NRW Literatur im Netz

Mechthild Curtius - Arbeitsproben

Aus: SPÖKENKIEKER

Weil die Münsteraner Droste-Kenner und Literaturmuseums-Gründer Walter Gödden und Jochen Grywatsch mir die Bedeutung von Handschriften erklärten, habe ich voller Bangnis danach gesucht und Seiten von den frühesten Aufzeichnungen gefunden. Ich muß sechzehn und achtzehn Jahre alt gewesen sein, es wundert mich, nicht alles vernichtet zu haben, auf alle Fälle ist das hellkarierte Tagebuch mit dem rotbraunen Lederblatt  und Lederrücken fort. Ein edles handgemachtes Tagebuch, quadratisch, wie es Eltern ihren Halbwüchsigen schenken. Ein aristokratisches Pendant zum kitschigen Poesiealbum, das Mädchen auch damals führten, die immer gleichen Sprüche und die knallbunten Glanzbilder außen und innen, Rosenbilder hießen sie unter uns Westfalenmädeln. Blumen und Rosen waren häufigstes Motiv. Absichtlich erlaube ich  mir jetzt die im Germanistik-Studium verpönten Assoziationen; die letzte Generation von Zeitungs-Schreibern hat sie zu einer manchmal im Witz endenden Kunstform gemacht. Je mehr an Bildern der Schädel speichert, umso uferloser sind die Abfolgen. Darum auf der Stelle und ebenso absichtlich den roten Faden herumgerissen, zurück ins Forschungs-Seminar. Dass kindliche Neugier auf einen geheimnisvollen Weg von Stadt, Land, Menschen der Wirklichkeit durch den Kopf in eine neue erfundene Stadt, Gegend, Personen später zum Forschungsgegenstand wird, ist die beste Möglichkeit. Nachträglich sehen andere und ich selbst, dass es das Suchen nach etwas Eigenem gewesen sein muß. Imagination, Imago, Bild, sage ich lieber als Phantasie. Einbildungskraft konnten noch Carl Gustav Carus und Goethe den Prozess nennen. Mit seiner tiefenhermeneutischen Literaturinterpretation kam Alfred Lorenzer gerade auch diesem Verlauf auf die Spur, gemeinsam spürten wir ihm nach. Das hatte Hand und Fuß, denn wir arbeiteten exakt am Text, einmal war es Elias Canetti, dann Robert Musil. Zuletzt die eigenen Erzählungen, die 1979 in Frankfurt "erschienen". Wasserschierling, im Insel-Verlag. Dort und im nächsten Buch, 1983, wie gesagt, im Roman der fünfziger Jahre, Jelängerjelieber, immer wieder die Stätten der Kindheit und Jugend: die Oberlausitz im Neiße-Tal und Ostwestfalen …

