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Gisa M. Zigan - Arbeitsproben

TAXI, MADAME (Glosse)

Promis erwähnen ja gern in Talkshows, daß der Taxifahrer, der sie gerade vom Flugplatz dorthin brachte, dies und jenes gesagt habe, was ihre Meinung bestätige, belege oder interessant nuanciere. Politiker glauben dann, "Volkes Stimme" gehört zu haben.
Also ich kann auf diese Stimme gut verzichten. Wenn ich ein Taxi besteige, bin ich erschöpft, beladen, in Eile oder sonstwie im Stress, aber ganz gewiss nicht zu einem ausführlichen Schwätzchen aufgelegt.
Doch trotz kühl-freundlichem Gruß beim Einsteigen, trotz sachlicher Nennung meines Zielorts und der gängigen Route dorthin - worauf entweder ein patziges "Ich kenn mich aus" oder ein mürrisches "Wo solln das sein" - kommt, werde ich nicht in Ruhe gelassen.
Der Fahrer redet, redet, redet. Über seine Wehwechen, alle überlebten oder befürchteten Operationen, über seinen Urlaub, den erlebten und den bevorstehenden, über seine Hobbies, seine politischen Ansichten - ich leide und schaue angestrengt aus dem Fenster und antworte selten.
Wenn ich versuche, durch die Wahl des Rücksitzes ein Gespräch zu erschweren, bekomme ich Schwierigkeiten. "Dort sitzen eigentlich nur die älteren Herrschaften", sagte mal einer, und eine Fahrerin hatte die Materialien für ihre Gobelinstickerei dort aufgehäuft (von der sie mir dann ausführlichst erzählte, ich bekam jede Dekoration in ihrem Eigenheim geschildert, die sie in vielen langen Taxiwartestunden produziert hatte).
Fast immer muß der rechte Vordersitz erst verschoben werden, damit ich hinten einsteigen kann, und sehr oft liegt persönlicher Kram des Fahrers dort hinten, wenn es auch nicht immer ganze Werkstätten sind wie bei jener Dame, die ihre Handarbeit nur unwillig unterbrach.
Da lobe ich mir Paris, wo auf dem rechten Vordersitz nicht selten der Hund des Fahrers liegt, so daß man automatisch hinten einsteigen muß. Oder die englischen Taxis mit der Trennscheibe, die einen auch nach hinten verweisen. Aber auch die gläserne Trennwand verhindert nicht die Kommunikation, nur die Inder schweigen würdevoll und bringen einen wortlos an den gewünschten Ort.
Mehr will ich doch gar nicht: schnell und still von A nach B gebracht werden, einen Raum der Ruhe und Sammlung zu haben, bevor ich wieder ins Leben geworfen werde. Schließlich zahle ich dafür, und das nicht wenig.
Aber wie war es gerade in Weimar wieder? Es sind zehn Minuten vom Bahnhof zum "Frauenplan", eine kurze Fahrt für neun Mark fünfzig, aber was mußte ich mir alles ungewollt anhören! Er wolle ja nicht klagen, begann der Fahrer, und klagte. Er hatte zwar einen nagelneuen Mercedes, war selbständiger Unternehmer und hatte vor sich die Perspektive, im Jahr 1999 Millionen von Touristen in der Kulturhauptstadt Europas begrüssen zu dürfen, aber nein, er jammerte. Nur zweimal in sechs Jahren habe er Urlaub machen können, meine schüchternen Hinweise auf den schönen Thüringer Wald tat er kurz ab mit dem Hinweis, daß er nun mal Wärme brauche. Doch ständig sei etwas Neues fällig: Ölwechsel, neue Reifen, er wisse nicht, wie lange er noch überleben könne.
