NRW Literatur im Netz

Renate Behr - Arbeitsproben

Aus: CRISTAL BLUE

Martina drehte sich um, als der Schatten auf den Tisch fiel. Da standen Boris und sein Freund, der, der ihr in der Disco die Pillen gegeben hatte. Sie wollte aufstehen, aber Boris drückte ihr die Hand schmerzhaft auf die Schulter.
"Schön sitzen bleiben und zuhören, dann kannst du gehen, hast du mich verstanden?"
Martina nickte. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Hilflos sah sie zu Elfie hinüber, aber die hatte nur Augen für Boris.
Boris bestellte ein Glas Wasser und bat um die Rechnung. Dann sah er Elfie an:
"Geh aufs Klo!"
"Aber....", wollte Elfie einwenden.
"Geh", zischte Boris und Elfie erhob sich widerstandslos. Inzwischen hatte Juschka sich neben Martina gesetzt. Ein Arm lag auf ihrer Schulter und drückte sie fest auf den Stuhl. Sie konnte sich nicht bewegen und dabei hätte sie jetzt gern Silvie ein Zeichen gegeben, dass hier etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.
Boris griff in seine Jackentasche, holte ein kleines Fläschchen heraus und tropfte daraus eine klare Flüssigkeit in das Wasserglas.
"Trink das", forderte er Martina auf.
Die schüttelte heftig den Kopf.
"Tu ich nicht. Du wirst mich nicht dazu bringen, Drogen zu nehmen."
Boris lächelte sie an und beugte sich zu ihr hinüber.
"Wenn dir dein Leben und das Leben deiner Freundin etwas bedeutet, dann trinkst du das jetzt. Das sind keine Drogen, das ist nur ein leichtes Schlafmittel. Ich bin mir ziemlich sicher, dass du die Pillen, die Juschka dir gegeben hat, irgendjemand gegeben hast, wahrscheinlich der Polizei. Ein Vögelchen hat mir vorgezwitschert, dass es eine Razzia in meiner alten Disco gibt, wo man genau nach solchen Pillen suchen wird. Woher sonst sollten die Bullen Wind davon bekommen haben, wenn nicht von dir? Du musst einfach nur ein paar Stunden von der Bildfläche verschwinden. Also trink das jetzt, dann bringt Juschka dich weg. Und morgen früh ist alles vorbei und du kannst nach Hause zu Mama und Papa."
"Und wenn ich das nicht tue? Was wollt ihr am hellen Tag denn hier schon unternehmen?"
"Nun, meine kleine schlaue Freundin, als Erstes würde ich Elfie auf die Toilette folgen und ihr eine Überdosis verpassen. Das wäre – glaube ich – in Selm die erste Drogentote. Und dann wird sich mein Freund Juschka um dich und deine Familie kümmern. Willst du das wirklich riskieren?"
Wieder schüttelte Martina den Kopf. Eisige Angst drückte ihr fast die Kehle zu, aber sie griff nach dem Glas und trank. Kurz darauf wurde ihr schon schwindlig. Dass Juschka sie am Arm aus der Eisdiele führte und zu Boris Wagen brachte, davon spürte sie schon kaum noch etwas.

Aus: DAWSON CITY 1915

Es war ein milder Sommerabend im August am Lake Tagish. Sanft kräuselte sich die Wasseroberfläche. Es war alles unendlich friedlich. Aber das war trügerisch. Hier am Westufer lag der Teil des Sees, den sie Windy Arms nannten, weil es hier oft genug heftige Stürme und meterhohe Wellen gab. Unweit des Ufers brannten die Lagerfeuer und wie fast an jeden Abend hatte sich eine Gruppe von Kindern um das Feuer des Häuptlings der Guitchin-Indianer versammelt. Es war die Stunde der Geschichten. Sie kamen nicht mehr so oft hier heraus. Aber an den Wochenenden im August waren die Stammestreffen noch immer gut besucht Und der Häuptling legte großen Wert auf die Anwesenheit der Kinder. "Ihr seid Ta-gish-ai, vergesst das niemals", so begann er leise. "Ta-gish-ai oder Tagish, wie viele heute sagen, bedeutet in der Sprache des Weißen Mannes "Wo das Wasser offen bleibt". Seit Anbeginn haben sich die Guitchin dort im Winter aufgehalten, denn der Six Mile River, den Ihr von hier aus nicht sehen könnt, friert niemals zu. Daher habt Ihr Euren Stammesnamen, denn die Guitchin sind ein Stamm aus der großen Tagish-Familie."

