NRW Literatur im Netz

Peter Bornhöft - Arbeitsproben

AM BEGINN DES DRITTEN JAHRAUSENDS

Froh über jede Trauer
weil es die Wahrheit ist
die Fehlanzeige am Glücksrad
und immer dieselben Lampen
die plötzlich verlöschen
leben kann man auch so noch
Melancholie ist ein anderes Wort
für Selbstüberschätzung
auch Vernunft gab es nicht immer
ja das Leben ist schön
wenn man den letzten Todesmarsch
überlebt am Ende des Krieges
und danach nicht dreißig Jahre
das Haus nicht verlassen hat
und wenn diese Erinnerung
eines Mädchens die eine alte Frau
in einem Lokalsender preisgibt
nicht in gewöhnliche Werbung
übergeht mit Sekt und Musik
und die anderen Todesgeräusche
restlos getilgt sind
und wenn dann jemand da ist
der weiterlebt und wünscht sich
nicht zu Hölderlin in den Turm.

Aus: Warum wir so leben

Aus: DIE MYSTERIEN DES KÖRPERS

Am Anfang ist der Mensch aus dem Schlaf erwacht. Seit ein Wesen auftauchte innerhalb des Netzwerks der Natur, das sich außerhalb stellte, zuerst durch den aufrechten Gang, später durch Feuer und zuletzt durch die Symbolik der Sprache, seitdem gibt es Geist, Verstand, Bewusstsein all dessen, was die fünf Sinne erfassen können, und schließlich Bewusstsein von sich. Die Natur ist niemals wach, so sehr sie auch lebt. Gewiss, es gibt dort Tag und Nacht, Bewegung und Ruhe, ja in einem physiologischen Sinne auch Wachen und Schlaf, aber es geschieht unbedacht, bewusstlos, ohne einen Gedanken wenn Schlaf in der Nacht und manchmal auch den kleinen am Tage, also auch der Mensch, ob er will oder nicht.

VIDEO AM STRAND

Hinter der welligen Linie der Dünen taucht jemand auf, bewaffnet mit zwei biegsamen Stöcken, die vielleicht Gardinenstangen sind und die er wie Säbel oder wie Peitschen gebraucht, ein Junge, nicht älter als zehn. Der Strandhafer ist seine Kreatur, er muss ihn bestrafen. Der Junge trifft die wehenden Halme mitten in der Bewegung, er zerfetzt die papierdünnen Spitzen, er schlägt den Ähren die Köpfe ab. Zugleich mit den Hieben sausen Schreie herunter, aus dem Bauch durch die Zähne gezischt, so so so so. Manchmal zählt er die Schläge bis zehn, stößt am Schluss mit dem ganzen Schwung seines Körpers den einen Stock genussvoll tief in die Erde und dreht ihn noch einmal um, so als habe er den vor ihm liegenden Feind nun endlich tödlich durchbohrt. Er ist ganz und gar bei der Sache, beim Spiel, das hübsche, junge Gesicht ekstatisch und gnadenlos, die Augen weit aufgerissen, die zusammengebissenen Zähne gefletscht, so dass er die Zuschauer in den fünf Meter entfernten Strandkörben nicht einen Augenblick wahrnimmt. Systematisch kämmt er die zitternden Grasbüschel durch, bis ihn der Ruf seiner Mutter ins Leben zurückholt. Seine Züge entspannen sich, und das Lächeln darauf erscheint wie eine Beschämung. Wie ein Kind sieht er jetzt aus.

Aus: Irgendwo ist auch woanders

Aus: ÜBERS WASSER GEHEN. LIEBESGEDICHTE

Am Telefon weiß ich du bist es
du meldest dich nicht du verstehst nichts
du hörst meinen Namen vernünftig getrennt
ich liebe dich sagen wir beide
in der Vergangenheit rufen wir
uns ein anderes Ende ach hätte ich
früher bist du noch da?
nichts sagst du da wo ich nicht bin
erinnert dich mehr an dein früheres Leben
du hast meinen Namen fast vergessen nein
du weißt schon wer ich bin ein Irrlicht
aus der Traumzeit als du mit mir
übers Moor gingst wie über eine
blühende Wiese – nun sind wir gerettet.

Logo des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V.