NRW Literatur im Netz

Ingrid Strobl - Arbeitsproben

TÖDLICHES KARMA

Die Polizei dachte noch immer, Nele hätte ihren Dealer umgebracht. Und ich war auf der Suche nach dem echten Mörder keinen Schritt voran gekommen.
„Hertha“, jammerte ich, „die Nele kann sich nicht ewig verstecken.“
„Ja, hör ma“, meinte meine alte Nachbarin und Freundin, „das wollt ich dir grade erzählen: Der Kalle, ne, der hat mir was Irres gesteckt. Er hat den Typen getroffen, dem wo seine Mädchen mal Kolleginnen von mir waren auf der Brühler. Weißte, der die missbraucht hat, wie se klein waren, und wo die eine an ner Überdosis gestorben ist?“
Klar. So was kann ich mir gut merken.
„Also der Typ war in unserer alten Stammkneipe und hat da rumgetönt, er macht alle Dealer platt.“
„Mensch Hertha“, rief ich aufgeregt, „das muss der Kalle der Polizei sagen!“
„Liebchen, das meinste jetzt nich ernst, dass der Kalle zu ´n Bullen geht?“
Na ja, nicht wirklich. Ich dachte eine Weile nach. Dann hatte ich eine Idee.

Um kurz nach acht saßen wir in der Kneipe am Tresen. Ich schlug meine netzbestrumpften Beine übereinander, ließ den Mini noch ein Stück höher rutschen und bestellte einen doppelten Klaren.
„Die kriegt ne Cola“, wies Hertha den Wirt an, „die hat schon genug intus.“
„Mit m´ Schuss“, nuschelte ich grinsend.
„Nix da!“ verkündete Hertha. Ich zog in slow motion eine Kippe aus der Packung, nahm einen Zug und fing an, mit dem Stuhl zu kippeln. Der Typ, der neben uns saß, fing mich auf, bevor ich auf dem Boden landete.
„Ganz schön was geladen, hä?“ fragte er und schaffte es, mit dem Arm meinen Busen zu streifen. Den hatte ich mit einem Push Up BH für sage und schreibe vier Euro fünfundsiebzig verstärkt. Sah gar nicht übel aus.
„Kannst mir ja noch ein´ ausgeben“, hickste ich. Hertha war mir einen warnenden Blick à la „übertreib´s nicht!“ zu.
„Biste neu hier?“ fragte der Wirt. Die Kneipe befand sich mehr oder weniger direkt am Strich.
„Mhm.“
„Machste jetzt Einführungskurse, Hertha?“, lachte ein anderer Stammgast.
„Die braucht keine Einführung“, konterte Hertha.
„Was nimmste denn für französisch“, erkundigte sich der Typ neben mir und langte nach meiner Push Up Verschalung.
„Mehr als du hast“, gab ich zurück. „Und außerdem hab ich gerade dienstfrei.“
Die Jungs grölten.
Als die Tür aufging, schubste mich Hertha mit der Zehenspitze an. Der Mann sah genau so aus, wie ich mir einen Kinderschänder immer vorgestellt hatte. Vor lauter Staunen vergaß ich, das ich eigentlich voll breit war. Hertha schubste mich erneut. Ich schlürfte geräuschvoll von meiner Cola, bis ich merkte, dass der Wirt mir tatsächlich einen Schuss rein gemacht hatte. Ich zwinkerte ihm zu.
Hertha bekam es mit und schnaubte.
„Die soll nix mehr trinken“, fauchte sie. Die braucht ´n klaren Kopf. Der ihre Schwester hat sich grade ne Überdosis gemacht. Direkt nach der Entgiftung. Die is da raus und direktemang zu ihrem Scheißdealer.“
„Na klar“, quäkte der Kinderschänder und zwängte sich neben uns. „Was hast du denn gedacht?“
„Ich mach den alle“, lallte ich und nahm einen Schluck. „Ich mach den Scheißdealer alle.“ Das Theaterspielen machte mir ziemlich Spaß, und der Schnaps in der Cola machte mich eindeutig lockerer. Hertha nahm mir das Glas aus der Hand.
„Ich mach den platt!“
„Die sollte man alle platt machen“, verkündete der Kinderschänder. „Alle!“
„Genau!“, nuschelte ich. „Aber da hat ja keiner den Mumm für.“
Der Kinderschänder sah mir tief in die Augen: „Das würd ich so nicht sagen.“
