NRW Literatur im Netz

Rudolf Jagusch - Arbeitsproben

JUPP

Dies wird mein letzter Eintrag werden.

Seit ich schreiben kann, habe ich in mal mehr, mal weniger regelmäßigen Abständen meine Tagebücher gepflegt, seit nunmehr zweiundachtzig Jahren. Ich habe sie alle noch. Sie sind jetzt in der Umzugskiste verpackt.

Ich will nicht ins Altenheim! Habe es meinem Sohn, den wir in der unglaublichen Nacht zeugten, als Jupp sterben musste, so oft gesagt. Ich will hier auf meinem Hof bleiben, möchte weiterhin jeden Tag auf die Kirchturmspitzen Monschaus hinunter blicken können, von meiner Bank vor der Haustüre aus, die ich selbst geschreinert habe. Aber er übergeht mich, sagt, es sei zu meinem Besten und sowieso würde das Erbpachtrecht auslaufen. Sind tatsächlich schon so viele Jahre um? Ich könnte es nachschlagen, in meinen Tagebüchern. Ich habe alles notiert. Fast alles. Als Jupp am zwanzigsten Mai neunzehnhundertsechzig starb, schrieb ich nichts in mein Tagebuch, ließ absichtlich eine Lücke, um mich nicht selbst zu belasten. Davor habe ich jetzt keine Angst mehr, möchte meine Seele reinigen, es wird Zeit dafür. Schon Morgen sollen die Bagger anrücken. Sie werden das Skelett finden, dieses Tagebuch, mich und die Wahrheit.

Jupp kam immer öfters vorbei. Zunächst hatte ich nichts dagegen, warum auch? Bis auf seinen fehlenden Schneidezahn im Oberkiefer sah er gut aus, groß, schlank, kantiges Kinn und kräftig wie ein Ochse. Sagte, er hatte von den Clochards in Paris gelernt, gepflegt auszusehen und freundlich sein, dann käme man als Landstreicher besser aus. Sprach sogar mit französischem Akzent, spielte den Mann von Welt, wusste, wie man die Frauen beeindrucken konnte. Anfänglich mochte ich ihn, er half mir sogar hin und wieder beim Melken oder Garben binden. Dafür gab ich ihm ein Mittagessen aus, durfte er in der Scheune übernachten oder ich drückte ihm Käse und Wurst in die Hand als Verpflegung für seine Wanderschaft. Soweit, so gut. Es hätte noch Jahre so weiter gehen können. Doch dann fiel mir auf, wie er immer häufiger um Irmgard herum schlawenzelte und ihr schöne Augen machte. Meiner Frau schien dies zu gefallen. Was konnte ich als Eifler Bauer mit schwieligen Händen und einfacher Schulbildung auch entgegen setzen? Was zählt schon Treue und Fleiß, wenn ein seidiger Kater um die Frau herum streift und ihr wilde Fantasien ins Ohr schnurrt. So dachte ich zumindest. Ich fand sogar den Mut, Irmgard darauf anzusprechen. Du willst dich doch nicht auf eine Stufe mit Jupp setzen wollen, lachte sie mich aus. Sie brachte mich damit noch mehr in Rage. Dass ich sie völlig falsch verstand, kam mir damals gar nicht in den Sinn. Der zwanzigste Mai hat sich bis auf wenige Sekunden in mein Gedächtnis eingebrannt, ein sonniger, heißer Tag. Jupp stand neben mir, seinen Oberkörper entblößt. Immer wenn Irmgard über den Hof schritt, lächelte er ihr zu, spannte dabei seine Muskeln an. Meine Eifersucht wuchs mit jeder Kelle Jauche, die wir aus der Grube holten und in das Fass kippten. In meinen Ohren rauschte es, rote Punkte tanzten mir vor Augen. Nie wieder habe ich solch eine Wut empfunden, die meine Sinne trübte, schließlich meine Hand führte und ihn hinein schubste, ohne dass ich es verhindern konnte. Erst als Jupp in der riesigen Jauchegrube schwamm, an den gemauerten Wänden keinen Halt fand, und ich ihm immer wieder mit der eisernen Kelle auf den Kopf hieb, bis er nicht mehr schrie, nur noch gurgelnde Laute hervor brachte und schließlich still in der trüben Flüssigkeit lag, setzte mein Verstand wieder ein. Irmgard stand erstarrt neben mir, eine Minute, Zwei, Fünf. Erst als ich die Jauchekelle auf den Boden warf und ihr reumütig mitteilte, dass ich zur Polizei gehen würde, rührte sie sich wieder. Warum hast du das getan, fragte sie, und schaute mich ohne Hass oder Ekel an. Weil ich dich liebe, antwortete ich verwirrt, senkte dann verlegen den Kopf. Ich erwartete eine Standpauke, einen Aufschrei der Entrüstung, ihre wütenden Fausthiebe, doch nichts Derartiges geschah. Du verrückter Kerl, sagte Sie stattdessen mit ruhiger Stimme, ich habe dir doch gesagt, dass du dich nicht mit dem vergleichen musst. Sie deutete auf Jupp, der mit glasigen Augen zu uns herauf starrte. Dann fragte Irmgard, ob wir noch den Zement hätten, den ich für den Anbau des Stalles eingelagert hatte. Ich sah sie verdattert an, nickte stumm. Dann lass uns anfangen, sagte sie, ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Nie wieder hatte Sie begehrenswerter ausgesehen, wie in diesem Moment. Wir schöpften die Grube leer, legten Jupp trocken. Dann rührten wir den Zement an, eine Karre nach der anderen deckte Jupp ein, bis nichts mehr heraus ragte. Wir schufteten die Nacht durch, ließen die Kühe an diesem Abend ungemolken. Erst kurz vor Morgengrauen fielen wir total übermüdet, aber zu aufgekratzt, um Schlafen zu können, ins Bett. Erhitzt von der anstrengenden Arbeit umklammerten wir uns, streichelten uns über die verschwitzte Haut, liebkosten uns mit rissigen Lippen, zeugten schließlich meinen Sohn. Glücklich und ohne ein schlechtes Gewissen schlief ich schließlich ein.

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