NRW Literatur im Netz

Susanne Konrad - Arbeitsproben

EINE JUNGE AUTORIN

Sie hat keine Angst vor dem Schreiben. Sie sagt, wenn ich an einem Tag zwei Stunden schreibe, brauche ich den ganzen Tag für mich. Kein anderer Beruf kann das Schreiben ersetzen. Die Angst, mit Arbeit zugehäuft zu werden und nicht mehr schreiben zu können, ist größer als die Angst vor dem stillen Tag. Wenn sie die Augen aufmacht, sieht sie die Zimmerdecke und der Tag fängt ganz leise an zu ticken. In den Bettdecken liegt noch der Balsam einer ruhigen Nacht. Dann sitzt sie am Frühstückstisch. Das Teewasser brodelt. Ein Sonnenstrahl dringt durch das Fensterchen an der östlichen Seite. Es ist ihr Tag. Sie isst das Brot langsam. Den ersten Bissen schmeckt sie, den nächsten vergisst sie. Eine schöpferische Kraft bewegt sich hinter ihrem Brustbein und die Energien strömen aufwärts. Erste Wörter und halbe Sätze formen sich zu einem möglichen Gedicht. Noch schreibt sie nicht. Sie geht erst durch die Straßen und erreicht den Park. Das ist der Vormittag. Einige Studenten liegen schon auf den Wiesen, und einige Ältere. Die Greise sitzen auf den Bänken. Die junge Schriftstellerin setzt sich zu ihnen. Sie lehnt sich zurück und schließt die Augen. Nein, sie muss die Krümel nicht sehen, die den Spatzen zugeworfen werden. Sie muss nicht sprechen. Gedichtsplitter reihen sich aneinander und formen sich um. Die Einsamkeit ist nur ein durchsichtiger Faden, der unter den Zehennägeln mit einer Nadel eingestochen wird und langsam den Körper emporwächst. Das Gedicht schnürt die Brust zu und blockiert den Weg. Der Tag ist still. Am Abend schreibt die junge Schriftstellerin ihren Text, dann steht sie noch am Fenster Richtung Süden und schaut in die Nacht.

Die junge Autorin war schon erwachsen, als sie mit dem Schreiben begonnen hatte. Schreiben hatte ihr zwar immer etwas bedeutet, aber es war noch nicht der Weg gewesen, den sie verfolgte. Sie lebte in einem Land, in dem die politischen Verhältnisse schwierig waren und dachte daran, nach Deutschland zu emigrieren. Aber sie war sich noch nicht sicher. In ihrer Muttersprache schrieb sie Artikel über die Situation der Frauen und kam mit verschiedenen Zeitschriften in Kontakt. Die ersten literarischen Texte entstanden erst in Deutschland, sie waren in ihrer Muttersprache geschrieben. Die Sprache der Heimat aber war in Deutschland eine Sprache versprengter Minderheiten. In einem Literaturkreis von Emigrantinnen wurde geschrieben und gesprochen. Aber nichts drang über den engen Rahmen hinaus. Im deutschen Sprachraum war die Muttersprache isoliert und tot. Die junge Autorin beschloss, ihre Texte zu übersetzen. In einer Arbeitsgruppe zu dritt versuchten sie es. Aber die Texte begannen sich unter der Übersetzung zu winden und zu drehen. Sie wurden andere. Der Text war nur im Original er selbst. Beim Übersetzen kamen neue Ideen. Es waren deutsche Ideen, die zu den ursprünglichen nicht passten. Sie drohten sich gegenseitig die Ellbogen zu brechen. Aus diesem Engpass sprang die junge Autorin einen Schritt nach vorn und begann, auf Deutsch zu schreiben.

Deutsch ist schwierig für sie. Anfangs konnte sie sich kaum vorstellen, auf Deutsch zu schreiben, das war ihr bewusst, und sie litt darunter. Aber zugleich reizte es sie. Es ist nicht leicht, aber interessant, auf Deutsch zu schreiben. In der deutschen Sprache formuliert die junge Schriftstellerin ein neues und anderes Leben. Indem sie einen Satz anders aufbaut und neue Wörter setzt, erlebt sie auch neu. Über ihre ursprüngliche Identität hat sich eine neue, eine zweite gelegt. Lebensgewohnheiten, die in die gesprochenen Sätze eingewoben sind, werden durch neue überlagert, die in den Ritzen der Sätze einer anderen Sprache wohnen. In ihrer Muttersprache sagt sie ständig „wir", denn alles ist sozial, ist familiär. Auf Deutsch sagt sie öfter „ich". Die Deutschen, findet sie, leben auch viel vereinzelter. Das schlägt sich in ihrer Sprache nieder.

Es bedeutete eine jahrelange Arbeit, bis sie sich im Deutschen beweglich genug vorkam. Allmählich entdeckte sie den Hintergrund der Sprache, aber es sind immer noch Einschränkungen da. Ein Vorteil dabei ist, dass man die Sprache nicht so selbstverständlich nimmt. Man geht anders mit ihr um. Die junge Schriftstellerin entscheidet bewusst, welchen Ausdruck sie verwendet. Die Deutschen reden in philosophischen Kolloquien, in denen sie Deutsch sprechen, über die Differenz zwischen einem Begriff und dem, was er meint. Für die junge Autorin aus einem fernen Land, die in Deutschland lebt, vibriert diese Fremdheit selbst in jedem deutschen Wort. Wie ein Kind, das auf Strümpfen läuft, so bewegt sich die junge Autorin in der deutschen Sprache. Schritt für Schritt erlebt und erfährt sie jede neue Idee, die sich auf Deutsch formt. Sie ist der Meinung, dass ein Erwachsener, der eine fremde Sprache lernt, eine zweite Kindheit erlebt.
Sie braucht noch immer Zeit, wenn sie auf Deutsch schreiben will. An einem Tag muss viel Platz sein, der Tag muss sich dehnen können und Raum und Leere müssen sich soeben die Waage halten.

Mit dem Schreiben erschließt sie sich Welten. Welten, in denen sie sich wohlfühlt, weil sie mehr Möglichkeiten bieten als das reale Leben. Schreiben heißt Gestalten. Schreiben bedeutet das Formen von Augenblicken, die sonst einfach vergehen würden: Ohne Gestalt und ohne Ergebnis. Schreiben heißt Entscheiden.
Sie sitzt am geöffneten Fenster und schaut hinaus. Wieder einmal ist es Abend geworden, ein Abend in Deutschland, aber noch ist Sommer. Leicht bläst ein Luftzug in die Manuskriptseiten auf dem Küchentisch.


Aus: Wortwandlerinnen

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