NRW Literatur im Netz

Herbert Somplatzki - Arbeitsproben

SCHÖNE BLAUE KUGEL

Rolle uns weiter
Um die Glut der wärmenden Sonne
Halte uns weiter umfangen
Mit deiner schützenden Hülle aus Atem und Licht

Schöne blaue Kugel
Trage uns weiter auf deiner Haut
Lasse uns weiterhin wohnen
An felsigen Hängen der Schneegebirge
Im saftigen Grün der Tiefebenen
Und an den Zittergrenzen deiner Meere

Schöne blaue Kugel
Du bist der Lockruf des Seidenreihers im Frühdunst
Der Schleimpfad der Schnecke zwischen
Hyazynthenblüten
Das Sandhirn der Computer
Du bist der Tautropfen im Netz der Spinne
Raubtierschrei im Dickicht des Dschungels
Glasfaserkabel und Tropfsteinhöhle
Bist Salz und Honig
Ölfeld und Goldader
Und die Tiefseestimme der Delphine
Du bist die Lava der Vulkane
Das Mäandern der Flüsse
Die Stille im Herzen des Taifuns
Du bist Herzschrittmacher und Dynamit
Laserstrahl und Blütenstaub
Bist Regenbogen und Kinderlachen

Schöne blaue Kugel
Du gibst uns den Raum
Zum Weinen und Denken
Zum Hassen und Streicheln
Und zum Uberleben
Auf jener Traumschneise
Zwischen Vaterland und Muttererde

Schöne blaue Kugel

Aus: SCHREIBEN IN DIE METROPOLE RUHR

Scheinwerfer an:

Literatur entlang der Ruhr

1

Der vor fünfunddreißig Jahren, 1974, im Wuppertaler Peter Hammer Verlag
erschienene Band Sie schreiben zwischen Moers & Hamm war der erste
Versuch, die in der Nachkriegszeit im Ruhrgebiet entstandene Literatur zu
dokumentieren. Zu den Autoren, die sich in der damaligen Zeit einen Namen
gemacht hatten, zählten u. a. Josef Büscher, Max von der Grün, Ernst Meister,
Liselotte Rauner, Josef Reding, Erwin Sylvanus und Werner Warsinsky.
Abgesehen von Josef Reding, der 2009 in seiner Heimatstadt Dortmund seinen
80. Geburtstag begehen konnte und in einer langen Schaffenszeit vor allem der
Kurzgeschichte neue Impulse vermittelt hat, sind die Genannten inzwischen
verstorben. Eine Generation, die nicht nur die Literatur in der Nachkriegszeit im
Ruhrgebiet geprägt hat, sondern weit darüber hinaus national und international
Anerkennung erreichen konnte, wenn man das Werk von Ernst Meister und Max
von der Grün als Maßstab nimmt.

Zwei umfangreiche Werke, die inhaltlich und stilistisch gar nicht
unterschiedlicher sein könnten. Während Ernst Meister, wenige Tage nach
seinem Tod 1979 posthum mit dem bedeutendsten deutschen Literaturpreis, dem
Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet, einen metaphernreichen, lyrisch-
philosophischen Kosmos hinterließ, ging Max von der Grün in den 70er und
80er Jahren als „Chronist seiner Zeit“, oft bei Politikern, Gewerkschaftern und
Literaturpäpsten aneckend, den politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen
hierzulande in realistischer Sprache nach.

Auf Vorschlag von Gottfried Benn erhielt Werner Warsinsky 1953 für den
Roman Kimmerische Fahrt den Europäischen Literaturpreis in Genf. Das Stück
Korczak und die Kinder von Erwin Sylvanus, 1957 uraufgeführt, wurde in 11
Sprachen übersetzt, in 16 Ländern in mehr als 100 Bühneninszenierungen
gespielt und in 8 Fernsehinszenierungen gesendet. Die Bochumer Lyrikerin
Liselotte Rauner erhielt für ihr gesellschaftlich engagiertes Werk (u. a. Kein
Grund zur Sorge, 1985) als erste Preisträgerin 1986 den Literaturpreis Ruhr.

2

Zweifellos haben einige Zusammenschlüsse entscheidend dazu beigetragen, dass
sich die Literaturszene zwischen Moers und Hamm nach den hymnisch
gestimmten Intentionen des Ruhrlandkreises um Otto Wohlgemuth in den 20er
Jahren und nach der ideologisch einseitig ausgerichteten Nazizeit thematisch er-
weitern konnte: politisch, gesellschaftlich, sozial. Zu nennen sind die
Dortmunder Gruppe 61, die Literarische Werkstatt Gelsenkirchen und der
Werkkreis Literatur der Arbeitswelt mit den Schwerpunkten im Ruhrgebiet, die
ihre Wege und Ziele in zahlreichen Veröffentlichungen dokumentierten. Einige
Beispiele: Aus der Welt der Arbeit (1966), Revier heute (1971), Für eine andere
Deutschstunde (1972). Nicht zu vergessen sind die mehr als fünfzig vom
Werkkreis Literatur der Arbeitswelt initiierten Einzelveröffentlichungen, die in
den 70er und 80er Jahren im renommierten Frankfurter S. Fischer Verlag
erschienen sind.
Aber das alles ist Vergangenheit, zählt in einer schnelllebigen Zeit bereits zur
Literaturgeschichte, soweit die Werke dieser Autoren ihre Spuren hinterlassen
konnten.

