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Matthias Engels - Arbeitsproben

PYTHAGORAS' UND NEWTONS' WIEGE

Kommunikation letztendlich Mimikry;
Partie Memory mit Dr. Rohrschach.
Alle Vokale Tierlaute
und doch jedes einzelne Sprechen
letztendlich auch immer Versprechen
wie jedes einzelne Schweigen auch.
Cages' posthumes Opus magnum
1000 Takte Pausenzeichen.

Die Hand an der Höhlenwand
heißt noch ich
heißt bin
heißt hier.
Was aber 2 von 6 Milliarden schwören,
bleibt ungehört und
Wahrheit letztendlich Statistik

Unsere Errungenschaft: Zentralperspektive,
letztendlich geschuldet unserer Langsamkeit.
Schnellere Tiere
tragen die Augen
weiter außen.
Der aufrechte Gang: Forscherdrang oder Verzweiflung?
Letztendlich Diener der Geometrie.
Fluchtpunkte am Horizont.
Hilfslinien und Verkürzungen,
Pythagoras' und Newtons' Wiege

(unveröffentlichtes Gedicht)

MUNDFINSTERNIS

Du hast mein Wort
aus lauter ton- und
stimmlosen Silben,
ich sprech` es dir vor.

Versuch` deinen Reim
auf mein Schweigen;
jedes gewonnene Wort
holt sich die Stille
zurück.

Wir stehen beide
in vollem Wort,
schweig` mir
klar und vernehmlich
nach.

Die Mundfinsternis
kommt unausweichlich,
jetzt ist die Ruhe
vorm Verstummen;
deine Ohren
von Rauschen
betobt.

Aus: IN SPIEGELSCHRIFT

Kapitel 10

Die Terrasse wurde nicht mehr viel benutzt. Hier und dort waren Platten lose, Moos hatte sich in die Fugen gesetzt und wurde nicht mehr beseitigt. Arthur Duivels feierte aber immer noch seine Geburtstage dort, wie gewohnt.
Sein fünfundsechzigster. Udo Jürgens sang: "Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an." Es gab Cognac für die Männer und Liköre für die Frauen; Hilde hatte Käsespieße und andere kleine Happen gebracht. Die Schwägerinnen und Schwager kamen noch vollzählig. Die Nachbarn blieben aus. Arthur Duivels Jähzorn hatte einige verschreckt, außerdem gab es neuerdings Streit um die Grundstücksgrenzen und den zunehmend ungepflegten Garten. Roland sitzt inmitten der Tanten, die ihm Geschichten von früher erzählen, die er immer noch gerne hört. Er trinkt einen Likör, ist schnell angeheitert, er verträgt nicht viel Alkohol. Er hört sich die Schmeicheleien der Tanten an. Seit kurzem trägt er einen Vollbart, der ihn männlicher macht. Seit der Hochzeit mit Hilde hat er zugenommen, seine Statur wirkt jetzt ähnlich kräftig wie die Arthurs. Er trägt auch den gleichen Scheitel. Sogar seine Nase erinnert neuerdings an die des Vaters, seit ein Patient sie ihm gebrochen hat. Seine Kinder kommen kurz mit Hilde herüber. Die Tochter gratuliert dem Großvater, der sie, wie immer, kühl und abweisend behandelt. Er kann nicht mit Mädchen umgehen. Die Tanten bekommen jedoch feuchte Augen: "Wie Mimmi!", sagen sie: "Die Kleine sieht aus wie Mimmi!" Das zehnjährige Mädchen lächelt schüchtern, sieht zu Boden. Der Junge ist gut angezogen und gekämmt, ohne Scheu setzt er sich zuerst auf Onkel Charlys, dann auf Arthurs Schoß. Er bekommt Süßes zugesteckt, wird reihum an die üppigen Dekolletes der Tanten gedrückt. Er darf an Charlys Apfelkorn nippen, was zu allgemeinem Gelächter führt. Roland, sein Vater, lacht auch. Hilde, die sich um ihre Eltern kümmert, die extra aus Münster angereist sind und ziemlich verloren wirken, geht bald und bringt die Kinder zu Bett. Die Tochter heult, sie hatte nicht mitgewollt, der Kleine geht brav zu Bett, ist aber noch aufgekratzt von der vielen Aufmerksamkeit und kann eine ganze Zeit nicht einschlafen. Er hört durch das offene Fenster die Stimmen herüber wehen, schnappt einzelne Worte auf, bis Hilde das Fenster schließt und er schließlich einschläft.
- "Kennt ihr den?", fragte Charly. Mittlerweile, die Kinder im Bett, unter sich, war das Fest laut geworden. Arthur hatte bereits russisch gesprochen, oder was er als russisch ausgab. Das tat er gern, es war immer ein großer Erfolg. Als endlich Ruhe einkehrte und alle zu ihm sahen, fuhr Charly fort: - "Abraham steht auf der Straße, schaut hoch zu einem Fenster im zweiten Stock und ruft: "Sarah, Sarah!" Das Fenster öffnet sich und Sarah antwortet: "Abraham, du bist es! Was mechst du?" Abraham ruft: "Sarah, ist Dein Mann zu Hause?" "Nein!", antwortet Sarah. Sagt Abraham: "Dann mach auf! Ich komme hoch und wir machen Liebe!" "Bist meschugge?", so Sarah. "Bin ich kein Hure!" Darauf
Abraham: "Wer spricht denn von bezahlen?"
Die ganze Gesellschaft grölte vor Lachen. Außer Wilhelm und Gertrude. Die Höflichkeit hatte es nötig gemacht, die Eltern der Schwiegertochter einmal einzuladen. Aber es sind keine Leute nach Arthurs Geschmack. Er wundert sich, dass sein Sohn mit ihnen scheinbar gut zurechtkommt. Für ihn sind das Proleten.

