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Jürgen Egyptien - Arbeitsproben

ENGELSMORD für E.E.

Im Zweistromland
die Schneckenmenora
und die verwinterten Baum-
Skelette des Lebens
in der Ödnis
die flammenden Höhlen
im Haupt
des enthaupteten
Engels Patmos
deinen Flüchtling straft
diese Tat Lügen,
verlöschend blakt die Posaune
in wüster Stille
und steht die Sonne
auf Untergang

Ich breche den Stab
des Gesangs über Dein Werk
und eilend geht es zu
Ende

RAUHER JAKOB

Ich bin ein Brocken vom Brocken
trag einen Tannenbart
im Winter weiße Flocken
im Sommer bin ich smart

Ich flog in hohem Bogen
in ´ner Walpurgisnacht
grad mitten in die Bode
daß der das Bett zerkracht

Seither fließt sie gespalten
mir an den Füßen lang
mit warmem und mit kaltem
Wellenplätscherklang

Der Teufel tät mich treten
mit wutentbranntem Huf
als auf der Blocksberg-Feten
erscholl der Hexen Ruf:

Wir wollen neue Besen
nicht mehr die alten Chaisen
ohne Steward und Pilot
ist das Hexenwesen tot

Wir wollen warme Stangen
statt Hämorrhoiden fangen
Wir wollen noch mehr Lohn
und früher in Pension.

So fiel ich ins Gelände
ein Fluch klang mir noch nach
daß wer mich einstens fände
nur Holz und Haare stach

Ich bin der rauhe Jakob
und schließe hier die Storge
mache weiter meinen Job
zwischen Elend und Sorge.

FRIEDBERGER ZISTERNE

Die Treppenspirale
führt mich hinab
entlang der Schachtwand
ins Judenbad

Stufe um Stufe
nah ich dem Spiegel
voll Deckenlicht
im Dämmergrund

Ich steige sacht
hinab den Schacht
Mein Schritt
ein fernes Schauern

Da tauche ich ein
benetze mein Bein
Von Klarheit getäuscht
muss ich lachen

Am Judenplacken
verliert sich die Spur
meiner gescheiterten
Mikwe

FALLSTUDIE I

Nicht notwendig fällt zu Boden, was einem versehentlich aus der Hand gleitet. Ein Kuvert etwa, das zwischen den Fingern hindurchschlüpft, kann aus einem taumelnden Sturz heraus unerwartet zu einem flachen Flug übergehen und findet genau den schmalen Spalt zwischen der Schwingtür und dem Sockel des Schranks. Enthält es nur einen Kurzbrief, eine amtliche Mitteilung oder ein mit dem Handballen nachdrücklich gefaltetes Blatt, so mag der Flug sein Tempo ohne großen Verlust an die gleitende Bewegung über die polierte Fläche des Schrankbodens weitergeben. Erst im Dunkel zwischen aufgeschichteten Tellern und Tassen, zwischen staubigen Flaschen und Konfektschalen, unter vergilbenden Fotoalben oder Familienurkunden, vielleicht erst an der rückwärtigen Wand kommt die Bewegung zum Stillstand. Wichtige Botschaften sind derart schon demjenigen, der rechtzeitig sich zu bücken versäumte, auf unabsehbare Zeit verloren gegangen.

FALLSTUDIE II

Niemals würde gelingen, was völlig absichtslos sich einstellt: die gefährdete, stupende Balance eines achtlos auf den Tisch geworfenen Papiers, eines Kündigungsschreibens oder einer Postwurfsendung vielleicht, welches nur gerade soweit über die Kante hinausrutscht, dass es abkippt und in ein schwebendes Gleichgewicht gerät. Die gleitende Bewegung geht in einen sachten Flügelschlag über, der das Blatt in einem unwahrscheinlichen Gleichgewicht erhält. So zeugte die Bewegung sich unendlich selber fort, würden nicht winzige Rückstände von Brosamen, mikroskopische Unebenheiten ihre Energie verzehren. Atemlos erwartet man den Stillstand, glaubt immer noch ein leises Zittern wie an den transparenten, schillernden Flügeln eines reglosen Insekts zu erkennen, bis unvermutet, schockierend plötzlich das Papier abrutscht und wie ein herbstnasses verwelktes Blatt zu Boden trudelt.