Aber wie stellt sich die literarische Gegenwart zwischen Moers und Hamm dar?
Wo liegen ihre Schwerpunkte? Hat sie im Vergleich mit dem vergangenen
Jahrhundert an stilistischer und thematischer Vielseitigkeit zugenommen? Ist sie
professioneller geworden?

Auf diese Fragen versucht der vorliegende Band eine Antwort zu finden.

3

Zunächst: Um Mitarbeit wurden Autorinnen und Autoren gebeten, die nach
1945 geboren worden sind (Nachkriegsgeneration) und in den letzten dreißig
Jahren über die Jahrtausendwende hinaus bemerkenswerte Veröffentlichungen
vorgelegt haben. Der zeitliche Schnitt, er mag umstritten sein, sollte so etwas
wie eine periodische Einheitlichkeit erreichen, obwohl nach wie vor Vertreter
der „älteren Generation“ die Literaturszene hierzulande mitgestalten, zum
Beispiel Josef Reding und Wolfgang Körner in Dortmund, Heide Rieck, Rainer
Küster und Friedrich Grotjahn in Bochum, Sigrid Kruse und Elke Oertgen-
Twiehaus in Duisburg, Thomas Rother und Jürgen Lodemann in Essen, Günter
Westerhoff in Mülheim, Kurt Küther und Ilse Kibgis in Gelsenkirchen, Inge
Methfessel und Helmut Spiegel in Witten.

Der Titel Schreiben in der Metropole Ruhr weist auf das hoffentlich politische,
gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Zusammenwachsen der Städte
von Moers bis Hamm hin, wie es sich in einem ersten Anlauf in der
Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 zukunftweisend darstellt, an der sich
immerhin 52 Städte beteiligen.

4

Die Gedichte, Erzählungen, Skizzen, Roman- und Dramenauszüge des vor-
liegenden Bandes machen erneut deutlich, dass es keine typische Ruhrgebiets-
Literatur gibt, obwohl Motive „vor Ort“ (u. a. Strukturwandel) gelegentlich zu
erkennen sind, wie zum Beispiel in den Geschichten von Werner Streletz, Frank
Goosen und Heinrich Peuckmann. Es gibt nur schlechte und gute, interessante
und langweilige Literatur, thematisch und stilistisch, was immer das auch sein
mag. Auffallend ist, dass Themen wie „Arbeitswelt“, „Emanzipation“,
„Integration“ im Vergleich mit dem Vorgängerband nach dem Ende von Kohle
und Stahl im Ruhrgebiet kaum noch eine Rolle spielen. Dagegen hat die
Kriminalliteratur (u. a. Reinhard Jahn, Reinhard Junge, Jörg Juretzka, Gabriella
Wollenhaupt eine prägende Rolle übernommen, mit Krimis, die
gesellschaftliche und politische Fragen, oft im Ruhrgebiet angesiedelt,
thematisieren.

5

Inhaltlich und stilistisch ist wie im Vorgängerband die in den letzten dreißig
Jahren im Ruhrgebiet entstandene Literatur höchst unterschiedlich. Da gibt es
surreale und esoterisch verschlossene Sprachbilder, vor allem in der Lyrik (u. a.
Marion Gay, Greta Granderath, Ulrike Migdal), die bis hin zum Poetry Slam
unverbrauchte Wortbilder erkundet (u. a. Sebastian Rabsahl, Jürgen Wiersch).
Da gibt es Märchenmotive, die in die Gegenwart verlagert werden (u. a. Joachim
Friedrich), Begegnungen und Erlebnisse in fremden Ländern (u. a. Bernd
Kebelmann), historische Ereignisse (u. a. Birgit Fiolka) und Schulerinnerungen
(u. a. Josef Krug). Agitprop-Texte, die angesichts der Fabrik- und
Zechenstilllegungen in den 70er und 80er Jahren im Ruhrgebiet vor den
Werkstoren zu hören waren, fehlen gänzlich.

Eine neue Sachlichkeit des Erzählens ist bemerkbar, die menschliche
Psychogramme einschließt. (u. a. Mischa Bach, Monika Buschey, Gerd Riese).
Daneben gibt es sprachlich höchst verdichtete Momentaufnahmen, die
alltägliche Begebenheiten gekonnt in den Blick nehmen (Ralf Thenior). Bereits
bemerkenswert erfolgreiche Jungtalente (Leonie Viola Thöne, Jahrgang 1990,

Greta Granderath, Jahrgang 1985) stehen neben bewährten Schreibern
(Hans-Martin Große-Oetringhaus, Wolfgang Welt), die ihre Bücher in
renommierten Verlagen bis hin zum Frankfurter Suhrkamp Verlag
veröffentlichen konnten. Dass die Satire in diesem Band ebenfalls vertreten ist,
soll nicht unerwähnt bleiben (Achim Hahn, Matthias Schamp)

6

Der alphabetisch nach Autorennamen zusammengestellte Band will als bio-
bibliografisches Nachschlagewerk vor allem sachlich informieren, will Daten
und Fakten der in den letzten drei Jahrzehnten entlang der Ruhr und Emscher
veröffentlichten Literatur dokumentieren. Dabei werden keine Stile, Inhalte oder
literarische Gruppierungen bevorzugt. Zu einer möglichst objektiven
Bestandsaufnahme bedarf es einer gewissen Leidenschaftslosigkeit der
Chronisten.

