NRW Literatur im Netz

Angelika Schröder - Arbeitsproben

Aus: EINE DECKE FÜR WILHELMINA

"Wie ich sehe, haben Sie da eine alte Decke im Kofferraum. Kann ich die bitte haben!" Erschrocken und empört fuhr ich herum. Ich hasse es, auf einem Parkplatz von hinten angesprochen zu werden. Doch meine sehr böse Antwort verschluckte ich angesichts des Mannes hinter mir. Er war ein Penner. Anders kann man ihn nicht beschreiben. Langes, strähniges Haar unter einem breitkrempigen Hut mit einem ausgefransten Loch an der Seite, eine alte zerschlissene Joppe, dazu eine mit vielen bunten Flicken übersäte Hose. Ich musterte ihn mehrfach von oben bis unten. Geduldig ließ er meine Blicke über sich ergehen, wobei in seinen hellen Augen ein humorvolles Zwinkern stand.
"Bekomme ich jetzt die Decke?" fragte er noch einmal und wies mit dem Kopf auf den Kofferraum, der immer noch geöffnet war. "Äh, nun ja ..." Ich zögerte, war einen Moment sprachlos. Während ich noch tief Luft holte, um ihm eine ablehnende Antwort zu geben, kam er mir schon zuvor.
"Wilhelmina wird bald ihre Babys bekommen. Sie braucht einfach Ihre Decke." Und wieder blickte er mich mit diesem humorvollen Zwinkern bittend an. Da erst bemerkte ich den Hund an seiner Seite, eine wunderschöne Schäferhündin und trächtig. Soweit ich das mit meinem laienhaften Verstand erkennen konnte, würde es nicht mehr lange dauern. Der Mann schien mein Zögern zu bemerken, denn sofort setzte er nach: "Sie kann doch ihre Jungen nicht auf der harten Straße bekommen, das müssen Sie doch einsehen. Schließlich sind Sie selbst Mutter", und er wies auf den Kindersitz vorne im Auto. Irgendwie schien mir der Vergleich etwas zu hinken. Aber andererseits ... weshalb sollte die Hündin leiden, nur weil ihr Herrchen keinen festen Wohnsitz hatte und nicht einmal das Nötigste besaß? Ich war schon halb überredet, als ich daran dachte, woher die Decke stammte: Sie hatte den Großeltern meines Mannes gehört, und der hielt sie hoch in Ehren. Natürlich war sie zu alt und zu zerschlissen, um auf dem Sofa im Wohnzimmer zu liegen, aber da er das "gute Stück" doch nicht einfach hatte wegwerfen können, wurde es im Auto deponiert, "für alle Fälle". Krampfhaft überlegte ich, ob dies nicht einer jener "Fälle" sein könnte? Doch eine innere Stimme sagte mir, dass mein Mann das nicht so sehen würde.
Der Stadtstreicher hatte mein Zögern längst bemerkt und schnitt alle weiteren Überlegungen mit einem "Es ist doch für einen guten Zweck!" ab. Das gab den Ausschlag. Dagegen konnte doch auch mein Mann nichts sagen, oder?
Fröhlich vor sich hinpfeifend zog er dann mit Hund und Decke davon.
Auf dem Rückweg fiel mir siedendheiß ein, dass heute Tennisabend war und Karl seine Sporttasche im Kofferraum zu deponieren pflegte. Also würde ich ihm vorher das Verschwinden der Decke möglichst schonend beibringen müssen.
Irgendwie hatte das mit dem "schonend beibringen" aber nicht richtig geklappt, denn bevor ich überhaupt dazu kam, von Wilhelmina zu erzählen, brüllte er schon los: "Diese Decke ist das einzige, was mir aus meiner Kindheit geblieben ist, und außerdem ... auf dieser Decke wurde unser erster Sohn gezeugt, hast du das etwa vergessen?" Natürlich hatte ich es vergessen und auch, dass Karl so sentimental war. Jedenfalls hatte er sich dann umgedreht und war stante pede in die Stadt gefahren, um den Penner zu suchen und sich seine Decke wiederzuholen.
Da es ein warmer Spätsommerabend und noch lange hell war, standen seine Chancen nicht schlecht. Gespannt wartete ich auf Karls Rückkehr. Ob er es schaffen würde, Wilhelmina das gute, alte Stück wieder abzunehmen?
Es dauerte lange. Doch dann kam er - ohne Decke. Auf meinen fragenden Blick hin begann er zu stottern: "Der Hund ... also, äh ich meine die Hündin ... stell dir vor, mitten auf dem Marktplatz, ich meine ... also sie war gerade dabei ..."
Klar, dass er ihr da die Decke nicht mehr hatte wegnehmen können. Am nächsten Nachmittag kaufte er Hundefutter und besuchte Wilhelmina und ihren Nachwuchs. Er war eben doch sentimental.

