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Erhard Schümmelfeder - Arbeitsproben

APHORISMEN

In einer Welt, in der die Deppen das Sagen haben, kommt es zwangsläufig zur DEPPression.

ADAM wurde aus dem Paradies EVAkuiert.

Alle lebenswichtigen Erkenntnisse auf Erden wurden schon oft geäußert. Aber nicht alle Menschen haben zugehört.

Die Arbeitsweise des Dichters entspricht exakt der Arbeitsweise eines 4-Takt-Motors: Ansaugen, Verdichten, Zünden — Auspuffen.

VOM UMGANG MTT FEHLENTSCHEIDUNGEN

Nicht schlimm, meint Lord Jim.
Egal, knurrt der Große Karl.
Keineswegs charmant, findet Immanuel Kant.
Peinlich, kritisiert Bölls Heinrich.
Schwach, schreibt der Mann vom Fach.
Ein menschlicher Schnitzer, urteilt Arthur Schnitzler.
Eine Blamage für alle, ruft Kraus‘ Kalle.
Ein Missverständnis? überlegt Novalis.
Ein Ausrutscher? forscht der Kutscher.
Verzeihbar, befindet der Nachbar.
Man fasst sich an den Kopf, johlt ein Tropf.
Was soll denn das, nörgelt Günter Grass.
Inkonsequent und schief, steht in einem Leserbrief.
Schlimm, so oder so, philosophiert Edgar Allan Poe.
Es fehlen einem die Worte, äußert die Frau an der Torte.
Fatal, sagt Stendal.
Einfach nur übel, dröhnt der Pöbel.
Weder gut noch schlecht, sinnt Herr Brecht.
Alles geht vorbei, resümiert Karl May.
Aber was dann? fragt Herr Mann.
Das dicke Ende kommt erst noch, wettert Bloch.
Schlecht für alle Kegel, meldet sich Herr Hegel.
Man urteile doch genauer, brüllt Arthur Schopenhauer.
Das geht tief ins Mark, stöhnt Herr von Bismarck.
Schaden macht klug, vernünftelt Herr B. Trug.
Jedem das Seine, dichtet Heine.
Da ist was faul, mutmaßt Jean Paul.
Gestern und heute, erinnern sich alle denkenden Leute.
Ein selbsteingebrocktes Süppchen, lacht Schneewittchen.
Miserabel, höhnt der Adel.
Man möchte gern mehr sehen, tönt es im Fernsehen.
Köpfe müssen jetzt rollen, fordern alle Tollen.
Wie auf der Titanic, flüstert jemand mit Panik.
Besser kann es keiner, murmelt irgendeiner.
Jeder macht Fehler, bekennt ein Stehler.
Kopf ab, jetzt und hier! lallt man beim Bier.
Das Problem muss vom Tisch, denkt Max Frisch.
Schnee von gestern, singen zwei Schwestern.
Schlussstrich drunter, beschließt Gunther.
Das finden wir auch, brummen Kopf und Bauch.

ZURÜCK

Mit dem Schatten
der Bäume vereint
lag ich im weichen Gras,
hatte keinen einzigen Feind,
so dass ich alles um mich vergaß.
Flüsternde Blätter
im sommerlichen Wind,
Gedanken eilten zurück —
ich war wieder ein Kind:
Blauer Himmel,
unbeschwertes Atmen,
ziehende Wolken,
glücklich im Herzen,
heiter und zugleich
ein wenig bange.
Jedoch nicht lange.
Der ganze Blick zurück
gelang mir nicht.
Was versperrte die Sicht?
Versteh oder lache:
Es war das Handy
in meiner Tasche:
Ti-ta-tut!
"Gehts dir gut?"

