NRW Literatur im Netz

Susanne Clay - Arbeitsproben

Aus: JACEK KLIMONTKO: KINDERBLUT

Und sie wehren sich nicht denn sie wollen das nicht
Denn sie lieben dich lieben dich lieben dich.

PROLOG

Vier Jahre ist es her. Vier Jahre, auf den Tag genau. Ich denke nicht mehr viel an meinen Vater. Ich denke kaum noch an das Haus, in dem wir gelebt haben. Wir wohnen in einer kleinen Wohnung im dritten Stock, eine Dachwohnung in einem alten Haus mit einem winzigen Hof. Nach hinten hinaus schauen wir über einen Park. Das Küchenfenster liegt zur Straße hin. Bis hier herauf dringt das Knallen, wenn Kinder mit dem Ball gegen die Garagentore schießen, das Klacken, wenn Schläger gegeneinanderprallen, das leisere Klick des Pucks, wenn sie auf ihren Inlinern über den Asphalt rasen und Hockey spielen. Manchmal sitze ich in der Küche, blicke auf die Häuserfront auf der anderen Straßenseite, manchmal winke ich der Oma in der Wohnung gegenüber; stundenlang sitzt sie im Sommer am offenen Fenster. Die Ellenbogen auf ein Kissen gebettet, sieht sie hinaus, genau wie ich, und lauscht den Stimmen der Kinder, die unten spielen. Aber meistens höre ich Musik. Ich drehe sie auf und sehe hinaus. Was auch immer ich tue in unserer kleinen Küche mit dem kleinen roten Tisch und den drei dazu passenden Klappstühlen drum herum, noch keinen Tag hat mir die Aussicht auf unseren Garten gefehlt. Die Wohnung ist kleiner, viel kleiner als das Haus, in dem wir früher gewohnt haben. Freddy und ich teilen uns ein Zimmer, und meine Mutter hat einen Raum, der ist so schmal, dass man auf das Bett klettern muss, um das Fenster zu öffnen. Direkt vor ihrem Fenster steht eine Kastanie, im Sommer fallen Mücken in Scharen über meine Mutter her, im Herbst riecht es nach nassem Laub. Wenn es geregnet hat, kleben manchmal bunte Blätter an ihrem kleinen, schrägen Fenster. Der größte Raum ist unser Wohnzimmer. Da steht unser Rechner, den wir alle drei gemeinsam nutzen, da steht der Fernseher, im Regal stapeln sich die Spiele, die wir an langen Winterabenden so gern zusammen spielen. Seit Kurzem haben wir eine Playstation; selbst meine Mutter ist schon Meisterin im Autorennen und manchmal lässt sie sich überreden, mit uns ein Singstarturnier zu starten. In zwei, drei Jahren werden wir uns alle zusammen einen Kamin schenken. Zu Weihnachten. Meine Mutter hat am Anfang oft davon geredet, nur eine Frage der Zeit, dann können wir uns etwas Größeres leisten. Dann habt ihr jeder ein Zimmer. Aber davon ist schon seit langem nicht mehr die Rede, obwohl wir es uns vielleicht inzwischen leisten könnten. Manchmal gehe durch die Wohnung, schreite sie ab, als müsste ich sie vermessen. Zähle die Schritte von Wand zu Wand, streiche über die Möbel, rücke Vasen, Stühle, Bücher zurecht. Sehe, wie das Licht durch die Fenster fällt, kenne das Schimmern der Möbel, wenn abends Kerzen flackern, sehe die schrägen Wände, kenne jedes Bild an jeder Wand, wenn wir im Wohnzimmer sitzen oder in unserer kleinen Küche. Wir hören jedes Spülen im Bad durch die geschlossenen Türen. Eine Dachwohnung, drei Räume, und doch kommt sie mir so viel größer vor als das Haus, in dem wir vorher gewohnt haben. Sie kommt mir weiter vor und heller. Freddy sagt, das liegt daran, dass keine geschwungene Treppe den Flur in Dunkel taucht.
Seit Kurzem teilt ein Regal unser Zimmer. In eine Hälfte für meine Schwester und in meinen kleinen Bereich. Und nur noch selten steht meine Schwester vor mir einem langen hellen Nachthemd, die Haare schweißnass, und fragt, ob sie bei mir schlafen kann. Vor ein paar Tagen habe ich sie im Bad überrascht. Sie hatte vergessen abzuschließen. Sie stand vor dem Spiegel, hatte sich die Augen geschminkt mit so einem glitzernden Puder, hatte sich die Lippen angemalt, und sie trug einen BH von meiner Mutter. Sie reckte sich vor dem Spiegel, um sich in dem winzigen Slip und dem geklauten BH von allen Seiten zu betrachten. Als ich sie fragte, wie viel Kilo Watte sie sich da reingestopft hatte, schnaufte sie einmal verächtlich, sah mich kühl an aus diesen seltsam fremden, geschminkten Augen und sagte, so viel Watte, wie du morgens brauchst, um deine vier Barthaare zu rasieren, Blödmann.
Meine Schwester. Sie lacht immer noch nicht viel, sie ist immer noch zart und sieht jünger aus als ihre Freundinnen und als die Mädchen aus ihrer Klasse. Egal, wie sehr sie sich das Gesicht zukleistert mit Make-up und Wimperntusche. Das kleine achtjährige blasse Mädchen mit den dünnen Zöpfen, dem schmalen, viel zu ernsten Gesicht, den dünnen Lippen, die so selten lächeln, das blickt mich an aus den ungewohnt geschminkten Augen. Das kleine Mädchen ist wieder da, wenn sie in Gedanken versunken aus dem Fenster sieht, wenn ihr Blick sich irgendwo weit weg in der Ferne verliert. Wenn sie wie fröstelnd die Arme fest um die Knie schlingt, den Kopf auf die Beine legt, bis jemand sie anspricht, sie langsam zurückkehren lässt in das Hier und Jetzt. Das kleine Mädchen ist da, wenn sie aufschluchzt im Schlaf und sich schweißnass an mich klammert, als ich zu ihr hinübergehe, sie in die Arme nehme, sie festhalte, bis sie wieder eingeschlafen ist.
Sie trägt schon lange keine Zöpfe mehr. Sie spielt nicht mehr mit ihrer Puppe, obwohl sie Nacht für Nacht bei ihr liegt, auf dem Kissen. Sie schrickt nicht mehr jedes Mal hoch, wenn eine Tür ins Schloss fällt. Sie zuckt nicht mehr zusammen, wenn jemand die Haustür aufschließt. Sie fragt mich nicht mehr jeden Abend, du bleibst auch wirklich da, du gehst nicht weg, Matti?

