NRW Literatur im Netz

Christoph Wenzel - Arbeitsproben

fièvre marrakechien

in den souks wird gefeilscht: um den rotwert
der stadt (deklinationen der sonne), die uhrzeit,
zu der am morgen ein hahn nach dir kräht, die länge
der schatten und die höhe des fiebers; am abend,
heißt es, steigen die preise, die temperaturen sinken
zum teil beträchtlich, empfindlich ist dein schlaf
zwischen traum und traum die stimmen der sänger
vom turm fühlst du nachts den schnee auf dem rücken
des atlas', das feuer der garküchen, das steigen
und fallen der quecksilbersäule nach den flötentönen
der schlangenbeschwörer

SCHRAUBEN IM SCHLAF

SCHRAUBEN IM SCHLAF windet sich
das geräusch eines helikopters oder:
wie wir zunächst vermuten die rotorsense
eines rasenmähers aus der nachbarschaft
in die unterbrochenen

bilder von schwebeflug und such-
scheinwerfern die hinter den rollos
ihr licht in die wiesen drucken
vom nahen bahnhof pressen die sirenen
ihr warnsignal für gleisarbeiter auf
die schienen: zugluft und durchfahrt
es rauscht der funkrufname chris-

toph hängt zerschnitten über den
köpfen und reißt uns alarmiert aus
den schläfen dem drehmoment schlaf:
eine fahndung im restlicht ein schrauben
im wecker nur eine unruh und
wir erwachen verdächtig
sind flüchtig oder: vermisst

Aus: tagebrüche. Gedichte. yedermann, 2010.

STUBENHOCKER

STUBENHOCKER zu hause
ist das wetter immer
gut ins zimmer springt mutters
stimme zur treppe herauf und
vaters mahnung früher
habe man draußen immer räuber
und gendarme gespielt bei wind
und wasser unterm himmel scheint
die sonne in der stube zu hocken
und verfolgt die kinder im versteck
hinter den fenstern: spielt im garten

der blick mit dem anschlagen der
jungen über grundstücksgrenzen hinweg:
abgehörte korrespondenzen vom bolzplatz
prellen die stimmen dem ball hinterher
und prallen im spielzimmer ab
wo die hosen nicht naß die füße
nicht kalt werden wenn es draußen
mal regnet oder schreit

Aus: tagebrüche. Gedichte. yedermann, 2010.

im MÜNZFERNROHR: vom utkiek die landschaft
gegen bezahlung – der luftdruck in bar
gemessen am ort eine leicht neblige
teleologie richtung kimm – an dieser stelle ist das meer
ein klischee das dich immer noch anrührt:

ein ostfriesischer komplex und konkav
die schale hell die himmel weich über dem eichstrich
deich – deine suche nach einem nord-
wort schlechthin unter hochdruck-
gebieten die die sprache hier unterbricht:

platdüütsk flachland ein karges geräusch
aus dem off: ringt ein klingelton
mit den wellen um schall & rauschen das reißt
dir die fernsicht für einen augenblick
aus der pupille drehen sich die zeiger
um die sonne hinter deine bilder
von brandung und brennweiten schiebt sich
die schwarze blende das lid nach ablauf der phase
wieder vor die landschaft und wechselt
das kleingeld zwischen den fingern schnell

in den münzschlitz noch kurz bevor ein blaues
ein meer verschwindet aus den augen aus: dem sinn

Aus: tagebrüche. Gedichte. yedermann, 2010.

IM SPIEL

die bewegung von klappen
und tasten
zunächst: luftstrom und anschlag
dann die leerstelle zwischen erregung und klang

in erwartung des tons
nähen die blicke den musiker
ans instrument: finger
und mund im spiel

mit dem körper

Aus: zeit aus der karte

IM TIEFSCHLAF

liegt der letzte tag in bildern wach
diese nachsendung: eine montage aus ungereimten

ein wirres protokoll des ungefährdeten wovon du erzählst
und ein begriff von gestern liegt dir noch auf der zunge

im erwachen atmest du tief ein und schnappst
mit den ersten augen schon nach licht

im verdunkelten zimmer durch die tür
hörst du die stammen zum vortrag reden:

ein kopiertes gespräch auf du und du in falschen zitaten
im strecken stemmst du die arme vergeblich gegen deinen schlummer

und während noch mal nacht wird über geistes gegenwart
schläfst du im licht mit mir

eine geschätzte stunde etwa wieder ein

Aus: zeit aus der karte

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