NRW Literatur im Netz

H. P. Karr - Arbeitsproben

Aus: LOVELY RITA: LOVE ME DO

Bertholdy hatte noch nie besonders gut ausgesehen, aber noch nie so schlecht wie jetzt. In dem Zweite-Klasse-Zimmer im Huyssenstift roch es nach Putzmittel und Männerschweiß. Auf dem Rolltisch neben dem Krankenbett ließ ein halbes Dutzend Nelken in einer Bettflasche die Köpfe hängen.
"Koehler!" krächzte Bertholdy unter seinem Verband. "Komm her. Setz dich!" Er wedelte ihn mit seiner eingemullten Hand zum leeren Nachbarbett. "Ehe der Arsch hier zurückkommt."
Koehler setzte sich und fragte sich, warum er überhaupt hergekommen war. Die Zeit von Bertholdy und Rita waren ganz klar vorbei.
"Was ist passiert?" fragte er.
Bertholdy verzog die verschorften Lippen zu einem Grinsen. Die Schneidezähne waren abgebrochen. "Kleine Meinungsverschiedenheit." Er sah Koehler aus dem weniger zugeschwollenen Auge ernst an. "Du musst mir einen Gefallen tun. Kannst du dich um Rita kümmern?" Bertholdy deutete mit der verbundenen Hand auf den Nachttisch. "Schublade!"
Koehler zog sie auf.
"Schlüssel!"
Koehler zog unter einem Haufen Krimskrams einen Schlüsselbund heraus. "Und?"
"Ich hab so ein Ding in der Wohnung. Im Bad, hinterm Drücker von der Toilettenspülung. Bring es Rita. Grugahalle. Oldie Hitparade, heute Abend. Sie soll ein bisschen auf sich aufpassen."
Koehlers Nacken kribbelte. "Was für ein Ding?"
"Na ein Ding halt! Zu ihrem Schutz!" zischte Bertholdy, weil gerade ein faltiger Opa im gestreiften Bademantel hereinkam. "Und noch was: In ihrem Schreibtisch, beim Computer, da liegt unser Album. Falls was passiert... da kann man sicher eine schöne Geschichte draus machen."
Der Opa humpelte auf seiner Krücke näher. "Tach!" Koehler roch kalten Zigarrenrauch und mindestens drei doppelte Doppelkorn. "Besuchen Sie den Herrn Bertholdy?"

Das Ding war eine Walther PPK, eingeölt und eingewickelt in einem alten Gästehandtuch. Koehler ließ das Magazin herausgleiten. Die Patronen schimmerten. Koehler steckte die Pistole ein und klemmte den Drücker wieder die Halterung über der Toilette. Die Wohnung in der Eigentumsanlage in Burgaltendorf hatte den Scharm eines Musterfotos aus dem Möbelkatalog. Bertholdy hatte es eben schon immer gutbürgerlich geliebt. Auf dem Schreibtisch am Fenster stapelten sich Ritas Autogrammkarten. Über den Computer-Monitor waren auf einer alten Deutschlandkarte ihre Auftritte mit roten und grünen Stecknadeln markiert. Daneben klebte der alte BRAVO-Starschnitt von Rita, der einer halben Generation von Jungen feuchte Träume beschert hatte: hautenges schwarzes Leder, blonde Löwenmähne, straffe Brüste, die sich aus dem Push-up drängten. Koehler rechnete kurz nach und kam darauf, dass das jetzt gut und gern fünfzehn Jahre her sein musste. Nacheinander zog er die Schreibtischschubladen auf. Abrechnungen, Mahnbescheide, der Kreditvertrag für die Wohnung, eine Lebensversicherungspolice auf Gegenseitigkeit, Quittungen, Krimskrams. Kein Album.

In der Grugahalle war die eine Hälfte abgehängt. In der anderen drängten sich die Fans von gestern vor der Bühne mit den Stars von gestern. Eine Beatles-Revival-Band mit einem John Lennon, der eher wie Che Guevara auf Genesungsurlaub aussah, lud die Halbglatzen und Schlabberjeans-Träger gerade zu einer "Magical Mystery Tour" ein. Koehler steckte den Presseausweis weg, mit dem er der Security am Eingang weisgemacht hatte, dass er wichtig sei. Jemand schob ihn zur Seite. "Weg da!" Der hagere Glatzkopf mit der Videokamera war fast zwei Meter groß. "Ich muss Bilder machen, ehe die hier kollabieren!"

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