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Monika Littau - Arbeitsproben

GEZÄHMTES MASCHINENGEWEHR

ich ich ich ich ich
mäht alles nieder
ich ich
säuft ab
zielscharf hab ich
dich im visier
und sag
ich ersaufe
im lauen leben
in liebenswürdigkeit
was ich nicht hab
ist scharf
was ich hab
bringt mich um

Aus: © Sieben Schritte Leben. Neue Lyrik aus Nordrhein-Westfalen.

ZU SCHWER

(zu P. Klees Bild: Belastungsprobe)

der rücken
beschließt wegzuspüren
die vernunft
lässt dich
in drachenblut baden
aber der wind weht
wo er will
weht ein blatt
zwischen schulterblätter
hält den punkt
offen
wo flügel wachsen

(unveröffentlicht)

HIMMELHUNGER – HÖLLENBROT (Kapitel 20)

Spitze Ohren hatte das Tier. Das Schwänzchen wackelte hin und her. Die Haut glänzte fettig. Gut, daß das Ferkel die Augen geschlossen hatte. Das Geburtstagskind, Christoph, goß ein Glas Bier über den Körper und begann jetzt, kurz vor dem Ende der Garzeit, selbst die Kurbel zu drehen. Sie quietschte erbärmlich. Christoph war Fotograph bei der Zeitung und machte nun noch ein Foto von dem Schwein und den darumstehenden Gästen, ehe das Ferkel zerstückelt wurde. Strahlende, erwartungsvolle Gesichter starrten auf das Tier im Mittelpunkt, als Christoph nun das große Messer ansetzte. Beifall, als er das erste Stück herausgeschnitten hatte und auf eine große Gabel spießte. "Los, holt Teller! Worauf wartet ihr noch?"
Manchmal stellte sich Ulla vor, daß man den Menschen ansehen könne, was sie aßen. Wer immerzu Koteletts aß, bekam so einen Stiernacken, an dem sich die Haut in Wülsten übereinanderschichtete. Wer immerzu Sahnetorte verschlang, der bekam einen weichen, wabbeligen Bauch.
Heute fühlte Ulla sich schön. Da sie in letzter Zeit Haarausfall hatte und die halblangen Haare nicht mehr liegen wollten, war sie zum Friseur gegangen und hatte sie kurz schneiden lassen. Das stand ihr gut, zumal das Runde aus ihrem Gesicht verschwunden war. Kein Puttenengel mehr. Streichholzkurze Haare. Die Naturlocken, mit denen sie immer gekämpft hatte, waren schon vor dem Haarausfall einfach verschwunden. Die Haare waren jetzt sachlich glatt.

