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Prof. Dr. Georg Feil - Arbeitsproben

Aus: TODSICHER

"Was ist das?" Marie deutete auf das Getränk, das vor Grosser stand.
"Cola und Fernet." Im Lauf der letzten Stunde hatte sich das Mischungsverhältnis zugunsten des Fernets verändert.
"Fernet mit einem Tropfen Cola, was?" Marie lächelte. Dabei straffte sich die Haut über ihren Backenknochen und ließ die Augen eine Spur kleiner erscheinen, schmaler. An den Rändern liefen sie mandelförmig aus. Grosser gab sich keine Mühe, sie nicht anzustarren. Und ihr schien es nichts auszumachen. "Was machst du, wenn du nicht literweise Fernet säufst?"
"Das ist schwer zu erklären", wich Grosser aus. Er hasste es, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen und "Rennen fahren" zu sagen. Er fürchtete, das es aufgesetzt klang, angeberisch. Jetzt aber sagte er. "Rennen fahren. Gestern habe ich meinen ersten Grand Prix auf einer 500-er durch gestanden und bin oberdrein auf den 12. Platz gekommen."
"Ist das gut?" Marie schien nicht die geringste Ahnung zu haben, wie gut das war.
"Sehr gut."
"Dann bist du jetzt happy, oder?"
"Ja."
Sie nahm sein Gals und nippte. "Ist dir klar, dass da keine Cola mehr drin ist?"
"Klar nicht, aber ich hätt's mir denken können." Er sah auf die Uhr, es war schon nach zwei. Um diese Zeit trank er sowieso nur noch Fernet - wenn er überhaupt trank.
Marien schien ein Stück wegzurücken.
"Ich mag das Zeug nicht."
"Aber tanzen?"
"Ja. Und Liebe."
Grosser blieb fast die Luft weg. Sack und Asche! Was sollte er jetzt bloß sagen. "Sag gar nichts," meinte Marie und lächelte. "Ich hab's nur so dahingesagt, sollte nichts heißen."

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