuhause sind. Sie sind Anwälte derer, die in das neue Zuhause nicht zu recht kommen, diskriminiert und diffamiert werden, die nicht als gleichberechtigte BürgerInen in der Gesellschaft angesehen und respektiert werden.
Auch ein neues Zuhause bringt Probleme und Erwartungen mit sich, ist aber auch mit Freude verbunden. Keiner kann dieses neue Zuhause besser beschreiben als Schriftstellerinnen und
Schriftsteller.

Ihre Worte sind das Spiegelbild, in dem wir uns als Gesellschaft wiederfinden.
Wir entdecken uns in ihren Erzählungen und Gedichten mit all unseren gemeinsamen schönen, hässlichen, unmenschlichen Seiten. Im Mittelpunkt unsere literarischen Arbeiten ist: Mensch zu Sein! Literatur ist die Seele unserer Gesellschaft. Sie ist auf der Suche nach Frieden, nach Miteinander für die Gleichberechtigung in der Gesellschaft.

Auch ich habe mich einst wie viele andere SchriftstellerInnen auf die Suche begeben.
Und wie vielen anderen auch, ist mir die Fremde ein Zuhause geworden, aber auch fremd geblieben:

Mein Vaterland...
ist international
Meine Heimat...
ist überall
Mein Volk...
sind die Menschen dieser Welt
Meine Hautfarbe...
ist Schwarz
weiß
gelb
eine Mischung Mutter Erde...


So sind wir die Schriftsteller ohne Nationalität, wandern wir wie die Derwische von Ort zu Ort, bis wir ein neues Zuhause gefunden haben.Wir als zugewanderte Autoren geben gleichzeitig einen gesellschaftliche-und soziale Perspektive, durch die Mehrheitsgesellschaft. andere Kulturen wahrnehmen und verstehen kann.Denn entdecken sie dabei auch ihre eigene Alltagswelt-und Wirklichkeit.

In der Geschichte der Wanderung
Schwimmt man wie ein Fisch
in der bodenlosen Tiefe des Meeres hin und her....

Wenn man auch eines Tages sein Zuhause findet, ist man immer noch auf der Suche. Auf der Suche nach etwas neuem, das mit Visionen erfüllt ist. Schriftsteller zu sein, bedeutet gleichzeitig auf Distanz zu gehen. Kritischer zu sein, demgegenüber der denjenigen, die die Würde der Menschen antasten. Die Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sind literarischen Aspekte, die von der SchriftstellerInnen in dieser Anthologie bearbeitet werden. Die Unterdrückten, Hoffnungslosen ,Verzweifelten und Diskriminierten finden in literarischen Arbeiten der zugewanderten Autoren ihre Hoffnung und Lebensfreude wieder. Denn wir sind bereit im Namen derer, die leiden, zu schreien. Ja, wir werden schreien, bis unsere Schreie gehört wird.
Mit dieser Anthologie möchten wir einige Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus NRW vorstellen, die Deutsch schreiben. Wir möchten Sie, liebe Leser, dazu einladen, an den Erfahrungen und Empfindungen der Autoren teilzuhaben. Dabei werden Sie sehr schnell merken, dass sich die Autoren mit dem Thema Migration nicht nur negativ auseinandergesetzt haben.
Auch schönes, positives durch die Feder kommt über die Lippen zum Klang. Die Autoren dieser Anthologie sind gleichzeitig Zeitzeugen unsere Geschichte, die noch ihre Leser und Zuhörern suchen....
Die Zukunft unsere Träume ist Gerechtigkeit und Frieden, die wir gemeinsam aufbauen, um ein Leben ohne Hass mit voller Freude zu führen....Dies ist unsere Sehnsucht.

IST IHR MANN EIN DEUTSCHER?