Ich gehe selten weg. Und nie, wenn meine Mutter nicht da ist. Manchmal treffe ich mich mit Berry. Nicht oft, vielleicht einmal im Monat. Es sind fast achtzig Kilometer zwischen uns. Aber wir mailen uns, telefonieren, schicken uns SMS. Ich hab ein paar Freunde hier im Ort. Zwei aus meiner Klasse, mit denen ich oft abhänge. Zwei aus meinem Karateverein.
Sie hat recht, die kleine Göre von Schwester, mit meinem Bartwuchs ist es nicht weit her. Und ich bin kein cooler Typ, so wie Berry. Aber ich komme klar. In der Schule, mit dem Job meiner Mutter, auch wenn ich wahrscheinlich öfter koche und staubsauge und manchmal sogar Wäsche wasche als die Typen, die ich sonst so kenne.
Wenn meine Mutter erst abends um zehn aus dem Krankenhaus kommt, dann setzen wir uns immer noch zusammen und quatschen und meine Mutter trinkt ein Glas Wein und sie fragt, wie mein Tag war, wie es in der Schule läuft, und manchmal legen wir Musik auf und chillen und dann raucht sie ab und zu eine Zigarette am offenen Fenster und wedelt wie verrückt mit der Hand hin und her, damit kein Rauch in die Küche kommt, und dann lächelt sie und sagt: "Verrat es nicht deiner Schwester, die zickt dann und zeigt mir wieder dieses eklige Poster mit der Raucherlunge."
Für heute Abend habe ich Weißwein kaltgestellt. Und einen Aschenbecher auf den Tisch gestellt. Wir haben nie gesagt, wir feiern etwas. Ich wüsste nicht, wie ich so eine Feier nennen sollte. Ist wohl eher eine Art Erinnerungstag.
Erinnerung an was? Wann es angefangen hatte, weiß ich nicht, es war so, seit ich denken kann. Seit ich mich erinnere. Der letzte Tag ist der schlimmste Tag meiner Erinnerung. Kein Feiertag, der Tag, an dem meine Mutter mit einem Nasenbeinbruch bewusstlos in der Küche lag. Der Tag, an dem mein bester Freund Berry die Felgen meines neuen Rennrads, meines Siegerrads, zu Schrott fuhr, so eilig hatte er es, zu uns zu kommen, wo er danach das Auto meines Vaters klaute, um meine Mutter ins Krankenhaus zu fahren.
Jedes Mal wenn sich dieser Tag jährt, ist es, als legt jemand eine Filmrolle in meinen Kopf und lässt sie abspielen. Nicht immer die gleichen Bilder. Nicht immer die gleichen Tage. Manchmal wünschte ich, ich könnte den ganzen Scheißfilm endlich löschen. Ich sehe und fühle es in mir, und egal, wie die Erinnerung springt, eines bleibt. Das Gefühl, das kriecht in den Bauch. Und dann ist auf einmal alles wieder da.
Ich habe die Jack Johnson-CD in unseren kleinen Gettoblaster gelegt. Die ersten zwei, drei Lieder hört meine Mutter nicht wirklich hin. Aber dann, auf einmal, legt sie den Kopf schräg, hört stumm zu, lächelt. Sagt: "Was für schöne, was für entspannende Musik", als hätte sie sie nie zuvor gehört. Und dann, wenn sie zwei Gläser Wein getrunken hat, sagt sie: "Wie sagst du, Matti, komm, lass uns chillen!"
"Hardcore chillen, Mama", sage ich dann und sie lacht und summt leise mit und trifft fast keinen Ton. Und ich würd am liebsten den Ton ausdrehen, um ihr leises schiefes Summen zu hören.
Wenn sie zu viel getrunken hat, macht sie ein paar Tanzschritte durch das Zimmer wie ein kleines elfengleiches Feengeschöpf, mit vom Wein geröteten Backen, und sie lacht und streicht sich die Haare nach hinten, und bei dreams be dreams macht sie sich immer eine Zigarette an und schließt die Augen und singt mit.
Berry hat sich nicht verändert. Es ist immer noch der, der er damals war. Ein abgerissen wirkender Punker mit Metall im Gesicht und den ganzen Körper mit Tätowierungen überzogen. Seit zwei Jahren spielt er in einer Rockband. Er schickt mir immer die neuesten Lieder, die er komponiert. Damit ich sie als Erster höre. Wenn ich daran denke, wie ich ihn das erste Mal einen selbst aufgenommenen Song singen hörte, kommt es mir vor, als sähe ich mich selbst da sitzen wie einen Fremden in dem kleinen Park hinter dem Krankenhaus. Ich sehe mich, einen schmalen blassen Jungen mit viel zu dünnen Armen, viel zu dünnen Beinen und einem schnurgeraden Seitenscheitel im dunkelblonden Haar, auf der winzigen schmiedeeisernen Bank zwischen zwei Büschen, neben mir Berry, einen alten muffigen Seesack zwischen die Füße geklemmt. Vor uns der Gettoblaster, den er mir geschenkt hat an diesem Nachmittag. Und aus den Lautsprechern dringt Berrys unverwechselbare Stimme und singt Kinderblut.
Der Gettoblaster steht bei uns in der Küche. Und manchmal sitze ich an dem kleinen Tisch, sehe aus dem Fenster, sehe auf die hohen Häuser gegenüber, sehe die Oma gegenüber, höre Berrys heisere rockige Stimme und dann vergesse ich manchmal, wo ich bin, und fühle ihn neben mir, so wie damals auf der metallenen Bank in dem kleinen Park vom Krankenhaus, und ich bin wieder vierzehn und heule und es ist mir scheißegal, wer das sieht.


