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Ulrich Scharfenorth - Arbeitsproben

ERÖFFNUNGSBILD

Das Wort "Eröffnungsbild" stand für den ersten Marschblock des Demonstrationszuges – eines über Stunden wabernden, aber dennoch statischen Gebildes von Menschen, die durch Zaunelemente in eine Art Pferch verbannt waren. Getrennt standen sie vor sich hin - jenseits der übrigen Kundgebungsteilnehmer und jenseits der Prominententribüne.

Wieder dieses dumpfe Gefühl, das empor kriecht und die Seele verklebt. Demo heißt das - oder Willensbekundung mit Schizo-Willen. Es ist 1.Mai – ein Tag, der mit Menschentrauben beginnt, Pressionen erzeugt und im Wein endet.
Jede Einzeltraube steuert - man mag es nicht glauben - dasselbe Ziel an – einen Platz, eine Straße, ein markantes Zeichen im Zentrum. Und es ist witzig, dass zu jedem dieser Punkte etwas Bildhaftes gehört, ein Transparent etwa, ein Blauhemd mit Nelke, ein Wink-Element.
Wir müssen zur Bersarinstraße, sagt die kleine Frau, die neben mir steht, und sie schwenkt einen Zettel, von dem sie sagt, daß ihr Chef ihn verteilt habe. Ich erfahre so gut wie nichts über diesen Chef, und doch scheint klar, dass er aussieht wie Rolf Poland. Zumindest hat er dessen Bewegungen am Leibe, dessen salbungsvolle rülpsfreie Grabesstimme, eben jene Artikulation, die zum Vor-spiel dieses Tages gehört. Zustimmung heißt das. Oder Geschlossenheit. Oder vorauseilendes Beifallen vor ERICH. Beigemischt ist dieser Wisch, ergänzt um das harsche Wort PFLICHT, dieses Wort, das dann doch sein muß, weil allzu großherziges Gebaren ....Nun, wir wissen das, und wir ahnen auch, dass die Pflicht dahin führt, wo das Handzettel-Innere sie festmacht. Einmal aufgefaltet, heißt sie: Karl-Marx-Allee.

Die Zeiten für Bockwurst gratis sind vorbei. Beschleuniger dieser Art kosten Geld, und Geld ist knapp bei ERICH. Manch einer ist enttäuscht und versucht sich zu drücken. Versteht doch, Genossen, die Datsche .... Da ist ein Vorgarten zu verzwergen, und ... Ganz hinten spricht jemand vom 19. Januar. Bereits damals sei er gewaltig umhermarschiert. Verachtungsvolle Blicke von allen Seiten. Ob er denn die Revolution aufrechnen wolle, fragt der Chef, und tatsächlich dürfen nur die, die es wirklich weit haben, zu Hause bleiben. Doch auch das stinkt nach Verrat. Wie auch konnte es ein dosiertes Bekenntnis geben?

Die Menge hat sich zu einem kompakten Etwas entwickelt. Dicht bei dicht klammern die Menschlein an den Treppengeländern, stocken, pressen ihre Körper an ein Gegenüber und streben vorwärts. Am Alex sind die Knäuel
unentwirrbar geworden. Transparente wanken, Fahnen proben ihr erstes Abwinken. Und dennoch bewegt sich alles, verteilt sich und stürzt in die Quergassen.
Im Gewirr sehe ich Schneider. Er schiebt sich, die Hand aufs Gemächt gepresst, an Konopkes Kiosk vorbei. Gar nicht maimäßig sein Gesicht, ein wenig verkrampft, der alte Kämpfer, die Kinnladen auf Sturm geschaltet, und sein Haar - ja es will wohl vom Kopf. Irgendwann sieht er mich, lacht wie ein ertappter Pinkler, rudert dann und hangelt in meine Richtung. Als er da ist, will er die Pause, lehnt schweißtriefend am Geländer und gibt mir die Hand. Na, tönt er mit verkorkster Stimme, auch wieder demontieren? Sicher sage ich, weil mir nichts einfällt auf die blöde Frage, und er nickt, als verstünde er einen falschen Kehrreim.
Los geht’s, brüllt jemand neben mir, der nicht weiterkommt, stößt mir unsanft in die Rippen und hangelt auf das nächste Hindernis zu. Schneider, der Kraft geschöpft hat, drängt auf Weiterlaufen, und so wälzen wir uns, treppab und treppauf in Richtung Straße. Oben sind wir erneut eingekeilt, müssen einem Strom folgen, der nicht unser Strom ist. Umkehren! ruft Schneider. Aber wie denn? schreie ich zurück. Und schon ist er weg.
Ich schiebe mich durch die Viererreihen, die jetzt noch fester gefügt sind. Da ist ein Strudel, da ist ein Kreisel, der anders verteilt. Neue Gewalten, ein schreiendes Kind, dem die Mutter die Flasche verkehrt rum..., ein Hund, der wütend am Maulkorb fleischt. Dann, zur Unzeit, der Ballonverkäufer, ein Mann, der es wirklich schwer hat, dem es knallt und abpfeift. Doch er lacht, dieser Mann, ist sichtlich jenseits der Verluste, die niemand wahrnimmt. Greift nur unentwegt zu den Strippen, zu den Farbschlangen, die aufwollen und dann abdriften.
Irgendwann finde ich eine Lücke, tatsächlich etwas Raum, der unverstellt ist. Und ich laufe, was das Zeug hält, stürme einfach nach vorn. Ein Schild baut sich auf, ein verholztes Plakat, auf dem Marschsäule 2 steht. Doch die Richtungspfeile sind abgebrochen. Jemand hat sie niedergerannt. Ein Provokateur, ein achtloser Rempler? Niemand weiß das, niemand ahnt, was der volkseigene Schildermaler jetzt dächte. Warum auch?
Irgendwo links taucht das gelbe Hochhaus auf. Ein Klotz, der wie andere im Umfeld das Bild zugießt. Dieser aber ist gelb, und weil er gelb ist, ist er mein Klotz, mein Fluchtpunktpunkt, verdammter, und ich muss sehen, dass ich dort lande. Weiterkraulen heißt das, sich erneut dem geliebten Volk an die Brust werfen, eintauchen heißt das, aufgehen in tausend neuen Gesichtern, sandkörnig an einem Strand, der kein Meer kennt.
Wieder treffe ich auf einen Pulk Ratloser. Diesmal dreht er sich mit Rechtsruck. Na wenn schon. Plötzlich, als das Haus ganz dicht ist, weiß ich, wie es heißt: Hochhaus an der Weberwiese. Was für ein Name! Gras zwischen den Gehwegplatten. Und Weber. Wer ist Weber ?
Nach hundert Metern bin ich erneut eingekeilt. Jetzt aber gibt es Ordner - Leute mit Armbinden und wichtigen Gesichtern. Dazwischen Männer in Kampfgruppenuniformen, die freundlich befehlen. Nach rechts, ruft einer, nach rechts!
Da ich nach links muß, werde ich angerempelt. Nach rechts! brüllt nun auch mein Nachbar, bist Du blöd?
Hier hilft nur "taub stellen", dann ein schneller, rücksichtloser Stoß gegen die Fahne zu meiner Linken, ein harsches Nachfassen, weil die Fahne zu stürzen beginnt, ein Sprung in die Lücke aufkommender Empörung, ein leichter Schrei, der urplötzlich eine schmale Schneise frei schlägt. Dann bin ich draußen. Nicht wirklich draußen, nur einen winzigen Augenblick lang im Auge des Hurrikan, denn das, was sich weiter links tut, ist ebenfalls dicht.
Sagen Sie, frage ich einen der Ordner, wie komme ich zum Eröffnungsbild? Der Mann, den ich anspreche, ist mittleren Alters und hochgewachsen. Er mustert mich gründlich.
Zum Eröffnungsbild? Haben sie eine Karte?
Sicher, sage ich.
Zeigen!
Ich ziehe das grüne Etwas, das ich vorsorglich in meine Hemdentasche gesteckt hatte, hervor und gebe es ihm.
Gut, sagt der Ordner. Sie müssen nach links. Am Kaffee "Moskau" ist ein Durchlaß.
Und fast übergangslos brüllt er in die Menge:
Machen Sie den Weg frei!
Irgendwen muss das Kommando erschrecken. Denn urplötzlich gibt es eine Lücke, ein Loch, in dem ich verschwinden und mich voranhangeln kann. Und dann dauert es nur Sekunden, bis ich den Durchlass finde. Es ist eine einfache Öffnung zwischen zusammengeschweißten Zaunfeldern. Einen Moment lang stutze ich, kann nicht glauben, daß ich da durch soll, folge dann aber doch dem ausgetretenen Pfad, muss das Billet ein zweites Mal herreichen und bin drin.
Vor mir auf der Tribüne ...