Ich verkniff mir alle Parallelhinweise auf die kürzlichen Reparaturkosten für meinem uralten Opel, ich fing auch keine Diskussion über Freiheit und Menschenrechte an, wie ich sie 1990 in Potsdam noch versucht hatte, als der Taxifahrer/unternehmer mir seinen Stundenlohn von drei Mark fuffzig vorrechnete: "Aber dafür können Sie jetzt mit mir ungehindert nach Westberlin fahren, wenn wir wollten", hatte ich gesagt, "und in den Wartepausen können Sie alle Zeitungen dieser Welt lesen!".
Nein, nein, solche ketzerischen Sätze unterdrücke ich schon lange, und ich will bei Gott auch keinen Stab über die ostdeutschen Taxifahrer brechen. In meiner Ruhrgebietsstadt ärgere ich mich genauso. Oft atme ich erleichtert auf, wenn der Fahrer Ausländer ist - der kann nicht soviel schwätzen, denke ich dann -, aber dafür sind Körpersprache und Mimik umso lebhafter, wenn sich diese meist heißblütigen (?) Männer über andere Verkehrsteilnehmer aufregen. Ich bekomme Angst, werde ganz klein und grinse betont freundlich, um mich ja politisch korrekt zu verhalten und wohlbehalten anzukommen.
Warum muß das alles so sein? Warum dieses verbale Kommunikationsbedürfnis der Taxifahrer? Es gibt doch weißgott isoliertere Berufe:
Leuchtturmwärter etwa oder Mütter von Kleinkindern. Daß die einmal lossprudeln, wenn sie unter Menschen kommen, ist verständlich.
Aber der Taxifahrer hat jederzeit Kontakt zu seiner Zentrale, plauscht mit den Kollegen am Stand, hat sicher auch Fahrgäste, die beredter sind als ich - warum nur kann er die erschöpfte mittelalterliche Frau nicht schonen, die sich da zu seinem Gefährt schleppt? Ist das vielleicht der berüchtigte Opfer- und Angstgeruch, der mich umweht? Wäre es anders, wenn ich cool mit Aktenköfferchen und Laptop einstiege? Aber nein, eben diese vielbeschäftigten Promis, Politiker usw. werden ja auch mit Reden eingedeckt, s. oben, "Volkes Stimme"...
Der schönste Augenblick einer Taxifahrt ist für mich der, wenn sie zuende ist. Wenn ich mich mit all meinen Taschen hinausquälen darf - "Aber kurbeln Sie noch das Fenster hoch" - befiehlt der Fahrer, der gar nicht daran denkt, auszusteigen und mir zu helfen, und meine kleine Rache, als Trinkgeld nur eine Mark zu geben, entschädigt mich überhaupt nicht.
Ich würde freiwillig Aufschläge für Schweigeminuten zahlen. Gab es da nicht einmal eine Anekdote, in der der Erzähler - irgend eine historische Persönlichkeit - auf die Frage des Barbiers: "Wie soll ich dem Herrn bitte die Haare schneiden?" antwortete: "Schweigend!"?
Schweigen als Wohltat, als Geschenk, als Oase - eine Forderung, die sicher nicht zeitgemäß ist. Geschwiegen wird in Klöstern - ach wären doch manche Taxifahrer Mitglied im Trappistenorden! Ein großes T auf der Fahrertür und ich wüßte Bescheid. Und würd' das Schweigen gern mit Silber lohnen.