Andächtig sahen die Kinder zu ihm auf. Alle waren sie traditionell in Hirschleder gekleidet. Blue Jeans und T-Shirts duldete der Häuptling nicht an seinem Feuer. Zaghaft fragte ein kleiner Junge: "Großvater (sie alle nannten ihn Großvater), erzählst Du uns die Geschichte vom Gold?" Der Alte nickte bedächtig. "Ja, ich erzähle Euch die Geschichte von Skookum Jim. Und eines Tages, wenn ich nicht mehr bin, erzählt Ihr sie Euren Kindern. Denn niemals" – seine Stimme wurde ein wenig lauter – "wirklich niemals dürft Ihr vergessen, dass es nicht der Weiße Mann, den sie George McCarmack nennen und der Schande über unser Volk gebracht hat war, der das Gold fand, sondern Skookum Jim ganz allein." Die Kinder nickten. Viele von ihnen gingen in die Schulen in der Stadt. Sie hatten weiße Freunde und gingen in deren Häusern ein und aus. Aber das hier, die Stunde der Geschichten in Windy Arms am Lake Tagish, das gehörte nur ihnen allein. Hier waren sie Indianer, Guitchin vom Stamm der Tagish und das machte sie stolz. Und einer von ihnen, Skookum Jim, hatte damals, vor mehr als Hundert Jahren, das Gold gefunden. Sie wussten alle, dass die Weißen diesen Fund für sich in Anspruch nahmen, aber was wussten die schon. Es wurde ganz still am Feuer, nur hin und wieder knackte ein trockener Ast in der Glut. Am Himmel glänzten Abermillionen von Sternen und der Häuptling ließ seinen Blick von den Kindern in die Ferne schweifen. Mit leiser Stimme begann er, die Legende zu erzählen, so wie es vor ihm sein Vater und sein Großvater getan hatten.

"Skookum Jim war Tagish-Indianer und hatte ein Herz für Tiere. Eines Tages stieß er auf eine Kröte, die in ein Loch gefallen war. Er befreite die Kröte, säuberte sie vom Schmutz und ließ sie frei. In der folgenden Nacht erschien Skookum Jim im Traum eine wunderschöne Frau. "Ich bin die Krötenkönigin", sagte sie und dankte dem Indianer für die Rettung der Kröte. Als Belohnung versprach sie ihm großen Wohlstand und ein leichtes Leben, aber er durfte niemandem etwas darüber erzählen. Als Skookum Jim aus seinem Traum erwachte, fand er frisches Essen vor seiner Hütte. Von nun an erhielt er jeden Tag von unsichtbarer Hand ein warmes und wohlschmeckendes Essen und er lebte in großem Wohlstand und hatte ein leichtes Leben davon. Wie vereinbart erzählte er niemandem etwas davon. Eines Nachts erschien ihm die Krötenkönigin wieder. Er solle hinabgehen zum Fluss und an dessen Ufer nach rotglänzenden Steinen suchen und wieder sollte er niemandem davon erzählen. Skookum Jim ging hin, suchte und fand die rotglänzenden Steine. Aber er hatte keine Ahnung, was Gold ist und wozu man es braucht. So zeigte er es dem weißen Mann. Der nahm es gerne und gab ihm Papiergeld dafür. Skookum Jim hatte aber auch keine Ahnung, was Papiergeld ist und was man damit machen konnte. Doch weil es hübsch aussah, tapezierte er damit seine Hütte. Der Weiße Mann aber folgte Skookum Jim zum Flussufer, sah das Gold und beanspruchte es fortan für sich." Die Kinder waren still. Nur ein vorwitziges kleines Mädchen erhob die Stimme: "Aber Großvater, wie dumm war doch Skookum Jim. Jeder weiß doch, das Gold viel wertvoller ist als Papier. Er hätte es behalten sollen, dann hätten wir vielleicht heute noch davon." Nachsichtig lächelte der Alte. "Es ist eine Legende, mein Kind. Niemand weiß, ob es so oder anders geschehen ist. Aber in jeder Legende steckt auch ein Körnchen Wahrheit. Das dürft Ihr niemals vergessen."

