NRW Literatur im Netz

Petra Hammesfahr - Arbeitsproben

Aus: DER PUPPENGRÄBER

Prolog
Es ist in den vergangenen Jahren etwas Gras gewachsen über den furchtbaren Sommer, der fünf Menschenleben gekostet hat. Es wurde viel darüber geredet, zuviel diskutiert, gestritten, spekuliert und Schuld zugewiesen. Alte Feindschaften flammten neu auf, alte Freundschaften verbrannten in der Glut. Jeder im Dorf wußte etwas, und jeder, der bis dahin geschwiegen hatte, riß das Maul auf, als nichts mehr zu ändern war.
Ich habe mit allen gesprochen, die noch reden konnten. Ich habe mir ihre Erklärungen, ihre Entschuldigungen und ihre faulen Ausreden angehört. Ich habe ihre Versäumnisse gesehen und ihre Irrtümer erkannt. Nun will ich für den sprechen, der niemandem sagen konnte, was er fühlte. Für Ben.
Es wird nicht leicht, das weiß ich. Es gab nicht für alles Zeugen. Trotzdem bin ich sicher, daß auch die Situationen, die niemand beobachtet hat, sich so abgespielt haben, wie ich sie schildern werde. Warum soll ein Mensch mit beschränkten intellektuellen Fähigkeiten ausgerechnet in den entscheidenden Momenten sein Verhalten ändern?
Über mich gibt es dabei nicht viel zu sagen. Ich war das Schlußlicht, nur eine Randfigur mit einer erfolglosen Rolle in einem Zwischenakt und am Ende die ermittelnde Hauptkommissarin Brigitte Halinger. Im Sommer 95 war ich dreiundvierzig Jahre alt, verheiratet und Mutter eines siebzehnjährigen Sohnes. Das ist vermutlich mein Problem bei der Sache.
Ich fühle mit seiner Mutter - Trude Schlösser. Auch wenn ich ihr Verhalten nicht billige, verurteilen kann ich sie nicht. Und am Ende gelang es ihr, ungeachtet der Konsequenzen, die es für sie selbst hatte, über den eigenen Schatten zu springen. Für ihr Geständnis bin ich Trude zu großem Dank verpflichtet. Nur ihre schonungslose Offenheit versetzt mich in die Lage, den Fall restlos zu klären und nun Bens Geschichte publik zu machen. Bekannt werden muß sie. Vielleicht hilft es mir, mein eigenes Entsetzen zu verarbeiten. Vielleicht vergehen die Alpträume, die mich auch nach all der Zeit noch nachts aus dem Schlaf reißen.
In diesen Träumen begleite ich ihn auf seinen Runden durchs Feld. Ich liege von Gestrüpp verborgen auf dem Bauch, spähe mit ihm durch das Fernglas, fiebere mit ihm den jungen Mädchen entgegen. Ich schaue über seine Schulter, wenn er den Spaten ansetzt. Dann wache ich schweißgebadet auf und frage mich, wie ich ihn eingeschätzt hätte, wäre ich ihm in diesen furchtbaren Sommerwochen begegnet, womöglich noch in der Nacht - auf einem einsamen Feldweg.
Zweiundzwanzig war er in dem Sommer. Ein Riese von einem Kerl, massig und schwer, mit einem sanften Blick, einem Fernglas vor den Brust, einem Klappspaten am Taillenriemen, meist einem Messer in der Hosentasche und dem IQ eines zweijährigen Kindes. Hätte ich ihn gefürchtet? Oder hätte ich gedacht wie viele andere, zweijährige Kinder sind harmlos, sie nehmen allenfalls ihr Spielzeug auseinander.
Daß er Puppen zerriß, war allgemein bekannt. Es wußten auch viele, daß er ständig unterwegs war in seinen dunkelblauen Anzügen. Nicht die eleganten mit den weißen Hemden. Er trug nur die bequemen mit Gummizügen um Taille und Fußknöchel. Damit war er unabhängig, konnte seine Notdurft im Freien verrichten.
Es gab schon früh einige im Ort, die ihre Nasen rümpften und sagten: "Es ist eine Schande, daß die den so laufen lassen." Aber eine Gefahr sahen nur wenige in ihm. Vielleicht wäre er in einer Großstadt gar nicht aufgefallen, da laufen viele merkwürdige Gestalten herum. In einem Dorf jedoch, wo jeder mit argwöhnischen Augen nach nebenan schaut ...
Dörfer haben ihre eigenen Gesetze. Es geschieht eine Menge, und man läßt es nicht gerne nach außen dringen. Man weiß, welchen Dreck der Nachbar unter den Teppich kehrt, und oft genug ist man ihm beim Kehren behilflich. Anschließend klopft man sich auf die Schulter und sagt: "Schwamm drüber." Zu ihm konnte man das nicht sagen. Er hätte es nicht verstanden.
Und niemand verstand ihn. So kann ich eines mit Gewißheit sagen: Es war eine lange Kette von Mißverständnissen und sinnlosen Bestrafungen, die ihn zu dem machten, was er im Sommer 95 war - der Puppengräber.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.