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Hanno Berg - Arbeitsproben

DIE NEUE SOFTWARE

I

Dr. Feiler hatte heute sein dreißigjähriges Dienstjubiläum als oberster Einkaufsleiter des größten Pharmakonzerns des Landes. Da er in einer solchen Position zur Spitze des Unternehmens gehörte, wurde natürlich viel Aufwand zu seinem Ehrentag betrieben. Viele Ehrengäste aus Wirtschaft und Politik sowie Vertreter von Zeitungen waren anwesend, ja sogar der Rundfunk hatte ein Team geschickt.
Als Feiler sich nach dem Sektempfang der Presse stellte, machten alle ihre Fotos, und eine hübsche Rundfunkreporterin stellte ihm einige Fragen. Unter den Presseleuten befand sich ein kleiner, unscheinbarer Mann, der recht gut gekleidet war. Er hatte dunkles Haar und braune Augen und war etwa vierzig Jahre alt. Wie alle anderen schoss er ein Foto von dem prominenten Jubilar, arbeitete jedoch weder für eine Zeitung, noch für den erwähnten Radiosender. Dies fiel allerdings niemandem auf. Als Dr. Feiler anschließend alle dazu einlud, das üppige kalte Büffet zu stürmen, verließ der kleine, unscheinbare Mann den Ort, ohne besondere Aufmerksamkeit zu erregen. ...

II

Nach der anstrengenden Jubiläumsfeier machte Dr. Feiler zunächst zwei Wochen Urlaub, um danach erholt und gutgelaunt in sein großes, modernes Büro zurückzukehren. Als er dort angekommen und von allen begrüßt worden war, öffnete er zunächst die Post, ohne etwas Besonderes darin zu finden. Danach fuhr er seinen Computer hoch, um seine E-Mails zu sichten. Dort fand er zunächst ebenfalls nichts Außergewöhnliches. Bei der Durchsicht der Mails von der vergangenen Woche fiel ihm schließlich ein Absender auf, der ihm fremd war. Es handelte sich um einen Mann namens Faro, von dem er nie zuvor gehört hatte. Feiler öffnete seine Mail und las:

"Hallo Dr. Feiler,
mein richtiger Name tut nichts zur Sache. Meinen "Künstlernamen" können Sie unten lesen. Ich wünsche mir von Ihnen, dass Sie mein neues Programm für ihren Konzern ordern. Sollten Sie dies nicht tun, so könnte es sein, dass Sie bald in großen privaten Schwierigkeiten stecken.

Mit freundlichen Grüßen
Faro"

Dr. Feiler schüttelte den Kopf. Er würde das Programm von Faro natürlich nicht für sein Unternehmen kaufen. Was fiel diesem Kerl überhaupt ein? Ihm, dem mächtigen Mann aus der Chefetage eines Weltunternehmens, zu drohen! Sollte er gleich die Polizei einschalten? –
Feiler entschloss sich, dem Mann kurz zu antworten, dass er seine Unverschämtheiten künftig unterlassen solle. Andernfalls wollte er die Polizei einschalten. Als er eine entsprechende E-Mail verfasst hatte, schickte er sie ab und widmete sich danach den Geschäften des Tages, ohne einen weiteren Gedanken an Faro zu verschwenden. ...

III

"Du glaubst wohl, du bist der liebe Gott selbst!", ärgerte sich Jörg Peters, der Mann, der sich den Namen Faro gegeben hatte, als er Dr. Feilers E-Mail gelesen hatte. "Warte, dir werde ich Beine machen!"
Er packte wütend seine Digitalkamera in die Jackentasche und fuhr zu einem Café am Stadtrand. Als er dort ankam, öffnete er auf seinem Laptop das neue Programm, das er selbst entwickelt hatte, von dem es keine Kopie gab und über welches keine Unterlagen existierten. Dann schloss er die Kamera an. Er wollte das Foto von Dr. Feiler überspielen, das er zu dessen Jubiläum geschossen hatte. Kaum hatte er das Foto hochgeladen, da lud das Programm selbstständig wie aus dem Nichts – es brauchte keine andere Verbindung dazu, nicht einmal das Internet - alle Fotos, die in Feilers Privatleben je gemacht worden waren: Von dessen eigener Geburt an bis zu seiner Hochzeit, der Geburt seiner einzigen Tochter, der feierlichen Verleihung seiner Doktorwürde, seiner Beförderung in die Chefetage des Konzerns und so weiter.
Es hatte also funktioniert! Peters rieb sich die Hände und schritt zügig zum zweiten Teil seines Plans. Dieser musste nun ebenfalls noch gelingen! Er schaute sich Feilers gesammelte Familienfotos an. Bald hatte er seine Wahl getroffen. Er klickte das Foto an, das offensichtlich zur Geburt von Feilers Tochter gemacht worden war. Was war sie doch für ein hübsches Baby gewesen! Peters lächelte eisig. Im selben Moment löschte er das Foto. Danach fuhr er zu seiner Wohnung zurück. ...