SCHÖNHEITSWAHN

"Mit zunehmendem Alter nimmt auch die Ersatzteilversorgung zu" und das, liebe Leserinnen und Leser gilt nicht nur für unsere Autos.
Eben noch konnte ich alles Kleingedruckte in der Zeitung messerscharf erkennen. Aber dann scheint sich schleichend meine körperliche Zusammensetzung irgendwie zu verändern. Kann es denn sein, dass meine Arme kürzer werden? Woche für Woche muss ich die Zeitung ein Stück weiter von mir weg halten und irgendwann kommt die Erkenntnis: Ich brauche eine Brille. Die Diagnose des Augenarztes erschüttert mich zutiefst: "Altersweitsichtigkeit" und dabei bin ich gerade einmal fünfzig.
Fünfzig – auch so ein Thema. Überall wird sie umworben, die so genannte Generation "Fünfzig plus", die Altersgruppe "aktiv und erfahren". Klingt ja auch viel besser als "Senioren" zum Beispiel. Allerdings hat die Gastronomie davon noch nichts mitbekommen. Auf den Speisekarten steht noch immer der "Seniorenteller". Was soll das eigentlich heißen? Haben die extra einen Zivi eingestellt, der das Fleisch püriert oder wird in der Küche etwa gar ein Gläschen Babynahrung für mich geöffnet? Wie viel besser würde es da klingen, stünde auf den Speisekarten "Das Menu für die Generation 50+" oder "Aktives Essen für Erfahrene".
Aber – wie man es auch dreht und wendet und welchen Namen man dem Kind auch gibt, es führt kein Weg daran vorbei, dass die körperliche Leistungsfähigkeit bei zunehmendem Alter ab- und die Veränderung von Haut und Figur zunimmt. Und dagegen kann man etwas tun.