KURZER PROZESS

Am Ende fand ich den Menschen doch noch. So lange hatte ich vergeblich nach ihm gesucht. Bis zu den eisigen kristallenen Höhen war ich gestiegen, in den dunkelsten Schluchten hatte ich nach seinen Spuren getastet. Nun hatte ich ihn also vor mir, aber er war tot. Erschlagen lag er da, zerschmettert von einem bösartigen Felsen von unförmiger kugliger Gestalt. Die Gewalt des Steins hatte auch seinen Wanderstab zerbrochen, und eine splittrige Spitze ragte voll blutigen Gekröses aus seiner Seite. Um den Hals trug er eine Erkennungsmarke. Ich erbrach die Kapsel und las seinen Namen. Er hieß Sisyphus, ein Name, den ich noch nie gehört hatte. Er gehörte wohl zu diesen altertümlichen Namen, auf die man gelegentlich stieß und die keiner mehr erklären konnte.
Unter Aufbietung aller meiner Kräfte wälzte ich den Fels von seinem zermalmten Schädel, um zu sehen, ob man von dem Gesicht noch etwas erkennen könnte. Der Anblick war deprimierend. An diesen Resten wäre selbst ein göttlicher Puzzlespieler gescheitert. Ich wandte mich dem Felsen zu und fuhr entsetzt zusammen. Aus der blut- und hirnverklebten Wölbung starrten mich zwei Augen an. Es mussten die herausgedrückten Augen dieses Sisyphus sein. Wie gebannt trat ich auf sie zu und beugte mich ihnen entgegen. Dort wo sie hafteten, entdeckte ich einen Schriftzug, der in den Felsen eingegraben war. Ein makabrer Zufall hatte die grün eingefassten Pupillen zu zwei i-Punkten verwendet: "im zw i" konnte ich jedoch nur entziffern. Ich überwand meinen Widerwillen und reinigte die Schriftrillen von Gehirn.
Ich las: "Die Schuld ist immer zweifellos." Ich stutzte. Weniger beschäftigte mich die Frage, ob ich dieser Sentenz schon einmal begegnet war noch ob sie unbezweifelbar stimmte, als vielmehr diejenige, ob ich somit nicht auf das Opfer eines Unglücks, sondern den Delinquenten eines vollstreckten Urteils gestoßen war. Dieser Sisyphus war also gesteinigt worden?! Wie hieß sein Richter?
Ich setzte die Untersuchung des Felsens fort, konnte zunächst aber keinen Hinweis auf den, der den Stein ins Rollen gebracht hatte - oder sollte er geworfen worden sein? - finden. Noch einmal sah ich mich genötigt, meinen Ekel niederzukämpfen und die Reinigung des Felsens fortzusetzen. Meine Selbstüberwindung wurde belohnt. Der Schriftzug, den ich freigelegt hatte, trug noch eine Unterschrift, oder nein: es war wohl eher ein Prägestempel. Ich fuhr die Zeichenfolge mit dem Zeigefinger nach. Es handelte sich weder um eine der üblichen Typenbezeichnungen vom Schlage 007 JE 0815 noch um eine Herkunftsangabe à la made in Taiwan. Die Gravur lautete komischer Weise: "Stein der Weisen". Keine Ahnung, was das bedeuten sollte.
Ich setzte mich, da ich nun schon einmal so vertraut mit diesem Stein geworden war, oben auf ihn, schlug die Beine übereinander, stützte den Kopf mit der Hand und dachte nach. Um mich her war nur Ödnis, eine trostlose Sandwüste erstreckte sich zu allen Seiten. Nur in einiger Entfernung musste ein Hügel sein, denn dort war die Horizontlinie unterbrochen. Ich stapfte durch den Sand in diese Richtung und gelangte schließlich an den Fuß einer stattlichen Erhebung. Schwer zu sagen, ob es eine Düne, eine Bodenwelle oder ein Sandkegel war. Ein Glitzern auf dem Kamm oder der Kuppe hatte mich auf dem Hinweg irritiert. Ich kniff gegen das grelle Sonnenlicht die Augen zusammen und blinzelte hinauf. Es war ein metallischer Widerschein.
Mühsam stieg ich den Hang hoch, immer wieder mit dem lockeren Sand nach unten rutschend. Das Gegenlicht gestattete mir erst kurz unter dem Gipfel, die Ursache des Glitzerns zu identifizieren. Ich musste laut lachen. Da stand doch tatsächlich auf diesem Sandhaufen mitten in der Wüste ein Ortsschild. SINAI - nie gehört. Ich ließ mich von einem Lachkrampf geschüttelt in den Sand fallen und rutschte zusammen mit allerlei Scherben einer bekritzelten Steintafel laut prustend abwärts.

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