IV

Als Dr. Feiler am Abend nach Hause kam, aß er zunächst mit seiner Frau und trank ein wenig Rotwein. Während die beiden es sich anschließend im Wohnzimmer gemütlich machten, dachte Feiler an seine Tochter, die in München, fern von ihrem Elternhaus, studierte. Er fragte seine Frau Anna: "Schatz, hast du heute etwas von Marie gehört? Hat sie ihren Schein für Verfassungsrecht bekommen?"
"Welche Marie?", fragte seine Frau, die scheinbar sehr erstaunt war. "Ich kenne keine Frau solchen Namens! Und was für ein Schein für Verfassungsrecht?"
"Du... kennst... sie nicht?", fragte Feiler sichtlich beunruhigt. "Unser kleines Mädchen! Unsere Tochter!"
"Bist du verrückt, Bernd? Wir haben keine Kinder! Noch nie welche gehabt! Du willst mich auf den Arm nehmen!"
Feiler war fix und fertig. Anstatt weiter mit seiner Frau zu reden, sprang er auf und versuchte, seine Tochter in München anzurufen.
"Kein Anschluss unter dieser Nummer!", ertönte es aus dem Hörer.
Feiler rannte ins obere Stockwerk der Villa, wo Maries Kinderzimmer gelegen war, in welchem sie heute noch wohnte, wenn sie zu Besuch kam. Als er jedoch die Tür zum vermeintlichen Reich seiner Tochter öffnete, traute er seinen Augen kaum! Das Zimmer war eingerichtet wie ein Gästezimmer, und nichts, rein gar nichts wies auf seine Tochter als Bewohnerin hin.
Bernd Feiler glaubte, er werde wahnsinnig. Er überlegte, wo er noch nach ihren Spuren suchen konnte. Ob es noch irgendwo ein Foto von ihr gab oder irgendeinen anderen Hinweis auf ihre Existenz?  Im ganzen Haus gab es jedoch nicht ein einziges Foto von Marie. Selbst seine eigenen Eltern wussten nichts von seiner Tochter, als er sie voller Verzweiflung anrief. Schließlich setzte er sich an seinen Schreibtisch und begann zu weinen. Plötzlich fiel ihm der Computer ein. Marie hatte ihm oft geschrieben! Vielleicht fand er dort ihre Spur.
Er sah sich sein E-Mail- Postfach an, wo er seine Post längere Zeit speicherte. Dort gab es nicht eine Mail von seiner Tochter, obwohl er sicher war, in der letzten Zeit mehrere Nachrichten von ihr bekommen zu haben. Allerdings befand sich dort eine andere Mitteilung, und zwar von Faro. Mit vor Anspannung zittrigen Fingern öffnete Feiler diese. Der Text lautete:

"Hallo Dr. Feiler,
ist Ihre Tochter plötzlich nicht mehr da, ja sogar noch nie dagewesen? Ich denke, Sie vermuten schon, warum. Vielleicht können Sie sich ja mit dem Gedanken anfreunden, mich in Zukunft ernst zu nehmen. Wenn Sie nicht weitere private Katastrophen erleben wollen, so kaufen Sie meine Software. Ich wünsche mir, dass Sie sie anschließend an das Verteidigungsministerium verkaufen, denn dort gehört sie hin.
Und bemühen Sie um Himmels willen nicht die Polizei! Es wäre schade, wenn man Sie für verrückt halten und in die Psychiatrie sperren würde!

Liebe Grüße
Faro"

Da war Feiler – selbst wenn er zunächst noch gezaudert hatte, diese schlimme Wahrheit als gegeben zu akzeptieren - klar, dass dieser Faro mit seinem neuen Computerprogramm dafür gesorgt hatte, dass seine Tochter plötzlich nicht mehr existierte, ja dass sie nie existiert hatte.  Was besaß dieser Mensch für eine Macht! Und er hatte recht. Er würde, wenn er zur Polizei ging, für verrückt erklärt und in die Psychiatrie eingewiesen werden. Dennoch musste er etwas tun, denn dieser Mann konnte – wenn er dies richtig sah – sein ganzes Leben zerstören und ihn sogar völlig aus dieser Welt entfernen. Er musste ihm auf eine Weise beikommen, die ihm diese Möglichkeiten endgültig nahm. Was nur konnte er tun?
Da fiel ihm seine Pistole ein. Nach kurzer Überlegung verfasste er eine Antwort an den Übeltäter:

"Lieber Faro,
ich muss Sie treffen, um mit ihnen zusammen zu überlegen, auf welchem Weg wir Ihre Forderungen erfüllen können. Nennen Sie mir bitte einen Ort!

