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Joachim Günther - Arbeitsproben

Tante Käthe

Tante Käthe hatte ein Geheimnis. Ein- oder zweimal im Monat benahm sie sich ganz merkwürdig. Wenn es draußen langsam dunkel wurde, verschloss sie alle Fenster und Türen. Sie zog die Vorhänge zu und begann, Spaghetti zu kochen. Einen Riesentopf Spagetti und dazu einen Riesentopf Tomatensoße. Spaghetti mit Tomatensoße war nämlich Tante Käthes Leib- und Magengericht. Davon konnte sie nicht genug bekommen.
Wenn alles fertig gekocht war, deckte sie feierlich den Tisch mit Kerzen und allem was dazu gehörte. Glücklich und erwartungsvoll setzte sie sich und fing an zu essen.
Eine Gabel Spaghetti nach der anderen wanderte in ihren Mund. Und schon nach der vierten Gabel Spaghetti fühlte sich Tante Käthe pudelwohl.
Zufrieden seufzte sie auf. Und genau in diesem Moment passierte immer etwas Merkwürdiges. Die Nase der Tante wurde tomatenrot und lang und länger. Die Ohren wuchsen und waren bald so groß wie zwei Suppenteller. Ihr Mund wurde breit und breiter. Fast wie bei einem Nilpferd! Die Haare verwandelten sich in Spaghetti, die kreuz und quer gut zwanzig Zentimeter von ihrem Kopf abstanden.
Ja, die Tante blähte sich langsam auf wie ein Luftballon und sah plötzlich wie eine riesige Tomate aus. Ihre Finger wurden so lang und dick, dass die Gabel aus ihrer Hand rutschte und auf den Boden knallte.
Vergnügt stopfte Tante Käthe jetzt mit den Händen die Spaghetti in ihren Mund. Mühelos konnte sie einen ganzen Blumenkohl mit einem einzigen Happen verspeisen. Und je mehr Spaghetti Tante Käthe aß, desto schrecklicher sah sie aus.
Hatte sie normalerweise Schuhgröße 37, so brauchte sie jetzt wahrhaft Größe 108. Zu diesem Zeitpunkt hatte Tante Käthe immer einen Lachanfall, wenn sie dran dachte, was ihre Verwandten und Bekannten jetzt sagen würden. Sie könnte mit ihrem Aussehen in jeder Geisterbahn die Leute zu Tode erschrecken.
Bis auf die allerletzte Nudel wurde die Schüssel geleert. Die Tante leckte auch noch schmatzend den Topf mit der Tomatensoße aus. Dann lehnte sie sich zufrieden zurück und wartete. Sie wartete auf einen Rülpser. Lange musste sie nicht warten!
Sogleich passierte wieder etwas Seltsames. Die Ohren schrumpften und die Nase wurde kleiner. Die Spaghetti auf dem Kopf verschwanden. Finger, Füße und der Körper nahmen wieder ihre alte Gestalt an.
Eines Tages saß Tante Käthe vor ihrem Fernseher und schaute sich eine Spielshow an. Da hatte sie plötzlich die Idee, aus ihrer Monsterverwandlung Geld zu machen. Noch am gleichen Abend schrieb sie an das Fernsehen. Ein Sender war sofort bereit, Tante Käthe in eine Samstagabendsendung einzuladen. Ihre sensationelle Verwandlung in ein Monster sollte alle Zuschauer vor die Bildschirme bringen.
Wochenlang wurde dann für die Show fleißig geprobt. Zuerst saß Tante Käthe an einem blauen Tisch, später an einem roten, gelben, gestreiften und an einem schwarzen Tisch. Zu guter letzt sollte es ein runder, danach wieder ein sechseckiger Tisch sein. Jeden Tag musste die Tante Unmengen von Spaghetti essen und sich zur Freude der Fernsehleute in ein Monster verwandeln.
Der Samstagabend kam und mit ihm Tante Käthes großer Fernsehauftritt. Von vielen Scheinwerfern angestrahlt, saß sie fröhlich vor einem riesigen Topf gefüllt mit ihrer Lieblingsspeise. Der Duft aus dem Topf war köstlich und stieg Tante Käthe würzig in die Nase. Aber wie seltsam, sie hatte absolut keinen Appetit! In ihrem ganzen Leben war das noch nie passiert. Da sie aber nun im Fernsehen war, musste sie essen. Lustlos wickelte sie die Spaghetti auf die Gabel und schob eine nach der anderen in ihren Mund. In den Zuschauerreihen im Saal stieg die Spannung, und alle starrten gebannt auf Tante Käthe. Zu Hause in den Wohnzimmern vor dem Fernseher wagten die Menschen nicht, sich zu rühren. Niemand wollte die Monsterverwandlung verpassen. Aber nichts passierte! Die Tante saß und aß. Aber auch nach vielen Gabeln Spaghetti veränderte sich ihr Aussehen kein bisschen. Nur ihre Gesichtsfarbe wurde grünlich, weil ihr schlecht geworden war.
Nach fünf Minuten wurden die Zuschauer im Saal unruhig. Zehn Minuten später fing ein Pfeifkonzert an. "Wir wollen die Verwandlung, wir wollen das Monster!" schrie das Publikum durcheinander und trampelte mit den Füßen. Die Fernsehzuschauer zu Hause schalteten erbost das Programm um. Mit hochrotem Kopf verschwand Tante Käthe eilig aus dem Studio. Nur der Fernsehdirektor hatte noch ein paar aufmunternde Worte für sie: "Das weiß doch jedes Kind, wenn man zu oft Spaghetti isst, schmecken sie nicht mehr!"
Nun wurde alles getan, um ein neues Lieblingsgericht für Tante Käthe zu finden. Sie wohnte jetzt in einem Hotel, in dem drei Köche die leckersten und besten Speisen für sie kochten. Tante Käthe musste jeden Tag mindestens dreimal zu Mittag und zweimal zu Abend essen. Aber bei keinen Gericht klappte die Verwandlung. Etwas passierte aber doch. Nach und nach verwandelte sich Tante Käthe schon, denn sie wurde dick und dicker. Die Nase wuchs rund wie eine Kartoffel. Mit einem riesigen Doppelkinn und Hamsterbacken war sie grässlich anzusehen. Sie war rund wie eine Regentonne und konnte nur noch watscheln. Kurz gesagt: Tante Käthe hatte sich völlig verändert.
Doch leider klappte es mit der Zurückverwandlung nicht mehr. Da konnte Tante Käthe rülpsen und rülpsen wie sie wollte, sie sah jetzt immer wie ein Monster aus...

Aus: Monster im Büdchen

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