NRW Literatur im Netz

Karl Farr - Arbeitsproben

DAS ALTE GRAMMOPHON

Es besaß keinen Trichter, das alte Grammophon. Aber wenn sich die Schelllackplatten mit dem vergilbten, runden Etiketten darauf drehten, klang es in dem Zimmerchen wie in einem Ballsaal. Die mit Stoff verkleideten Lautsprecher wurden an der Seite von hölzernen Rippen unterbrochen. Dort kam die Musik heraus. Das Gehäuse bestand aus dunkelbraunem Nussbaumholz.
Das Grammophon spielte den Radetzkymarsch genauso wie den Wiener Walzer von Strauss. Dazu steckte man die Kurbel in das Gehäuse und drehte sie ein paarmal. Es heulte ein bisschen, wenn man es aufzog. Danach brachte man den metallenen Arm mit dem runden Kopf auf die Höhe der äußersten Rille und setzte die Nadel sanft auf die Platte. Es knackte ein wenig und dann begann die Musik.
Das Grammophon gehörte einem alten Mann. Manchmal tanzte er mit seiner Enkelin zu der Musik. Dann wirbelte er Clara, so hieß das Mädchen, herum, bis ihr schwindelig wurde und sie laut jauchzte.
Ab und an spielte er auch etwas Modernes, wie die "Comedian Harmonists" oder alte Schlager von Zara Leander. Manchmal nahm er seine Gitarre und zupfte dazu den Rhythmus.
Wochenlang stand das Ding im Schrank, nur am Sonntag, am Feiertag oder wenn seine Enkelin zu Besuch war, holte er es hervor. Dann hörten sie stundenlang zu und tanzten, bis sie erschöpft waren. Manchmal holte die Mutter ihre Tochter ab. Sie schimpfte dann mit dem Großvater, wenn er Clara zu heftig herum wirbelte.
Nachdem sie gegangen waren, stellte er das Gerät in den Schrank zurück. Dann packte er die Platten vorsichtig in ihre dicken Papphüllen und strich liebevoll darüber. Vorsichtig legte er sie auf das Gerät und verschloß den Schrank wieder. Anschließend schlurfte er in die Küche, um sich einen Kaffee aufzubrühen.
Eines Tages wartete er vergeblich auf seine Enkelin. Er besaß kein Telefon, mit dem er bei der Mutter hätte nach fragen können. Traurig brühte er einen Kaffee auf, aber das Gerät ließ er im Schrank. Er stellte sein Kofferradio auf den Tisch, um die Nachrichten zu hören. Dann setzte er sich, um seinen Kaffee zu schlürfen. Sehnsüchtig schweifte dabei sein Blick aus dem Fenster. Die Kastanie gegenüber ließ braune Blätter fallen. Die Jahreszeiten wechselten.
Dann ging er zum Schrank und holte die Platten heraus. Liebevoll strich er darüber. Er legte sie jedoch zurück und setzte sich auf seinen Stuhl, um seinen Kaffee auszutrinken. Es klingelte an der Tür, doch es war nur der Briefträger, der eine Postkarte brachte. Der Alte las sie, während er in die Küche zurück schlurfte. Sie kam von seinen Bruder aus Kanada. Er schrieb nicht viel, nur dass es ihm gut ginge. Der Alte legte die Karte auf den Tisch, dann setzte er sich wieder. Sehnsüchtig starrte er aus dem Fenster auf die Straße.
Die Mutter war krank geworden und konnte nicht zur Arbeit gehen. Deshalb blieb sie zu Hause und Clara kümmerte sich nach der Schule um sie und den Haushalt, so gut es ging. Beim Abwasch wurde sie unruhig. Sie dachte an den Großvater, der auf sie wartete. Wahrscheinlich saß er allein in seiner Küche und trank Kaffee.Sie seufzte, aber sie konnte ihre Mutter jetzt schlecht in diesem Zustand allein lassen. Wenn der Großvater doch nur Telefon hätte. Sie trocknete das Geschirr und räumte es in den Küchenschrank, bis die Mutter sie rief.
Sobald die Mutter wieder gesund war, besuchte Clara ihren Großvater wieder. Sie wurde älter. Mit ihm hörte sie weiter Musik und er tanzte unermüdlich mit ihr, wenngleich er sie nicht mehr so herum wirbeln konnte. Aber ihre Freude hatten sie trotzdem!
Einmal war das Grammophon kaputt und der Großvater mußte es zur Reparatur geben. Aber um so größer war die Freude, als er es wieder bekam. Clara hatte eine alte Platte mit Tango Musik aufgetrieben und mitgebracht. Der Großvater brachte ihr den Tanz bei, auch wenn er es
auf seine alten Tage nicht mehr so konnte. Aber Clara bekam nicht genug davon.
Später starb der Großvater und Clara erbte das Grammophon. Sie heiratete und immer wenn ihr danach war, tanzte sie mit dem Ehemann. Dabei dachte sie an die vielen schönen Stunden, wenn sie mit dem Großvater vor dem Grammophon gesessen hatte. Sie würde es ihren Kindern vererben und ihnen davon erzählen!

NEBEL

Nebel liegt heut´ über dem Land,
die Sonne kommt nicht raus.
Ich gehe in die Küche,
schaue zum Fenster hinaus.

Grau ist es draußen,
Ich koch mir nen´ Tee,
und denk´ an die weite Welt
Denk an den Winter später dann
der bringt den weißen Schnee.