Beste Grüße
Dr. Bernd Feiler"

Noch völlig außer sich ob der unfassbaren Entwicklung schickte er die Mail ab, nicht ohne dies im selben Moment zu bereuen. Faro würde den Schwindel merken! Nicht auszudenken, was geschehen mochte. …

V

Als Jörg Peters die Mail von Feiler las, war ihm sofort klar, dass dieser ihn unter einem Vorwand treffen wollte, um ihn aus dem Weg zu räumen. Es fiel ihm sonst kein einziger Grund ein, warum Feiler ihn persönlich treffen wollte. Feiler konnte seine Forderungen jederzeit erfüllen, ohne ihn persönlich zu kennen. Er hatte seinen Namen und Wohnort bewusst verschwiegen, denn er wollte seine Software anonym an Feiler verkaufen.
'Du sollst mich noch besser kennen lernen!', dachte er deshalb bei sich, rief ein Jugendfoto von Feilers Frau Anna auf, das sie ihrem Mann kurz vor ihrer Hochzeit geschenkt hatte, und löschte es.
Dann lachte er gehässig auf und schickte Feiler von seinem Laptop eine E-Mail, in welcher er das Folgende schrieb:

"Mein lieber Dr. Feiler,
ich werde immer ungeduldiger, wie Sie sehen können, und bald könnten auch Sie selbst in Gefahr geraten, wenn Sie nicht tun, was ich mir wünsche.
Sollte ich nicht binnen zwei Tagen, also am Mittwoch dieser Woche um zwölf Uhr, Ihren Vertragsentwurf über 10 Millionen für die neue Software in meinem E-Mail- Postfach finden, so werde ich dafür sorgen, dass Ihr Nachfolger mit mir verhandelt und dass es Sie nie gegeben hat.
Sobald ich den Vertrag erhalten habe, werde ich ihn unterschreiben und zurückschicken, woraufhin Sie ihn gegenzeichnen werden. Danach bekomme ich das Geld, ohne dass mir jemand nachspioniert, und Sie bekommen dafür das Programm, dessen Güte Sie selbst testen
durften.

Grüßen Sie Ihre Frau von mir
Faro"

VI

Dr. Feiler war unterdessen – einerseits, um sich abzulenken und andererseits, um nicht aufzufallen – zur Arbeit gefahren. Dort hatte er Faros neue Mail gelesen, und sofort verstanden, dass wieder etwas Furchtbares geschehen sein musste. Warum betonte Faro so, dass er seine Frau grüßen sollte? Er fuhr sofort nach Hause. Als er an der Haustür klingelte, öffnete seine Haushälterin Beate, die wohl schon auf ihn gewartet hatte.
"Hallo Beate!", sagte Feiler gehetzt. "Ist meine Frau drinnen?"
"Sie machen Witze, Herr Doktor!", entgegnete diese. "Welche Frau? Seit ich Sie kenne, sind Sie doch ein eingefleischter Junggeselle.
Eine furchtbare Gewissheit überkam den Hausherrn, und er lief eilig ins Innere des Hauses. Tatsächlich! So sehr er auch suchte, er fand nicht einen einzigen Hinweis darauf, dass seine Frau Anna mit ihm zusammen dort wohnte. Und nicht nur das. Es gab im ganzen Haus kein einziges Foto von ihr und die Heiratsurkunde war verschwunden. Zudem fand er nirgendwo eines ihrer Kleidungsstücke oder ihre Schuhe. Im Schlafzimmer befand sich statt des Doppelbetts ein Einzelbett, und selbst sein Ehering, den er seit einiger Zeit im Wohnzimmerschrank verwahrte, weil er ihm, da er dicker geworden war, nicht mehr passte, war nicht mehr da. Völlig verzweifelt rief er seine Mutter an – Annas Eltern lebten beide schon lange nicht mehr – und fragte diese nach seiner Frau.
"Was ist nur mit dir los, Junge?", fragte seine Mutter beunruhigt. "Neuerdings hast du eine Frau? Du bist schon immer Single gewesen, und Kinder hast du nie gehabt. Ich hätte mir gewünscht, du hättest eine Familie gegründet. Doch dazu ist es ja nie gekommen. Ich finde, du solltest einmal zum Arzt gehen. Du bist scheinbar völlig überarbeitet."
Feiler legte den Hörer zurück und war völlig außer sich. Faro hatte seine Ehe mit Anna genauso aus der Welt entfernt, wie seine Tochter. Er musste diesen Verbrecher unschädlich machen und sein Computerprogramm vernichten, bevor er zuletzt noch ihn selber auslöschte. Doch wie sollte er das nur tun? ...

