NRW Literatur im Netz

Rosa Marie Bunt - Arbeitsproben

EIN KLEINER FREUND

Karlotta Kürbis war ein ungewöhnliches Kind. Wenn sie scheinbar ziellos durch das feuchte Laub streifte, das jetzt im späten Oktober schon fast von allen Baumen gefallen war, flogen ihre zerzausten, feuerroten langen Zottelhaare wie wuselnde Fangarme eines Kraken wild umher. Dann leuchteten ihre kastanienbraunen Augen, die immer etwas auszuhecken schienen und die man nur sehen konnte, wenn der Wind es wollte, vor lauter Glück noch heller, und ihr löcheriger flammenroter Schal schlug ihr ungestüm auf die Schulter, als freute er sich mit.
Fest, ganz fest hatte sie mit ihren klammen Fingern seine dicke wärmende Wolle um den Hals geschlungen. Dabei war dieser Schal doch recht schäbig und schmutzig und obendrein viel zu lang für ein Kind in ihrem Alter. So lang nämlich, dass er bequem wie ein U‐Boot unter Wasser jede Pfütze durchtauchte, um sich daraufhin um morsche Äste, Sträucher, Hecken und Gestrüpp zu winden.
Sollte dieser schmuddelige wollene Fetzen etwa der Grund sein, dass dieses Kind so besonders war? Nein! Wer das behauptete, der hatte niemals ein Kind gesehen. Schon gar nicht Karlotta! Doch was war es dann, dass jeder, der sie hier am Rande des Waldes spielen sah, insgeheim dachte, dieses Mädchen mit den Sommersprossentupfen auf der Nase sei irgendwie ungewöhnlich, nicht so wie jedes andere eben?
Karlottas Eltern ahnten es wohl seit jener geradezu mystischen Novembernacht, in der Karlotta geboren wurde und sie zum ersten Mal in ihre sternenblank geputzten Augen sahen. Dichter Nebel hatte damals dem Mondlicht den Weg auf die Erde versperrt und Spinnweben an Hauserwänden und Dachvorsprüngen kündeten von einer dunklen gespenstischen Zeit. Es regnete in Strömen und der Herbstwind brauste laut pfeifend durch die Blätter der knorrigen alten Eiche vor dem Haus. An ihren ächzenden Ästen schlugen sie wütend hin und her. Fast so, als kämpften sie ums Überleben, um dann doch aufzugeben und mit letzter Kraft hinabzusausen auf ihrer Reise ins Ungewisse. Sekunden später wie leer gefegt – der Baum ganz nackt und nass – und dann: Stille, absolute Stille. Der Sturm war nicht länger ein Sturm. Es war Ruhe. Nur in dem kleinen Zimmer im Dachgeschoss des winzigen, ein wenig windschiefen Hauses tönte ... Babygeschrei!

Aus: Karlotta Kürbis' feuerrotes Abenteuer

PETER MICHAEL GOTTHARDT – DIE KLAVIATUR DES LEBENS

Nichts auf dieser Welt ohne Grund. Auch nicht, den von Peter Michael Gotthardt verfassten Chansontext NIMM DIR DEIN LEBEN UND MACH DIR WAS DRAUS aus dem gleichnamigen Chansonprogramm 2007 zum Auftakt dieses Buches zu bestimmen. Schließlich versteht Gotthardt die Formel – eine Formel persönlichen Glücks – wörtlich. Dass er etwas gemacht hat aus seinem Leben, ist unbestritten. 70 bewegte Jahre, von vielerlei musikalischen Erfolgen in der damaligen DDR und im vereinten Deutschland der Nach-Mauerfall-Ära gekrönt, legen Zeugnis davon ab. Keineswegs leise, versteht sich. Denn von mehr als 500 Filmmusiken aller Genres, Orchesterwerken, Oratorien, Kammer-, Ballett- und Schauspielmusiken bis hin zu Songs, Liedern, Chansons und montierten Toncollagen klingen Gotthardts Werke »farbenreich« und frisch. Mal überbordend in dynamischer Kraft und drängendem Anspruch, mal magisch und sanft berührend, fast lyrisch –, zuweilen aber auch von moderatem, schlichten Understatement gezeichnet, wie es beispielsweise gute Filmmusiken nicht selten erfordern. So ist Gotthardt, einer der bis heute vielsei-tigsten und zugleich erfolgreichsten Komponisten der Gegenwart, dessen breit gefächertes Repertoire die Menschen beeindruckt, in aller Munde –, besser gesagt: Er hat sich festgesetzt in jedem Ohr. Weit über Landesgrenzen hinaus, sodass der mit Herzblut der Musik verfallene Gotthardt mit seinen Kompositionen auch international schnell von sich reden macht. Was er im Übrigen noch heute tut!

Aus: Mitunter fällt mir etwas ein... Eine dokumentierende Sammlung zum Siebzigsten von Peter Michael Gotthardt

IM SOUTERRAIN BEI HUND, KATZE, MAUS

Wer ist das eigentlich? Dr. Renate Lorenz, ihres Zeichens Tierärztin aus Passion, wie man mir aus berufenem Mund zugeflüstert hat. Wer? Kein Geringerer als der Verleger dieses Buches, dem diese Frau, wie er selber sagt, am Herzen liegt. Nein, nicht das, was Sie denken. Er schätzt sie hoch als Person - und Mensch. Sie sei irgendwie etwas Besonderes, meint er: außergewöhnlich und eigenwillig. "Sie geht schon mal unbequeme Wege", erklärt er weiter, "aber immer geht sie ihren eigenen Weg. Dabei sind ihr ihre Patienten, egal ob auf zwei Beinen oder vier, natürlich die liebsten." All das hat er mir erzählt - fast wie nebenbei in einem von vielen Gesprächen mit ihm - und mich neugierig gemacht auf diese Frau, die ich bei einer Stippvisite mit Katerchen, dem kranken Stubentiger eines Freundes, schon vorher einmal selbst kurz kennen lernen durfte.

Ja! Sie ist spontan, wissbegierig und mindestens genauso neugierig wie ich. Das merkte ich schnell, als sie mich kurzerhand in ein Gespräch verwickelte und im Nu über meinen nahezu vollständigen Lebenslauf, persönliche Hobbys und dies und das auf dem Laufenden war. Spontan ist sie auch immer bereit zu helfen, da, wo Hilfe notwendig ist. Notfalls auch auf unkonventionelle Art und Weise, wie ich schnell herausfand und auch aus anderen vertrauenswürdigen Quellen erfuhr. Also, meine Neugier war geweckt und heute, an diesem Tag, der sich noch so recht nicht entscheiden kann, ob er mir sein graues, von Nieselregen verschleiertes Gesicht zeigen oder mich mit seinen Sonnenstrahlen verwöhnen wird, mache ich mich auf den Weg zu ihr, um mehr herauszufinden über diese Frau [...]

Aus: Tierisch drauf

Aus: FORUM DER FARBEN

Ich denke mir ein Lied,
das Blumen zum Singen bringt.
Ich höre, wie es klingt
von Liebe und Hoffnung - und dir.

Aus: FORUM DER FARBEN

Wasser, Feuer, Erde, Luft -
alles ruht in sich,
Glut und Verlangen ... und Frieden,
dessen Atem süß schmeckt.

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