Wilhelm und Gertrude auf Arthur Duivels Terrasse. Wilhelm mager, in einem abgewetzten Rollkragenpullover, eine zu weite Anzugshose mit Hosenträgern, fast kahl, schlecht sitzende Zähne und Arthur, sonnengebräunt, im gut sitzenden Anzug, ordentlich gescheiteltes, volles, dunkles Haar, plaudert mit seinen anderen Gästen, die Wilhelm kaum kennt und allesamt aufdringlich und dumm findet. Gertrude konnte mittlerweile nur noch schlecht laufen, die Diabetes, der Zucker, wie sie sagte. Überhaupt würde das wahrscheinlich der letzte Sommer sein, in dem sie kurze Wegstrecken noch zu Fuß bewältigen können würde. Sie sitzt still neben Wilhelm, manchmal über Arthurs anzügliche Flachsereien glucksend. Arthur hatte eben erst allen wieder die Bilder gezeigt, Röntgenbilder, die den handlangen Nagel in seinem Knie deutlich sehen ließen. Knieschuss hieß Heimaturlaub, meinte Wilhelm.
Arthur war Unteroffizier gewesen, der unwesentlich jüngere Wilhelm Gefreiter. Beide im Osten. Wilhelm und Gertrud lebten in dem Haus, das er an der Stelle gebaut hatte, an der sein Elternhaus gestanden hatte. Im Keller waren seine Schwester und seine Mutter von amerikanischen Bomben getötet worden. Wilhelm hatte nie geschossen. Er war abgemagert, mit Gelbsucht und als glühender Antisemit aus dem Krieg gekommen, mit einem nervösen Magen. Er aß morgens auf nüchternen Magen ein Stück Bitterschokolade und dann den ganzen Tag nichts mehr. Er war bis zum Schluss dabei gewesen. Für ihn war Arthur, dem zuliebe er jetzt ein warmes Bier trank, immerhin war es dessen Geburtstag, ein Vorgesetzter und Drückeberger geblieben. Das waren die wahren Nazis gewesen, in seinen Augen.
Er hatte keine Karriere gemacht. Seine Brüder hatten den Schlüsseldienst unter sich ausgemacht; ihn hatten sie ausgebootet. Arthur hatte seine Versicherungsagentur. Er konnte mit allen, war charmant, sprach sofort jeden Dialekt. Er fuhr auf Geschäftsreisen nach Köln, flanierte am Dom, rauchte Zigarren. Wilhelm war nach dem Krieg Fahrer bei einer Möbelfirma geworden und ihn hatte man nach einem halben Jahr rausgeworfen, weil er Nachbarn Kleinigkeiten aus dem Warenlager mitgebracht hatte. Dinge wohlgemerkt, die mit Fehlern behaftet, beschädigt waren und ansonsten auf den Müll gewandert wären.
Wilhelm war trotzdem einige Zeit weiter jeden Morgen aus dem Haus gegangen und erst nachmittags, zu Feierabend-Zeit, nach Hause gekommen. Es war allerdings schwer gewesen, die Zeit in der Stadt herumzubringen, a) ohne Geld auszugeben, das nicht vorhanden war und b) ohne einem Hausbewohner oder Bekannten zu begegnen. Als es unausweichlich geworden war, gestand er Gertrude seinen Rauswurf. Sie war gar nicht so wütend und verzweifelt gewesen, wie er es erwartet hatte, denn immerhin gäbe es von nun an monatlich sicheres Geld vom Amt. Die Stütze musste allerdings jeden Monat eine der Töchter beim Amt abholen, da Wilhelm sich schämt, dort gesehen zu werden.