Abends stelle ich mich nackt vor den Spiegel. "Also, wenn ich die Arme in die Luft strecke und den Bauch schön einziehe, ist das gar nicht so schlimm", denke ich. "Und überhaupt, ich bin schon über fünfzig, da ist die Figur eben nicht mehr so." "Faule Ausreden", tönt es in meinem Kopf. Ich seufze ergeben. Stimmt ja wohl auch. Ich sollte Sport treiben und das Naschen vor dem Fernseher ist sicher auch nicht gut für die Figur. Aber Sport ist anstrengend und für Schokolade könnte ich sterben. Doch ich werde etwas tun.
Am nächsten Morgen mache ich mich frohgemut auf den Weg in ein Fitness-Studio. Ich werde trainieren, mindestens zwei Mal in der Woche. Begrüßt werde ich von einer blonden Schönheit mit einer Figur, von der manches Model träumen würde. Da ist kein Gramm Fett an diesem perfekten Körper.
Ich sage ihr, wo meine Problemzonen liegen und dass ich dagegen gern etwas tun möchte. "Das kriegen wir schon hin", lächelt sie und beginnt, einen Trainingsplan für mich aufzustellen. "Die hört ja mit dem Schreiben gar nicht mehr auf", denke ich.
Der erste Weg führt mich zu einem Ergometer, so ein Fahrrad mit Pulsmesser. Darauf soll ich mich erst einmal aufwärmen.
"Aufwärmen?", denke ich. "Es ist Hochsommer und ich schwitze schon beim Anblick dieses Folterinstrumentes. Wärmer kann mir gar nicht mehr werden." Aber meine Trainerin besteht darauf. Um Muskelschäden vorzubeugen, erklärt sie mir. Ergeben setze ich mich auf das Fahrrad und beginne zu trampeln. Zehn Minuten soll ich das machen, aber bereits nach drei Minuten liegt mein Puls bei 180 und ich kriege kaum noch Luft.
Meine Trainerin erlöst mich. "An Ihrer Kondition müssen wir aber auch noch arbeiten." Sehe ich da ein hämisches Grinsen in ihrem Gesicht? Wahrscheinlich sind Fitnesstrainerinnen die Folterknechte der Gegenwart. Trotzdem bin ich gespannt, wie es jetzt weitergeht.
Sie deutet auf eine Gymnastikmatte. Widerspruchslos lege ich mich auf den Rücken. Ah, das ist wirklich entspannend. So kann es weitergehen. Aber da habe ich die Rechnung ohne mein blondes Wunder gemacht. Sie gibt mir einen Schaumstoffwürfel und erklärt mir eine Übung, die gezielt auf die Bauchmuskulatur wirken soll. Die Arme hinter dem Kopf verschränken, die Unterschenkel fest auf den Würfel drücken, die Lendenwirbelsäule am Boden lassen und dann den Oberkörper anheben und das ganze zehn Mal. Vorsichtig schaue ich nach rechts. Da liegt eine Dame neben mir, die die gleiche Übung absolviert. Das sieht ja eigentlich ganz einfach aus. Aber was einfach aussieht muss nicht zwangsläufig auch einfach sein. Es gelingt mir, meinen Oberkörper etwa drei Zentimeter vom Boden zu heben. Das schaffe ich sogar ein zweites und ein drittes Mal, aber dann muss ich passen. Meine Trainerin schüttelt den Kopf. "Nehmen Sie die Arme mal nach vorn, dann ist es etwas leichter." So schaffe ich es noch weitere drei Mal, mehr ist einfach nicht drin.
Jetzt beginnt der spannende Teil des Trainings, sie erklärt mir die einzelnen Geräte. Auch hier schaue ich mir die anderen Frauen an. Die scheinen alle viel Spaß zu haben, sie unterhalten sich sogar. Ich bin schon froh, dass ich noch atmen kann, an reden ist gar nicht zu denken.
Ich beiße die Zähne zusammen und beginne meine Trainingsrunde an den Geräten. Da, wo die anderen so circa 10 bis 15 Gewichtsplatten bewegen, schaffe ich gerade einmal eine. Das ist wirklich frustrierend.
"Das wird schon noch", versucht meine Trainerin mich aufzumuntern. "Sie werden sehen, das geht von Tag zu Tag leichter." Ich hoffe nur, sie hat Recht. Aber wenn dann das Ergebnis stimmt und meine Figur wieder in Form kommt….
Meine Oma hat schon immer gesagt: "Wer schön sein will, muss leiden." Aber wer bestimmt eigentlich, was Schönheit ist? Mit zusammen gebissenen Zähnen beende ich meine Trainingsrunde und zum Abschluss schaffe ich es schon sechs Minuten auf dem Fahrrad zu strampeln. Ich verlasse die moderne Folterkammer, nicht ohne zu versprechen, dass ich in zwei Tagen wieder da sein werde. Wieder draußen überkommt mich fast so etwas wie Euphorie. Anstrengung soll ja bekanntlich Glückshormone freisetzen. Das scheint wirklich zu stimmen. Entschlossen steuere ich auf das Kosmetikgeschäft am Markt zu. Nach knapp einer Stunde verlasse ich den Laden mit zwei großen Tüten voller Dinge, die Frau so braucht, um schlaffer Haut und Cellulitis entgegen zu wirken. Allerdings bin ich jetzt auch fast 200 Euro ärmer.
Auf dem Heimweg kaufe ich mir noch eine große Portion frisches Obst und Gemüse. Zu Hause angekommen baue ich alle meine Salben, Cremes, Tinkturen, Bürstchen und Schwämme fein säuberlich im Bad auf. Sie sollen mich ab jetzt morgens und abends schöner machen. Und ich gehe noch einen Schritt weiter: Ich verbanne meine heiß geliebten Schokoladetafeln aus dem Küchenschrank und trage sie in den Keller in das Vorratsregal.
Nun heißt es noch Gemüse putzen und Obst und Gemüse in mundgerechte Stücke schneiden, damit ich am Abend vor dem Fernseher etwas zum Naschen habe. So weit, so gut.
Das ganze ist jetzt ungefähr acht Wochen her. Das Fitness-Studio habe ich nur noch zwei Mal von innen gesehen, der Muskelkater war einfach zu schlimm. Das Gemüse war die Beilage für unseren Sonntagsbraten, aus dem Obst habe ich Kompott für den Nachtisch zubereitet und meine Schönheitsutensilien fristen im untersten Fach des Badezimmerschrankes ein ziemlich einsames und sinnloses Leben.

Denn eines habe ich festgestellt: Das erste, was man verliert, wenn man sein Gewicht verändern will ist die gute Laune. Und wirklich schön ist man doch dadurch, dass man glücklich ist und lachen kann. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich diesen Schönheitswahn nicht mitmache. Ich bin, wie ich bin und das ist gut so.

Aus: Älterwerden. Beißen kann ich noch!

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