Aus: MORD AUF DEM SIEL ODER HEINS MILLIONEN

Jeder kannte den alten Hein, doch niemand wusste, wie alt er wirklich war. Fit wie ein Turnschuh hockte er jeden Abend in der kleinen Kneipe am Hafen und erzählte allen, die es interessierte oder auch nicht, seine Geschichten. Die Einheimischen kannten sie seit vielen Jahren und hörten schon lange nicht mehr hin. Die Touristen allerdings hingen gebannt an seinen Lippen und spendierten ihm immer wieder gern einen Schnaps. "Ja, das waren noch Zeiten, als die alte Kneipe noch existierte. Stellen Sie sich vor, in der Ecke hinter dem Tresen standen nur drei Flaschen: Schnaps, Branntwein und Danziger Goldwasser für die Frauen." Dabei zeigte er auf die vielen Flaschen, die jetzt das Regal füllten. Ein großer Schluck Genever, ein Rülpser, dann berichtete er weiter. "Auf dem Sofa mit den kaputten Federn saßen die Kapitäne. Jedes Mal wenn ich in die Kneipe kam, hockten sie dort wie angeklebt. An ihren Stammtisch ließen sie niemanden. Erst als ich von großer Fahrt zurückkam, durfte ich auch auf das Sofa." Danach folgte unweigerlich die Geschichte von dem Piratenüberfall in der Straße von Malacca, dem sie nur mit viel Glück und in letzter Sekunde entkommen konnten. Zu vorgerückter Stunde plauderte er dann das Geheimnis seiner Millionen aus. "Das Geld stammt noch von meinem Vater", erzählte er. "Und das hab ich nie auf die Kasse gebracht. Nee, das bleibt schön in meiner Nähe." Der alte Hein gehörte nicht zu den Klügsten, wie seine Zuhörer schnell bemerkten. Er war klein und hager, so dass die blaue Fischerhose und das blaue Hemd traurig an ihm herunterhingen. Sein Gesicht war gefurcht wie ein Acker im Frühling, eine dicke Brille mit schwarzem Rahmen ließ seine Augen hervorstehen, und eine Seemannsmütze bedeckte die spärlichen Haare. Die Sieler akzeptierten ihn und seine Macken, schließlich war er einer von ihnen.
Niemand kümmerte sich um Hein und sein Gerede bis ... ja bis zur Einführung des Euro. Wieder saß Hein in seiner Kneipe, trank ein Jever nach dem anderen, und als er zahlen sollte, besaß er nur Deutsche Mark. Die letzte Januarwoche war angebrochen und kaum jemand akzeptierte noch DM. Langsam zählte Hein seine Märker und Pfennige auf den Tresen. "Hein, du musst dein Geld umtauschen. Wir nehmen nur noch Euro."
"Hab ich nicht."
Die Bedienung seufzte. "Na gut, weil du es bist. Aber nur noch heute Abend. Tausch endlich dein Geld um."
"Ne, ne. Der Euro mag ja ne gute Sache sein, aber hier auf dem Land setzt der sich nicht durch. Ich behalte meine Mark."
Kopfschüttelnd zählte das junge Mädchen die Geldstücke nach. Es stimmte auf den Pfennig, wie immer.
An einem Tisch nicht weit entfernt wurde laut gelacht. "Habt ihr das gehört? So entstehen Ostfriesen-Witze! Der Euro setzt sich auf dem Land nicht durch. Ha ha ha!"
Unter brüllendem Gelächter wurde eine weitere Runde bestellt.
"Aber ... aber wenn der Hein sein Geld nicht eintauscht, dann verliert er ja seine Millionen", gab einer zu bedenken, der im Verhältnis zu seinen Kumpanen noch relativ nüchtern zu sein schien.
"Was meinst du?"
