NRW Literatur im Netz

Maria Sperling - Arbeitsproben

WÖRTER SÄTZE

leichtfüßige gauner
fahrendes volk
luftballons
bunte pralle
dem flüchtigen augenblick
entwischt und auf und davon
und nicht wieder einzufangen
zauberer seid ihr
und falls ihr zurückkommt
mit dem wind
der weht wo er will
erscheint ihr mir
ehemals gaukler
federleichte geschöpfe
des zufalls
plötzlich gewichtig
beladen und schwer
von gesammelter zeit
sternschnuppen
ausgeschert auf die eigene bahn
wanderer
die den trampelpfad
zwischen gestern und morgen
verließen
weil ihnen flügel wuchsen

GRENZE 2000

Das Protokoll der Sekunden
mit dem Atem
in den Wind geschrieben:
Unlesbar
Durch alle Membranen
tröpfelt die Zeit

Das Geflecht des
Verrinnens zerreißen
Seine Phasen verschieben
in die lange Weile
Kompatibel sein
dem Unzählbaren

Die Vanitasin
der vierten Dimension
überholen
Grenzgänger
Ich

ZWISCHEN TÜR UND ANGEL

Tauben auf Asphalt, plustergefiedert,
betrippeln den Blick. Dein Atem,
in den Rücken gehaucht dem Eistag,
gefriert zwischen Tür und Angel. Wer
haucht Löcher in Eisblumenwände?
Küßt dich die Sehnsucht wund.
Tanzt Blutfuß. Ruckedigu.

Steine sollen seit kurzem singen,
gefrorene Rosen flattern, Wunschzettel
werden bergan geworfen, die Jakobsleiter
entstaubt, vom Holzwurm befreit,
soll durch Zirrus ins Weite führen.
Seit alters stechen Himalayagipfel
Spiralnebel an, leiten seit alters
über. Alles ist heute wie immer
nach allen Seiten hin offen.

ENTON - BOTSCHAFT

Sich dem Augenblick geben,
der seine Flügel gespannt hält,
uns aufzufangen, wenn
die Fliehkraft uns auswirft.
Der schwebend uns hält,
als habe er immer gewartet,
uns Heimat zu geben und
weiß es nur flüchtig zu tun,
weil wir Hastende sind.

Namenlos fallen Bäume uns zu,
ihre Rinde zu fühlen:
Tamarisken, Mimosen
Wir laufen vorüber,
fassen die Wurzel nicht,
die nach der Quelle sich streckt.

Hier in der Wildnis
hat die Zeit sich vergessen.
Der Augenblick steht
im Rotocker des Fels, der
Ameisenstraßen im körnigen
Sand, im heißen Verfall
der Termitenkegel, im Gurren
und Läuten, zitternden
Schweben, im Schillern
von Fliegenflügeln, Libellen.
Die Wildnis läßt alles heraus,
was fremd ist.

Und wir sind nur Auge und
außen, wo wir der Spur des
Wasserhuhns folgen dahin,
wo der Fluß sich staut. Wo
in lautlos rhythmischem Sprung
das Känguruh federt zum See, sind
wir Voyeure der Fruchtbarkeitsriten
sich paarender Schwäne, der
sägenden Wollust der Frösche,
Zikaden in der gläsernen Mondmilch,
eukalyptischer Brunst zwischen
Werden, Vergehen. Spiel aus
Farben und Schatten, verkordelt der
Einton - Botschaft des Didgeridoo.

Sich dem Augenblick geben,
der seine Flügel gespannt hält,
uns aufzufangen,
wenn die Fliehkraft uns auswirft.

