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Renate Kampmann - Arbeitsproben

Aus: FREMDKÖRPER

Außerdem, und das würde sie niemals irgend jemandem anvertrauen, hatte sie dort auf dem Dachboden, wo sie Marlenes Mumie zum ersten Mal sah, für den Bruchteil einer Sekunde die Empfindung gehabt, daß diese Frau auf sie gewartet hatte. Das Gefühl war so stark gewesen, daß die Erinnerung es mühelos abrufen konnte. Seitdem spürte sie die Verpflichtung, Marlene Böttchers Schicksal aufzuklären. Das mochte verrückt sein, aber sie konnte nichts daran ändern.

Aus: DIE MACHT DER BILDER

Leonie stieg die Treppe hinab und hockte sich neben die tote Frau. Sie sah in das leere, völlig ausdruckslose Gesicht. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, daß Menschen, die einen gewaltsamen oder besonders grausamen Tod erleiden, angst- oder schmerzverzerrte Gesichter haben. Im Moment des Todes entspannt sich die Muskulatur so vollkommen, wie das ein lebender Körper niemals kann. Die Glieder werden schlaff und das Gesicht jeglicher Mimik beraubt. Was immer der Sterbende in der letzten Lebenssekunde gefühlt hat, ob Erleichterung oder Schrecken, Freude oder Schmerz, löscht der Tod aus seinem Gesicht. Leonie erinnerten die Gesichter der Toten an verlassene Häuser, hinter deren Fassaden niemand mehr zu Hause war.

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