Ich habe diese ganze Fragerei satt. Immer wieder werde ich gefragt, "Sind Sie Italienerin?" Nein, ich bin keine Italienerin.
"Sind Sie Französin? Auch nicht. Sie sind bestimmt aus Ungarn oder Spanien."
"Nein, falsch!"
"Ja, was sind Sie denn?"
"Das sage ich Ihnen nicht, sie sollen es erraten." Inzwischen macht es mir auch manchmal Spaß. Ich versuche auch des öfteren mit meinen Kunden ein kleines Ratespiel zu treiben. Dadurch stelle ich immer wieder fest, dass viele meiner Kunden über Länderkunde und Geographie kaum etwas wissen. Viele können nicht über die Grenzen Europas hinaus denken.
"Ja, was sind Sie denn?" " Es reicht mir, soviel Zeit habe ich auch nicht. Ich verrate Ihnen mein Geheimnis."
"Endlich sagen Sie es."
"Ich stamme aus der Türkei."
"Sind Sie Türkin?"
"Ich habe nicht gesagt, dass ich Türkin bin!
"Gott sei Dank, habe ich mir gedacht, dass sie keine Türkin sind.
Dann sind Sie eine Armenierin?
"Ich bin eine Deutsch-Türkin."
"Was heißt das? Nie gehört." " Ja, ich bin in der Türkei geboren, meine Eltern sind aus der Türkei und ich bin hier in Deutschland aufgewachsen. Ich bin eine Deutsche, eine türkischstämmige Deutsche."
"Aber Sie sind anders. Sie sehen nicht so aus, wie diese...!"
"Welche?"
"Sie wissen, was ich meine?"
"Nein, tut mir leid, woher soll ich wissen, was Sie meinen?"
"Sie sind ganz anders als diese Frauen, die Kopftuchtragen. Sie sehen aus wie wir. Aber bestimmt ist ihr Mann ein Deutscher?"
"Nein, meine Dame. Er ist auch kein gebürtiger Deutscher. Aber er ist Bonner, und inzwischen auch ein deutscher Staatsbürger. Außerdem, was hat mein Aussehen mit meinem Mann zu tun?"
"Na, ja, Sie wissen ja, die türkischen Männer würden nie im Leben ihre Frauen sich so modern ankleiden und in so einem Beruf arbeiten lassen."
"Na gut, wenn sie ihn immer noch als Türken sehen, dann ist er ein Türke. Wenn Sie mich fragen, ist er ein Mensch wie alle anderen."
"Fühlen Sie sich bitte nicht beleidigt, Frau...! Ich bin froh, dass ihr Mann anders als die türkischen Männer ist. Aber die türkischen Männer sind furchtbar, sie sind brutal, schlagen ihre Frauen und den ganzen Tag lang spielen sie Karten und gucken Fernsehen. Zuhause tun sie nichts."
"Mag sein, dass einige Männer so was tun, aber auf meinen Vater trifft diese Beschreibung auch nicht zu."
"Ihr Vater war bestimmt auch anders als türkische Männer?"
"Nein, er war ein Türke."
"Aber anders, ne?"
"Ich weiß es nicht, wie anders er war oder ist – Frau Günther, darf ich Sie etwas fragen?
Ja, fragen Sie, fragen Sie."
"Was macht ihr Mann zu Hause?"
"Ach, Helmut, der geht zur Arbeit. Wenn er von der Arbeit kommt, setzt er sich die ganze Zeit auf seinen Sessel und guckt stundenlang Fußball. Während er fern sieht, trinkt er ein Bier nach dem anderen. Wissen Sie, langsam ist es mir zuviel. Ich möchte nicht mehr hören, Petra bring mir noch ein Bier, Petra mach mir dies oder das....!
Ich hab es einfach satt!"
"Ich verstehe Sie, denn er ist ein Deutscher!"
"Nee, er ist ein Besoffener."
"Ja, ich weiß Frau Günther, ich weiß. Man hat so ein Bild von deutschen Männern, dass sie nur noch betrunken sind, wohl ähnlich, wie für Sie türkische Männer brutal sind."

Aus: Sa(u)tierischsatirisch aber ernst... Die Angst vor den Inländern. Satiren.

Farben, Träume und Fremde

Ein Leben ohne Träume
ist wie ein trockener Brunnen ohne Wasser

Ein Land ohne Fremde
ist wie ein Baum ohne Blätter

Laß dein Leben mit Farben bereichern
denn die Menschen sind prachtvolle Farben
unserer Erde

Die Träume und die Farben sind Zwillinge
unseres Lebens

Ein Land ohne Fremde hat keine Träume

Träume
Farben
und Fremde
haben die gleiche Heimat unserer Erde

Aus: Mein Gott ist Schwarz, Gedichte, Freepen

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