ERICH

TANGO

Und wieder gehen sie in Stellung. Sie, die schlanke Mittvierzigerin, im schwarzen, fransenbestückten Kleid mit Spaghettiträgern – die Handschuhe bis zu den Ellenbogen. Er, etwas jünger, mit schwarzer Hose, Fliege und weißem Blazer. Das alles über schwarzen Schuhen, die wie Speckschwarten glänzen, und ich ahne es schon, Falten abweisen.
Tango ... tangere oder tamgu. Niemand weiß so recht, was es damit auf sich hat. Die Berührung, sie liegt nahe, und wenn sich aus dem schwarzen Kontinent so etwas wie tamgu = Tanzen aufdrängt: warum nicht? Die ohren- und sinnestürzenden Sequenzen verdienten es allemal, mehrspurig zu geistern. Sich hinzugeben, sich einspinnen und versinnen zu lassen. Das allein sollte es sein. Nicht aber dieser sinnlose Streit um die Wurzeln, denen, man weiß es doch längst, Weltenbäume entwuchsen.
An all das denken die beiden nicht, wenn sie jetzt die Tanzfläche betreten - gravitätisch und nur einmal mit diesem lasziven Lächeln auf den Lippen. Der Tänzer, er nickt ein wenig, offenbar, weil er will, dass die Musik jetzt einsetzt. Und tatsächlich: Es gibt Bewegung. Der bärtige Mann am Instrument, eben noch diffus und unförmig vor sich hin schlafend, dieser Mann springt auf. Und kaum, dass er steht - ja, man fragt sich, wie er das so schnell einbringt - schickt er einen ersten anhaltenden Ton in den Saal, einen Ton, der die Menschen festnagelt und den Wein, gerade noch üppig fließend, an den Flaschenwandungen festhält.
Di da die du da dumm damm dumm dumm, di da die du da dumm damm dumm dumm jauchzt und taktet das Ding in den Händen des Musikers, eines Menschen, dessen Finger aus dem Nichts aufspringen und wie Spürhunde über zahllose Knöpfe rasen, Knöpfe, die ich nie treffen würde, es sei denn, man schleuste mich über Trichter in diese Wüste. Nichts davon bei Carlos. Carlos ist ein Wunder, ein Klangkünstler, ein Mensch mit hageren Fingern, die seinem Kopf folgen wie Kolibrischnäbel den Nektar-Tropfen.
Lang gezogen und in jähem Wechsel ersteht sie, die Melodie, macht diesen Platz zur Bühne, die betanzt sein möchte, in der selbst Greise jenes Zucken verspüren, das die Gliedmaßen hochreißt. Kein Bein, das an diesem Abend still stehen, kein Körper, der nicht mit fiebern und teilnehmen wollte am großen Wehklagen. Wütende Frauen schwören Rache, einsame Männer spü-ren ihre Ohnmacht. Wut tut sich auf und Leidenschaft, sekundiert von Absturz. TANGO - so und nicht anders rast er, macht nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Und das Bandoneon: Es lässt keinen Raum für Gedanken. Allenfalls dieser Nothalt bleibt uns, diese wiederkehrende Pause, dann, wenn der Balg sich ausbalgt und den endlosen Zug tot macht. Hier und nur hier wäre er möglich, der Gedächtnisblitz. Wir aber sind auf anderes fixiert, wollen feststellen, dass im Tonlos ein Wunder passiert, dass das Paar Laute erzeugt, ein Rauschen vielleicht, ausgeschickt von der beinumspülenden Schlitzseide, ein Leder-Holz-Gleiten der Füße, wo immer sie den Boden berühren. Und wir hoffen auf Stöhnen und leises Lachen.
Vergeblich. Unertappt geraten die beiden ins Licht, in den Kegel des Scheinwerfers, der gnadenlos zugreift. Jetzt erst vermag ich Angestrengtheit zu erkennen, winzige Schweißperlen auf den Stirnen, Schweißperlen, die ihr Abtropfen fürchten, noch aber nur jenes Glänzen erzeugen, das Farben und Mimik so spenstern lässt.
Dieser Hüftschwung, jener Ausfallschritt, das abrupte Kreisen. Nichts - so scheint es - ist symbiotischer, nichts vergleichbar synchron wie diese Bindung. Gefesselte Gestalten, in Hüllen versteckt - in Formen gepackte Tanzblasen. Emotionslos und unaufgeregt schweben sie trotz der Schwüle.
Links der Bandoneonspieler. Jetzt blickt er um sich. Er hat den Balg aufs letzte Falten fixiert, lässt ausblasen, was an Luft raus will. Und dieser Seufzer vor dem Wechsel, er schießt in den Raum wie ein Marker. Kaum zu verfehlen dieses plötzliche AUS. Und dennoch: Es bleibt vakant. So zumindest fühlen wir, und so irren wir auch. Denn nichts geschieht ohne Fühlung. Beine, Arme und Körper - sie fliegen. Sie fallen hinein in dieses unbestimmte Stück Zeit, und die Finger des Solisten, sie stoßen erneut zu, malträtieren die Knöpfe, und der Balg, dieser Balg schöpft Luft. Ja, er schlürft sie begierig und wirbelt, ja, er saugt sie bis prall. Dann aber, schlagartig, macht er zu, narrt sie, die Luft, spült sie in einem, wie es scheint, sinnlosen Hin und Her durchs Leder. Bis ..., ja bis sie bereit ist, ihn herzugeben: diesen endlosen Brustbalgton, dieses Tango-C, das nie aufhört – es sei denn, wir verweigern das Hören.
Auf dem Parkett die Entsprechung: Nicht das Luftsaugende und Luftlose, wohl aber das Atmen und Atemlose. Auch die abwechselnd schnellen und verhaltenen Sequenzen, das Aufeinanderzu, gepaart mit Distanzen. Und jetzt, da die Arme wie Zugstangen arbeiten, dieses unbeschreibliche Zueinader und offensichtliche, im Grunde doch unmögliche Ineinander, dieses Greifen und Andocken der bemühten Leiber. Kein Zweifel, dass sich jetzt Assoziationen frei schießen, billige Anzüglichkeiten, die den Schweiß treiben. Doch die Tänzer wissen um die Gefahr, spüren um die plötzliche Schwelle. Und – ich bin sicher - sie werden sie meistern. Denn Überschreitung, zumindest hier auf dem Parkett - sie wäre der Tod. Nun, die beiden vermeiden das, erstarren vielmehr wie Schaufensterpuppen, Figuren, denen man antut, was immer man will und die doch bleiben, was das biegsame Innere vorgibt.
Schweigen und Erwartung. Wieder ist es die aufkommende Tonfolge des da capo, unaufdringlich und doch zwingend gepaart mit dem Rhythmus. Sie ist es, die den Bann bricht, dieses zweite, dieses dritte Umschlingen auslöst, so ein Einrollen und Einschweißen – wie man meint und doch keineswegs sicher ausmachen kann. Wie schmiegsam ist Fleisch, will ich fragen - und wie spannend sind Muskeln und Sehnen.
Der Tänzer ist schnell, er ist leicht und geschmeidig, und er zwingt die Gespielin, dieses Jojo, das jetzt Abstand gewinnt, ja zu stürzen droht und dennoch den Kopf wirft. Einmal nach hinten, abwärts und wieder aufwärts. O Gott, was für Haare! Eben noch touchierten sie das Parkett, jetzt fliegen sie aufwärts. Ausladend sind sie, die Gespinste und blond, einen Wimperschlag lang die gefächerte Korona. Dann – mit der jähen Wendung – stürzt alles zurück an den Kopf, schmiegt sich und legt sich sparsam. Das alles bleibt ihm, das alles bleibt dem Tänzer verschlossen. Sein Kopf lebt in Halbglatze, Halbglatze mit diesem Rest Streuzwirn. Doch auch das zeigt Wirkung. Schwarz angebügelt und in Gel, glänzt dieses Rudiment – glänzt, als wolle es weiter reichen.
Jetzt hebt sie ihren rechten Schenkel, und gewiss darauf hat man gewartet, hebt ihn und winkelt ihn in seine Lende. Verdammte Geste, ein Tun, dass nichts weniger beschreibt als das Erahnte, jenen Akt, der im Stahlrohrbett endet – später. So und nicht anders klingt es aus den Mündern der Insider. Nicht von ungefähr, denke ich und senke die Lider. Später beim Sekt – ich nehme es vorweg - die Heuchler, Spießer, die sich – kaum, dass man einstimmt in diese Deutung - entsetzt abwenden. Krebsrot ihre Gesichter und auffällig heftig, wie sie ihre Lüge einsteifen. Die bigotte Mutter mag Schuld sein oder sonst wer. Sinnlos, sie darauf zu nageln, zwecklos sie lockern zu wollen. Sie tricksen auch zweimal. Doch es nervt, wenn sie beständig von Kunst reden, von Takt und Einfühlung, und eben dies auch zu leben vorgeben. Man trifft diese Typen immer, auch, wenn sie die Maler belagern. Ganz Auge, ganz Andacht, wenn der Künstler sein Modell aufs Papier nötigt. Völlig nackt die Kleine und natürlich begierig, in die Kiste zu springen. Nur, dass die Voyeure auch diesmal NEIN sagen, allenfalls am Weinglas vorbei ins Lachsbrötchen kichern.