„Wieso, is doch wahr!“ Ich langte nach meinem Drink und griff ins Leere. Hertha bestellte mir noch eine Cola. „Pur!“
„Tja“, sagte der Wirt nachdenklich und schob mir das Glas rüber, „irgend wer hat ja zwei von den Kerlen schon ins Jenseits befördert.“
„Aus die Maus, Mickey Maus“, kicherte der Kinderschänder.
Hertha wandte sich zu ihm um und höhnte: „Ich dachte, das wärst du gewesen, hä Superman?“
„Wie kommst´n da drauf?“ Koketter Schmollmund. Zum Drüberkotzen.
„Der, wo das gemacht hat, der is jedenfalls ´n echter Kerl“, ließ ich die versammelte Runde wissen. Der Kinderschänder warf mir einen verschwörerischen Blick zu.
„Ebend“, raunzte Hertha und drehte sich zu ihm um, „deshalb kannst du´s ja nich gewesen sein.“
Er lief rot an. „Ich lass mich von dir nicht beleidigen, du Rentnernutte!“
Hertha schlug sich auf die Schenkel. „Haste das gehört?“, schrie sie lachend, Rentnernutte! Ich werd nich mehr! Der kriegt doch keinen mehr hoch, noch nich mal ´n Baseballschläger.“
Ich kicherte und verschluckte mich am Zigarettenrauch.
„In deiner ausgeleierten Fotze kriegt keiner einen hoch“, quäkte er und schlug auf den Tresen. Er sah inzwischen aus, als bekäme er gleich einen Schlaganfall.
„Du beleidigst hier meine weiblichen Gäste nich“, schnauzte der Wirt ihn an. „Und wenn doch, fliegste hier raus, so schnell kannste nich Scheiße sagen.“
„Aber sie hat mich doch beleidigt!, jammerte der Kinderschänder. Beleidigtes Dreijährigengesicht.
„Jedenfalls“, nuschelte ich und schlug die Beine andersrum über einander, „wenn ich den treffe, der die platt gemacht hat, der kriegt´s von mir ne Woche für lau.“
„Ich!“ schrie das ganze Pulk Kerle, das inzwischen um uns rum stand, im Chor.
Na, super! Ich warf dem Kinderschänder einen verstohlen fragenden Blick zu. Er nickte kurz und schlug die Augen nieder. Ich wankte von meinem Hocker und verkündete: „Ich muss mal für kleine Mädchen.“
Der Kinderschänder folge mir die Treppe runter zu den Toiletten. Ich atmete einmal tief ein und wieder aus und schickte ein Stoßgebet an Tara. Da hatte ich schon seine Hand auf meinem Arsch. Ich schob sie weg. „Warst das echt du?“, fragte ich und legte eine wohldosierte Mischung aus Zweifel und Bewunderung in meinen Blick.
Er nickte wichtigtuerisch. Hektische Flecken im Gesicht. Pfote auf meinem Push Up. Ich nahm sie runter. „Nich jetzt, too drunk to fuck“.
Er verstand natürlich nur Bahnhof. „Ich bin jetzt zu breit“, übersetzte ich. „Außerdem, woher soll ich wissen, dass das stimmt?“
„Ich kann´s dir beweisen.“
„Wie denn?“
„Und woher weiß ich, dass du nich zu den Bullen rennst?“
„Iiich?“ meine Stimme kippte vor Empörung um.
Er grinste zufrieden.
„Komm“, drängte er, „blas mir einen, das kannste auch so!“
„Nich ohne Beweis.“ Ich schob ihn weg und flüchtete in die Toilette. Als ich raus kam, stand er noch immer da. Langsam wurde mir mulmig. Er hatte sich am Fuß der Treppe aufgebaut, sodass ich nicht an ihm vorbei kam. Als ich ihn weg schubsen wollte, drückte er mich mit dem Arm gegen die Wand und schob mir die Hand unter den Rock.
Vor lauter Schrecken und Wut schrie ich was das Zeug hielt. Hertha kam die Treppe herunter gepoltert, packte den Kerl am Kragen, zog ihn an sich ran und rammte ihn dann mit dem Kopf gegen die Wand. Sie zerrte mich die Treppe hoch, schnauzte den Wirt an: „Ich geh in keine Kneipe mehr, wo Frauen vergewaltigt werden!“ und zog mich vor die Tür. Wir gingen zügig zur U-Bahn und ich vergaß trotz meines Schocks nicht, leicht zu wanken, für den Fall, dass uns jemand hinterher sah.