ICH FRAGTE DAS LEBEN

Es fragte zurück
Ob den Rausch ich getrunken
Das schillernde Glück
Den Wein
Im Gelübde der Rose

Und ich sagte
Ich trank ihn
Den dunkelen Wein
Und erlag seinem Rausch
Und blieb doch allein
Im bebenden Schatten der Rose
Und als ich erwachte
Da wußt ich so rot
So rot das lockende Leben

Ich fragte es wieder
Da sprach es von Tod
Und von glühenden Rosen
Das Leben

Aus: AIXS MUNDI

Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen.
(Christa Wolf: Kindheitsmuster)

Dies könnte eine unendliche Geschichte werden: an den Ort der Kindheit zurückkehren. Eine Versuchung, die es in sich hat. Sporadisch taucht dieser Gedanke immer mal auf, hakt sich an einem x-beliebigen Punkt fest, immer woanders zeitlich oder räumlich, immer aber außerhalb jeder erkennbaren Ordnung, und im Auftauchen schon setzt er etwas in Bewegung, das dann in ihr zu kreisen beginnt, zu einem Strudel anschwillt, der aus der Tiefe Bilder, Laute, Gerüche, Erlebtes, womöglich auch Geträumtes, hochdreht, ein Strudel, der sich, wie vieles in ihr, am See festmacht: Ein Stein, ein winziger nur, von der Versuchung ins Wasser geworfen, zieht Kreise, sich weitende Ringe, und während sie ihnen folgt, die doch irgendwann sich in der Weite des Sees, womöglich erst an seinem Ufer, verlaufen müßten, schwingt ihr Blick zurück zur Mitte, bohrt sich in die Tiefe, spiralig, tiefer und tiefer, wirbelt schließlich den Seegrund auf mit Tang und Schlinggewächsen, die sich ihr um die Füße zu winden drohen, während sie wieder das Kind ist, schwimmend im See, dem See, der den Glanz dieser Kindheit, auch ihren Kummer, umso klarer in die Gegenwart reflektiert, je klarer sein Spiegel ist: einer Kindheit im Dorf. Sich freimachen oder sich in ihre Tiefe ziehen lassen. Ein Entweder-Oder gelingt nicht. Oder besser: immer nur für kurze Zeit. Sie hat sich zwischen den beiden Möglichkeiten eingerichtet, was nichts anderes heißt, als: zwischen zwei sich parallel miteinander windenden Spiralen, Vergangenheit und Gegenwart.
Da ist das Dorf, wie es sich heute zeigt mit all den Veränderungen, Modernisierungen und vermeintlichen Fortschritten, die es ungleichgewichtig nach Osten auswuchern, wo alle Stilarten und -wirren, auch kunststoffsäulenverniedlichte Scheinarchitektur aus Zuckerbäcker-Baumarkt-Angeboten sich austoben. Und nahezu deckungsgleich damit läuft ein von Sonne und Alter leicht angegilbter Film der erinnerten Kindheit, das Dorf am See mit seinen überschaubaren konzentrisch gewachsenen Strukturen, zweifellos die gewichtigere der beiden fast kongruenten Spiralen, weil sie in den ersten Anfängen gründet, im zunächst Ungewußten, später im allmählichen Erwachen des Gewußten.
Sie ist überzeugt, daß Ort und Zeitpunkt der Geburt eines Menschen wichtige Koordinaten sind, in denen seine "Axis mundi" gründet, sein kosmischer Ort, um den sich erweiternde Kreise ziehen, wenn eine Kindheit einigermaßen ungestört verlaufen darf wie die ihre. Tatsächlich pendelt ihr Leben ständig zwischen Peripherie und Mitte, und manchmal, wenn sie der Verdacht überkommt, sie könnte von der Zentrifugalkraft ausgeschleudert sein in irgendwelche Namenlosigkeit, wird sie wie von elastischen Fäden wieder zurück in diese Mitte gezogen, ein barmherziger Akt, woher gesteuert auch immer, der seinen Ort hat, festgeschrieben in den Koordinaten ihrer Geburt, Dreh- und Angelpunkt ihrer Unternehmungen, der ihr die Gewißheit gibt, zu Hause zu sein, wo immer sie sich befindet, der sie immer wieder zurückzieht ins Maß ihres Ursprungs.

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