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Peter Schrenk - Arbeitsproben

FETTER SAND

Der Raum war weiß gekachelt und die Kälte sprang ihn an wie ein hungriger Polarwolf. Frostig fauchte ihm die dröhnende Klimaanlage einen scharfen Luftzug entgegen. Seine schweißnasse Haut schien im Nu mit winzigen Eiskristallen bedeckt zu sein. Kaum, dass er seine Zähne daran hindern konnte, laut aufeinander herum zu klappern. Dann hatte er sich aber endlich wieder halbwegs im Griff und richtete seinen Blick auf die beiden, in Plastikhüllen aufgebahrten Körper.
Wasserleichen waren ihm schon immer ein Graus gewesen.
´Sie haben Phantasie, Meister Benedict´, hatte ihm die Psychologie-Dozentin auf einem der Kommissar-Lehrgänge damals gesagt, ´das ist einerseits gut, denn in vielen Fällen werden Sie damit erfolgreicher sein als Ihre Kollegen, andererseits werden Sie deswegen aber auch an bestimmten Fällen leiden wie ein Hund!´
Er hatte das erst viel später verstanden.
Sehr viel später.
Als seine dienstlichen Toten irgendwann angefangen hatten, ihn auch noch nach Hause zu begleiten. Er die Erschlagenen, durch Würgemale Verunstalteten, Ertränk-ten, Gefolterten und brutal Vergewaltigten nicht, wie seine Kollegen, einfach im Ak-tenschrank des Präsidiums zurücklassen konnte. Benedict war also innerlich gewappnet, als die doctora den Reißverschluß der festen Plastikhülle öffnete.
Von dem Gesicht war kaum mehr etwas zu erkennen.
Was allerdings die blutverkrustete Schädelstruktur an Hautfragmenten noch intakt gelassen hatte, erlaubte Benedict nur zwei Schlüsse: bei diesem eingesackten Toten vor ihm handelte es sich erstens um keine Wasserleiche und zweitens um einen Far-bigen. Niemand hatte ihm aber gesagt, dass dieser Düsseldorfer ein Farbiger war. Hilfesuchend sah er zu Dra. Dolores Campéz hinüber.
"Mierda!", fluchte die laut, als sie den Fehler bemerkte.
Hastig zog sie den Reißverschluß wieder über das zerstörte Gesicht. "Das ist doch der Freund und Kollege von unserem Genossen, dem Sargento Lopez."
Benedict drehte den Kopf zu seinem dunkelhäutigen Begleiter. Der lehnte mit fest geschlossenen Augen an der gefliesten Wand. Die Farbe seines Gesichtes hatte sich dem faden Grau eines gebrauchten Aufwischtuches angenähert und es schien noch dazu auf die Hälfte seines vorherigen Umfanges geschrumpft zu sein. Nein, der Polizist Lopez vom Innenministerium machte im Moment wirklich keinen sehr gesunden Eindruck.
"Das, comisario, ist der junge Mann, dessen Gewebe du gerade bei mir unter dem Mikroskop gesehen hast! Er hat sich mit seiner eigenen Pistole in den Himmel oder in was auch immer befördert. Nachdem er sich im Dienst unserer glorreichen Sache diesen schönen Virus bei einer yanqui- Touristin eingefangen hatte."
Benedict verstand nicht, warum die hagere Medizinerin derart gehässig über den Toten redete. Er war doch ein Mitarbeiter ihrer eigenen Dienststelle gewesen. War sie neidisch auf die jungen Männer in ihrem vollen Saft? Oder leistete sie sich das nur, weil der Mann an der Wand kein Deutsch verstand?
"Aber warum mußte er sich denn deshalb gleich umbringen? War er denn schon so weit, dass es keine Behandlungsmöglichkeit mehr gab?"
"Ach, comisario! Behandlung? Hier, in Kuba? Selbst für die eigenen Leute können wir die teuren Medikamente nicht mehr bezahlen. Also hätte man ihn doch nur ir-gendwohin weggesperrt, wo er dann still und leise krepiert wäre. Nicht mal ein Hel-denbegräbnis hätte er bekommen. Ein Kämpfer an der revolutionären Front stirbt schließlich nicht an AIDS! Und was sollte man auch auf seinen Grabstein schreiben? ´Unser Genosse hat sich im Dienste der Revolution aufgerieben´?!"
Benedict erschauerte. Er stellte sich neben den Mann an der Wand und legte ihm die Hand auf den Arm. Suchte nach trostspendenden Worten. Aber es fiel ihm nichts ein. In dieser fremden Sprache. In diesem Eiskeller unter dem Ministerium. Am Platz der Revolution.
So sagte er nach einer Weile dann auch nur ziemlich hilflos: "¡Hey... compañero!"

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