NRW Literatur im Netz

Gregor Schell - Arbeitsproben

EIN LEBEN

Wolltest perfekt sein
Der große Künstler
Deine Bilder sollten gelobt werden
Keiner sollte so schön Klavier spielen wie du
Doch Vater war nie zufrieden uns sagte immer
Dass Du es besser machen kannst
Wenn Du dir nur richtig Mühe gibst und ganz frei
Und ein richtiger Künstler wirst
Du bemühtest Dich ein richtiger Künstler zu werden
Machtest alles anders als die Anderen und
Wolltest ganz Besonders sein
Doch immer noch waren die anderen nicht zufrieden
Du gingst vom Gymnasium auf die Realschule
Hattest keine Lust mehr und der Vetter brachte Dir bei
Wie man auf der Treppe der Kunsthalle sitzt und
Haschisch raucht und etwas ganz Besonderes ist
Das war dann auch nicht richtig und ich fand nie heraus
Ob es Dich noch störte oder schon gar nicht mehr
Vom Kokain und von der Kindheit wurdest Du krank
Und wolltest immer wieder nicht mehr leben – monatelang
Und als ich gesehen habe, dass Du wieder lachen kannst
Brachtest Du Dich um.

Aus: Im Einhandsegler auf dem Styx, Willebadessen, 2005

DAS GEBURTSTAGSFEST IM LOGENHAUS

Dr. Felix Steinfeld freut sich. ‚Dass so viele Gäste zu meinem Geburtstag kommen, nun ja, wenn man 83 geworden ist– das ist auch etwas Besonderes. Wann kommen denn endlich Poucette und Erwin, sie müssen doch wissen, dass ich morgens meine Frau erwarte, dass sie nicht jetzt mittags meine Frau vorbeibringen können. War ja auch schlimm in Hamburg, als Laure krank wurde und ich Tag und Nacht an ihrem Bett saß. Ich war ja so müde, konnte mich nicht mehr wach halten. Aber warum ich so lange geschlafen habe und in Düsseldorf aufgewacht bin, ist mir noch immer unerklärlich.’
"Rosemarie, wann kommen sie denn endlich?"
"Ach Vater, hast du denn schon den Oberbürgermeister a.D. begrüßt, du musst unbedingt hingehen, er ist extra wegen Dir gekommen!"
Das ganze Erdgeschoss des alten Hauses ist voller Menschen in dunkler Kleidung. Alle wollen Dr. Felix Steinfeld die Hand geben. Erst beim letzten Gast versteht er die Worte "Mein aufrichtiges Beileid, Herr Landrat, jetzt werden Sie es sicher nicht leicht haben."
Aber er verstand immer noch nicht, dass sein Geburtstag und die Totenfeier seiner Frau gleichzeitig gefeiert wurden. Ganz ohne ihn hatten sie sie zu Grabe getragen.

Es wäre wohl besser gewesen, ihm in ihrer letzten Nacht in Hamburg nicht ganz so viele Schlaftabletten zu geben – 10 Minuten vor ihrem Tod – 10 Minuten von drei Tagen und Nächten, die er an ihrem Bett wachte und ihr die Hand hielt.
Sein Leben lang irrte er nachts umher auf der Suche nach seiner Frau.

Aus: Im Einhandsegler auf dem Styx, Willebadessen, 2005

IMMER WEITER

Unter ihrem Schutzschild
sehe ich Liebe wachsen
und an Dich denken
immer mehr und mehr
und mit den Jahren
werden Flüche vergessen
und schlagen zurück
doch die Liebe geht weiter
schlägt neue Wurzeln in die Erde
und wächst und gedeiht

Aus: Immer mehr, Willebadessen, 2005

NUR ZUFÄLLIG!

Augenblicke kurz
berührte sie mich – wie zufällig.
Ich hätte am liebsten die Augen
geschlossen, zuckte zurück.
Ich konnte und durfte
diesen Augenblick nicht genießen.
Musste mich auf meinen Verstand verlassen.
Voll Sehnsucht träumte ich,
dass doch etwas Richtiges gewesen wäre,
aber es waren immer nur
zufällige Begegnungen.
Berauschend der Gedanke, was hätte sein können;
doch jetzt ist es zu spät.

Aus: Es kann doch kein Zufall sein, Willebadessen, 1990

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