Nein! Nicht immer nur das, nicht immer in diese Richtung. Alles etwas fragwürdig und scheiß männlich. Gewiss: Uns sprießen die Phantasien reichlich, und wenn die Dame ihren Schenkel in genau diese Stellung bringt, dann wird sie ihn auch anpressen und verdammt … wieder lösen. Jum dumm, die da da rum dumm jubiliert das Bandoneon. Seiner Vorgabe ist sie schließlich gefolgt, den Noten, der Choreographie und weiß Gott: auch dem zwingenden Rhythmus.
Schaut nur, jetzt löst sie sich, löst sich, um das Bein, ja genau dieses Makelbein, in seine Lücke zu strecken! Und wieder verharrt sie, ja es könnte sein, dass jetzt er ganz bewusst diese Pressung anstrengt, dieses Fleisch für Sekundenbruchteile festhalten will, diesen Zwang auskostet. O diese Hitze, diese Hitze!
Plötzlich seine Hand in ihrem Nacken – etwas, das es so beim Tango nicht gibt. Doch der Tänzer streift ihn nur flüchtig, streicht mit der Rechten abwärts. Ja …, dieser Nacken. Fast scheint es, als ob sich ihr Kopf lustvoll aufrichtet. Doch wirklich weiß niemand, was am Limes zwischen Schicklichkeit und Verlangen geschieht. Möglich, dass sie diese Hand erwartet, oder er irgendwie weiß, was er anrichtet. Doch mon Dieu, nicht das, nicht schon wieder ..! Sie jedenfalls hält ihm stand, wohl wissend, dass er diese Zone verlassen wird, doch nur, um sie erneut zu ziehen, umherzuwirbeln und in den Schritt zu zwingen.
Und genau dort ist sie wieder, in einem Schwung, der gerade noch durchgeht und dennoch Applaus zeitigt. Schließlich gerät auch der Musikus, sichtlich erschöpft, ins Schlingern. Er fasst sich noch einmal, knebelt das schwarze Knautschleder ins Faltenlos, und mit dem letzten, tatsächlich besiegten Aufschrei erstirbt es.
Stille.
Sekunden später - frenetischer Beifall. Der Spot, hektisch auf die Mitte bemüht, geht noch einmal voll auf - diesmal in Farbe. Und er taucht die letzte Verbeugung, dieses Auszittern und dann Auflachen des Paares in ein Rot, in ein magisches Rot.

AUSGEMUSTERT

Es tut weh - denn das Tagebuch, das ich im Geheimen verfasst und noch Jahre darauf unter meinen Presskohlen verborgen hatte, ist verloren. Ich habe es aus Angst irgendwann verbrannt.

Vor mir zittert die Plane. Es ist eine olivgrüne Plane, und obwohl sie festgezurrt ist, gibt es diesen Luftzug. Ich sitze auf der Ladefläche eines Militärlasters. Platt und einfach am Boden. Vor mir türmt sich ein Berg Stiefel, Stiefel, die wie ich nach Meinigen rollen. Er kümmert mich nicht, dieser heillose Haufen, und doch grüble ich etwas: Wer mag sich das ausgedacht haben, dieses seltsame Beieinander von mir und den schwarzen Ledern. Ein subtiler Gedanke? Doch irgendwie stimmt das. Auch ich komme mir schwarz vor. Passe glänzend in dieses Muster. Und vielleicht ist es üblich, Menschen wie mich so über Land zu schicken. Einfach aufladen und weg! Warum auch sollten die Absender freundlich sein? Leute, die sich auflehnen, verdienen das nicht. Und tatsächlich: Ich bin ihr Versager, ihr Vorzeigeversager, so ein Typ, der es fühlen soll.
Den Dienst an der Waffe verweigert, nennen sie es. Geben dem, was sich gestern zutrug, den Geruch von Schwäche. Gut, wenn sie es so wollen: Ich bin schwach, und ich habe versagt. Doch ich werde mir diese sechs Monate aus dem Leib reißen.
Noch ist das alles ein Vorsatz, und ich weiß nichts über seine Tragweite. Vermutlich ist das gut – ich weiß nicht.

Ich hasste schon den Zug, der mich mit den anderen wegbrachte. Er stank und war voller Bierlachen. Sie betranken sich einfach, die Gezogenen, machten das, was unabwendbar schien zu dem, was man zusoff. Sollten sie ihr Bier trinken, dachte ich. So ein Tag gab es her. Mich aber drückte er fies in die Polster, gab mir ein Gefühl, dass nicht abtaute - Kilometer für Kilometer. Kein Zweifel: Ich hasste das Militär. Genau so, wie sie es uns nach dem Krieg gesteckt hatten: Nie wieder Waffen in deutscher Hand. Was für ein Blödsinn, ging es mir durch den Kopf - diese Pflichtlektüre, diese Borcherts und Bölls. Man hatte uns animiert, sie zu lesen. Wozu nur? Wenn das, was wir zu hassen gelernt hatten, jetzt in sein Gegenteil umschlug. Neuerlich packte mich Wut darüber, und ich sah die vorbeieilende Landschaft wie ein Stück aufgegebener Geschichte.
Irgendwann dachte ich an Eichele, jenen zwielichtigen Typen, der mein Übel auslöste: die Unterbrechung meiner Aspirantur und dann die Verbannung ins Niemandsland. Es musste ein Ausbildungslager der Grenztruppen sein, so ein Ort, der alle Schrecken verhieß. Allein hier würde sich finden, was mich niederknüppeln und weich kochen konnte. Einer wie ich sollte büßen – für den eigenen Freigeist und für den seines Vaters. Beide hatten wir die Werbung der Partei ausgeschlagen. Und wenngleich wir dies verschieden begründeten - wir waren Ungläubige. Er hasste die Russen, tat sich schwer damit, die Vergewaltigung seiner Frau mit Worten wie BEFREIUNG aufzuwiegen. Ich hingegen hatte nur halbe Motive: nicht schweigen, nicht ducken wollen.
Wie logisch war es dann, den Leiter des Betriebes, in dem später auch ich auftauchte, gemeinsam mit dem Sohn niederzustrecken. Nun ja, mein Vater war lange tot. Doch die Erbsünde übertrug sich – auf mich.

Ich kam schließlich an in Eisenach, stieg auf zum Regiment, das am Berg lag. Ein fataler Weg. Doch Widerstand war zwecklos, war etwas, das Gefängnis verhieß. Ich musste es gelassen nehmen, mich in ein Schicksal fügen, das zwanghaft schien und doch weiter führte – einfach, weil es nur das gab.
Es ist müßig, diesen Alltag zu schildern. Er brach über uns herein, wie das immer geschieht. Hier rigider, dort verhaltener, aber stets mit ähnlichen Ritualen: Uniformen, Stiefel und Wäsche fassen, Schränke einräumen, Betten bauen und Schnauze halten. Und doch fiel mir auf, dass es anfangs leicht lief - die Vereidigung, pathetisch und dummschwätzig, die Grundausbildung, die täglichen Appelle und der sonstige Kram. Erst viel später rückte das Eigentliche in den Fokus: die Kalaschnikow. Und je öfter wir die Waffe in die Hand nahmen, desto deutlicher spürten wir, dass es damit nicht getan war. Der Befund war finster, wurde Schmerz, der wucherte und im Kopf festsaß. Was das hieß, begriff ich, als wir zu spielen begannen. Es waren Scharmützel ohne Gnade, angestachelt von den Kapos, die frisch von der Grenze kamen. Leute wie sie wussten, wie das ging: einfach draufhalten und PENG.
Das also war es.

"Stellt euch nicht so an!" schnauzte Müller, als er sah, wie wir dastanden, dümmlich und etwas klapprig "das sind Feinde, versteht ihr, das sind – verdammt noch mal – eure Feinde, Leute, die euch ans Zeug wollen."
Benommen stießen wir aneinander. Trippelten - ja wirkliche Schritte waren es nicht, die wir aufführten - ins große Kampfzelt. Dort erst gab es die volle Wahrheit: das auf Platten genagelte Dorf, den Zaun, die Feuerzone aus Pappe. Waren wir erschrocken, oder glotzten wir nur? Sekundenlang jedenfalls bewegte sich nichts. Erst als Becker ALARM brüllte, verteilten wir uns.
Müller brachte die Grenzer in Stellung, zog grüne, mit Zahlen beschriebene Puppen an Plätze, die zu leuchten begannen.
"So", rief er aufmunternd, "jetzt seid ihr dran. Sie, Lehmann, übernehmen Grenzverletzer eins, sie Bender den zweiten ...!"
Lehmann, sichtlich irritiert, stutzte: eine Frau? Hatte er das blaue Gepinsel auf Papier richtig gedeutet? Und war da nicht, geknickt und sehr viel kleiner, ein Kind?
"Na nun setzen Sie schon! Oder wollen sie Wurzeln schlagen?".
Der Soldat zögerte. Dann aber schob er die Pappen ins hintere Eck.
"Nicht dahin, Sie Idiot! Pennen Sie denn? Das sind Flüchtende. Wann begreifen sie endlich? Die Blauen, das sind Flüchtende!"
Lehmann zog beide ein Stück vorwärts.
"Na sehen Sie ..., es geht doch!"
Das Szenario war gespenstisch: weitläufig das rasierte Kunstgras, die Grenzzäune, Häuser und rot flackernd die Zielorte. Dazwischen die Positionen der Flüchtenden – zuerst auf Punkte fixiert, dann aber wechselnd. Und genauso die Grünen. Finger brachten sie auf Trab - die Knarren im Anschlag. Selbst die Schusslinien waren ausgelotet - ganz am Ende. Und die Einschläge mit Nadeln bezeichnet. Nur das ... Blut fehlte.
"Nach vorne damit!" krakelte Müller, als Lehmann zu zucken begann. "die Hure muss bluten! Oder glauben Sie, dass die, die das Leben ihres Kindes gefährdet, eine Mutter ist? Eine Schlampe ist sie, nichts als eine verdammte Schlampe! Ziehen Sie sie an den Zaun, direkt vor den Draht!"
Puppe 13 bereit für den Abschuss. Sie war es. Sie war das Opfer, ein Stück Mensch, das nur lief und nach drüben wollte.
Urplötzlich stand ein Schauder im Raum. Es war kalt und still. Müller, der die Stimmung spürte, geriet in Panik.
"Seht ihr die Pistolen?", schrie er, schrie, obwohl die Gesichter starr und die Finger kalt wurden. "Die sind Blauen sind bewaffnet. Die feuern auf alles, was uniformiert ist."

