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Frank Zumbrock - Arbeitsproben

Aus: DIE RÜCKKEHR DES GEFALLENEN ENGELS

Das Wetter verschlechterte sich und es schneite. Die Flocken tanzten einen wilden Reigen. Gunzinger stellte den Kragen seines schwarzen Lodenmantels auf. Er blickte in Richtung Kirche und beschloss, nun tatsächlich dem Gotteshaus einen Besuch abzustatten. Er stapfte durch den Schnee direkt auf das prachtvolle Portal der Kirche zu. Als er den Türknauf hinunterdrückte, merkte er, dass die Tür nicht verschlossen war. Er trat ein und der Geruch von Wachs und Weihrauch stieg in seine Nase. In der Kirche war es ziemlich dunkel und nur links und rechts neben dem Hochaltar sorgte Kerzenschein für ein wenig Licht. Das Gotteshaus war zu dieser Stunde menschenleer und dann erblickte er das große, kunstvoll geschnitzte Kreuz.
Gunzinger durchquerte langsam und andächtig das Mittelschiff und näherte sich dem Hochaltar. Das flackernde Kerzenlicht spendete ihm für einen Augenblick Ruhe und Trost. Er kniete sich in der ersten Bank nieder und schenkte dem zerschundenen Leib des Herrn ehrfürchtige Blicke. Dann fiel er in sein Gebet, um die Kräfte des göttlichen Himmels um Erbarmen, um Hilfe für die Menschen zu bitten. Gunzinger war sich sicher, dass nicht nur das Dorf Riedberg von den Mächten der Finsternis heimgesucht werden würden. Er hatte sein Gesicht in seine Hände gebettet und bemerkte nicht einmal die Tränen, die seine Wangen nässten.
Eine angenehme Stille erfüllte die kleine Kirche und endlich hatte Gunzinger wieder das Gefühl von Geborgenheit. Er nahm den Geistlichen des Dorfes gar nicht wahr, der auf einer Bank in der letzten Reihe Platz genommen hatte. Dieser beobachtete den Mann mit gütigen Augen. Gunzinger betete lange und hatte die ganze Welt um sich herum vergessen. Dann bekreuzigte er sich und sah zum Kreuz empor. Erst die sanfte Berührung auf seiner Schulter ließ ihn aufschrecken. Gunzinger blickte den Priester an und schämte sich im gleichen Augenblick für die Tränen, die immer noch seine Wangen hinunterliefen.
Der Priester lächelte. "Mein lieber Gunzinger, wie lange haben wir uns nicht gesehen? Das muss bestimmt eine Ewigkeit her sein. Ich freue mich von ganzem Herzen, dass du den Weg in die Kirche gefunden hast. Wie geht es dir, mein Sohn?"
Gunzingers Gesichtszüge strahlten vor Freude. Und man hätte den Stein hören können, der von seinem Herzen fiel. Er freute sich wirklich, den Pfarrer zu sehen. "Nun ja, wie soll es einem so unruhigen Geist wie mir schon ergehen? Unsere Welt hat neben der Seite des Lichts auch diese dunkle Seite! Ich glaube, Hochwürden, die Mächte der Finsternis werden uns sehr bald heimsuchen!"
Der Priester antwortete besorgt: "Mein lieber Gunzinger, seit Anbeginn unserer christlichen Zeitrechnung war das Böse stets zugegen, ich habe ebenfalls die Schattenseiten betrachten können. Und dabei hat mich das Böse hämisch ausgelacht. Und was wesentlich schlimmer ist: die Versuchung des Bösen schlummert in uns allen!"
Gunzinger erhob sich von der Kirchenbank und blickte erneut eindringlich auf das gewaltige Kreuz über dem Hochaltar
"Hochwürden, ich war erst kürzlich an der großen Grabstätte in den Wäldern. Und plötzlich war mir, als habe ich das Blut der vielen Unschuldigen gesehen. Es quoll immerzu aus diesem verpestetem Felsmassiv."