Kapitel 11.

"Wir müssten sie hochbringen, aber ich habe keine Lust, mich zu bewegen!" Meine Mutter liegt in ihrem Sessel, die Füße ausgestreckt, eine Hand unter den Kopf geschoben, in der anderen ein Glas Weißwein. Eiswürfel klirren leise an das Glas, wenn sie sich bewegt. "Mädchenwein", sagt mein Vater, wenn meine Mutter den Weißwein mit etwas Wasser oder Eis verdünnt. Meistens trinkt meine Mutter nur Wasser. Auch wenn wir Besuch haben. Oder Tee. Oder Kakao, so wie Freddy und ich.
Freddy liegt auf dem Sofa, ein nacktes Bein angewinkelt, das andere baumelt entspannt herunter. Ihre frisch gewaschenen Haare kräuseln sich über den Wangen, ungewohnt das Gesicht, wenn die weichen Locken nicht zu strammen Kinderzöpfen geflochten sind. Die Puppe ist ihr aus dem Arm gerutscht, liegt mit dem Gesicht nach oben vor der Couch, die starren Augen zur Decke gerichtet. Auf dem Tisch ist Monopoly aufgebaut, ein paar Straßen auf dem Spielfeld sind dicht bebaut mit grünen Häusern, roten Hotels; eine Sammlung sorgfältig sortierter Spielgeldscheine liegt neben dem Platz, an dem Freddy saß.
Neben meiner Spielfigur liegt ein armseliger Hunderter, zwei nicht zusammengehörende Straßenkarten; die teuerste Allee, die man in dem Spiel kaufen kann, die Schlossallee, habe ich mit Hypotheken belastet und mit Schulden bei der Bank das Spiel beendet.

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