"Ohne mich!" Ich brüllte diese Worte ohne Vorwarnung, ballte die Fäuste und sprang zur Seite. Irgendwie ging ein Ruck durch die Truppe. Alle Blicke stießen in meine Richtung, fixierten den, der gar nicht dran war, der kein Ziel hatte und dennoch außer sich war.
"Bleib ruhig!", wisperten die Umstehenden und packten mich bei den Armen. Ich aber riss mich los und stob nach draußen.
Chaos.
Die Kapos, wütend und konsterniert, setzten mir nach. In meinem Zimmer stellten sie mich, griffen nach dem Bett, in das ich mich verkrallt hatte.
"Stehen sie auf, Bender!" schrie Müller "Sie verdammter Idiot ... kommen Sie auf die Beine!"
Und sie packten mich, zogen meinen Kopf vor die Lampe und stierten. Ich aber heulte wie ein Erstklässler, dem die Wangen blau liefen. NEIN, rotzte ich, nein! Immer wieder dieses eine Wort NEIN.

Ich habe die Plane leicht aufgeknüpft und blicke hinaus. Vor mir liegt Thüringen, eine Landschaft, die mir lieb ist. Sie indes ahnt nichts. Schiebt nur Hügel, entlaubte Bäume und Häuser. Und beziehungslos auch die weiße Decke. Diesen Schnee, der sich endlos breitet – und jetzt auch zu mir herein will. Was für ein Weiß! Ungestüm benetzt es meinen Mantel, strickt Muster und schmilzt.
Meinigen ist weit, und die Straße unter mir mit Löchern gespickt. Der Lkw schüttelt sich wie ein störrisches Zugtier. Durch das Fenster an der Vorderseite sehe ich Köpfe. Sie tanzen. Zwei soldatische Köpfe im Takt der Piste, und rechts der Major. Er wird mich vorführen müssen, ganz sicher: Er wird es sein, der mich ausliefert.
Was, mein Gott, werden sie tun?

Fast schlagartig sind wir im Tunnel. Es ist mein Tunnel, mein Dunkelkammer-Ort, in dem ich die Bilder fixiere. Fahrige Fetzen von Sein und Ahnung. Einmal Meinigen …und zurück?
Nichts sagt mir, wo der Weg ist. Alles, was die Zukunft ausmacht, liegt abseits. Noch herrscht Finsternis - auch über den Stiefeln.
Will ich das Richtige?

Simon taucht auf, mein alter Kumpel. Er war es, der wie ich diesem Traum nachhing. Er war es, der wie ich für die neue Zeit stritt. Zumindest für das, was uns gut dünkte?
Und den Gedanken, dass der Mensch dieses Etwas nicht ausfüllen konnte - wir ließen ihn nicht zu damals. Und wir glaubten, dass sie eines Tages weichen würde, die schwarze Kehrseite.
Ja Simon, tauche nur auf und versinke!
Wir hatten auch Pflichten, mein Junge. Dieser kalte Krieg. Er musste uns zwingen, sie anzunehmen.
Damals hielten wir uns. Hier aber im Tunnel habe ich Mühe, mich aufzurichten. Hocke versteinert wie ein Gnom, der sich einpisst.
Hatten wir uns verirrt, Simon?

Ich weiß nicht, wie oft sie sich mit Menschen wie mir befassen. Sicher selten, denn Eisenach spuckt nur mich aus, sonst niemanden. Das wird sie bösartig machen, vermute ich. Und tatsächlich: Als ich vor sie trete, sehe ich genau diesen Zucken, diesen Augenaufschlag, uniformiert und verächtlich. So ein Idiot ohne Standvermögen, lese ich. Mir aber ist das gleich. Ich betrete diese Hölle, und ich will sie verlassen.

"Mund auf", kommandiert ein Weißkittel. "Gibt es in ihrer Familie Fälle von Geistesschwäche?"
"Nein", sage ich.
"Und warum schießen Sie quer?"
"Ich schieße nicht ..."
"Wie..., schießen nicht?"
Ich schwitze in diese Frage, und ein Schwall Wut überkommt mich. Ich spüre ein Brennen im Gesicht und zittere.
"Weder kreuz noch quer!"
Bei quer knickt mein rechter Fuß ein.
"Sind Sie verrückt geworden?"
"Lassen Sie", fällt ihm der Oberst ins Wort, "der Mann ist labil". Sagt es und schaut zu, wie ich umfalle.
"Kein Grund, die Grätsche zu machen", kommentiert er. Befiehlt dann aber, mir aufzuhelfen.
"Gefallen ist gefallen", sage ich.
"Es wird Ihnen nicht gefallen", erwidert der Oberst und freut sich über sein Wortspiel. "Sie kommen nach Pfafferode."
"In die Nervenklinik?"
"Sicher, Genosse."
"Aber ich will nach Hause ..."
"Nix da. Nicht in diesem Zustand!"
"Und Sie glauben ... in Pfafferode?"
"Genau, da kommen Sie wieder auf die Beine"
"Und dann?"
"... stehen Sie wieder."
"In den Akten" flüstere ich "vermutlich in den Akten."

AUFPÄPPELN ODER RADIKALES AUSWEIDEN

... In dem Maße, wie es gelänge, unser Erbgut zu beurteilen, ja auch Einfluss auf das An und Aus der "genetischen Schalter" zu erlangen, drifteten wir in neue Situationen. Der Mensch würde quasi gläsern, und die, die ihn kennen, zu Sachwaltern über bislang "geheimes" Wissen – mit der Option, dieses Wissen auch auszunutzen. Gelangten unsere Daten auf Biobanken oder gar auf Chips, wären sie prinzipiell abgreifbar – im positiven wie im negativen Sinne. Da nichts auf dieser Welt wasserdicht ist, müssten wir damit rechnen, dass wichtige Informationen erhackt, verkauft oder auf andere Weise sittenwidrig verscherbelt werden. Personalchefs und Versicherungen warten nur darauf. Ein größeres Potential für Kostensenkung und Profit ist kaum denkbar. Ihre Rufe klingen bereits in den Ohren: Dich nehmen wir nicht, und du kommst nur rein... bei höheren Prämien. Noch brisanter würde es, wenn Polizei und Geheimdienste Zugriff erhielten. Mancher Dissident/"Aufrührer" könnte in der Krise dingfest gemacht, manch "Labiler" in die Psychiatrie verbracht werden. Radio Frequency Identification (RFID), die Identifizierung mit Hilfe von Hochfrequenz drohte dann weit konkreter als heute – und mit ihm der Überwachungsstaat ...
Gleichwie: Der Mensch wird die Grenzbereiche ausloten, und wo Überschreitung möglich ist, wird sie stattfinden. Bereits jetzt implantiert er pflanzliche Gene in Tiere und tierische in artfremde Tiere und Pflanzen und fügt schon mal eine menschliche DNA in die entkernte tierische Eizelle. Mischwesen aus Mensch und Tier sind das Letzte, dröhnt es dann allerorten. Doch wen juckt es? Dass mit menschlichen Genen manipulierte Schweine mal zwischenzeitlich Bewegungsnot haben, ist schnell vergessen. Und die Kuh? Vielleicht lernt sie ja, Sauerstoff zu furzen statt Methan ...

