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Kerstin Kempker - Arbeitsproben

Aus: UND ABENDS AUF DEM ENTENSTRICH. VERLORENSUCHE ZU LAND UND ZU WASSER (Prolog)

Die Schonzeit ist vorbei

Wie wäre das schön, zurück in die Schonzeit, wo Herzen noch tropfweise bluten. Nun schlagen wir für einen neuen Feind und gegen den Wirt, denn der Frischling wächst heran zum Überläufer, es gibt kein Zurück.
Erst keine Entscheidung und dann, wer gibt ihn, ein Schwung. Er treibt dich hinein. Kein Unterwanderer, Hinterbringer, kein Anleger sein. Aus dem Überstehen übergehen in den Lauf und über den Lauf dann spüren, dass du es bist, ein Überläufer.
Dieses Zuviel und seine Brüder, die Überträger und Überspringer, ist unbedacht. Im Regen nicht stehen, aber laufen, die Schonzeit abgeschafft, die Ruhe abgeschafft.
Laus über Leber, die Galle läuft mit, herzüber ins Volle und laufend, am laufenden Band Glitzerherzen, Blinkerherzen, Puckerherzen und Puderzucker. Im Laufen schlagen sie, überschlagen sich, mich – das muss ich mal überschlagen, ob sich das lohnt und was dabei rausspringt –, Herzüberschlag und Umschwung, die Extrasystole.
Jedes Mal beginne ich neu zu zählen, bei Null, wo sonst. Arhythmie, das ist normal, heißt es; aber es läuft mir davon, springt mir, ein Tier, aus dem Hals. Mein müder Muskel, ich brauche dich noch. Bleib hier in deinem Kämmerlein, gib Ruh, schau zu, dass Ruhe wird. Jetzt aber, still.
Über das Laufen unterlaufen mir Fehler, blutige Kardinalfehler fitschen durchs Netz, nicht zu greifen, kaum zu sehen, so flink. Über den Unter- und unter den Überläufern laufe ich, Ü-U, Ü-U, das ist das Herz, der Herzalarm, den hört doch keiner. Über, unter, vor und hinter mir gilt nicht, ich komme. Ich kriege euch, alle.
Weil mir die Augen übergehen, das ist die Gier, das Fieber der Jagd. Heute hole ich mir eure kleinen puckernden Herzen. Ich rieche euch, Eisen. Höre euch Sauerstoff schnappen, diesmal noch und dann, ist es endlich still.
Die Schonzeit ist vorbei, und weil wir, längst keine Frischlinge mehr, nichts zu verlieren haben, schöpfen wir aus dem Vollen. Aus allen Wolken fallen wir und fluten Wiesen, Schafe und Dörfer. In reißendem Strom über die Ufer sprudeln und springen wir aus allen Mündern und münden schließlich im Meer. Schlagen uns neue Ufer, der Puls der Zeit ist altes Rot. Kein Grün mehr, kein Acker bleibt liegen, die Flüsse verlassen ihr Bett. Wir sind der Überfall, jagen unsere Jäger in sinnlose Flucht, ersäufen ihr Seufzen, fluten die Flinten. Nichts trifft mehr ins Schwarze, weil nichts mehr schwarz ist, sind wir erst überall.
Schlachtwarme Springflut, da ist kein Stocken, kein Innehalten, erst recht keine Grenze, nichts Festes. Wer auf die Bäume flieht, soll fliegen lernen oder sich bald ans Ersaufen machen. Wir sind schon da. Es sind nicht die Engel, die backen. Überlaufende Herzen, vom Himmel kopiert, schwappen über die Ränder der Meereswannen und haben längst die Berge umzingelt. Die schmelzen dahin. Ihr lieben Kleinen, ehemals Großen – ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, wer zu wissen begann, ach, aber ungeborgen und hier –, ganz warm wird euch im Vergehen.
Die Schonzeit ist vorbei. Schlag still, wir brechen herein, die Pegel steigen und steigen. Es gibt kein Zurück, keine Pause; keine Form, in die ich mich fügen, an die ich mich schmiegen kann.
Wenn wir erst überall sind, wächst dieses Sehnen nach einem Berg, der mich aufhält, in den ich mit meinen Zähnen die Daten schlage, das A und das O. Langsamer werden im Sturz, Schlussläufer sein, abgelaufen über die Zeit, davon träume ich dann und davon, als es noch Schwarz gab und Dörfer.
Da hatten die Herzen Kammern und Klappen, die sie verschlossen. Vorhöfe flimmerten da, und an einer Sekunde, einer Schrecksekunde entlang war es einmal ganz still.

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