"Hast du nicht zugehört? Er hat doch gerade gesagt, dass er noch einen ganzen Koffer voller Geld hat. Überlegt einmal, Millionen von Mark – und alles ist plötzlich weg, nichts mehr wert. Da darf man gar nicht dran denken."
"So viel Geld!"
"Eigentlich müsste man ..."
"Der Hein verliert es so und so."
"Richtig."
Es wurde noch viel geredet an jenem Abend, über den Euro, die Teuerungsrate und über Heins versteckte Millionen.
Jeden Vormittag treffen sich die alten Fischer auf dem Platz neben dem Schöpfwerk. Von neun bis elf Uhr wird dort auf der Platte Politik gemacht. Manchmal kommt noch der ein oder andere Rentner dazu, aber im allgemeinen sind es immer dieselben, die dort stehen, diskutieren und politisieren.
An diesem Morgen, es war noch vor neun und für Januar ungewöhnlich warm, bemerkte Adde überrascht, dass der alte Hein zusammengesunken auf der Bank an der Hauswand saß. Der kam doch sonst nicht so früh. Da Hein regelmäßig den größten Teil des Abends in der Kneipe verbrachte, brauchte er morgens immer ein wenig länger.
"Mensch Hein, bist du aus dem Bett gefallen?" rief Adde. Der Angesprochene rührte sich nicht. Nach und nach erschienen die anderen und starrten überrascht auf Hein.
"Was ist denn mit ihm los?"
"Ik glöv, he is doot" schrie Ihno Petersen, der sich über den Sitzenden gebeugt hatte und nach einem Puls suchte. "Ruf mal einer den Doktor aus Esens an."
"Warum nicht unseren?"
"Der verschreibt doch nur Schlickbäder und Packungen, und damit ist Hein nicht mehr zu helfen."
"Wie mutt'n Wilhelm Bescheet segg'n", befahl Evert Becker. Wilhelm war Polizist in Esens.
"Ja, das sollten wir wohl", stimmte Adde zu und ging zur Apotheke hinüber, wo sich das nächste Telefon befand.
Arzt und Polizist trafen fast gleichzeitig ein. Für die Diagnose genügte ein einziger Blick. "Ganz klar. Dem armen Kerl wurde der Schädel eingeschlagen."
"Hm, da muss die Kriminalpolizei aus Wittmund kommen. Mord übersteigt meine Kompetenz", murmelte Wilhelm, ging zum Polizeiwagen zurück und rief Verstärkung herbei.
"Mord?!"
Blitzschnell hatte sich im Ort herumgesprochen, was dem alten Hein zugestoßen war. Der Apotheker erschien und warf einen Expertenblick auf den Toten, ebenso der Schwimmmeister und der Direktor des Kurvereins. Der Bürgermeister verließ sein Büro und half mit, die Neugierigen, die sich vor und neben dem Sielwerk versammelten, fernzuhalten bis der Kriminalkommissar und die Spurensicherungsexperten kamen. Der Arzt verabschiedete sich schweren Herzens, da er von seinen Patienten erwartet wurde und zurück musste. Wann hatte er schon mal so einen interessanten Fall?
Mit Blaulicht und Sirenengeheul rasten die Spezialisten heran. Die Sieler hatten sich längst ihre Meinung gebildet.
"Also Herr Kommissar, das muss ein Tourist gewesen sein. Wir alle kennen den Hein seit zig Jahren, und so etwas würde keiner von uns tun!" sagte Ihno überzeugt.
"Richtig! Die Ruhrpöttler vom Campingplatz waren es, denen ist alles zuzutrauen", rief Evert dazwischen. "Gestern Abend haben sie sich über Hein lustig gemacht, weil der seine Märker nicht in Euro umtauschen wollte. Das habe ich genau gehört."

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