Die Übersicht macht deutlich, dass von der Anzahl der Autorinnen und Autoren
her gesehen die Schwerpunkte literarischer Arbeit im Ruhrgebiet in Bochum
(11), Dortmund (9), Gelsenkirchen (4) und Essen (3) liegen. Noch etwas zur
Statistik: Im Band sind 17Autorinnen und 31 Autoren aus 19 Städten vertreten.

Zwei wesentliche Stimmen im Chor der Gegenwartsliteratur fehlen in diesem
Band. Ralf Rothmann lebt seit Jahren in Berlin, Michael Klaus ist 2008 in
Gelsenkirchen verstorben. Noch wenige Wochen vor seinem Tod hatte er
signalisiert, an diesem Buch mitarbeiten zu wollen. Mit seiner letzten
Veröffentlichung Totenvogel, Liebeslied (2006), die selbstironisch, komisch,
bewegend erzählte Geschichte seines Krebsmarathons, hat er einen bedeutenden
Beitrag zur Gegenwartsliteratur geleistet.

7

Sprache und Literatur sind mehr als eine Zusammensetzung von Worten,
vielleicht macht das der Band Schreiben in der Metropole Ruhr anschaulich.
Dass der Stellenwert der Literatur als Kulturgut in den letzten Jahrzehnten aufs
Ganze gesehen zwischen Moers und Hamm an Bedeutung zugenommen hat, ist
nicht zuletzt den Literaturbüros in Unna und Gladbeck zu verdanken. Beide
Einrichtungen kümmern sich mit Erfolg um die Förderung und Fortbildung von
Autoren. Das Literaturbüro in Unna hat seinen Arbeitsschwerpunkt in der
Literatur-Datenbank NRW, in den Ferien-Workshops für den literarischen Nachwuchs,
in der lnformationszeitschrift „Lit.Form“ und in dem Großprojekt „Mord am Hellweg“.
Das Literaturbüro in Gladbeck betreut seit mehr als zwanzig Jahren den inzwischen
sehr beachteten Literaturpreis Ruhr und macht sich für die Verbesserung der
literarischen Infrastruktur stark bis hin zur Gründung eines Literaturhauses
europäischen Zuschnitts. Diese Aktivitäten haben sicherlich dazu beigetragen. dass
die germanistischen Institute der Universitäten im Ruhrgebiet ihre etwas zögerliche
Haltung dieser Literatur gegenüber aufgegeben haben und sich zunehmend mit ihr
beschäftigen.

8

Bochum, ein Ort, an dem aufgrund der vielseitigen literarischen Aktivitäten von
einer Stadt des Wortes gesprochen wird. Das Buch im Bochumer Stadtwappen
ist hierorts wohl so etwas wie eine Verpflichtung, in besonderer Weise die
Literatur zu fördern. Immerhin kann Bochum auf eine nicht geringe literarische
Tradition zurückblicken. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schrieb hier
der Bergarzt und Ratsherr Dr. Carl Arnold Kortum die Jobsiade, ein komisches
Heldengedicht, in grotesker Reimtechnik die Kandidatenliteratur seiner Zeit
verspottend. Hundert Jahre später erschienen in der Deutschen Berg- und
Hüttenarbeiterzeitung die streitbaren, politisch engagierten Gedichte von
Heinrich Kämpchen. Literatur in Aktion, für den Arbeiteralltag geschrieben,
ermunternde Aufrufe u. a. für den großen Streik 1889. Kämpchen gilt heute als
der erste deutsche Arbeiterdichter.

9

Mit der von der Liselotte und Walter Rauner-Stiftung Bochum und der Stadt
Bochum ideell und finanziell geförderten Dokumentation Schreiben in der
Metropole Ruhr wird beabsichtigt, einen nachhaltigen Beitrag zur
Kulturhauptstadt Ruhr.2010 vorzulegen.

Die Herausgeber bedanken sich bei den beteiligten Autorinnen und Autoren für
die kollegiale Zusammenarbeit.

Herausgeber und Verlag hoffen, dass dieses Nachschlagewerk Schülern,
Studenten, Lehrern, Literaturwissenschaftlern, Literaturkritikern, Journalisten,
Lektoren, Buchhändlern, Bibliothekaren und Literaturfreunden (nicht nur im
Ruhrgebiet) wichtige, interessante Informationen vermitteln wird. Vielleicht
erweist sich der Band als „Longseller“, der von Zeit zu Zeit auf den neusten
Stand gebracht werden muss.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.