IN DER UNTERWELT

Er schritt durch den felsigen Gang. Man mußte aufpassen, daß man nicht ausrutschte, da der Boden sehr feucht war. Zum anderen mußte man darauf achten, daß man nicht mit dem Kopf an hervorstehende Felsstücke stieß. Die Beleuchtung war schlecht, da nur in einigen Abständen Fackeln brannten.
Dann kam das Tor. Es war mit Teufelsfratzen und – gestalten verziert. Nun durchschritt er es, da weder Tür noch Schloß es versperrten. Flammen, die vom Boden emporschossen, leckten an ihm. Er blieb stehen und dachte nach.
Wie war er in diese vertrackte Situation gekommen? Da war der Traum aus dem er erwacht war. Wie jetzt, war er durch das Tor gegangen und die Flammen hatten nach ihm gezüngelt.
Er hatte in seinen Büchern gesucht. In einem der Werke fand er die Lösung. Es handelte sich um das Tor zur Unterwelt. Hier sollte es entsetzliche Wesen geben, aber wenn man sie nicht weiter beachtete, konnte man einen Topf Gold finden.
So war er schließlich in die Berge geeilt und hatte auch gleich den im Buch beschriebenen Einstieg auf dem Weg zum Tor gefunden. So war er an diese Stelle gekommen.
Er ging weiter. An der Wand lehnte ein Skelett. Es hatte noch Reste von Haare auf dem blanken Schädel. In der rechten Knochenhand hielt es einen rostigen Dolch. Obwohl ihm schauerte, lief er weiter. Das nächste, was ihm entgegenkam, war eine Echse, die aussah wie ein Dinosaurier, nur eben viel kleiner. Sie fletschte die Zähne. Auch an ihr eilte er schnell vorbei.
Schließlich breitete sich der Gang aus und er gelangte in eine Halle, die von Fackeln erleuchtet war. Merkwürdig irgend jemand mußte hier doch für das Licht sorgen, dachte er.
Er blickte um sich und bemerkte die Säulen, die wohl den Fels abstützten. In ihnen waren grausige Gestalten gemeißelt. Er sah sich weiter um. Am Ende des Saals sah er ein weiteres Tor. Zu diesem strebte er nun.
Auch dieses Tor hatte keine Tür und er durchquerte es. Wieder kam er auf einen Gang, auf dem in regelmäßigen Abständen Fackeln leuchteten. Von der Decke hing eine schwarz glänzende, fette Spinne herab. Er bückte sich und lief unter ihr hindurch.
Dann verzweigte sich der Gang und er ging rechts entlang. Schließlich sah er an dessen Ende Tageslicht. Er strebte darauf zu und stand schließlich auf einer Waldlichtung. Er hörte das Singen von Vögeln und atmete tief durch. Er war froh den unterirdischen Gängen mit seinen unheimlichen Wesen entkommen zu sein.
Ein andermal würde er wieder hindurchlaufen und den linken Gang gehen.

Lange hatte er es nicht ausgehalten. Immer wieder las er in dem Buch von dem Topf voller Gold. Was konnte man nicht alles davon kaufen! Er blickte an sich herab und betrachtete seine schäbige Kleidung.
So war er heute losgegangen. Er betrat den Gang, wie er ihn letztes Mal gegangen war. Er kam an dem Skelett vorbei und der Echse. Schon bald stand er in dem Saal artigen Raum.
Er strich die Wände entlang und berührte die Figuren. Aber nirgends war ein Mechanismus, der eine geheimnisvolle Luke öffnete, hinter dem der Schatz verborgen war. Nicht mal in den grauenhaften Figuren!
So verließ er den Raum und ging bis zu der Stelle, wo der Gang sich gabelte. Dieses Mal hielt er sich links. Auch dieser Stollen war mit Fackeln beleuchtet, aber je weiter er kam, um so dunkler und enger wurde es. Die Fackeln waren jetzt in immer größeren Abständen angebracht.
Als er schon mit dem Gedanken spielte umzukehren, hörte er auf einmal eine wundersame Melodie. Auf die strebte er jetzt zu.
So gelangte er an eine massive, hölzerne Tür, die aber verschlossen war. Er probierte mehrmals die Klinke, aber nichts tat sich.
Wieder wollte er umkehren als die Tür mit einem gewaltigen Krachen nach innen aufsprang. Verwundert betrat er einen Raum, der außerhalb des Berges und der Höhle lag, denn durch Fenster, die jahrelang verdreckt waren, fiel milchiges Licht.

Als er sich umsah, bemerkte er, daß überall Skelette herumlagen. Sie waren sehr verstaubt und die Kleidung, die sie trugen, löste sich auf, als er eines von ihnen berührte.
In ihrer Mitte stand ein Podest und darauf - ein Topf!
Er schob die Totengerippe zur Seite und nahm den Deckel ab. Es schimmerte matt darin. Er hatte den Schatz gefunden.
So schnell wie er gekommen war, nahm er den Topf an sich und eilte zum Eingang zurück. Dieses Mal begegnete ihm eine Gestalt, mit dem Kopf unterm Arm und mit einem Schwert fuchtelnd.
Doch er beachtete sie nicht weiter und kam bald zu dem Eingang der Unterwelt. Schnell eilte er ins Freie und besah sich seine Beute. Als er die Staubschicht wegwischte, glänzte es golden. Endlich konnte er sich einige Wünsche erfüllen. Er eilte nach Hause.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.