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Levent Aktoprak - Arbeitsproben

IBO, HÜLYA UND DER KARNEVAL

Neulich an Weiberfastnacht, in der Kneipe, da kam ich mir vor, wie in einem anatolischen Sammeltaxi. Ich weiß, wovon ich rede. 40 Grad im Schatten, die Luft zum Schneiden und das Dolmusch, das Sammeltaxi auf dem Highway, total überladen. Vom Furz, Schweiß und dem Staub ganz zu schweigen, und dann der Highwaysound, von Ibo, nicht auszuhalten diese Musik, HÜLYA...HÜLYA....

Ehrlich gesagt, neulich an Weiberfastnacht, in der Kneipe, eingeklemmt in der Ecke, kam ich mir genauso vor wie eine Ölsardine, ich konnte weder vor noch zurück und dann dieser Typ, so ein Muskulus, der andauernd das Küssen mit dem Biertrinken verwechselte, wie er schlabberte, nicht zum aushalten, und seine Rothaarige, super, einfach spitze, als wäre sie gerade aus dem Provinzprogramm gefallen, echt ein Wahnsinn, mitten in Westfalen...
Endlich bekam ich in meiner Ecke wieder Luft, aber kaum konnte ich richtig atmen, da passierte es. Mein Landsmann Ahmet steht vor mir, echt schnieke, super, nichts mit Pappnsae oder Maske... Nichts Bier, Wein trinkt er und kaum hat er das Glas in der Hand, da sagt er: "In vino veritas", ich sage, Ahmet, seit wann kannst du ausländisch, "nee", sagt er, "das habe ich vom Klaus gelernt, von der Firma. Wer Wein trinkt wird selig, heißt das." Aha, sag ich, als Deutscher muß er das ja wissen. Ich dachte, es hieße, "im Wein liegt die Wahrheit".
Auf jeden Fall, ich sage ordentlich Prost und dann Serefe. Sie müssen wissen, Serefe ist eines der wenigen Worte, die ich noch auf türkisch kann. Nach dreißig Jahren Deutschland und einigen Wochen Türkeiurlaub im Jahr, da ist nicht mehr viel mit türkisch. Ahmet geht es ja auch nicht besser, aber er tut immer so, als könnte er es. Dabei wird er genauso wie ich, jedes Jahr in der Türkei als Almanci, als Deutschling, vom Fleischer um die Wurst beschissen. Sie wissen ja, ein Deutschling, das ist einer, der nicht früh genug von hier die Kurve gekriegt hat, einer, der die Arbeitslosigkeit mitgemacht und die Sorge der Deutschen vor Überfremdung überstanden hat und auch die deutsch-türkischen Beziehungskisten überlebt hat. So einer ist eigentlich auch Ahmet. Aber er tut immer so, als wäre er noch ein richtiger Türke, auch wenn er Wein trinkt, muß er zeigen, daß er Türke ist...
Ich bin ja mal gespannt, was er sich diesmal leistet. Letztes Jahr, am Rosenmontag, da waren wir in Köln unterwegs. Dicht gedrängt standen wir zusammen und die ganze Menge um uns herum schrie "Kamelle, der Prinz kütt, Kamelle, der Prinz kütt" und was schrie Ahmet, "Kamelle, Ibo geliyor, Kamelle, Ibo geliyor". Ich wäre am liebsten im Boden vesunken und nicht genug, "Kölle alaaf" haben alle geschrien, "Kölle alaaf", und er "Yasasin Kölün, yasasin Kölün, yasasin Kölün".
Es lebe Köln, es lebe Köln... Kamelle, Ibo kommt...Es lebe Köln....

Gesendet im WDR Hörfunk.

UNWEIT VOM KAMENER KREUZ oder DER SPÄTE NACHMITTAG IM VERSCHMIERTEN RÜCKSPIEGEL

I

Der Himmel stürzt
oder beugt sich
unendlich und frei
von enteilenden Wolken
ruht sich aus
leicht und fast
ungebrochen vom Staub
Die verspielte Sonne
auch
auf meinen Händen

Strecke Oberkörper und
Hals und entdecke
in den Augen
das Kind.
Im verschmierten Rückspiegel
dieser späte Nachmittag
– ein erstklassiger Sommer
und das Kind
steht am Steg
steht und lächelt
vorbeifahrende Schiffe an

Flechte zögernd aus
dem Gedächtnis verlorene
Erinnerungen unwissend zusammen
für einige Kilometer
ein Traum ungelebt
einige Kilometer kurz


II

Allahu ekber / Allahu ekber / Allahu ekber / Allahu ekber
Während der Muezzin die Gläubigen zum Gebet aufruft
rollt das Taxi über die Galatabrücke
Von Alt-Stambul nach Beyoglu...
Cafés, Banken und Boutiquen, Fliegende Händler, Plätze und Basare
Museen, Denkmäler und Moscheen, Paläste, Gärten und breite Straßen
doch ist der Weg mühsam
Istanbul macht es einem auch nicht einfach

Enge, winklige Gassen hindurch
vorbei an gelebten und ungelebten Stimmen und Geschäften
da der Galataturm
dort die Synagoge Neve Shalom
und wenige Flügelschläge weiter
unter dem üppigen, ausschweifenden Blau
das kleine Café:
Von hier aus
wiegt sich die Stadt
in der Ebene
Von hier aus
rühre ich um
im kleinen Teeglas
meine laute
meine schweigsame Zeit

