Sperling, Maria

Maria Sperling

Bürgerl. Name
Maria Sperling
Jahrgang
1934
Geburtsort
Möhnesee/Körbecke
Wohnort
Soest
Orte
Möhnesee, Drüggelte, Herzfeld, Soest, Attendorn
Regionen
Westfalen komplett, Hellweg, Südwestfalen
Genres
Prosa, Lyrik
Kontaktadresse
Kattenhol 1D, 59494 Soest, Deutschland
Telefon
 
geschäftlich
02921-31166
Telefax
02921-31155
Vita

Geboren 1934 in Möhnesee/Körbecke, Lehrerin, wohnt in Soest. Schülerin von H.C. Artmann (Schule für Dichtung in Wien).

Auszeichnungen

2013 verrückt nach Leben - Anthologie, Solingen
2009 Edelrabe-Literaturpreis der Christine-Koch-Gesellschaft e.V.

Prosa

Botschaften des Augenblicks. Erzählungen und Gedichte. Woll: Schmallenberg 2016.
Taubenauge und Holunder. Dorfgeschichten und Gedichte. Pallas: Dinker 2014.
Abzweig nach Gwandalan - Australisches Mosaik. Erzählungen und Gedichte. Pallas: Dinker 2003.
Versuche gegen die Fliehkraft. Erzählungen und Gedichte. Pallas: Dinker 2000.
Herzpendel. Spiegelungen und Spuren. Prosa und Lyrik. Asten: Arnsberg 1998.

Lyrik

Arkadien ist fern. Gedichte, Malerei: Ingeborg Porsch. Pallas: Dinker 2000.
Versuche gegen die Fliehkraft. Erzählungen und Gedichte. Pallas: Dinker 2000.
Herzpendel. Spiegelungen und Spuren. Prosa und Lyrik. Asten-Verlag: Arnsberg 1998.

Anthologie

In: Verrückt nach Leben. Custos: Solingen 2013.
In: Möhnetalsperre - Ein Jahrhundert. Möhnesee 2013.
In: Soester Zeitschrift für Geschichte und Heimatpflege, 2008.
In: Grenzgängerinnen. Lessing-Verlag: Dortmund 2004.
Bahnsteig (Gedicht); Eine zweite Geburt (Kurzprosa). In: A 45. Längs der Autobahn und anderswo. Grupello: Düsseldorf 2000.
In: Jahrbuch Westfalen. Münster 1999, 2000, 2004, 2005.
Axis Mundi. Kindheit zwischen Haarstrang und Möhnesee. In: Kreuz und quer den Hellweg. Literarische Ansichten einer Region. Hrsg. von Herbert Knorr im Auftrage der Stadt Unna und des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V. Klartext: Essen 1999.
In: Heimatkalender des Kreises Soest. Soest 1998, 2012.
In: Schmallenberger Sauerland Almanach, 1997.
In: Kleine Reihe der Christine-Koch-Gesellschaft. Schmallenberg 1996, 1999, 2002, 2003, 2004, 2005, 2007, 2011, 2013, 2016.
In: H.C.Artmann (Hg.): Lyrik als Aufgabe. Wien 1995.
In: Sauerland. Zeitschrift des Sauerländer Heimatbundes. Meschede 1994, 1996, 1998, 2000, 2001, 2002, 2003, 2007, 2008, 2009, 2010, 2011, 2014, 2016.
In: Podium. Wien 1993, 1994, 1998.
In: Sprachgitter. Köln 1981.

Über Werk und Autor

In: Sauerland. Zeitschrift des Sauerländer Heimatbundes. Meschede 1998, 2000, 2001, 2009.
In: Lit°Form 1999, 2000.

Selbstauskunft

Rezension von:

Maria Sperling, Taubenauge und Holunder. Dorfgeschichten. Erzählungen und Gedichte. Hrsg. vom Kulturverein Möhnesee e. V. Soest 2014. Pp. 146. ISBN 978-3-00-046306-8