Die Mutter war mit Ulla einkaufen gegangen. Sie hatte eine schwarze Hose bekommen. Kindergröße. Da war alles etwas billiger als bei den Damen. Die Hose glänzte ein bißchen an der Oberfläche. Sie war eng genug, so daß sich ihre Beckenknochen deutlich darunter abzeichneten. Ulla wog mittlerweile dreiundvierzig Kilo. Von den alten Klamotten paßte nichts mehr. Zur Hose hatte die Mutter ihr noch zwei Blusen gekauft und einen Mohairpullover gestrickt, weil Ulla jetzt immer leicht fror. Und das Wichtigste, Mama hatte ihr sogar einen BH gekauft. Er war weiß, ausgefüttert, kleinste Größe. Unter dem engen Mohairpullunder hatte sie dank der Manipulation des Büstenhalters nun einen kleinen, spitzen Stehbusen.
Ulla sah die mampfenden Gesichter. Schwitzende, glänzende Haut. In der einen Hand trug die Frau gegenüber den Teller, in der anderen hielt sie das Fleisch, in das sie nun biß. Sie riß einen großen Streifen ab, schob ihn mit der Hand in den Mund und kaute mit aufgeblähten Backen.
Die Reste des Tiers lagen auf einer großen Silberplatte. Der Kopf war noch vollständig. Ins Maul hatte ihm irgendein Ästhet Petersilie geschoben. Da, wo eben noch der glänzende Rücken und der Bauch waren, klaffte jetzt ein großes Loch. Selbst die Wirbelsäule war mit herausgeschnitten worden. Am Ende lag völlig absurd der Rest vom Po mit dem Kringelschwänzchen, das nun nicht mehr wackelte, sondern seitlich weggekippt war. Christoph machte ein weiteres Foto vom Restschwein: "Über die Vergänglichkeit", murmelte er grinsend. Dann sah er Ulla an. "Du hast ja gar keinen Teller! Hol dir schnell einen. Ich schneid dir noch ein Stück Kotelett ab!"
Der Geruch von verbranntem Fett und Holzkohle hing in der Luft und verursachte Ulla bereits ohne zu essen Übelkeit.
"Sei mir nicht bös, aber ich habe mir den Magen verdorben", sagte sie. "Ich glaube, ich vertrag das heute nicht." "Was willst du denn? Da drüben stehen Brot und Salat." "Danke, ich hol mir was."
Es wurden Witze über das arme Schwein gerissen, das jetzt so bauchlos dalag. Viel Schwein wünschte man auch Christoph für´s neue Lebensjahr. Ein Rülpser war zu hören, der allgemeines Gelächter nach sich zog. Das große Fressen.
Mit dem Glück des Geburtstagskindes schien es nicht weit her zu sein. Dicke Gewitterwolken zogen auf, so daß alle anfaßten, Stühle ins Trockene trugen, Teller wegräumten. Das Schwein wurde da abgesetzt, wo es gegrillt worden war. Im Hundezwinger. Hinter den Gitterstäben lag es auf dem Silbertablett. Irgendeiner hatte den Kopf nun senkrecht gestellt, so daß das Tier in den Himmel zu glotzen schien. Die kleinen weißen Zähne waren zu sehen, zwischen denen die Petersilie hervorquoll.
Ein geköpftes Ferkel. Hätte nur noch gefehlt, daß sie den Kopf auf einen Stock pflanzten und in den Garten stellten. Ein gepfähltes Schwein, eine Trophäe.
Kopf und Schwanz blieben im Trockenen hinter den Gitterstäben. "Der Hund wird sich morgen freuen, daß er auch noch was vom Geburtstagsessen abbekommt!" Ulla war übel.
Im Keller, wo die Fete nun weiterging, roch es nicht nach gegrilltem Fleisch. Hier standen Salzstangen und Nüsse auf den Tischen, die mit bunten Decken dekoriert worden waren. Die anfängliche Ordnung war bald vom Durcheinander der Biergläser zerstört. Ulla trank Wasser. Sie kannte kaum jemanden hier. Außer Christoph. Durch Anne war sie hierher geraten. "Es darf getanzt werden!" Christoph animierte seine Gäste zur Verdauungsbewegung. "Komm Ulla, wir machen den Anfang."
Foxtrott. In der Tat, Christoph konnte tanzen, obwohl er zu stark mit den Armen ruderte, als müsse er damit sein Gleichgewicht halten. Er machte sich einen Spaß daraus, Ulla im Kreis zu drehen. Ulla versuchte mitzuhalten. Vielleicht sollte sie doch gleich etwas essen. Ihr war flau im Magen. Daß Tanzen so müde machen konnte. Irgendwie brachte sie Christophs Gesicht immer mit dem Schweinskopf in Verbindung. "Ich kann nicht mehr!" sagte Ulla.
"Was ist los? Geht´s dir nicht gut?"
"Doch, doch", wehrte sie ab. "Such dir eine andere Partnerin!"
Christoph blieb kurz verdutzt stehen und sah zu, wie Ulla sich wieder auf die Bank schob.
"Na gut", murmelte er und hielt Ausschau nach einer anderen Tänzerin.
Ulla mußte was essen. Schließlich hatte sie beim Tanzen Kalorien verbraucht. Sie griff mit der Linken in eine Erdnußschale, pickte mit der Rechten immer einzelne Nüsse heraus und schob sie in den Mund. Sie hatte das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Aber die Nüsse schmeckten zu gut. Sie griff noch einmal zu, führte die Hand an den Mund, bewegte den Kopf nach hinten und ließ alle Nüsse auf einmal in den Mund fallen. Die Zähne mahlten. Sie schluckte, trank Wasser hinterher. Noch einmal griff nun die Rechte nach den Nüssen und ließ den gesamten Handinhalt in den geöffneten Mund fallen. Salzig, fettig. Sie spürte, wie sie Christophs Blick traf und schämte sich ein bißchen. Egal. Die zerriebenen Erdnüsse mischten sich mit dem Speichel im Mund, wurden zu einer zähen Masse. Gelb mußte sie aussehen, gelbweiß schleimig. Ulla schob sich aus der Bank und ging zum Klo. Sie erbrach die milchig-gelbe Masse in die Kloschüssel. Wie hatte sie nur so etwas essen können? Das würde ihr nicht noch einmal passieren. Einzelne hellbraune Stückchen waren noch zu erkennen. Sie hatte gierig gegessen, nicht genug gekaut. Ulla zog ab. Der Wasserschwall erfaßte den kleinen Berg und beförderte ihn ins Abflußrohr. Als sich die Wasserschleuse schloß, füllte sich das Becken mit klarem Wasser auf, während im Rohr die milchige Flüssigkeit stand. Ulla zog noch einmal gründlich ab. Dann ging sie zum Waschbecken und spülte den Mund aus.

Aus: © Himmelhunger - Höllenbrot. Eine Erzählung zum Thema Magersucht in 34 Stationen.

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