Boyayalim, Abi, Boyayalim
Ein Schuhputzer
Vom Stimmbruch noch weit entfernt
früh-erwachsen
die Hände
Laß mich putzen, Bruder, putzen

Auf der anderen Straßenseite:
Ein Melonenverkäufer
brüllt und flucht unmißverständlich
das Auto qualmt
nach zwanzig Lastjahren
in der Hitze
und während am
Ecktisch sich Liebende
Umarmungen zuflüstern
hockt auf dem Bug eines Fischerkahns
gelassen eine Möwe
unerschrocken im Schnabel
ein altes Märchen


III

Vor langer
langer Zeit
lebte ein Mann
Sein Reichtum war unzählbar
Seine Gefolgschaft war unzählbar
Sein Reich war unermeßlich und schön
und doch
konnte ihm keiner helfen
In seiner Not bat er
jeden Mediziner und
Wissenschaftler um Hilfe
Doch keine Medizin
schon gar nicht tröstende Worte
konnten sein Leid lindern helfen
nicht einmal seine Anwälte konnten ihn
vor der bevorstehenden Schande bewahren
Seine Trauer wuchs und wuchs
Von Jahr zu Jahr
Von Monat zu Monat
Von Tag zu Tag
immer schneller
verlor er seinen Bart
Was sollte nun geschehen
Was sollte er tun
„Vielleicht kann ich ja weiter regieren
auch nur mit einem Barthaar“
dachte er
für einen Augenblick
als er
auf seinem unbefleckten Diwan lag
Aber
in dieser kaiserlichen Sommernacht
verlor er
nun auch seine letzte Hoffnung
Das Wichtigste und das Wertvollste
war doch für ihn
nach Gott und seinem Propheten
sein Bart
und nun
lag das letzte Barthaar
in seiner linken Hand
teurer als ein Diamant
Was sollte nun geschehen
Was sollte er tun
Sollte er hier morgen aufwachen
würden ihn
nicht einmal
die engsten Vertrauten mehr achten
und ihre Blicke
würden ihn entwürdigen
Vor allem sein Volk
das ihn bislang liebte und verehrte
würde ihn verspotten und verjagen
Um dieser Qual und Schande zu entgehen
packte er
alles Hab und Gut
das nur er
zu tragen vermochte
Vor allem sein letztes Barthaar
legte er
liebevoll in sein bunt-besticktes Taschentuch
das nach Lavendel und Rosenöl roch
Auf leisen Sohlen
schlich er sich
aus dem Ort
aus der Gegend
aus der Zeit
und niemand
hat ihn seitdem je wiedergesehen

Trotz Trauer regierte fortan
ein anderer Mann
Dessen Bart war nicht so schön und prächtig
wie der des ersten Mannes
doch dafür drohte er ihm
in der nächsten Zeit
nicht auszufallen
So vergingen Tage
Monate und Jahre
und das Volk
gewöhnte sich
allmählich
und immer besser
an den neuen Mann
Warum auch nicht
Warum sollte man auch immer
der Vergangenheit nachtrauern
zu weinen gibt es genug
auch in der Gegenwart
und außerdem
sind doch
bis auf ein Barthaar
alle anderen Barthaare
von verschiedenen Winden
weit
weit
in alle Himmelsrichtungen
sogar bis ins Abendland
verweht und verstreut worden
Doch einige
die es nicht wahrhaben wollen
suchen heute noch
nach Spuren
des ersten Mannes
um diese Geschichte
neu erzählen zu können
mit ihren alten Fahnen
über ihre Grenzen


IV

Das tiefe Geräusch
eines vorbeifahrenden Dampfers
zerstreut unverdeckte Blicke
vom erstickenden Bosporus
bis ins überdauerte Dickicht
der engen Gassen
der verzweigten Bauten
der Handwerker
formt
in dämmernder Werkstatt
das Eisen
das Sonnenlicht
wirft
seit Jahrhunderten
immer längere Schatten
auf die vernarbten Kopfsteinpflaster
und vereinzelte Knospen
aus der Zeit
treiben
in die Zeit


V

Endlich ist es
an der Zeit
Zeit einzusetzen
Versäumnisse und Verluste
zu überwinden
und Hoffnungen
aneinander zu reihen
um
aus einem Bild
herauszutreten
Noch
droht in dieser
Sekunde die Trennung
zu stolpern

„Habe seit langem
von dir
nichts gehört
nichts gesehen

Habe erneut die
verkehrte Ausfahrt genommen
und stehe nun
vor deinem Haus

Platanen und Birken
verdecken und verstecken
unverändert deine Fenster

Wenn du mich fragst
heute
werde ich
mich nicht verändern
mit dir
auch nicht
die Dinge
um mich herum

- Türe und Fenster geöffnet
werde ich
auf dem Schreibtisch
meinen ungelebten Traum
– meine Odyssee unterm Arm
im zerknitterten Papier
Satz für Satz
glattziehen
und mich
vielleicht verfangen
Wort für Wort
Glas um Glas
im Dekollete der Nacht

Es ist 18 Uhr
– noch gibt die Sonne
ihr Bestes: Unweit vom Kamener Kreuz

Aus: Unterm Arm die Odysse.

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