NRW Literatur im Netz

Andrea Karimé - Arbeitsproben

Aus: FATINA

1. Die Postkarte

Mond,
ich nehme dich mit,
damit meine Großmutter dich sieht.
Hörst du mich?


Mona Karim

Sicher ist Mara-Marie nur in ihrem Sprachhaus. Auf den Tisch ihrer Großmutter Elisabeth lässt sie Sätze vom Himmel herabfallen und Blütenwiesen aus Worten wachsen. Dort findet sie Ruhe und in der Nacht Mondlicht zwischen den Buchstaben. Doch auch graues Alltagsgebein Sprache. Nur hier wird es still. Still wie die Augen von Großmutter Raissa.

Der Tag, an dem ich die Postkarte bekam, hatte einen bitteren Geschmack. Ich beendete eine Liebe und begrub gerade meinen Traum, in den Libanon fahren zu können. Seit einigen Jahren bereits hatte ich gepackt. Doch ich war nie geflogen. Weil eine Bombe fiel, weil ein Terrorist einen Selbstmordanschlag verübte und in diesem Jahr die brennende Kirche.
Ich muss den Koffer auf den Speicher bringen, dachte ich und holte meine Post. Der Koffer war unfreundlich, warum sollte ich ihn behalten? Er war teuer gewesen, zugegeben. Nur weil ich einen Koffer hatte haben wollen, der so aussieht wie einer von Paul Bowles. Überseekoffer. Für Reisen in den Orient. Goldene Scharniere wie Zähne vor einem grau karierten Rachen.
Als ich auf den Kalender schaute, merkte ich, dass es Frühling geworden sein sollte. Wie oft muss ein Kalender sich irren, um abgesetzt zu werden? Freute sich der Koffer über meine Kapitulation? Ja, ich hatte wieder einmal Vorfreude durch einen matschigen faulfarbenen Stadtherbst getragen und durch einen Winter, dessen Eispranke dem Frühling noch immer nachstellte. Und nun?
"Ich bin Fatina El Raschida. Ich bin deine Kusine."
Mein Vater hatte die Gewohnheit, meine Adresse an seine Schüler weiterzugeben, als Anlaufadresse in Deutschland. Selbst meldete er sich nie. Auf diese Weise lernte ich allerhand Verwandte oder Scheinverwandte kennen, mit denen mich allerdings nicht mehr verband, als die Liebe zu dem Ort, in dem sie aufgewachsen waren.
In meinem Herzen wurde es dennoch laut, wie in einer von starkem Sturm durchwehten Rumpelkammer. Ich hielt inne, um den Geräuschen auf den Grund zu gehen.
El Rashidi war der Name eines Terroristen. El Rashida war der Name der Kusine. Und ich bin Mara-Marie Rashida.

(c) Konkursbuchverlag Claudia Gehrke

TEE MIT ONKEL MUSTAFA

An der Grenze mussten sie alle aussteigen.
"Passkontrolle!", sagte ein Mann mit Uniform und Gewehr. Onkel Mustafa kramte in seinem Sack und zog ein Stück Leder heraus. "Willst du mich verschaukeln, Alterchen?", fragte der Mann in einem scharfen, lauten Ton, der Mina plötzlich hellwach machte.
"Mustafa, bitte jetzt keine Witze!", sagte Papa. "Wo ist dein Pass?" Onkel Mustafa gab einen Grunzton wie ein Ferkel von sich. Mina sah, wie er scheinbar ratlos in seinem Sack wühlte. Schließlich schüttete er alles aus. Vor den Füßen des Uniformierten lag nun das ganze Allerlei des Schafhirten Mustafa: Teekanne, Tee, Zimt, ein Pullover, Schafwolle, Tasse, Taschenmesser, drei Tüten Irgendwas, einige riesige Unterhosen und viele kleine Büchlein, die alle so aussahen wie Reisepässe.
"Da, wenn Sie schon an der seltenen Passkrankheit leiden: Bitte sehr, bedienen Sie sich. Aber unterstehen Sie sich, an meine Pistazien zu gehen!"
Mina kicherte – vor allem wegen der Unterhosen.
"Was soll das hier, geben Sie mir sofort Ihren Pass, oder ich verhafte Sie."
Oh Gott! Mina erschrak. "Onkel!", rief Papa beschwörend und suchte nun selbst nach dem richtigen Dokument.
Nun war Onkel Mustafa aber richtig empört. Er stampfte mit dem Fuß auf: "Reichen Ihnen dreißig Pässe etwa nicht? Die sollten doch wohl genug für die ganze Familie sein, oder? Himmel, Donner und Pfefferschote! Und überhaupt: Glauben Sie denn, Sie könnten einen echten Prinzen mit ein paar lumpigen Pässen besiegen?"
Papa überhörte Onkel Mustafas Gezeter und suchte stattdessen fieberhaft nach dem Pass.
"Hier! Hier ist er!"
Der Mann nahm den Pass und stempelte ihn ab.
"Ich bestehe darauf, dass alle Pässe abgestempelt werden!", kreischte Onkel Mustafa und hielt sie dem Beamten unter die Nase. "Mustafa, mach jetzt bitte keinen Quatsch, wir verpassen sonst noch das Flugzeug!"
Papa schubste den armen Onkel genervt ins Auto zu Mina und Fatou zurück und fuhr dann schnell an. Aber der Onkel schimpfte aus Leibeskräften: "Ich will meine Pässe zurück. Wer weiß, wozu ich sie noch brauchen werde. Ich will meine Pässe zurück!"
Mina fragte ganz leise: "Woher hast du die denn alle, Onkel Mustafa?"
Aber der Onkel antwortete nicht. Stattdessen schaute er aus dem Rückfenster und streckte dem Beamten die Zunge heraus. Der sah es, tobte und sprang dabei hoch wie eine wütende Katze. Nun aber nichts wie weg! Papa gab so sehr Gas, dass Mina übel wurde.
Verfolgt wurden sie nicht. Aber die Fahrt wurde zusehends scheußlicher, denn vor ihnen lag nun das Gebirge. Mina traute sich gar nicht aus dem Fenster zu schauen. Die Straße war schmal wie ein Handtuch und fiel zu den Seiten steil ab. Trotzdem fuhr Papa rasend schnell.
"Wir kriegen den Flieger noch, wie kriegen ihn noch!"
Mina verkroch sich zwischen die Sitze und schaute nicht mehr nach draußen in die vielen Bergabs. Papa musste ständig hupen, damit Autos, die ihnen vielleicht entgegenkämen, sie auch ja rechtzeitig hörten. Nur: Was wäre dann gewesen? Nie und nimmer hätten zwei Autos aneinander vorbeigepasst.
Es kam ihnen aber kein Auto entgegen, und sie schafften es pünktlich zum Flughafen. Das Auto ließen sie einfach dort stehen. Der Onkel aus Syrien wollte es bald abholen.
Im Flieger erzählte Onkel Mustafa Mina endlich, woher er die dreißig Pässe hatte:

"Dein Onkel ist in vielen Ländern der Welt zu Hause. Eigentlich sogar in allen. Und deshalb hat er sich von überallher einen Pass mitgebracht. Nur wollen die an den Grenzen leider immer nur meinen libanesischen Pass sehen. Weiß der Kuckuck, wieso!"

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