Aus: Störfall Zukunft - Schlussfolgerungen für einen möglichen Anfang

WEITERE MANIPULATIONEN ODER ZURÜCK ZUR NATUR

... Für Spekulanten sind Nahrungsgüter, wie alles, was sie an den Börsen "verzocken", virtuelle Objekt zur Geldvermehrung – und die Forderung, Lebensmittel als öffentliches, bezahlbares Gemeingut (Almende) zu betrachten, eine blauäugige Illusion jenseits ihres Denkens. Auch die These, dass man die Ernährungsprobleme der Erde nur mit Hilfe der Gentechnik lösen könne/müsse, kommt aus dieser Ecke. Weil sie neue gigantische Einnahmen verspricht. Diese ideologisch gefärbte Zuweisung beschreibt freilich nicht alles. Niemand bezweifelt heute, dass die grüne Biotechnologie auch positive Ansätze enthält. Diese jedoch für das Nonplusultra – für den universellen Rettungsanker – zu vereinnahmen, ist lächerlich. Zweifellos müssen in Zukunft sehr viel mehr Nahrungsgüter auf unserem Planeten erzeugt werden. Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer sprach von plus 60 % für 2030 /29/. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es aber weniger der transgenen, also genetisch veränderten Pflanzen und Tiere, als vielmehr der Erhaltung der Artenvielfalt und der Rückbesinnung auf die natürliche Pflanzen- und Tierzucht. Diese Richtung hat der Weltagrargipfel (Johannesburg, April 2008) ausdrücklich bestätigt. Tatsächlich ist es heute möglich, sowohl die Schädlingsbekämpfung als auch die Züchtung trockenheitsresistenter Pflanzen auf natürliche, nachhaltige Weise zu betreiben – und das bei immens wachsenden Erträgen. So konnten z.B. in Afrika der Output beim Anbau von Mais durch gleichzeitiges Anpflanzen von Büschelkraut und Elefantengras (biologische Schädlingsabwehr) fast versechsfacht werden /38/. Noch spektakulärer scheint die Entwicklung von "Nerika", einer neuen, auf Anspruchslosigkeit "getrimmten" Reissorte, die durch Kreuzung afrikanischer und asiatischer Pflanzen entstand. Ihr Anbau, so der Erfinder aus Sierra Leone, könne die gesamte Ernährungswirtschaft auf dem afrikanischen Kontinent revolutionieren /39/. Nicht nur hierzulande setzt eine zunehmende Anzahl von Menschen auf Nahrungsmittel aus biologischem Anbau und damit auf angestammtes Saatgut, natürlichen Dünger und nachhaltige Schädlingsbekämpfung. Sie verurteilt den Wahn der "makellosen Optik" und die mit ihm einhergehende Kontaminierung von Obst, Gemüse und Wein mit krebserregenden Pestiziden, Dioxinen und Salzsäure /36, 40/. Und sie lehnt genetisch manipulierte Lebensmittel – auch solche, die mittelbar über transgenes Futter auf die Ladentische gelangen (Fleisch) – kategorisch ab. Diese Bürger fordern die artgerechte Tierhaltung (natürliche Züchtung, Rückbesinnung auf alte Haustierrassen, ausreichende Weideflächen, Verzicht auf Antibiotika etc.), die Rekultivierung überbeanspruchter/verlorener Böden, bessere (konventionelle)Technologien und ein fundiertes Agrarmanagement vor Ort. Vor allem für Länder, die zwingend auf Agrarexporte angewiesen sind, muss ein weiteres Ziel greifen: mehr Verteilungsgerechtigkeit im Welthandel. Obwohl nahezu alle Experten darüber "fabulieren", passiert auf dieser Strecke so gut wie gar nichts. Nach wie vor werden die Agrarindustrien der reichen Länder in hohem Maße subventioniert. Allein die EU stellt jährlich 50 Milliarden Euro für solche "Hilfen" bereit – und ermöglicht es so, Billigprodukte zu produzieren und in alle Welt "auszuschütten". Mit der Folge, dass landwirtschaftlich orientierte Länder in Afrika – vor allem bei Milchprodukten, Getreide und Fleisch – vom Markt gedrängt werden /30, 39/. Dabei wäre es angesagt, gerade das Umgekehrte zu tun: die Landwirtschaft in diesen Ländern zu stärken und den EU-Markt für deren Produkte zu öffnen. Doch der Egoismus des Westens – angefeuert von einer starken Bauernlobby (Frankreich, Deutschland) – hat dieses Umdenken bis heute verhindert. Möglich, dass ein sinnvoller Anbau von Energiepflanzen (auf bislang stillgelegten Flächen) Bewegung in die Diskussion bringt. Denn dieser ermöglichte steigende Einkünfte bei den Bauern. Vor allem Biogas und die Biotreibstoffe der 2. Generation /25, 26/ passten vortrefflich in ein neues Gesamtkonzept. Damit freilich ist die Ungleichverteilung der Einkünfte nicht aus der Welt geschafft. Denn zweifellos sind es wieder die großen Agrarbetriebe, die von solchen Strukturveränderungen mehr profitieren als kleine Bauernhöfe ...

Aus: Störfall Zukunft - Schlussfolgerungen für einen möglichen Anfang

NEBEL IM TREIBHAUS

... Die Diskussion um den Klimawandel erfährt durch S. Fred Singers Buch "Die Natur, nicht die menschliche Aktivität, bestimmt das Klima" /145/ eine harsche Note. Singer, ein offenbar bedeutender US-Wissenschaftler, lässt am IPCC kein gutes Haar. In einer polemischen, aber teilweise auch nachvollziehbaren Argumentation zerreißt er die gängigen Klimamodelle wie faule Blütenblätter. Und bezichtigt ihre Konstrukteure nicht nur des Unwissens und der Unwissen-schaftlichkeit, sondern auch demagogischer Ambitionen (Forcierung von sinnlosen Umweltschutz-Geschäften). Für ihn ist nicht das CO2 für die Klimaerwärmung zuständig – es ist der Sonnenwind mit seinem Magnetfeld. Die kosmische Strahlung erkläre mit ihrem Einfluss auf die Bewölkung sehr viel besser, was auf der Erde passiere. Es sei die Natur, die hier steuere und nur ganz unmaßgeblich (oder gar nicht) der Mensch. Was mich stutzig macht, sind drei Dinge: Singer macht die Korrelation zwischen Sonnenaktivität und Temperatur an nur einem Stalagmiten in Oman fest – und zwar mit einer Präzision, die an Wunder grenzt. In seiner Polemik gegen das IPCC indes hatte er die Zahl der klimamodell-relevanten Messpunkte (es sind tausende) für zu gering befunden. Verdächtig ist auch, dass dieser Mann nicht eines der IPCC-Argumente gelten lässt, geschweige denn würdigt. Und darüber hinaus den Eindruck erweckt, ein objektiv urteilender Forscher zu sein. Dabei weiß jeder, dass Singer jahrelang in drei US-Ministerien Dienst tat und keinem der einschlägigen internationalen Klima-Gremien angehörte. Die Beschwichtiger wollen von all dem nichts wissen. Außergewöhnliche Kohlendioxidwerte und Klimaveränderungen habe es immer gegeben, argumentieren sie, und die jetzt anstehenden Befunde fielen keineswegs aus dem Rahmen /8/. Vom IPCC werde völlig unnötig ein Desaster beschworen. Die stattfindende Erwärmung sei ein natürlicher Ausflug in die Warmzeit eines Eiszeitalters /9/. Nicht mehr Wärme – so ihre Auffassung – sondern allenfalls mehr Kälte könnte unsere Existenz gefährden. Für Tiere und Pflanzen sei der beobachtete Klima-wandel geradezu ein Segen. Der Mensch aber habe mit dem Treibhauseffekt wenig oder gar nichts zu tun. Ein solcher Zusammenhang werde hemmungslos überbetont – aus reiner Geschäftemacherei /101/. Und alle "Ökos" und Beförderer des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) profitierten von einer schamlos erzeugten Blase /4/. Andere Kritiker gehen noch weiter. Sie betonen, dass das Zusammenspiel von Sonnenstrahlung, Atmosphäre, Landflächen und Ozeanen noch immer unbekannt und die vom Menschen verursachten CO2-Emissionen im Vergleich zum gesamten, um den Erdball jagenden Kohlendioxid winzig und damit unmaßgeblich seien. Sehr viel größere Bedeutung komme dem Wasserdampfgehalt der Atmosphäre/der Wolkenbildung zu, die vornehmlich von der kosmischen Strahlung beeinflusst werden. Und hinter dem Anstieg der Meeresoberfläche stecke nichts anderes als die Verschiebung von Erdplatten /6, 10/. Teilen dieser Argu-mentation kann man durchaus folgen. Ihrer Gesamtheit aber keineswegs. Noch kann der Einfluss von Wasserdampf und Wolken – er ist inzwischen unbestritten /126/ – nicht gedeutet, geschweige denn quantifiziert werden. Einige Klimatologen messen diesen Größen gar 60 % des Gesamteffektes zu. Die Sonneneinstrahlung (beeinflusst durch Sonnenwinde) wird von einigen als substanziell wichtig (Wolkenbildung), von anderen als eher bedeutungslos eingestuft. Letztere behaupten, sie habe sich seit 1940 nicht signifikant verändert /7, 10, 30/. Es stimmt schon: Wir können nicht sicher planen, wenn wir nicht ausreichend wissen. Da es aber mit den Temperaturen immer weiter aufwärts geht – und demzufolge schnelles Handeln gefragt ist – müssen einzuleitende Maßnahmen vom jeweiligen Erkenntnisstand ausgehen. Der allerdings spiegelt sich – wohl oder übel – in den heute vorhandenen, noch unzureichenden Klimamodellen /4, 85/. Vor allem der Einfluss von Wasserdampf und Bewölkung, von Luftschadstoffen und der durch sie beförderten Aerosole, aber auch die Wechselwirkungen zwischen natürlichem Kohlenstoffkreislauf und "menschengemachtem" CO2 sowie die Wirkung der weltweit verbreiteten Wüstensande müssen studiert und in die Klima-Modelle einbezogen werden /4, 5, 27/. Die bisherige These, dass Aerosole zur Verdunklung und damit zur Abkühlung der Erde beitragen (global dimming) /28, 42, 43/, wird durch neue Forschungsergebnisse zunehmend in Frage gestellt. Einige Wissenschaftler gehen jetzt vom Gegenteil aus /87 /. Die unzureichende Auseinandersetzung mit radikalen Gegnern der derzeit dominierenden Kli-maaussagen und die dadurch entstehende Polarisierung machen betroffen. Weil sie Extreme befestigt, die völlig unterschiedliche Schlussfolgerungen nahelegen. Dem IPCC-Gefolge könnte man unterstellen, dass es alternative Energien nur puscht, um neue lukrative (aber eigentlich sinnlose) Geschäftsfelder zu befördern. Doch den Kritikern ließe sich gleichfalls auf den Pelz rücken – mit dem Verdacht, dass sie der Industrie nur teure Umweltausgaben ersparen wollten. Argumente hin, Kritik her. Wir wissen, dass die globalen CO2- und Methan-Gehalte in der Atmosphäre inzwischen immense Größen erreichen /27, 59/. Für CO2 lag dieser Wert 2007 bei 381 ppm (381 Teile auf eine Million Teile Gesamtluft) – so hoch wie seit 650.000 Jahren nicht mehr. Dieser Befund nun soll mit Temperaturveränderungen korrellieren, die auf Basis von Eiskernbohrungen ermittelt wurden. Stieg der CO2-Gehalt, dann nahm auch die Temperatur zu /2, 23, 25/. Der Anteil von Methan in der Luft kletterte 2007 ebenfalls auf ein Allzeithoch – auf ca. 1,8 ppm. Diese Zahl scheint gering, ist aber mit Blick auf die weit höhere Treibhauswirkung überaus ernst zu nehmen /46, 102/. Methanemissionen kann der Mensch kaum beeinflussen. Pflanzen (vor allem der im Wasser angebaute Reis) /85/, auftauende Permafrostböden und Faultümpel jeder Art atmen es aus. Rinder errülpsen und erfurzen es, wie es der vegetarische Kreislauf vorgibt, und Vulkane stoßen es aus, wann immer sie ausbrechen. Dort schließlich, wo es in riesigen Mengen gebunden ist – als Methanhydrat in den Weltmeeren – gehorcht es ausschließlich dem Druck und der Temperatur an den Lagerstätten. Letztere freilich könnte sich verändern. Schon ein Anstieg um 3˚C – so einige Klimaforscher – führte zur Auflösung der als "Kitt" fungierenden Verbindung in den Kontinentalhängen – mit katastrophalen Folgen. Desolate untermeerische Berge könnten einstürzen und gewaltige Tsunamis auslösen /24/ – und sogenannten Blow outs (an die Wasseroberfläche schießendes Methan) Schiffe versenken (Bermuda-Dreieck-Mutmaßungen). Ganz zu schweigen von der unheilvollen Kontaminierung der Atmosphäre. Sieht man von den Gasen ab, die beim Treibhauseffekt nur wenig mitspielen, dann bleibt als Stellschraube für den Menschen allenfalls das CO2. /27/. Groteskerweise in einer Wissenslage, die mehr als dürftig ist. Wie auch immer die Debatte ausgeht. Wir wären schlecht beraten, wenn wir die Hände in den Schoß legten – bis letztlich auch der kleinste Sachverhalt geklärt ist. Und Verzögerungen im Handeln wären – gerade, wenn man einen beeinflussbaren Treibhauseffekt unterstellt – unverzeihlich /7, 12, 24/. Das IPCC selbst hat diesen Standpunkt bekräftigt. Spätestens ab 2015 müsse der Ausstoß von Treibhausgasen signifikant gesenkt werden – und zwar auf mindestens 50 % des Wertes, der 1990 registriert wurde ...
Bei allem Gerangel ist eines klar: Wenn wir den Ausstoß von CO2 reduzieren, können wir nichts falsch machen. Wir zwingen die Verursacher allenfalls, den Verbrauch von fossilen Energieträgern zu reduzieren. Und das ist mehr als nötig.