AUSNAHMEZUSTAND IM SCHLARAFFENLAND

Wie das Übel begann? - So:
Jannes rammte seinen Kopf mit Wucht in den braunen Lebkuchenberg, hinter dem das lange ersehnte Schlaraffenland lag, und fraß und schlang und würgte --- bis er in dem länger und länger werdenden Tunnel unsanft gegen den Schädel eines Heimkehrers stieß. Fast hätte Jannes in seinem Eifer dem Mann mit den verstörten Augen ein Ohr abgebissen. Nun wurde es eng in dem finsteren Gang, als der Fremde sich mühsam auf allen Vieren an Jannes vorbeischob, dankbar darüber, dass er den Rest des Weges, der frei vor ihm lag, nicht fressen, schlingen, würgen musste... Auch Jannes freute sich, dass ihm ein Teil der Strecke erspart blieb. Ärgerlich war es dennoch für ihn, dass er hier dem Mann begegnete, wollte er doch an diesem Tage der erste Besucher des Schlaraffenlandes sein. Der Verdruss des Zukurzgekommenen war Jannes ins Gesicht geschrieben. Ob er, der Fremde, ihm denn wenigstens ein paar Köstlichkeiten übrig gelassen habe, wollte er wissen. Da hellten sich die trüben Augen des Mannes, der den leisen Vorwurf in Jannes‘ Worten heraushörte, plötzlich auf. Ja, sagte er, es seien noch viele schmackhafte Dinge im Schlaraffenland vorhanden, aber er, Jannes, müsse sich beeilen, sonst könne es sein, dass andere Leute ihm zuvorkämen und nichts übrig ließen. - Das wollte Jannes sich nicht zweimal sagen lassen und kroch hastig keuchend, mit erlebnishungrigen Augen, zum Ende des Lebkuchentunnels.

Endlich, nach Stunden beschwerlicher Arbeit, hatte Jannes sein Ziel erreicht! – Beinahe ehrfürchtig, noch ganz außer Atem, blickte er sich um. Dies also war das sagenumwobene Schlaraffenland! Was es alles zu sehen gab! Der Himmel war auch hier blau. Die Sonne schien. Duftende Wiesen mit blühenden Blumen aus Marzipan, Marmorkuchenhäuser mit friedlich dampfenden Schornsteinen, Bäume aus Weißbrot, Tiere, gebraten, gegrillt, gekocht... Nanu - was war das? Nicht der einzige Besucher im Land der Köstlichkeiten war Jannes heute. Eine Frau mit verkniffenem Mund, zwei Mädchen mit Strohhüten, ein bebrillter Mann mit mürrischem Gesichtsausdruck...

Bevor ein anderer ihm etwas vor der Nase wegfraß, musste Jannes handeln. Da! Eine Straße aus gelbem Käse. Mit Löchern drin. Hrn. Hier konnte Jannes nicht widerstehen. Obwohl schon lange satt von dem in seinem Bauch rumorenden Lebkuchen, kostete er von dem würzigen Käse. Seinen Durst löschte er an einem Bach, in welchem schäumendes Bier lustig dahinplätscherte. In einem Brunnen roch es nach Apfelwein, den Jannes nur flüchtig probierte, denn er wusste, dass er sich beeilen musste: drei Stunden Zeit hatte jeder Besucher des Schlaraffenlandes, um sich an allen Genüssen zu laben.

Genuss, Genuss, Genuss! Soweit das Auge reichte. Schon ziemlich erschöpft und auch ein
wenig müde war Jannes vom vielen Essen. Als er sich gähnend an einen Baum lehnte, flog ihm - wie sollte es anders sein! - eine gebratene Taube ins offene Maul. Zartes, weiches Fleisch, dachte Jannes und rülpste leise durch die Nase. Ein knusprig-braunes Wildschwein, dem Messer und Gabel im Rücken steckten, setzte sich artig neben den Burschen und hielt ihm sein saftiges Hinterteil entgegen. Konnte Jannes hier nein sagen? Wohl kaum. Auch die Pfirsichtorte, die über seinem geröteten Kopf in den Zweigen des Baumes hing, wollte probiert werden.

Wo steckten die Leute, die Jannes eben noch gesehen hatte? Er wusste es nicht. Da bemerkte Jannes, dass der Gürtel über seinem Bauch straff gespannt war. Es gärte und blubberte und knurrte in ihm. Das konnte nicht der Hunger sein, über den sich sein Magen beklagte. Jannes wusste es selbst. Was solls, dachte er und freute sich darüber, dass er nun am Ziel seiner Wünsche war. Aber die Zeit drängte, und längst war nicht jede Speise gekostet!

Ein Erbsenlinseneintopfwasserfall ergoss sich rauschend auf die kreisenden Schaufeln eines Mühlrades. Hmmmh. Wie das alles mundete!

Kirschbonbons, Waldmeisterbrause, Lakritz in den Büschen, Schokoladentörtchen, Nussecken, apfelgefüllte Windbeutel, zuckergesüßte Mandelsahnekringel, Traubencremesülze, Honigplätzchen und Sirupschnitten - nichts ließ Jannes ungeprüft an sich vorübergehen.