Arthur hatte nach dem Krieg alle möglichen Arbeiten gemacht, ehe er sich zum Versicherungsvertreter hatte ausbilden lassen und sich schnell zum eigenen Büro hochgearbeitet hatte. Aber er war kräftig, trotz steifem Knie zum harten Arbeiten bereit und allen und allem gegenüber aufgeschlossen gewesen. Ihm hatte man überall abgenommen, dass er gutgläubig hereingefallen war auf die Braunen.
Wilhelm hatte nicht die körperliche Verfassung und nicht den Charme gehabt, um jeden Job zu bekommen. Er konnte keine harte Arbeit machen, ein bisschen Musik machen, Akkordeon spielen, hier und da, auf einem Fest; etwas Unterrichten, das ging, aber wie Arthur für die Stadt beim Wiederaufbau zu helfen, das war undenkbar gewesen. Nach dem Tod von Arthurs erster Frau Maria hatte Arthur sogar noch einmal geheiratet, eine Adlige, wie es hieß; die Ehe hatte aber nicht lange gehalten denn mit ihr war Arthur an seine Grenzen gekommen, finanziell und menschlich. Sie hatte ihn verlassen. Und wenn Wilhelm sich auch keine Adlige gewünscht hätte, so trieb der Neid gegenüber Arthur ihn doch zur Schadenfreude über dessen Fehlschlag, gemischt mit dem überdeutlichen Bewusstsein der eigenen, nun mehr als ein Vierteljahrhundert dauernden Ehe mit Gertrude, die immer seltener aus der Wohnung kam, Rätsel löste, lange Listen anlegte mit Namen von längst vergessenen Ufa-Stars und ehemaligen Klassenkameraden, nur, um sich zu beschäftigen. Die an Schuppenflechte litt, sich die Haut mit den Nägeln herunterkratzte, kleine weiße Häufchen Schorf neben sich auf dem Teppich verteilend.
Arthur erzählt mittlerweile, nicht ohne Stolz, wie sein Sohn Roland auf einem Betriebsausflug auf dem Rhein vorläufig festgenommen worden war, weil er und seine Kollegen auf dem Ausflugsdampfer vor lauter Übermut und Alkohol das Horst-Wessel-Lied gegrölt hatten, nachdem ihr Fundus an Volksliedern erschöpft gewesen war. Im allgemeinen Gelächter sagt Wilhelm zu Gertrud: - "Komm`, Trudchen, wir gehen rüber!" Man verabschiedet sich, auf beiden Seiten froh, der Höflichkeit genüge getan zu haben. Weitzkes gehen zu Hildes und Rolands Haus, nur einige Meter die Straße herunter. Wilhelm wird am nächsten Morgen nichts frühstücken und auf eine baldige Heimfahrt drängen.
Roland wird noch im Bett liegen. Er hat sich, während sein Vater und die Gäste noch feierten, verabschiedet und ist nach Hause geschwankt, nicht ohne sich auf den 10 Metern Heimweg noch in die Vorgartenhecke eines Nachbarn übergeben zu haben.

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