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POLITIK BLEIBT EINE HURE ... NOCH LANGE

... Über das Thema "Entwicklungshilfe" wird seit eh und je diskutiert – ohne rechtes Ergebnis. Und die Bilanz ist frustrierend: Trotz der 1 Billion Dollar, die seit den 1950er Jahren in die unterentwickelten Länder flossen, wurden vor allem in Afrika viele der Menschen nicht reicher, sondern ärmer. Dafür gibt es viele Ursachen: Zum einen waren die Geberländer nie bereit, auf Augenhöhe mit den Bedürftigen zu kommunizieren. Dem "edlen Samariter" stand der "ewige Bettler" gegenüber, den man mit billigen Industriegütern, Altkleidern und Trockenmilch faktisch totschlug – aber nicht zu selbstbestimmtem Leben animierte. Auch heute arbeitet eine Vielzahl von Organisationen an umfangreichen Programmen, die sich – z. T. völlig unabgestimmt – überschneiden, gegenseitig behindern und Leistungen von vierfach bis nahe Null erbringen. Allein den Vereinten Nationen sollen durch Wildwuchs und miserable Koordinierung bis zu 7 Milliarden Dollar pro Jahr verloren gehen. Hinzu kommen die Ambitionen vor allem staatlicher Akteure, angebotene Leistungen an politisches Wohlverhalten zu koppeln. Ein Großteil der Entwicklungshilfegelder versickert zudem in der unübersichtlichen Bürokratie des Gesamtapparates. Viele Angestellte betrachten ihre Arbeit als glänzendes Geschäft, in dem man hervorragend leben, reisen und absahnen kann /5/. Auch bei den NGO kommt es immer wieder zu Veruntreuungen. Viel zu spät haben die beteiligten Staaten und Institutionen begriffen, dass es kein universell einsetzbares Modernisierungsmodell für die unterentwickelte Welt geben und dass Entwicklung nicht wie ein Impfprogramm von außen "exekutiert" werden kann. Zahlreiche Experten handeln so, als fände die Entwicklung quasi unter Laborbedingungen statt. Sie wissen in der Regel zu wenig über Sozialstrukturen, Kulturen und Traditionen (Großfamilie, Rechtsprechung etc.) und verdrängen allgemeine Entwicklungshemmnisse wie z. B. den ständig präsenten Aberglauben ("Ökonmie der Hexerei"). Oft begreifen sie gar nicht oder zu spät, dass maßgebliche Abläufe nicht durch rationale Kräfte, sondern übersinnliche bestimmt sind /3/. Vielfach weigern sie sich, zur Kenntnis zu nehmen, dass bei vielen Völkern spontanes Tun (Jetzt brauche ich etwas zu essen), Lethargie und auch Faulheit historisch/kulturell gewachsen sind – oder aus der Hoffnungslosigkeit heraus Wurzeln schlugen. Manches löst sich auf in spontaner Ablehnung und Geschmacksfragen. Selbst eine simple, einfach zu installierende Apparatur kann schnell in einen anderen Kontext geraten. So wurden die Spiegel von Solarkochern schon mal als mögliche Schmuckstücke geortet und von Einheimischen beiseite geschafft. Wasser und Speisen kochten dann weiter über Holzfeuern. Niemand kann im Umfeld kulturell fremder und armer Länder Schnellschüsse landen. Und dass Einheimische trotz guten Zuredens anderen als den logisch empfundenen (westlichen) Mustern folgen, gehört zum Tagesgeschäft. Allein einfühlsame Geduld und ein unabgehobenes Leben unter den Hilfsbedürftigen kann hier weiterführen. Helfer werden allzu oft an ihrer karitativen "Tonnenideologie" und den damit einhergehenden überzogenen, bisweilen utopisch anmutenden Zielen gemessen. Dabei – das wissen Experten seit langem – funktioniert gerade eine überdimensionierte Hilfe nur selten. Oft sind auch "selbstsüchtige Altruisten" am Werk – Einzelpersonen und ganze Staaten /3, 11/. Erstere gerieten, schaffte man die Not ab, selbst in Bedrängnis. Einzelne Länder hoffen auf gute Geschäfte. Vielfach jedenfalls scheint unklar, ob das, was getan wird, wirklich nützt. Nur eines ist sicher: dass Entwicklungshilfe, ganz gleich, ob sie fruchtet oder fehlgeht, Arbeitsplätze sichert – im reichen Norden. Ähnlich ambivalent sieht es auf der Nehmerseite aus: Vieles, was konkret entsteht und Formen annimmt, wird dankbar angenommen und selbständig fortgeführt. Im Geldverkehr hingegen herrscht oft das Chaos. Salopp überwiesen, verschwinden die Millionen in den Taschen von Kleptokraten. So gelangten z.B. in Uganda nur 13 % der Mittel für ein Bildungsprogramm tatsächlich in die Schulen. Ein Großteil versickerte in den Taschen von "Phantomlehrern", die nie existierten /3/. Oder aber die Empfänger setzten die Mittel bewusst für den eigenen Clan ein, schafften für dessen Kinder exzellente Lernbedingungen und ließen andere außen vor. Auch bei der medizinischen Hilfe geriet manches außer Kontrolle. In Ghana beispielsweise sollen nur 20 % der für Kliniken bestimmten Spendengelder ihr Ziel erreicht haben /4/. Dennoch konnte man dort ein modernes Gesundheitssystem installieren, musste allerdings zur Kenntnis nehmen, dass die ausgebildeten Krankenschwestern und Ärzte scharenweise davonliefen – nach England, wo sie heute sehr viel mehr Geld verdienen als in der einstigen Heimat. Diese Negativbilder schockieren. Ob sie symptomatisch sind, sei dahingestellt. Wahr ist, dass es auch Beispiele erfolgreicher Hilfe gibt. Tausende von Brunnen in Savannen und Wüsten, unzählige Schulen und Krankenhäuser belegen das – auch wenn vieles davon später vernachlässigt, sich selbst überlassen oder in Bürgerkriegen ruiniert wurde. Viele Helfer sind seit Jahren uneigennützig am Werk, tun Sinnvolles und bringen ihren Partnern wirklichen Lebensfortschritt. Cap Anamur, die Andheri-Hilfe /5/, die Mikrokredite /9/ und das Lebenswerk eines Karlheinz Böhm /8/ sind unverrückbare Zeichen dafür. Dieser Einsatz war und ist einzigartig – und dabei ständig mit Gefahren verbunden. Allein die Welthungerhilfe hat zwischen 1997 und 2005 vierhundertundvierunddreißig Mitarbeiter durch Anschläge von Einzeltätern und Banden verloren /10/. Ähnlich sieht es bei anderen Organisationen aus. Die UNO hat die reichen Industriestaaten aufgefordert, künftig 0,7 % ihres Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe bereitzustellen /5/. Dieses Ziel wird heute mehrheitlich verfehlt. Frankreich bringt es gerade mal auf 0,39 %, Großbritannien auf 0,36 %, Japan lediglich auf 0,17 % und die USA auf noch magerere 0,16 % (jeweils 2006) /146/. Auch Deutschland liegt mit 0,36 % (einschließlich Schuldenerlass) weit abgeschlagen. Doch selbst, wenn das Geld wunschgemäß flösse, wären die Probleme nicht vom Tisch. Entwicklungshilfe muss in Zukunft einfach anders aussehen – und vor allem auf gleicher Augenhöhe stattfinden. Entweder es entsteht das Bewusstsein, in einer Welt zu leben und fühlbar miteinander verbunden zu sein – oder die Dinge entgleiten vollends. Zwingend bleibt aber auch, dass die armen Länder vor allem selbst dazu beitragen müssen, ihre Probleme zu lösen. Oktroyierte Hilfe allein nützt ihnen auch künftig nicht. Die Emissäre der Unterstützerländer müssen künftig sehr viel nachdrücklicher und gleichzeitig sensibler auf die Eliten der Nehmerländer zugehen. Wichtig ist es, dass ein neues Gefühl von Verantwortung entsteht – auf beiden Seiten. Restriktionen (z.B. der Entzug von Mitteln) dürfen nicht – wie heute oft praktiziert – als Strafe für bloße politische Unbotmäßigkeit verhängt werden. Maßstab muss der Wille zu konstruktiver Weiterentwicklung sein – ganz gleich, nach welchem Gusto sich ein betroffenes Land einrichtet. Ebenfalls wichtig ist, dass