Mit ihrem Prosa- und Lyrikbändchen Taubenauge und Holunder hat Maria Sperling ein Kaleidoskop mannigfaltiger Erinnerungen geschaffen. Der Untertitel („Dorfge-schichten") verweist auf das Zentrum ihrer Erzählperspektive: der kleine Flecken Körbecke im Umfeld von Möhnesee, Haarstrang und Soester Börde. Das will frei-lich nicht bloße Ortsangabe sein. Das Dörfchen mit seiner Umgebung ist Dreh- und Angelpunkt der Texte, und selbst abwesend bleibt es doch anwesend. Denn auch unausgesprochen bleibt die engere Heimat der rote Faden, der sich durch Maria Sperlings Buch zieht. Dabei ist Heimat in seiner tiefsten und schönsten Bedeutung zu nehmen: als der von weit her kommende Ursprung der eigenen Existenz, als der „unergründliche Brunnen der Vergangenheit" (Thomas Mann). Heimat ist also mitnichten bloßer Aufhänger für Reminiszenzen aus Kindheits- und Jugendtagen, Heimat ist zumal im Rückblick auch Chiffre für eine unstillbare Sehnsucht – hierin an die Romantik erinnernd, die auf die Frage: Wohin gehen wir? die Antwort wusste: immer nach Hause! – Maria Sperling sagt es auf ihre Weise, unpathetisch und in zarter Andeu-tung: Das Dorf meiner Kindheit / die Apfelbäume unter der Haar / trag ich im Kopf / durch die Jahre / immer spult sich / in mir die Zeit zurück.
Erstaunlich und abwechslungsreich ist das Oszillieren der Texte zwischen hand-festem Alltagssinn und subtiler Reflexion. Da ist zum einen der farbenprächtige Bil-derbogen der ländlichen Heimat: Weiden und Hecken, die sonnenblumenumstan-denen Gärten, die mächtigen Eichen, in deren Schatten es sich in der Sommerhitze so gut schlummern ließ, das alte elterliche Haus mit seinem unverwechselbaren Knaster-Arom, die knarzenden Treppen, die geheimnisvolle, weil mit Vorhänge-schloss bewehrte Truhe, die bauchige Kommode, das nicht ganz geheure Dunkel des Kellers und sein Geruch nach eingelagerten Kartoffeln, die im Zwielicht tan-zenden Spinnwebe des Dachbodens, die schnapsgetränkten, durchzechten Näch-te der Bauern, ihr Heimwärtswanken beim ersten Hahnenschrei, das Abendrot über dem spiegelglatten Möhnesee, begleitet vom fernen Angelus-Läuten, überhaupt die Kirchen, ihr weihevolles Halbdunkel, der Weihrauch des Hochamtes und die erste Beichte durchs Gitter. Ja, und dann die Feste, die kirchlichen und die weltlichen! Besinnlich oder ausgelassen ging's zu, ergreifend oder überschäumend. Da war zum Beispiel das große, derbe Schlachtfest mit seinen herrlichen Wurstplatten, er-kauft freilich mit dem blutigen Ende der Schweine und ihrem Quieken zum Gotter-barmen – dies nur als Kostprobe des vollen, prallen Heimatlebens, das die Autorin mit soviel Empathie zu zeichnen weiß.

Da ist zum anderen noch das Große Weltgeschäft, die Politik, die sich als langer Schatten auch über das geliebte Dörfchen legt. Gemeint ist der Einbruch der Barba-rei 1933, ferner der Krieg, der direkt und indirekt seinen Tribut fordert. All das geht nicht vorbei, ohne tiefe Spuren zu hinterlassen und das Bild der Heimat, wenn auch nur vorübergehend, einzutrüben.

Und da ist nicht zuletzt das direkte wie auch versteckte Fragen nach Woher und Wohin unserer menschlichen Existenz, die für die Autorin untrennbar mit der Bo-denständigkeit des eigenen Daseins verknüpft ist. Als Beispiel darf das Gedicht Chiffre G-O-T-T gelten, das, fern der Absicht, konventionelle Anschauungen bedie-nen zu wollen, in schlichten Worten radikale Fragen impliziert:
Chiffre G-O-T-T

GOTT
gefoltertes Wort.
Jahrhunderte haben
die Gewölbe der Dome
damit gefüllt.
Anfangs barsten sie fast
von der Wucht der Botschaft.
Da fürchtete man seine Gewalt
und sann auf Abhilfe.
Man packte das Wort
mit vermessenen Händen,
kürzte, verkleinerte, presste es
in selbstgebastelte Maße,
kreuzigte, vierteilte, würgte es,
bis ihm der Atem ausging,
ertränkte es im Kult.
Nun ist es eingepasst
in überschaubare Maße,
verwaltet – eine Chiffre –
leblos – sein Leichnam
wird täglich neu balsamiert
von der Monotonie
der Litaneien.
Alle Versuche,
es zum Leben zu erwecken,
scheiterten.
Manchmal in Sternsekunden,
wenn einer sich
hinabfallen lässt
brunnentief, ohne Ende
ins Bodenlose,
ahnt er, was es
ist.

Streng genommen löst Maria Sperling damit ein uraltes Wort ein: Ich meine das Diktum des Barockdichters und Poetologen Martin Opitz, wonach alle Literatur im letzten Gottsuche sei. Das tut die Autorin unaufdringlich, in sanften, warmherzigen Tönen, ohne je ihr Leitmotiv, die Heimat, aus den Augen zu verlieren, In dieser Hin-sicht drängt sich uns der Vergleich von Körbecke mit dem Wandsbek des Matthias Claudius auf. Maria Sperling ist ihm auf ihre Weise geistes- und seelenverwandt.

Dr. Dr. Wolfgang Bürsgens

In: Sauerland. Heft 4 Dezember 2014.

Das Buch ist zu beziehen über den Kulturverein Möhnesee, c/o Michael Winkelmann, Tel. 02924-7625 bzw. in den Buchhandlungen von Körbecke und Soest, Preis: 13 EURO.

 

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Geschriebenes hat immer eigentlich mit dem Autor zu tun, mit dem, was er erfahren, erlebt hat, insofern ist in jedem Text Autobiographisches. Aber vielleicht oft doch weniger, als der Leser meint. In das Erlebte fließen spätere Erinnerung, Gehörtes, Gelesenes, Erfahrung anderer, auch Vermutungen ein. Inhalte der Kindheit etwa werden, aus dem Blickwindel Gegenwart gesehen, in eine neue Perspektive gestellt, 'umgefärbt'. Oder: ich schaue mich - wie eine andere Person - aus immer anders plazierter Richtung an, und während ich aufschreibe, was mir dazu einfällt, mischen sich Farben ein, Ideen, Bilder, und so ensteht manchmal Unerwartetes.
Aus: Maria Sperling. Autorenporträt. Von Holle-Dore Gill. In: Lit°Form Nr. 59/2000.

Quellenangaben
Autorenauskunft, Eigenrecherche
Aktualisiert am
15.12.2016