Gunzinger traten die Tränen in die Augen. Der Geistliche reichte ihm ein Taschentuch.
"Du meinst das keltische Druidengrab im Greindlwald? Da haben sich in früheren Zeiten unheilvolle Dinge abgespielt. Man sagt, dort sei der Leibhaftige mit seinem teuflischen Gefolge erwacht. Sie haben schon oft die schreckliche Bluternte unter den Menschen abgehalten. Anschließend haben sie ihre Seelen gestohlen. Luzifer, der gefallene Engel, wollte damit wiederholt dem Herrgott trotzen und eine gewaltige Rebellion der Hölle in Gang setzen! Was hast du am Grab sonst gesehen?", wollte der Priester wissen.
Die Männer setzten sich auf eine Kirchbank. Sie betrachteten nun das Bildnis des Gottessohns und das viele Blut, das aus seinen unzähligen Wunden floss. Der Blick, so voller Sorgen und Demut, zum Boden gesenkt. Gunzinger räusperte sich und begann seine Geschichte zu erzählen. "Die Erde hat dort fürchterlich gebebt und man konnte laut und deutlich das Grollen und Tosen der Hölle vernehmen. Aber das Schlimmste ist, dass dieser Menschen verachtende Greindlbauer seine Arbeiter in den Wäldern weiter knechten lässt. Sie arbeiten ahnungslos unweit der entweihten, dämonischen Grabstätte. Ihr aller Schicksal ist da draußen ungewiss und ich habe die böse Vorahnung, dass recht bald die erneute Bluternte stattfinden könnte. Und Satan wird dabei seine Erntehelfer höchstpersönlich befehligen."
Der Geistliche bekreuzigte sich und mahnte eindringlich: "Gunzinger, so bedenke doch deine Worte! Wenn andere Menschen sie hören, werden sie unweigerlich in Angst und Schrecken versetzt!"
Beide Männer wussten nur zu gut, wovon sie sprachen, denn vor nun mehr vierzig Jahren war es geschehen. Damals war das schreckliche Szenario aus heiterem Himmel über die Dorfbewohner aus Riedberg hereingebrochen. Die Überlebenden sprachen schon lange nicht mehr über die grauenvollen Morde. Nur die seltsamen Wegekreuze und Mahntafeln erzählten ihre unheilvollen Legenden.
Gunzinger war zu jener Zeit ein junger Rekrut in der königlich-bayerischen Armee gewesen. Die Armee war damals zu Hilfe gerufen worden, aber sie war machtlos und konnte dem Grauen nicht trotzen. Die Soldaten der Hölle waren grausamer als alles, was sich der Mensch vorstellen konnte.
"Euer Hochwürden, ich denke, es wird besser sein, wenn man die Menschen rechtzeitig warnt! Denn so besteht noch eine geringe Chance, dass sie sich in Sicherheit bringen können. Viele von Ihnen werden bestimmt einen Unterschlupf im Gotteshaus finden. Ihr solltet die Gemeinde von der Kanzel darauf hinweisen!"
Der Priester nickte nachdenklich: "Du hast Recht, Gunzinger! Wir müssen etwas unternehmen! Ich fürchte nur, die Zeit könnte uns davonlaufen. Beim Greindlbauern werden wir allerdings nur auf taube Ohren stoßen!"
Der Priester schwieg und fuhr dann in seinen Überlegungen laut fort: "Seit sehr langer Zeit ist der Platz des Greindlbauern hier in der Kirche leer. Nur seine Frau Maria und die Tochter Magdalena besuchen regelmäßig den Gottesdienst."
Die zwei Männer saßen eine ganze Weile stumm und andächtig auf der Kirchenbank. Dann verabschiedete sich der alte Gunzinger vom Pfarrer und versprach, wie schon so of, wieder zu kommen."

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