Entwicklungshilfe künftig mehrheitlich über Leistungsangebote (und damit verbundene Technik + Know-how) erfolgt – und westliche Warenlieferungen (Lebensmittel und Kleidung) auf extreme Notsituationen beschränkt bleiben. Man sollte über Beschäftigungsprogramme für Arbeitslose aus Industrieländern nachdenken – und diese angemessen bezahlt und möglichst freiwillig zur Hilfeleistung heranziehen. Denn sehr viel mehr Helfer als bisher müssten künftig ge-meinsam mit den Menschen vor Ort Felder anlegen, Brunnen bohren, Werkstätten bauen und Dienstleistungsunternehmen gründen. Nur freundliche Kooperation wird das leisten können – vorausgesetzt, die Politiker schaffen die nötigen Rahmenbedingungen. Zwangsabgaben an geldgierige "Vorort-Beamte"/Clanchefs z. B. darf es dann nicht mehr geben. Gut möglich, dass wir Arbeiter in Entwicklungsländern vor den Kopf stoßen. Allein dadurch, dass wir – aus gemäßigten (Klima-)Zonen kommend – kontinuierliche Arbeit empfehlen. Hier ist ein Einfühlen verlangt, das "normales" (z.B. europäisches) Empfinden in Frage stellt. Selbst gute Anreize für Arbeitsrhythmen, die uns moderat erscheinen, könnten ins Leere gehen. Am schwierigsten dürfte es sein, qualifizierte Köpfe vor Ort zu halten. Die nämlich könnten versuchen, ihre Arbeitskraft dort zu verkaufen, wo sie richtiges Geld bringt. Das wiederum bedeutete die Flucht der Ausgebildeten in die Industrieländer. Appelle an Familienbindung und Nationalstolz allein dürften ein derartiges Verhalten kaum verhindern. Vielleicht sollten Teile der Entwicklungshilfe darauf verwendet werden, ausgebildete Kräfte für hohe (vergleichbare) Entgelte an die Heimat zu binden – die zu verlassen immer auch Schmerzen bereitet. Was auch gedacht wird – sämtliche Ansätze könnten ebenso brauchbar wie untauglich sein – und als eindimensional, ja vielleicht als rassistisch stigmatisiert werden. Denn eines stimmt zweifellos: Wir Europäer können Afrika nicht "denken" – vor allem nicht vor Schreibtischen und reichlich gedeckten Tafeln. Nur wenn wir von den Hilfebedürftigen als wirkliche Partner empfunden werden, sind Lösungen – welche auch immer – möglich. Die Helfer müssen begreifen, dass Einheimische auch unter bescheidenen Bedingungen ein glückliches Leben führen (möglicherweise ein glücklicheres als wir!) – sich also durchaus auf Erwerbsstrategien einstellen könnten, die weniger Lohn bedeuten. Die Aufgaben, die speziell Afrika – im Verbund mit den reichen Industrieländern – schultern muss, sind immens. Vor allem das Bildungswesen, die medizinische Versorgung, die Infrastruktur und die Landwirtschaft müssen vorangebracht werden /14/. Für letztere gibt es – ausgenommen die Trockengebiete – gute Voraussetzungen. Zwei und mehr Ernten sind möglich. Die erzeugten Produkte sollten allerdings vornehmlich in Afrika verbleiben – also ohne großen Transportaufwand (CO2) den dort Lebenden zur Verfügung gestellt werden. Exporte hingegen setzten ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit /6/ und die Öffnung importrelevanter Märkte voraus. Die Entwicklungshilfe gänzlich einzustellen, wie das sogar Experten aus der Dritten Welt fordern /13/, führte am Ziel vorbei, selbst wenn Fehlschläge, Verschwendung und Veruntreuung mache Wut anheizen. Ein Abbruch wäre nie geeignet, die Selbstheilungskräfte der armen Nationen so zu stärken, dass ein Wandel einträte. Hier irren die Kritiker, und auch ich folge ihnen nicht. Die Entwicklungshilfe für China /12/ allerdings sollte ständig auf den Prüfstand (fördert Sie den Umweltschutz etc.?)...

... Afghanistan, 2008: Wir sehen ein staubiges, von Hunger gezeichnetes Land am Hindukusch – beherrscht von den Karsai-Marionetten (30 %), den Taliban (10 %) und den Warlords (60 %) – und punktuell besetzt von Soldaten, die "Befreier" heißen, sich als solche aber kaum wiederfinden. Amerikaner, Briten, Kanadier etc. schießen im Süden, was das Zeug hält ("Enduring freedom") und Deutsche – heute mehr schanzend und deckungsuchend – erwartet im Norden das gleiche Schicksal. Selbstmordattentäter jagen die Konvois, und unschuldige Männer, Frauen und Kinder sterben – mal im Splitterhagel der Bomben, mal im Abwehrfeuer der Angegriffenen. Kabul ist ein Hochsicherheitstrakt – bewacht von Ausländern und dilettantisch ausgebildeten (heimischen) Polizei- und Armeekräften. Viele der afghanischen Offiziere sind korrupt, die Mannschaften vom Feind unterwandert. Nur zwei Dinge florieren im Lande: die Farce und der Anbau von Mohn. Und während letzterer ständig vorankommt, während Opium extrahiert und außer Landes geschafft wird, schleust Al-Qaida Kombattanten aus Pakistan.
Genährt von UN- und Drogengeld formierte sich, was asymmetrisch aufeinander wollte/ musste – die Taliban, verbündete Afghanen und Islamisten aus aller Welt auf der einen, die importierte Schar der Willigen auf der anderen Seite. Dazwischen vegetierten/vegetieren schwer beschreibbare Aufbauleistungen – Schulen und Krankenhäuser, immer mal zerbombt, immer mal wieder aufgetürmt. Afghanistan ist der Schauplatz, ein von Trockenheit ausgelaugtes, von Minen kontaminiertes, von Granaten und Wortbrüchen zerfetztes Eiland – in das ein groteskes Mandat reicht, das Menschen jetzt ausleben müssen.
Dass der Krieg – nach Zerschlagung des alten Scharia-Regimes und selbst gegen den Willen von Karsai - weiter geht, mag mit fehlendem Realitätssinn zu tun haben. Sicher ist das keinesfalls. Denn es gibt fürwahr andere Gründe, Afghanistan straff zu halten. Freilich wird nur der, der längst verdrängte Karten studiert, fündig werden: Es sind Öl und Gas, die vor allem die USA zu weiterer Präsenz drängen.
Wir erinnern uns an die Hurraschreie am Kaspischen Meer – an die Pipeline-Planungen, auch quer durch Afghanistan und Pakistan. Eines der größten Ölvorkommen der Welt, hieß es in den 90er Jahren – ein Quell, der Versorgung und Reichtum verspricht. Die Anrainerstaaten (Russland, Armenien, Aserbaidschan, Iran, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan) vermaßen die Felder, und die Ölmultis (darunter auch US-Firmen wie Amoco, Unocal, Exxon und Pennzoil) versuchten, die Verlegung künftiger Rohrleitungen zu steuern. Mitte 2005 ging es zur Sache. Die Azerbaijan International Operating Company (AIOC) nahm bei Anwesenheit von US-Energieminister Samuel Bodman die erste wichtige Öl-Trasse in Betrieb. Sie umging Russland und den Iran. In der Folge floss das schwarze Gold bis ins türkische Ceyhan, von wo es mit Hilfe amerikanischer Tanker bis heute in die USA verschifft wird. Das Öl sollte bereits Anfang des Jahrtausends fließen – vom Kaspischen zum Arabischen Meer. Die Routen von Taschkent über Termez, Mazir-i-Schrif, Kabul und Jalalabad sowie von Aschchabat/Turkmenien, über Herat und Kandahar nach Quetta, sprich: quer durch Afghanistan und Pakistan, waren bereits abgesteckt. Doch konkrete Projekte blieben angesichts der politisch labilen Lage im Schubkasten. Da liegen sie bis heute – weil Clanchefs à la Hekmatjar (er beherrscht die Zugänge aus Turkmenien) und die Taliban Pipelinebauten bedrohen. Offenbar glaubt der Westen, offenbar glauben die USA, diese Lage jetzt ändern zu können. Mit der Fortsetzung der Scharmützel, der Aufrechterhaltung des Marionetten-Regimes und dem Aufbau militärischer Schutzzonen ...