ERSTE LIEBE

Catch your dreams before they slip away ...
Jagger/Richards

Ich hörte ihn, bevor ich ihn sah. Er fraß sich aus dem Radio direkt in meine Eingeweide. Er slamte über die Saiten einer E-Gitarre, und jeder einzelne Ton wühlte das Innerste nicht nur meiner Seele, sondern auch meines pubertierenden Leibes auf. Er sprach – ohne Worte – all das aus, was ich empfand: Wut, Verzweiflung und eine verzehrende Sehnsucht nach dem Unbekannten, Aufregenden, Verbotenen.
Am nächsten Tag kaufte ich mir auf dem Heimweg von der Schule meine erste „Bravo“. Und hatte Glück: Mein neuer Gott, mein erster Gott, war darin abgelichtet. Und als ich ihn sah, war es endgültig um mich geschehen. Er hieß Keith Richards. Er stand neben Mick Jagger, und er sah so aus, wie ich gerne ausgesehen hätte. Denn ich vergaß damals häufig, dass ich ein Mädchen war.
Ich plagte meine Eltern so lange, bis sie mir einen Plattenspieler kauften. Er war orange, hatte das Format eines Kosmetikkoffers, man konnte ihn aufklappen und drei Geschwindigkeiten darauf abspielen. Singles liefen mit einer anderen als LPs. Die dritte Variante war für Shellacks, aber die besaß ich nicht. Vom Taschengeld kaufte ich mir Out of our heads. Und das war ich fortan auch: out of my head. Ich gröhlte I cant get no Satisfaction mit, bis ich heiser war. Ich heulte The last Time in mein Kissen. Ich trällerte Good Times auf dem Schulweg. Die Welt war eine andere geworden. Ich war eine andere geworden. Ich war ein einsames Wesen von einem fremden Stern, das mit den Spießern, den ahnungslosen Mitschülerinnen, den noch ahnungsloseren Lehrerinnen, mit der Ödnis der Provinz, dem Gesäusel, das normalerweise aus dem Radio drang, nichts mehr zu tun hatte. Ich schob mein Stones-Album auf den Plattenteller, legte mit immer wieder ehrfurchtsvoller Behutsamkeit den Tonarm an die ersten Rillen, drehte die Lautstärke hoch und hob ab.
Dann kam das Bravo-Poster der Stones zum Ausschneiden. Ich sammelte die einzelnen Teile und klebte das Gesamtkunstwerk an die Wand meines Zimmers. Meine Mutter riss es wieder herunter. Ich hasste sie aufrichtig dafür. Im Laufe der nächsten Jahre wuchs meine Plattensammlung ebenso wie meine Leidenschaft für Rockmusik und das Haar einiger Jungs in der Stadt. Die Zeitungen berichteten über Rauschgift, Sex und hysterische Teenager, die bei Auftritten der Stones und Beatles kreischten wie am Spieß und in Ohnmacht fielen. Das mit dem Rauschgift fand ich hoch interessant, das mit dem Sex war noch nicht so recht meine Sache, und die Mädels verachtete ich zutiefst. Ich war nämlich einer von den Jungs. Zumindest in meinem Kopf. Oder besser gesagt Bauch. Mir wuchsen zwar Brüste (Horror!), und ich wand mich jeden Monat in den entsetzlichsten Krämpfen, bevor ich meine Tage bekam, es war also weder zu übersehen noch zu überspüren, dass ich eine heranwachsende Frau war. Aber wenn ich etwas wirklich hasste, dann war es genau das.
Und so gestaltete sich meine erste Liebe gewissermaßen als ein schizophrener Zustand. Einerseits liebte ich Keith Richards, und die Vorstellung, er könnte mich – ganz lässig – in den Arm nehmen, oder I am waiting für mich spielen, trieb mich in etwas, das einer Trance ziemlich nahe kam. Andererseits identifizierte ich mich mit ihm und all den anderen Göttern, die ich in der Folge zusätzlich anbetete, von Eric Burdon bis Jerry Garcia, von Jim Morrison bis Lou Reed. Ich sah mich selbst auf der Bühne stehen, eine E-Gitarre in der Hand, Wut im Blick - und die Hölle entfesseln.

