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Rolf Stolz - Arbeitsproben

Nie mehr Mann

Was einem als Frau so passieren kann, das geht auf keine Vorhaut. Falls die Männer wirklich irgend etwas mit uns gemein haben (sie haben nur ihre Gemeinheiten mit uns gemein, möchte man sagen, aber das ist natürlich Quatsch), falls sie was mit uns gemein haben, sage ich, dann ist es nicht viel, nicht viel mehr als die Geißeltierchen und der Ohrenkneifer auch für sich beanspruchen können. Falls die Männer Menschen sein sollten, wie immer behauptet wird, dann sind sie eine andere Sorte Mensch, ein toter morscher Ast aus der Vorgeschichte der Menschheit, aus der Zoonose. Mit einem der totesten Vögel aus dieser Prähistorie, mit dem Prototypen einer der vernageltsten Abwegsackgassen des Hominidenstammbaums machte ich in diesem Frühjahr Bekanntschaft, keine ganz folgenlose, wie man gleich erfahren wird.

Es kam, wie es kommen mußte, und es kam so: Ich hatte nach zwei gescheiterten Beinahe-Ehen schlußendlich den schweren Entschluß gefaßt, mich doch noch zu verehelichen und dazu über gezielte Inseratenwerbung nach geeigneten Kandidaten Ausschau zu halten. Neben zwei Studienräten, die auf meiner Liste ganz nach vorn rückten, an den Kopf, Kopf hinhalten und ab damit, also gleich ausgesondert wurden, handelte es sich um einen Selbständigen, der sich bei unserem ersten Treffen in den ersten fünf Minuten als äußerst unselbständig und ausgesprochen arbeitslos entpuppte, ferner um einen gerade bankrott gegangenen Pferdemetzger und um ein Wesen, das sich in seinem Bewerbungsbrief als komplett berufslos hingestellt, aber diffuses Zeug verbreitet hatte, nur der eigenen Berufung zu folgen. Die Berufung stellte sich schon bald als Selbsternennung heraus, denn der Mann war nebenbei und zuallererst Schriftsteller, aber einer von jener Variante, die von wenigen gekannt und von niemandem gelesen werden. Also jemand, der immer auf den Ruf wartet oder darauf, daß ihm die Muse die Füße küßt, aber die bläst ihm was und gerufen wird er allenfalls vom Fernsehen, wenn sie wieder eine Folge abdrehen aus den Serien "Backenblähen für Fortgeschrittene" und "Hohe Schule der Hungerkunst", aber wer kann davon leben und welche Frau schafft es, davon genug beiseite zu schaffen? Keine. Also sortierte ich ihn stehenden Fußes aus, aber weil außer den zwei Beamten und den zwei verkrachten Existenzen niemand sonst den Hut in den Ring warf, kam er durch die Hintertür wieder ins Rennen und zog an dem abgewirtschafteten Roßschlächter und dem mangels Probe aufs Exempel nicht einmal als gescheitert zu bezeichnenden Daueralimentierten vorbei und übernahm die Führung des Bewerberfeldes, wurde schließlich dadurch ausgezeichnet und gekrönt, daß er von mir eine Einladung zu Kaffee und selbstgebackenem Pflaumenkuchen erhielt. Da wußte ich schon aus einem Telefongespräch mit ihm, daß er vor einigen Wochen selbst inseriert und als einzige Zuschrift eine Werbedrucksache einer garantiert kostenfreien Partneragentur erhalten hatte, die lediglich einen bescheidenen Semester-Unkostenbeitrag von 820 Euro erheben wollte. Ich selbst hatte damals seinen Text gelesen und mich darüber schier beeiert: "Schriftsteller (Schriftsteller fettgedruckt, um gleich maximal abzuschrecken) sucht seine Muse für die schönen Stunden und die Höhenflüge des Alltags unter Chiffre AB 1825". Aber was macht man, wenn einem eben nur ein blindes Huhn ins Netz geht, dann muß das eben daran glauben und wenn es aus Pappe ist, dann wird es eben bunt angemalt und umtanzt.

Also hatte ich nicht nur die Aufgabe, einen Kuchen für einen Liebesbewerber zu backen, sondern mir auch noch einen ebensolchen zurechtzubacken und schönzumalen aus einer denkbar ungeeigneten Vorlage. Aber ich war wild und fanatisch entschlossen, mich nicht aus der Bahn und vom Hocker werfen zu lassen, ich wollte meinen Mann und ich war sicher, daß ich ihn kriegen und schon hinkriegen würde. Allerdings, als er an jenem schwarzen Samstag vor der Tür stand, hätte ich fast noch die Notbremse gezogen und nicht geöffnet.

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