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DIE BILDUNGSREFORM VERPASSEN, HEISST SCHEITERN

... Oft scheint mir, dass junge Leute auf Klischees fixiert sind, auf das, was später den Kick, mehr Kohle oder zumindest viel Freizeit verspricht. Da setzen auch wir Älteren kaum Bremsen. Oft in der Vermutung, dass imageträchtige Berufe aus alten Tagen auch in Zukunft en vogue sein könnten. Ach, würde der Junior doch Arzt, Anwalt, Richter, Germanist, Hochschulprofessor oder Architekt, lamentieren wir und wissen nicht, dass wir arg vorbeistöhnen. Denn es sind die anderen, die Techniker, die Lehrer und Wissenschaftler, die unsere Zukunft maßgeblich gestalten werden. Warum viele Aspiranten diese Sparten "unter Wert handeln", wurde oben z. T. begründet. Offenbar machen es auch Begriffe schwierig, jene Aufbruchstimmung zu erzeugen, die imageträchtigen Berufen innewohnen. An den Verdienstmöglichkeiten dürfte es nicht liegen. Nano-Techniker, Quantenwissenschaftler, Echtzeitführungskräfte, Wissensmanagementberater, Gentechniker, Anti-Hacker – um nur einige Zukunftsberufe anzuführen – dürften in Kürze genauso viel oder mehr Geld verdienen als traditionelle Ärzte oder Anwälte. Vermutlich sind es die pragmatische Aura, die dröge erscheinende Welt der Werk-stoffe und die bedrohliche Gegenwart undurchschaubarer Mechanismen und Maschinen, die hier abstoßen. All das scheint mit dem wirklichen Leben, der Kunst und Geisteswissenschaft zu wenig "verbandelt", um frisch und attraktiv zu wirken. Die Zukunft allerdings fragt wenig nach solchen Vorlieben. Sie fordert nachhaltige Bauwerke, erneuerbare Energien, Sicherheitssysteme, ökologische Quantensprünge und Substitute für ausgehende Rohstoffe. Wer bitte soll die hier anstehenden Aufgaben lösen? ... Wenn wir künftig das gewaltige Defizit an Ingenieuren abbauen und junge Leute für wissenschaftlichtechnische Zukunftsaufgaben begeistern wollen, dann müssen wir radikal umdenken – diesen Schwenk aber nicht allein den jungen Leuten überlassen, sondern selbst "in die Pedalen steigen". Und das heißt viel, heißt die Lerninhalte an den Schulen verändern und vor allem: Anreize schaffen.
Gleichzeitig muss das Diktat von "schickem Wissen" (wo liegt noch Sokrates begraben?) und geisteswissenschaftlicher Dominanz gebrochen werden. Dabei gilt es nicht wegzuspülen, sondern maßvoll zu erhalten und neu zu ordnen. Denn wir brauchen keineswegs die "Zwangsbewirtschaftung" des Wissens, sondern nur bessere Wichtung und Darstellung. Einmal weniger Vergil zitieren, dafür mitempfinden können, wenn der Bio-Nano-Techniker dem Krebs zu Leibe rückt ...

Aus: Störfall Zukunft - Schlussfolgerungen für einen möglichen Anfang

DIE SKLAVEREI ANNEHMEN ODER SELBSTBESTIMMT HANDELN

Vielen Jugendlichen werden heute gute Erziehung, Zuwendung und Geborgenheit verweigert. Oft suchen sie vergeblich nach Vorbildern, Anerkennung, Gemeinschaftssinn und klaren Regeln /61/. 2007 wurden in Deutschland 157 Selbstmorde von Jugendlichen registriert. Einige wurden im Internet verabredet /71/. 2008 nahm sich ein im Internet Geschmähter das Leben. Dafür war "Agency Spy" – ein Blog (ein auf der Internetseite öffentlich einsehbares Tagebuch/Journal) ver-antwortlich /72/. Parallel dazu haben kriminelle Delikte Jugendlicher zugenommen – insbesondere die schwere Körperverletzung. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens machte vor allem junge Türken, Albaner und Russen als gewaltbereit aus /103/. Andere Quellen sehen nur noch in drei Bundesländern Hinweise auf den Migrationshintergrund bei Straftaten. Bundesweit fehlten 4.000 Richter, was das Tempo der Verbrechensahndung erheblich bremse /104/. Gestern noch habe man von der Netzgeneration gesprochen, also den neuen Medienakteuren, die mit der Allgegenwärtigkeit von Computer, Internet und Handy aufgewachsen seien. Und von der "Generation Praktikum", deren Job-Nomaden sich flexibel und unterbezahlt von einem Praktikum zum anderen durchschlugen. Doch diese Begriffe kennzeichneten nur unzureichend, was die Menschen und ihr Tun tatsächlich ausmachten. Weniger die Verbundenheit, denn die Beliebig- und Ratlosigkeit kennzeichneten das Leben. Früher wurde heftiger protestiert – gegen den Vietnamkrieg, gegen Atomkraftwerke, gegen Franz Josef Strauß, gegen Springer, gegen Umweltvergehen, gegen Angriffe auf den Rechtsstaat. Lichterketten und massive Demos/Streiks waren an der Tagesordnung. Heute ist all das zu Einzelaktionen der Globalisierungsgegner/-opfer ("Die Linke", Attac etc.), Feldverwüster (genmanipuliertes Saatgut) und Ostermarschverwalter verkommen – die oft harmlos scheinen und in karikaturhaften Umzügen steckenbleiben. Erst dreimal in der letzten Dekade ging es kraftvoll zur Sache – in Heiligendamm gegen die Anmaßungen/Tatenlosigkeit der G-8-Staaten (2007), in Berlin und Stuttgart gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan (jeweils 2008). Wo steckt unsere Jugend? Wird auch ihr politisches Potential von Ratlosigkeit bestimmt/blockiert? Ist es die Erkenntnis, dass Gewalt à la Bader-Meinhof das politische System nicht zu ändern, sondern ausschließlich zu radikalisieren vermag? Ist es der Zusammenbruch des Kommunismus, der Alternativen im Denken brachlegt? Oder gar die Absage Schröders an den Irakkrieg? Ist es ein neuer, subtiler Politikansatz, der den Widerstand lähmt? Sind es die Medien und Spektakel der Postmoderne, die aktives Denken und Handeln ausdünnen? Oder geht es den Nachkommen – trotz Lohndumping und Hartz IV – einfach nur zu gut, um dem Zeitgeist Paroli zu bieten? Hier anzuknüpfen, bereitet Furcht. P.M. spiegelt das wider: Müsse die Massengesellschaft – so fragt das Blatt – den Verlust einer Aura von Erlebnissen und Erfahrungen beklagen? Seien alle Lebenserfahrungsbereiche ausgeschöpft und entzaubert? Und verstelle gar die zunehmende Virtualität den Weg für die eigene authentische Erfahrung? Die halbe Antwort überlässt man dem Soziologen M. Rainer Lepsius. Der setzt es wie einen Hammerschlag: "Die Trivialität des Lebens, das wir unter den Bedingungen des Wohlfahrtsstaates führen, ist unglaublich. Da gibt es nichts, was einen exis-tentiell fordert, keinen einzigen heroischen Moment." Und P.M. ergänzt: Abenteuer und Erfahrungen gebe es größtenteils nur noch passiv. Sie seien künstlich oder aus zweiter Hand. Medial vermittelte Welten seien immer schon vorgefertigt, Freiräume schwänden. Offenbar nicht zu Unrecht werde der Begriff "Generation der Erlebnislosen" geprägt. Der Jugend von heute mangele es nicht nur an Visionen und Überzeugungen, sie habe auch keine Utopien. Das mag, so mutmaßt P.M., auch daran liegen, dass in der Kommunikationsgesellschaft viel zu viel Sprachlosigkeit herrsche. Dem "Kinderfreundlichkeitsbericht der UNICEF" entnehme man, dass mehr als 50 % der 15-Jährigen ausbleibende Gespräche mit den Eltern beklagten. Die vermittelten Botschaften glichen Cartoons. Geschichte aber – so die Verfasser – entstehe nur, wenn eine Generation etwas zu erzählen habe.

Aus: Störfall Zukunft - Schlussfolgerungen für einen möglichen Anfang

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