VII

Nach einer fiebrigen, unruhigen Nacht und einem ebenso unruhigen Tag im Büro kehrte Feiler wieder nach Hause zurück. Als er sich einen Whiskey eingegossen und auf seiner Couch Platz genommen hatte, fiel ihm plötzlich ein, wen er fragen konnte.
Arnold!
Arnold war ein alter Freund aus Studientagen, und er hatte immer loyal zu Feiler gestanden. Und – was noch viel wichtiger war – er war Abteilungsleiter beim BND und zuständig für Computerangelegenheiten. Vielleicht wusste er einen Weg, wie Feiler Faro unschädlich machen konnte.
Sofort rief er Arnold an, und dieser vereinbarte mit ihm, dass er am nächsten Tag – dies war der von Faro genannte Mittwoch -  gegen 10.45 Uhr zu seinem Büro kommen sollte. Feiler war zufrieden. Arnold würde ihm helfen, und so könnte er Faro zur Strecke bringen, ohne selbst einen Nachteil davon zu haben. …

VIII

Als Feiler aber am Mittwoch gegen 10.30 Uhr auf die Stadtautobahn auffuhr, gab es dort nach wenigen Kilometern unerwarteter Weise einen Stau, der ihn daran hinderte, pünktlich zu Arnolds Büro zu kommen. Als er dort endlich ankam, war es bereits 11.51 Uhr. Eilig stieg er aus dem Wagen, nahm seinen Laptop vom Rücksitz, ging damit zum Eingang des Gebäudes und fragte den Portier nach seinem alten Freund. Fünf Minuten später kam Arnold bei ihm an.
 "Guten Tag, Andi", sagte Feiler. "Wir haben nur noch wenige Minuten Zeit!"
"Komm rein!", sagte Arnold und führte ihn in sein Büro. "Was kann ich für dich tun?"
Dr. Feiler erläuterte seinem Studienfreund die Machenschaften Faros und sagte ihm, dass er diesen töten müsse, um weitere schlimme Taten zu verhindern und die Gesellschaft vor ihm zu schützen. Außerdem stehe dabei sein eigenes Leben auf dem Spiel.
"Du meine Güte!", entfuhr es Arnold. "Da hast du ja ein echtes Problem. Aber ich wüsste eine Möglichkeit, wie es zu lösen ist!"
"Los, sag schon!", forderte Feiler ungeduldig.
"Du musst diesem Verbrecher eine Mail schicken, an die du eine bestimmte Datei vom BND anhängst, die wir eigens zu diesem Zweck entworfen haben."
Feiler fuhr seinen Laptop hoch und bekam von Arnold einen USB- Stick, auf welchem sich die besagte Datei befand. Er verfasste eilig eine Mail an Faro, hängte die Datei vom BND an, benannte sie mit dem Namen "Vertrag", um ihn zu täuschen und schickte sie ab. Es war 12.16 Uhr. -Dreißig Sekunden bevor Feiler die Mail an ihn abgesandt hatte, hatte Jörg Peters, der sich gerade mit seinem Laptop in einer Kneipe in der Innenstadt befand, zum wiederholten Mal sein E-Mail- Postfach geöffnet und wieder keine Mail von diesem gefunden. Äußerst ärgerlich löschte er deshalb zur selben Zeit, als dieser die Mail an ihn versandte, alle Privatfotos von Feiler und seinen Lieben, über die er noch verfügte.
So! Nun musste er von Feilers Nachfolger ein Foto schießen und sich anschließend mit ihm über den Vertrag über sein Computerprogramm auseinandersetzen. Dieser würde hoffentlich nicht so stur sein, wie sein Vorgänger, den er nun spurlos aus der Welt entfernt hatte. –
Als Peters einige Zeit später erneut seine Mails abfragte, staunte er nicht schlecht. Er hatte offensichtlich im gleichen Moment, als er Feilers Fotos gelöscht hatte, von diesem Post erhalten. Ob er den Vertrag doch noch geschickt hatte?
Eigentlich nutzte ihm ein Vertrag mit Feiler nun nichts mehr, denn dieser war ausgelöscht. Trotzdem interessierte ihn die Sache. Also öffnete er den E-Mail- Anhang mit dem Titel "Vertrag".
Da aber detonierte mit enormer Wucht und großem Krawall sein Laptop und verwüstete den ganzen Raum. Peters selbst, der Wirt und zwei weitere Gäste fanden dabei den Tod, und das neue Computerprogramm war für alle Zeiten zerstört. Die Polizei sprach später von einem islamistischen Anschlag und niemand hörte je wieder etwas von Dr. Feiler und seiner Familie oder von Jörg Peters.

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