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Ilse Maas - Arbeitsproben

DASS BLAU ZU BLÜHEN JEDES HERZ VERMAG (Auf den Geseker Spuren Else Lasker Schülers)

... Könnte man die Häuser, in denen sie gelebt hat, nebeneinander aufreihen, ergäbe sich die kontrastreiche Kulisse ihrer Biographie: die Villa am Waldrand in Elberfeld an der Wupper, wo sie 1869 geboren wurde; Arztwohnung und Atelier, Kellerbehausung und Caféhaus in der "kreisenden Weltfabrik" Berlin; Schweizer Exil und schliesslich die von Spinnweben verdunkelte Hinterhauskammer in Jerusalem.

DIE VILLA AM WALDRAND

Der Handelsagent und spätere Privatbankier Aron Schüler bewohnte mit seiner eleganten, schönen Frau Jeanette und seinen Kindern ein repräsentatives Haus an einem bewaldeten Hügel in Elberfeld. Hier kam am 11. Februar 1869 das Mädchen Else als jüngstes von sechs Geschwistern zur Welt. Es war das Jahr, in dem Bebel und Liebknecht die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gründeten und in dem der Bundesrat in Frankfurt der Judenschaft die vollen Bürgerrechte zuerkannte; die Zeit des Siegeszuges von Eisenbahn und Dampfmaschine, was Unterrnehmerpersönlichkeiten wie Friedrich Harkort zu nutzen wussten. Die Berufstätigkeit von Frauen machte sich als Reizthema bemerkbar, und die neue Mode des weiblichen Bürgertums verlangte den "Col de Paris", der die Gesässpartie betonte ...

(abgedruckt in: Heimatkalender des Kreises Soest 1996.)

MORGEN

Morgen werde ich dort sein.
Der Strom wird das weite Tal mit dem schmuckreichen Flügelaltar seiner Uferlandschaft zieren. Er wird der Szenerie seine biblische Gelassenheit mitteilen, den Baumgruppen, den Strassen und zahllosen Häusern seine Stille. Sogleich werde ich in dem verschlungenen Siedlungsmuster unter mir den markanten Kranz von Dächern des alten Angerdorfes entdecken, den nur in dem Tafelbild findet, wer ihn schon siebenmalsiebenmal suchte.
Und dazwischen das Haus, das eine, und die Tür, die, wenn man sie öffnet, mit leichtem Widerstand ihren Viertelkreis über die Fliesen streicht. Der Tisch im grossen Raum wird umstellt sein von Stühlen, einander genug, als wären es zwölf. Spüre ich schon das Holz in der Hand, den geglätteten, griffigen Bogen der Lehne? Die Fingerkuppen werden das geschnitzte Zierband als Spielspur ertasten und die kleine Narbe darin, die das Kind, das sie kerbte, bezeugt.
Morgen werde ich dort sein.

(abgedruckt in: Heimatkalender des Kreises Soest 1999.)

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