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Petra Reategui - Arbeitsproben

Aus: HOFMALER. DAS GESTOHLENE LEBEN DES FEODOR IVANNOFF GENANNT KALMÜCK

Noch immer beäugte sie den Jungen misstrauisch. Die Landgräfin hielt ihn für zwölf. Sie glaubte das nicht, klein wie ein Achtjähriger schien er ihr, doch wie alt der Knabe wirklich war, hatte ihnen am Hof keiner sagen können. Zugegeben, sein Gesicht wirkte erstaunlich ernst, aber gleichzeitig auch irgendwie kindlich weich.
Und jetzt noch blasser als vor einer Viertelstunde.
Träge, diebisch und falsch sollen sie sein, diese Kalmücken, hatte der russische Reitmeister sie gewarnt und beim Maskenball in einem dunklen Winkel seine Hand unter ihren Rock geschoben und ihr den Himmel auf Erden versprochen. Doch noch in derselben Nacht hatte sie gehört, wie er in einem dunklen Gang das dumme aufgeschwemmte Ding von Wäscherin mit genau denselben Liebesschwüren überhäufte, die er auch ihr so zärtlich ins Ohr geflüstert hatte. Was für ein Scheusal, ein herzloses. Aber, ach, er war ein so gut aussehender Mann gewesen, so stark und stattlich.
Herrgott nochmal, wie der Kalmück glotzte!
Der glasige Blick des Buben gefiel ihr gar nicht. Man könnte meinen, er schliefe mit offenen Augen. Was hatte die Frau Landgräfin ihr da nur angetan! Sie war doch kein Kindermädchen. Ganz abgesehen davon, dass sie den Jungen nicht verstand – und der sie auch nicht. Schon seit Stunden schwiegen sie sich an. Vor der Abfahrt war das Kerlchen noch ganz anders gewesen. Aufgekratzt, übereifrig. Schleppte sieben Sachen auf einmal, verstaute dienstbeflissen Kisten und Ballen, half den Prinzessinnen beim Einsteigen. Und hatte dabei so eine Art, den Kopf in den Nacken zu werfen und zu gucken … Als ob er ihnen eine besondere Gunst erwiese. Ganz schön hochmütig, dieser Fedor. Das sollte man ihm gleich abgewöhnen, je schneller, desto besser. Aber Durchlaucht hatte ihn in Schutz genommen: Aus fürstlicher Familie soll er sein, die Kaiserin hätte so eine Andeutung gemacht. Sie konnte darüber nur lachen. Wie sahen solche Nomadenfürsten wohl aus? Dreckig wie alle anderen Tataren, und von Kalmückenpalästen hatte sie auch noch nie gehört. Aus einem Stück Kohle kann man nun mal kein Gold machen, unzivilisiert bleibt unzivilisiert.