Die Tatsache, dass die meisten Stones-Texte zum Heulen frauenfeindlich waren, beeinträchtigte meine Anbetung und Identifikation nicht im geringsten. Ich bezog sie schließlich nicht auf mich. Ich gehörte ja nicht zu diesen albernen Tussis, über die sie spotteten. Ich plärrte Get off of my cloud und meinte damit wahlweise eine Lehrerin, eine blöde Nachbarin oder auch schon mal meine Mutter, wenn sie wieder wissen wollte, was ich denn nur an diesen ungepflegten Langhaarigen finden würde. Mir war klar, dass sie es in Wahrheit lieber nicht wissen wollte. Ich hatte einmal versucht, ihr zu erklären, was diese Musik für mich bedeutete. Ich liebte nämlich meine Mutter, und ich hätte es wunderbar gefunden, wenn sie mich verstanden hätte. Hat sie aber nicht. Konnte sie auch beim besten Willen nicht. Dass ich genau das, was sie so entsetzlich fand, zum höchsten Ziel meines Lebens erkoren hatte, nämlich ein „Gammler“, ein „Beatnik“, mit anderen Worten: ein Langhaariger zu werden, verschwieg ich ihr vorsichtshalber.
Mir selbst verschwieg ich, dass dieser Karrieretraum nicht oder zumindest nicht vollständig realisierbar war. Denn bei einem Mädchen waren lange Haare auch damals, Mitte der Sechzigerjahre, schlicht und einfach normal. Schlimmer noch: Lange Haare galten als hübsch und weiblich. Hübsch aber war ich nicht. Und weiblich wollte ich nicht sein. Ich konnte also niemanden damit schocken, dass ich mir die Haare wachsen ließ. Zumindest damals noch nicht. Ein, zwei Jahre später gab es die Möglichkeit, die – langen - Haare hennarot zu färben und ein Hippieband um die Stirn zu schlingen. Mit eingewebten Goldfäden und, im Idealfall, kleinen indischen Glöckchen dran. Doch 1966 waren wir noch nicht so weit. Zumindest nicht in der Provinz. 1966 konnte ein Mädchen nur unangenehm auffallen, indem sie einen Minirock trug, sich die Augen dunkel umrandete und lange schwarze Striche unter die unteren Augenlieder malte.
All das tat ich, aber ich erreichte damit nicht, was ich bezweckte. Ich sah nicht wild und verkommen aus. Ich sah nicht aus wie Keith Richards. Ich fühlte mich verkleidet. Mein wahres Ich wollte Jeans, Schlangenlederstiefel, ein schwarzes T-Shirt und - eben - lange Haare tragen. Männlich lange Haare. Was mir nun einmal nicht gegeben war.
Der Konflikt löste sich ein wenig, als endlich der zweite Teil der Heiligen Dreifaltigkeit Sex&Drugs&Rock´n Roll den Weg in unsere Provinzmetropole fand. Mein Gott war gerade verhaftet worden, in seinem Haus hatte man Drogen gefunden, die Presse schäumte, und ich kaufte mir den Music Express. Da ich in den Ferien in einer Eisdiele gejobbt hatte, konnte ich mir diesen Luxus leisten. Das Foto, das Keith Richards auf dem Weg zum Gericht zeigte, schnitt ich aus und klebte es in mein Tagebuch. Und ich fand endlich auch ein weibliches Wesen, das ich anbeten konnte: Marianne Faithfull. Sie rangierte zwar ein ganzes Stück unter meinem Hauptgott, aber wenn sie As tears go by sang, lief es mir wohlig kalt den Rücken herunter, sie sah unglaublich cool aus, und außerdem war sie kein Groupie, sondern selber Musikerin. Groupies waren nämlich das Letzte. Um nicht zu sagen, das Allerletzte. Groupies waren Weiber. Und ich wollte noch immer one of the boys sein. Auch, wenn ich inzwischen meine Miniröcke, sobald ich außer Sichtweite meiner Mutter war, so hoch krempelte, dass sie ihrem Namen doch noch Ehre machten.
Rauschgift war mittlerweile zu einem der Lieblingsthemen der Presse anvanciert, und wir - die paar selbsternannten Outlaws der Stadt – verschlangen die Berichte darüber, als könnten wir schon vom Lesen high werden. Bob Dylan sang Everybody must get stoned, wir antworteten ihm mit Don´t bogard that joint, my friend, pass it over to me. Als wir endlich das erste Piece aus München bekamen, öffneten sich die Pforten des Paradieses. Nicht sofort, denn beim ersten Mal spürte ich nichts oder zumindest nicht viel. Aber das Piece war groß, und die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Die Stones, die Doors, Gratefull Dead, Eric Burdon, Pink Floyd, Velvet Underground, Jimi Hendrix und Janis Joplin hörten sich plötzlich noch intensiver, noch überwältigender, noch abgefahrener an. Und Mädchensein war auf einmal kein so riesiges Problem mehr. Vor dem Joint waren alle gleich. Und ich drehte verdammt gute Dreiblattjoints.