Aus: CYBERLU

ja, ja, undsoweiter, die interessieren mich alle nicht, Bernd ist da!!!!
*Cyberlu* : Hi Leute!
*Donar* : nabend Lu - willstn Bier?
*Brösel[Helper]* : Guten Abend, Cyberlu
Bernd : hi Lu - lange nicht gesehen!
*Cyberlu* : Das lag an dir - ich war oft hier -
...und habe jeden Abend auf dich gewartet, aber das braucht er ja nicht zu wissen.
Bernd : tja, du, ich hatte keine Zeit -
*Donar* : Bist fremdgegangen, was?
Zed : auf ABZ
*Brösel[Helper]* : Das ist hier ein Tabu-Wort, zed!
ABZ ist einer der anderen Dienste und natürlich Konkurrenz zu dem, auf dem wir uns hier befinden -
Bernd : Ach was, so nette Leute wie hier finde ich dort bestimmt nicht - und so nette Mädels
*Cyberlu* : o danke, Bernd :-))))
chatgirl : ey, und was is mit mir???
Blöde Kuh, halt dich da raus. Obwohl die vielleicht wirklich ein junges Mädchen ist. Ich habe bisher offen gelassen, wie alt ich eigentlich bin. So direkt hat mich ja auch keiner gefragt. Sie scheinen anzunehmen, daß ich in den Zwanzigern bin, so wie die meisten hier. Entweder es sind Studenten, die von ihrer Uni aus einen Zugang ins Netz haben, einen Account nennen sie das, und das hemmungslos ausnutzen auch für andere Gespräche als die über Wissenschaft und Forschung - falls sie diese Gebiete überhaupt online angehen, die meisten werden ihre Bücherstapel auf dem Schreibtisch haben und daraus ihre Weisheiten beziehen, aber vielleicht irre ich mich auch, was weiß ich denn schon, habe nie eine Uni von innen gesehen -, oder es sind Leute im Büro, die oft auch beruflich mit Elektronik und all dem Zeug zu tun haben.
Ich habe mir das mal von *Schlumpfi* erklären lassen. Sie hockt tagsüber in der Firma und bleibt dann entweder nach Feierabend da, um mit uns zu chatten. Offiziell heißt das Überstunden und bringt ihr bestimmt Lohn und Anerkennung ein. Oder sie loggt sich zu Hause mit ihrem Notebook ein, das sie auch billig über die Firma bekommen hat für den Fall, daß sie mal unterwegs bei Kundenbesuchen Kontakt aufnehmen will oder Informationen abfragen muß.
Sie hat keinerlei Hemmungen, auch abends zu Hause, beim Quatschen mit uns, den Firmen-Account zu benutzen, und anscheinend sind die zu blöd, um das zu bemerken, oder zu vertrauensvoll gegenüber ihrer bewährten Mitarbeiterin.
Na, mir kann es ja egal sein,
Bernd hat einen privaten PC und einen privaten Account, hat er mal erzählt.
Bernd : Hey, Lu, bist du eingeschlafen?

*Cyberlu* : oh, nein, sorry - war im Keller -
*Donar* : Lu geht auch fremd, Bernd, paß bloß auf - hier, hastn Bier -
(_)]---> zu Bernd rüberschiebt
Im Keller sein, heißt, mit jemandem in ein privates Gespräch vertieft sein. Ich kann ja die Personen/Namen auf der Answesenheitsliste anklicken mit dem Feld "Sprechen", und falls sie nicht in "Persönliche Einstellungen" auf "Ablehnen" gedrückt haben sondern auf "Annehmen" - eigentlich schön mehrdeutig, dieses technische Vokabular -, dann leuchtet bei ihnen neben dem großen Dialogfeld mit der ganzen Gruppe ein kleines privates Fenster auf. Darin kann man dann hin- und herschreiben, und niemand sieht und hört das.
Der [Helper] hat angeblich auch keinen Einblick, aber das glaube ich nicht ganz. Technisch ist das doch bestimmt möglich.
Neulich stand im "Spiegel" eine Titelgeschichte über die Durchsichtigkeit der Menschen am und im Computer. Man könne mit ein paar kleinen Geräten und Tricks aus hundert Meter Entfernung mitverfolgen, was jemand in seinen PC eingibt. Die Impulse durchdringen auch Mauern, und nur ein Stahlgebilde für viele tausend Mark könne dagegen schützen.
Nun, das habe ich ja nicht nötig, aber ab und zu rede ich schon ein paar Takte mit jemandem in diesem kleinen privaten Fenster, schon um zu lästern.
Aber Bernd hat diese Funktion sowieso meist ausgeschaltet - weiß der Himmel warum, vielleicht klicken ihn zu viele Mädels an? -, ich habe noch nie privat mit ihm geredet. Leider.
Ich muß mich mal ins Gespräch einschalten, die blödeln da nur herum und tippen viele Male "hi" und "bye", weil heute so ein Kommen und Gehen ist auf dem Kanal -
*Cyberlu* : So, jetzt bin ich voll da. Was läuft?
Bernd: : Wir diskutieren gerade Astrologisches, Lu. Wann hast du Geburtstag?
*Cyberlu* : 11.4. -
auwei, beinahe hätte ich 1949 eingegeben, verflixt noch mal.

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