FILZENGRABEN

Auszug aus Kapitel 25

Im Haus knarzte und knackte es. Auf der Straße klirrte etwas, von irgendwoher schrie ein Käuzchen. Oder war es ein später Heimkehrer, der sich einen Scherz erlaubte? Schlaf überfiel sie.
Der Schiffsjunge zog den Anker aus dem Wasser und ließ ihn wieder in die Tiefe fallen, hoch und runter, hoch und runter. Dabei schrie er, als ob er damit die schwere Gerätschaft leichter an Bord bekäme. Aber von Mal zu Mal wurde der Rhein zähflüssiger, bald glich er einem Moor, das den Anker nicht mehr freigab, und der Junge kreischte so laut, dass das kleine Mädchen sich die Ohren zuhielt. Der Junge, der aussah wie Giacomo Felice und so dünn war wie das Tau, an dem der Anker hing, hörte nicht auf zu lärmen, und sein Zetern bohrte sich durch ihre Hände ins Gehirn.
Anna fuhr hoch, das Gekreische hielt an. Bis hier hoch unters Dach hörte sie das Krakeelen des Papageis. Und dann auch Schreie. Die Stimmen von Matthias und Severin. Johannas Schritte auf der Treppe. Sie sprang aus dem Bett, warf sich einen Umhang über und rannte nach unten.
Schon nach wenigen Stufen roch sie es. Dann sah sie es auch, einen flackernden Schein im Vorhaus. Die Flammen leckten an den Vorhängen hoch, auf ihrem Schreibtisch loderten Bücher und Papiere, die ganze Arbeit der letzten Tage brannte lichterloh.
Alle Bewohner waren auf den Beinen. In fiebriger Eile hatten sie Behälter herbeigeholt, Eimer, Schüsseln, Zuber, Suppentöpfe. Was für ein Glück, dass es im Hinterhof den Brunnen gab, der Dalmontes Haus und die Nachbarschaft mit Wasser versorgte. Matthias rannte hin und her, wies jedem seinen Platz zwischen Hof und Vorhaus zu, damit die gefüllten Gefäße lückenlos von Hand zu Hand gereicht werden konnten, wo der Letzte, Severin, sie verzweifelt in die Flammen goß. Aus dem Nebenhaus waren Männer und Frauen gekommen, die mithalfen. Kinder rannten, so schnell sie konnten, mit den leeren Eimern und Zubern wieder zurück zum Pütz. Bonifaz rettete die hölzerne Madonna von Re am Treppengeländer und schleppte sie in den Hof. Jemand schrie, die Brandknechte vom Holzmarkt seien schon unterwegs. Anna hatte sich zwischen der Köchin und dem alten Bonifaz eingereiht. Einen Wassereimer nach dem anderen wuchtete sie weiter. Bald spürte sie ihre Arme nicht mehr, auch nicht den Rücken, längst war ihr Umhang zu Boden gerutscht. Es war egal. Jemand öffnete dem Brandherrn und seinen Leuten die Eingangstür. Sie kamen mit Ledereimern und Feuerhaken, um die brennenden Folianten aus den Bücherschränken zu reißen. Zwei Männer machten sich an der Spritze zu schaffen, dann schoss Wasser aus dem Schlauch.

FALKENLUST (Prolog)

»... und ist wohl zu bemerken,
der rhein warn zu der zeit voller Eijß,
das eis schneidet schiff entzweij;
pfahlet dick Bäum ab,
zerstoßet zerfetzet alles,
was es antrifft ...«