Stoned sein war ein wundervoller Zustand. Stoned sein und Rockmusik hören war noch wundervoller. Stoned sein und zur Musik abtanzen, war das Höchste. Um zu Street Fighting Men, Waiting for the Man oder Piece of my Heart zu tanzen, brauchte ich weder einen Partner, noch musste ich festgelegte Schritte einhalten, ganz im Gegenteil: Ich konnte das, was der Sound in meinem Kopf und vor allem in meinem Körper auslöste, völlig autonom in Bewegung umsetzen. Es kümmerte mich weder, ob jemand zusah, wie ich mich auf der Tanzfläche schüttelte, bog und in Zuckungen wand, noch, was jemand, der eventuell dabei zusah, darüber denken könnte. Wir tanzten alle so, wir waren alle stoned, wir hoben alle gemeinsam ab, wir verschmolzen mit dem Hämmern der Percussion, dem Dröhnen der Bässe, dem Locken und Klagen der E-Gitarren, wir waren Musik, wir waren Bewegung. Und ob du in diesem Moment ein Mädchen warst, oder ein Junge, spielte nicht die geringste Rolle. Die Verbindung von Rockmusik, Kiffen und Tanzen ermöglichte uns, unabhängig von Geschlecht und Herkunft, die Flucht in einen Zustand der Freiheit, der Ekstase und der zumindest partiellen Selbstbestimmung.
Dass einige aus meiner Clique nach der Disco das Dreischritteprogramm Sex&Drugs&Rock n´Roll im Bett vervollständigten, war mir klar, aber noch wollte ich nichts überstürzen. Ich riskierte zwar eine ziemlich dicke Lippe, war aber noch immer so jungfräulich, dass mich jedes Kloster aufgenommen hätte. Dann spielte einer der Jungs, auf die ich ein vorsichtiges Auge geworfen hatte, Ruby Tuesday auf der Gitarre. Für mich. Der Text ging ihm schon bei der zweiten Strophe aus, aber das machte nichts, denn ich konnte ihn selbstredend vollständig auswendig. Schwerwiegender war, dass er weder wie Keith Richards aussah, noch, geschweige denn, so spielte.
Ich beließ es also bei dem vorsichtigen Auge, inszenierte aber einen neuen Tagtraum für stille Stunden: Keith Richards, zugedröhnt bis oben hin, fläzte sich neben mir (zugedröhnt bis oben hin) auf zerwühlten Laken und krächzte She just can´t be chained to a life where nothing´s gained and nothing´s lost in mein Ohr. (Das mit den „zerwühlten Laken“ hatte ich irgendwo gelesen. Es hatte mich tief beeindruckt.) Die Identifikation wich dem sexuellen Begehren. Allerdings nicht vollständig. Das nicht Einlösbare blieb in einer dunklen Seelenkammer bewahrt und meldete sich gelegentlich als zehrende Sehnsucht und heiße Wut zu Wort. Erst als eine Frau wie Patti Smith die Bühne betrat, erschien plötzlich das Unvereinbare möglich: So etwas wie ein weiblicher Keith Richards zu sein.
Jahre später wurde ich Feministin. Einige der alten Stonestexte (von den neuen ganz zu schweigen) verursachten mir nun Magenkrämpfe. Zum ersten Mal hörte ich bewusst und mit ungetrübtem Verstand, was meine alten Götter von sich gaben. Die Tatsache, dass ich Under my thumb und Out of time laut mitgesungen hatte, trieb mir die Schamröte ins Gesicht. Ich hätte seitenlange Pamphlete über die Frauenverachtung der Herren Jagger, Richards und Co. verfassen können. Aber ich tat es nicht. Denn wenn irgendwo eine Stones-Platte lief (zum Beispiel auf meinem Plattenspieler, wenn ich allein zuhause war), und nicht gerade die schlimmsten Paradestücke dabei waren, wühlten die Töne, die Keith Richards seiner Gitarre entriss, noch immer meinen Körper und meine Gefühle auf – und mein Kopf hatte nicht die geringste Chance dagegen.

Aus: Brüste kriegen.

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