Aus: NEISSE UND PLEISSE

Sonne gleißt auf die Stirnen, Mann und Frau retten sich unter die Baumwipfel der alten Chaussee aus Birnbäumen voller rauhäutiger unreifer Früchte. Hinter den gelben Knöpfen des Rainfarns an den Wegrainen der holprigen Straße ist der Blick über flaches Ackerland frei. Ein Schlängelweg kriecht bis zum Horizont. Der Hügelkegel steigt, von allen Seiten weit ausholend, in schnurgerader Linie an, um sich in einer Baumkuppel mitten droben zu treffen, die fast reife weißgolden glänzende Gerste am Hang irisiert unter dem Licht; den Gelbseidenberg unterbricht ein froschgrüner Schneisenkeil. Erlengebüsch füllt die Bachtal-klinge, ein Venushügel mit windvibrierendem Haar. Oben angelangt, schwitzen die zwei Personen, wirbeln zur Abkühlung um die eigene Achse, schaffen sich drehend ihren Breitwandfilm, halten an, der Film wird zum Stand, Augen klauben Stücke heraus aus dem Land. Eine fabrikneu weiße Plastiktafel vor wettergrauem Holzschild weist den verfallenden Hof im Wiesen- weg als "Gärtnerei Alfons Glück" aus. Veränderungen der Pflanzungen im Unland wären notwendig, der Besitzer müsste die unkrautdurchwachsenen Freilandnelken felder säubern, die im Straßendreieck selbständig weiterblühen, in Tomatenrot und in kaltem Krapplackrot und warmem Zinnoberrot und Burgunderweinrot und Kardinalsviolett und in Lachsrosa. Und in Weiß, aber das unterscheidet sich von Weitem nicht von der Hundskamille; die Reisenden, der Mann aus Frankfurt am Main, in Leipzig geboren, die Frau aus Marburg an der Lahn, aufgewachsen in Marienthal an der Neiße, hatten das Feld zwischen Nebenrinnsalen der Pleiße von weitem unter dem Hitzeflirren für ein Brachland aus Kamillen und Mohn gehalten. Zwischen Geithain und Rochlitz sind Lukas Meissner und Maria Waurik an diesem glühheißen Mittjulitag des Jahres neunzehnhunderteinundneunzig unterwegs zum Gemüsebauern im Kohrener Land. Sie hätten ihn fast im Hitzeflimmern bleifarbener Dunstluft der Espenheimer Braunkohle gruben übersehen, auch war der Frau das Gemüt von Diesdunst und Lichtglut flau geworden; an den wenigen Hundstagen eines mitteldeutschen Jahres taugte sie sowieso zu nichts. Grübeleien gewannen. Sie dachte an die Wünsche beim ersten Besuch, die Kaufhausbaracken westlichen Musters möchten in das zerstörte Leipziger Umland gar nicht erst gebaut werden. Illusionen sind es gewesen; Zelte und Container als platte Shopping-Centers und gleichförmige Industriehallen wachsen wie im Westen. Rapide wird der Fortschritt die Vorortdörfer umfressen. Und auch die Felder; durch die verwildernden Freilandrosen, mit Quecke und Hundskamille gemengt, kommen die Besucher auf die Verwandten der gemeinsamen Bekannten Ursula zu sprechen, die Lukas in Frankfurt geraten hatte, zur Familie ihres Bruders ins Kohrener Land zu fahren, da die Hotelzimmer in Leipzig teuer seien. Im alten Stall hätten sie Gästezimmer eingerichtet in aller Schnelle, weil sie nun noch weniger Einkünfte mit der Gärtnerei erzielten. In DDR-Zeiten hätten ihrem Familienbetrieb die LPGs geschadet; von der 'Wende' hätten sie Besserung erhofft; dann hätten plötzlich alle Kunden die Früchte und Tomaten aus Holland gewollt. "Vom Westen wo das Heil herkommt" sowieso und auch wegen der Angst vor ihrer verseuchten Erde, DDR-weit, geschweige denn so dicht hinter 'dem Dreckloch' Espenhain bei ihnen im Kohrener Land.

Aus: FARBDUFTFRUCHT. FARBENPOEM. HINTERSTIRNFILM. KLANGBILD. VERDICHTEN

Poem ist Konzentrat, hochprozentig wie alter Marc de Champagne neben hundert Flaschen besten Weines. Farb-Ton durch Klang-Ton vorgaukeln. Schwarz auf Weiß. Wort-Bild Hohn. Wörter brauchen Suggestio. BildanBild laufen lernen. Verdichten zu Geschichten. Imaginationen rennen ameisenflink fliegenbeinfein über Papierblätterstreifen. Wort-Klang wird Farb-Ton. Wörterketten beschwören Hinter-Stirn-Filme: Figuren, Formen, Farben. SinnenGesang suggerieren, so, dass Hören und Sehen vergehen. Die Nase könne als Erste erkennen und Erinnerungen auslösen, sagen Hirnforscher. >Die Dichter haben es vor uns gewusstLe Lys dans la ValléeDie Düfte sind den Blüten näher als die Farben< konnten auch wir im Frankfurter Palmengarten beobachten. Bei Adalbert Stifter in und um Böhmen, bei und mit Annette von Droste-Hülshoff im Münsterland. Die von Kindheit an ums Überleben stillschweigen und genau hinhören, hinschauen, erspüren müssen. 2005 erspähen, erschnüffeln - Wahrheit der Dichtung - auf der GoldGickelbrick mit Johann Wolfgang Goethe aufatmen:>Die Schönheit erkennt nur der Liebende<

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