Aha, dachte er, als er sah, dass der Mann mit dem mürrischen Gesicht ihm bei den Treppenstufen aus Leberkäse zuvorgekommen war. Wenn man nur einen Moment nicht aufpasst, kam es Jannes in den Sinn. Das hätte er sich denken können.

Auf einmal verspürte Jannes ein Gefühl von Übelkeit. Jetzt umkehren? Nein. Durchzuhalten bis zum Ende hatte er sich geschworen.

Ein wenig Erfrischung fand er beim Orangensaftbrunnen. Schon begann der Wein in Jannes zu kreisen. Aber warum kreiste er im Kopf und nicht im Bauch? - Was man für dumme Gedanken hat! Nun drehte sich alles um ihn herum. Keinen sicheren Halt fand Jannes am wackligen Zaun mit den durchhängenden Würstchenketten. Wenigstens einmal daran riechen wollte er. Der Geruch aber war nicht zu ertragen. Kaum tröstlich erschien der Anblick des dampfenden Grützemettmoores, von dessen Rand ein grüner Frosch mit Weingummiaugen herüber glotzte. Nur undeutlich nahm Jannes die strammen Truthahnkeulen wahr, die die Zwetschgenkuchenbank, auf der er saß, stützten.

Als es auch nach einer Weile nicht besser wurde, stand er auf und torkelte unsicher tapsend umher. Was war geschehen? Übelkeit überfiel ihn von innen her. Das kann nicht gutgehen. Schon zogen sich seine Magenwände zusammen. Die Lippen presste er aufeinander. Vergeblich, wie er längst wusste. Jetzt müsste ein Wunder geschehen, dachte Jannes mit wenig Hoffnung. Für einen Moment verspürte er Linderung. Die sich drehende Welt blieb stehen. Jannes atmete auf. Dann röhrte das grauenvolle Unheil aus ihm heraus. Jannes wankte trunken zum käsigen Straßenrand und kotzte in weitem Bogen in den Graben, durch den sich trübe und sehr langsam ein golden glänzendes Honigrinnsal dahin quälte. Aus der Ferne vernahm er flüchtig das schadenfrohe Kichern einer Frau. Auch das noch...

Japsend stammelte Jannes Undeutliches vor sich hin. Aus der Traum? ging es ihm zuckend durch das Hirn, wobei er mit glasigen Augen in die Richtung des rettenden Durchschlupfes im Lebkuchenberg blickte. Nach drei Stunden würde der Tunnel im Berg wieder zuwachsen. Hoffentlich war es noch nicht zu spät! Nichts wie fort von diesem verfluchten Ort!

Noch war der Schwindel nicht gebannt. Auf der bedenklich auf und ab wippenden Astgabel eines Schinkenröllchenbaumes protzte Jannes gleich zweimal ab. Das schaffte Erleichterung. Spürbar. Prötzelnd und kötzelnd kroch er durch den Lebkuchentunnel in die Freiheit...

Auf dem Heimweg traf Jannes den neunmaiklugen Detlef, dem er schon immer mal eins auswischen wollte. Schwer fiel es Jannes, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen und noch Schlimmeres vor Detlef zu verbergen. Ja, gab Jannes bescheiden zu, als Detlef ihn fragte, ob er schon im Schlaraffenland gewesen sei. Der Verdruss des Zukurzgekommenen war Detlef ins Gesicht geschrieben. Ob er, Jannes, ihm denn wenigstens ein paar Köstlichkeiten übriggelassen habe, wollte er vorwurfsvoll wissen. Ja, sagte Jannes, es seien noch viele schmackhafte Dinge im Schlaraffenland vorhanden, aber er, Detlef, müsse sich beeilen, sonst könne es sein, dass andere Leute ihm zuvorkämen und nichts übrig ließen. Das wollte Detlef sich nicht zweimal sagen lassen und rannte keuchend, mit erwartungshungrigen Augen, in die Richtung des verheißungsvollen Ortes, um seinen Kopf mit Wucht in den braunen Lebkuchenberg zu rammen...

Wie die üble Erfahrung für Jannes endete? - So:

Er ging hin
und wusch sich.
Und als er zurückkam,
konnte er wieder sehen.
(Johannes, 9:7)

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