Der Januar des Jahres 1758 war traurig grau und, wie die Bauern meinten, für die Jahreszeit zu warm. Tief zogen wasserschwere Wolken von Westen über den Rhein hinweg, der Wind blies lau über Felder und Wiesen, und an geschützten Stellen trieb das erste Grün vorwitzig aus dem Boden. Nur selten drang die Sonne durch die trüben Schwaden. Wenn sie es allerdings für eine kurze Zeit geschafft hatte, konnte man glauben, der Frühling kündige sich an, und die Menschen hielten in ihrer Arbeit inne und schauten in den Himmel. Doch schnell schoben sich die Wolken wieder zusammen, heftige Wintergewitter entluden sich, und neue Schauer ergossen sich über das Land. Ab Mitte des Monats regnete es dann ununterbrochen, Tag und Nacht, und der Pegel des Flusses stieg stetig an. Mit Sorge beobachteten die Bürger von Sürth und Weiß die braune aufgewühlte Flut, die sich Hütten und Häusern bedrohlich näherte. Auch auf der anderen Rheinseite standen die Langeler und Zündorfer am Ufer, fragten sich, wie hoch die Wassermassen steigen würden, und was sie noch mehr tun könnten, als sie ohnehin schon getan hatten, um ihr Hab und Gut zu schützen. Aus dem nahen Köln kam die Nachricht, dass die Straßen des gegenüberliegenden Mülheim schon unter Wasser stünden und ein Kind in den Fluten ertrunken sei.
Endlich ließ Ende Januar der Regen nach und hörte zu Lichtmess ganz auf. Es war ein Glück, dass es diesen Winter in den Bergen bisher kaum geschneit hatte, sodass zum Regen nicht auch noch die Schneeschmelze hinzugekommen war. Vier Tage nach Lichtmess, am Montag, dem zweiten Fassnachtstag, der dieses Jahr sehr früh lag, führte der Rhein zwar noch immer Hochwasser, doch hatte er sich schon wieder weitgehend in sein Bett zurückgezogen. Fast überall waren die Fluten abgeflossen, nur die Böden waren noch schwer und matschig, voller Unrat und angeschwemmter Äste und Baumstämme, und in den Senken des Auwaldes hielten sich ausgedehnte Seen.
Die große Kälte setzte in der Nacht zum Dienstag ein. Zuerst bemerkten es die, die zu vorgerückter Stunde von den Kneipenwirten vor die Tür gesetzt wurden und sich schwankenden Schritts auf den Heimweg machten. »Donnert's im Januar überm Feld, kommt bald große Kält'«, murmelten sie vorausschauend. Ein beißender Wind fuhr ihnen ins Gesicht. Die nächsten Tage arbeiteten die Bauern fieberhaft auf den Feldern, fuhren Mist aus und brachten die letzten Rüben ein, damit das Vieh versorgt sein würde. Doch gegen Ende der Woche war der Boden so tief gefroren, dass kein Spaten mehr ins Erdreich drang. Binnen weniger Tage erfasste der klirrende Frost das ganze Rheinland, die vom Hochwasser übrig gebliebenen Seen in den Auwäldern hatten sich zum Vergnügen der Kinder in glitzernde Eisflächen verwandelt, die Ufer des Rheins waren zugefroren, und selbst in der Mitte des Flusses schoben sich dicke Eisschollen knirschend ineinander. Seit zwei Tagen kam kein Schiff mehr durch. Sollte das harsche Wetter anhalten, würde es nicht mehr lange dauern, bis die Bewohner auf beiden Seiten des Rheins sich gegenseitig besuchen gehen konnten. Auf dem Eis über den Fluss hinweg. In Vorfreude darauf wurden Schinken aus der Räucherkammer geholt und Kuchen gebacken, und jeden Tag wagte sich einer aufs Eis und prüfte dessen Tragfähigkeit.
Die grimmige Kälte dauerte ungewöhnlich lang. Erst Mitte März setzte Tauwetter ein, und die Besuche zu Verwandten und Freunden, zum Liebhaber und süßen Schatz fanden ein Ende. Kinder begannen, die auftauenden Uferböschungen nach Treibholz, Lumpen und anderem Brauchbaren abzusuchen, manchmal fanden sie ein totes Tier, eine Katze oder einen Hund, die sich nicht mehr hatten retten können. Die zogen sie dann unter großem Gejohle aus dem eisigen Wasser, pieksten und stachen in die gefrorenen Körper, versuchten sie umzudrehen und ließen sie schließlich irgendwo achtlos im Gebüsch liegen.
Am 18. März entdeckten sie von weitem einen Sack. Er hatte sich zwischen Wurzelwerk und den Ästen der Weiden verheddert, die dicht über dem Wasser hingen und zum Teil hineinragten. Als die Kinder näher kamen, sahen sie, dass der Sack ein Hemd war, ein dunkles Männerhemd, unter dem sich ein schwerer, runder Gegenstand abzeichnete. Mit einem gierig gluckernden Geräusch umschwappten die Wellen den Stoff und leckten begehrlich an den Ärmeln, die, miteinander verknotet, aus dem Wasser lugten. Beim Anblick des seltsamen Fundes verstummten die Kinder und blieben unschlüssig stehen. Schließlich wagten sich die beiden Ältesten und Mutigsten vor, packten den nassen Stoff und zogen daran. Als eine nackte Schulter aus dem Wasser zum Vorschein kam, ließen sie schreiend los.
Eine Viertelstunde später stand ganz Sürth am Rheinufer und schaute gebannt zu, wie der Obrist und sein Helfer den Leichnam eines Mannes ans Ufer zerrten. Der steife Körper war bis auf die Hose nackt, in der Bauchgegend waren zwei tiefe Stiche zu erkennen. Wie von einem Hirschfänger, würde der Brühler Gerichtsschreiber später auf Grund der Aussagen des Chirurgus festhalten. Mit ihren Messern schnitten die beiden Männer das um den Kopf geknüpfte Hemd auf. Im wirren Haar klebten Reste von Blut. Durch die Menge ging ein erregtes Raunen. Einige glaubten, den Toten zu erkennen.

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